Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 282 (30.5.1933)
- Date
- 1933-05-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Stffcl DIE STIMME Nr. 382 — 30. Mat 1038 r J Löbl Taubes gesiorben Der Veteran der zionistischen Bewegung in Oesterreich Qascts und Recht Von Dr. David Feuchtwang Es ist mir nicht bekannt, daß irgendein Kulturvolk aHjährlich ein unserem Feste der Gesetzgebung «mattan Thoratemi* ähnliches Fest feiert. Wohl wurde jüngst ein Gedenktag der Einführung des «corpus juris» feierlich begangen. Das ist nicht dasselbe. Wir Juden feiern jährlich den Empfang des Dekalogs, jenes großen Grundgesetzes, das die wichtigsten religiösen, rechtlichen und sittlichen Gebote verkündet, die Eigentum der Kulturwelt geworden sind. Sie sind in einem Altertum dem jüdischen Volke zur Behütung und Befolgung übergeben worden, das in die Zeit Moschefis zurückblickt, also in eine Zeit, in der ein auch nur im entferntesten auf gleicher Höhe stehendes Gesetz nirgendwo bestand. Das ist kein religiöses Dogma, sondern historische Wahrheit und Wirklichkeit Das äußerliche, greifbare Symbol dieser Tatsache ist der Berg Sinai, auf den die Ueberlieferung der Bibel das Gesetzgebungswerk verlegt. Es ist die gewaltigste Großtat, die Moschehs Genie vollbracht hat. Er hat das Volk Israels, sein Volk, Gottes Volk, zu dem für aUe Ewigkeit verantwortlichen Träger dieses Gesetzes gemacht; er hoffte und erwartete von diesem seinem Volke, daß es sich, der schweren Verantwortung bewußt als bündnistreuer Sachwalter und Partner des mit ihm geschlossenen Vertrages bewähren werde. In Kadescli, der wundervollen Oase in der Wüste, woselbst das wandernde Volk lange Jahre wohnen blieb, reifte die Frucht der geistigen Kultur, die im Dekalog ihren lapidaren Ausdruck findet. «Dort gaberihm, demVolke, Gesetz und Recht»; dort wurden die «Leute von Israel» das «Volk Israel». Die Gestalt des Führers und Gesetzgebers wächst Ins Riesengroße. Dem Volke aber wurde damals eine schier erdrückende Last auferlegt, eine beinahe unerfüllbare. Aufgabe unnachsichtlich übergeben. Das Erziehungswerk Mosches und seiner Nachfolger war schwer genug. Der Kampf um die Erfüllung eines einzigen Gebotes, des Monotheismus, dauerte Jahrtausende und an sie waren alle anderen Gesetze unbedingt geknüpft. Diesen Kampf hat das Judentum siegreich aufgenommen, doch keinesfalls beendet. Es war dem Volke Israel von Anfang an das Ziel gesetzt, die Grundlage seines Wesens und Bestehens auf «Gesetz und Recht» aufzubauen. Innere, gefestete Ordnung nach besonderen Normen des individuellen und gesellschaftlichen Lebens und Daseins ohne leiseste Verletzung des Rechts, der Existenz, des Eigenlebens anderer Menschen und Völker. Gesetz allein genügt nicht; es muß durch Recht ergänzt und von Gerechtigkeit diktiert und geleitet sein. Das ist die unlösbare Verbundenheit von «zedakah und mischpat»; ein geistig-sittliches Zwillingspaar, dessen Leben aneinander gebunden ist Dieser Dekalog nun ist eine Frucht jüdischen Geistes. Er ist aber nur ein Teil der Kulturarbeit auf rein sittlich-religiösem Gebiet; denn an ihn schließt »ich ein bewundernswerter und von der nicht entarteten Kulturwelt auch bewunderter Sittenkodex, der das ganze Leben durchdringt und erfaßt Zugegeben, das Volk Israel habe die von diesen herrlichen Gesetzen geforderten Aufgaben in und an sich selbst nicht gelöst Ist es zu begreifen, daß ein nicht von Irrsinn und wütender Raserei erfaßtes Volk, dem Judentum das Recht auf Existenz abspricht, weil es nicht ln den Kreis der menschlichen Menschen gehört? Hier zeigt es sich, daß auf Grund von «Gesetz und Recht» schwerste Verbrechen begangen werden können. So versteht man des Propheten Weheruf von der Umkehrung und Verwandlung des «mischpat in mispach» der «zedakah in seakah». Menschenrecht kann aus nationalen Gründen nicht ln Entrechtung verwandelt werden. Wir Juden versteh \ und schützen die Wahrung nationaler Art und Kultur irchaus. Wir haben seit urdenklichen Zeiten, seit u;ähr dreitausend Jahren, Kulturen anderer Völker onnen gelernt und in uns aufgenommen, so daß in manchen Zeitperioden sogar die Eigenkultur bedroht gewesen ist. Wir begreifen aber die Lüge und den Wahnwitz nicht, als seien Juden und Judentum eine Gefahr für die Kultur eines wirklichen Kulturvolkes; es sei denn, daß ein Volk die Urbegriffe von Recht, Gesetz, Menschenliebe und Religion, wie sie das Judentum besitzt und lehrt, ablehnt und in Abrede stellt Wenn es richtig ist, daß alles Jüdische kulturwidrig Ist, dann streiche man aus der Vergangen- Ferien in der Schweiz Prinz. Spracheriem ung durch Kurse, Kameradschaft, Sport u. Spiel, lahresstudien (alle Schultypen) in bestempf. Knabenu. Mädcheninst. Für Jüngere u. Erholungsbedürftige eig. Abt. Ferienaufenthalt mit RelsebegL, Fahrtermäülgung, Zahlung ev. ln Landesw. Auskünfte kostenlos durch die Beratungsstelle für Schweizer Erziehungsinstitute Prof. Dr. W. Stein, Wien. XIX., Hardtgasse 6. Tel. A 13-6-66. Sprechstunden von 2 bis 4 Uhr. Nach dreitägiger Krankheit ist hier Freitag nachts der bekannte zionistische Führer Löbl Taubes an einer Lungenentzündung gestorben. Mit Löbl Taubes, der erst vor kurzem in voller Frische seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert und aus diesem Anlaß Gegenstand besonderer Ehrungen seitens aller zionistischen Kreise des ln- und Auslandes war, ist eine der markantesten Figuren In der zionistischen Bewegung Alt-Oesterreichs dahingegangen, Zu einer Zelt, da noch jeder Zionist als Narr oder Utopist bezeichnet wurde, war es Löbl Taubes, der mit fanatischem Feuereifer und unwiderstehlicher Begeisterung in die kleinsten jüdischen Städtchen und Dörfer des Ostens der österreichischen Monarchie die Fackel des zionistischen Gedankens getragen hat. Als volkstümlicher Redner, als traditioneller Jude, der er zeitlebens war, genoß er auch in den orthodox-jüdischen Kreisen des Ostens großes Ansehen, wodurch es Ihm immer mehr gelang, auch diese Kreise der zionistischen Idee näherzubringen. In der jüdisch-nationalen Bewegung in Oallzlen und in der Bukowina spielte Löbl Taubes eine ganz große Rolle. Aber auch als er nach Wien übersiedelte, wurde er sofort eine der populärsten Gestalten der Wiener zionistischen Bewegung. Seit den Umsturztagen arbeitete Löbl Taubes aktiv in der Wiener zionistischen Organisation in der vordersten Reihe und erfreute sich auch in den westeuropäischen Zionistenkreisen durch seinen ungebrochenen Idealismus, seine persönliche Liebenswürdigkeit und sein tiefes jüdisches Wissen besonderer Wertschätzung. Es gab keinen zionistischen Vortrag, keine zionistische Veranstaltung, bei der man Löbl Taubes hätte vermissen können, keine zionistische Aktion, der nicht Löbl Taubes bis in die letzten Tage seines Lebens seine Kraft zur Verfügung gestellt. Löbl Taubes ist auch als Schriftsteller in hebräischer, jiddischer und deutscher Sprache hervorgetreten und hat eine Reihe von Publikationen veröffentlicht, die in der einschlägigen zionistischen Literatur einen beachtenswerten Platz einnehmen. Zuletzt noch gab er gemeinsam mit Chalm Bloch ein «Jüdisches Jahrbuch für Oesterreich» heraus. ' Die Nachricht von dem Tode dieses aufrechten, mutigen zionistischen Kämpfers hat ln allen Kreisen und Schichten der Wiener jüdischen Bevölkerung lebhaftestes Bedauern ausgelöst. Insbesondere stehen die Zionisten schmerzgebeugt an der Bahre ihres führenden, vorbildlichen Weggenossen, auf dessen Wort und Rat sie jederzeit bauen konnten, und der immer unaufgefordert zur Stelle war, wo es galt, zionistische Arbeit zu leisten. Dr. JakobRosenthal. * * ' Das Begräbnis des Verewigten fand Sonntag, den 28. Mai, statt. Die Zeremonienhalle war dicht gefüllt von Zionisten aus allen Gruppierungen. Für die Kultusgemeinde sprach infolge Abwesenheit des Präsidenten der Vizepräsident Dr. L ö w e n h e r z, der mit dem Vizepräsidenten Dr. Or n s t e i n erschienen war, fllr heit und Gegenwart alle christliche Kultur und Moral, vertilge mit Stumpf iui<jl Stil einen ungeheuren Teil christlicher Literatur und Kunst aller christlichen Völker der Welt, zertrümmere alle Kirchen, verwische die Namen aller Repräsentanten christlichen Glaubens und Wesens von Jesu bis zum letzten Pfarrer; verbrenne auf einem Scheiterhaufen alle Literatur, die sich an das Alte und Neue Testament knüpft und verbrenne vor allem die beiden Testamente. Wir sind uns unserer Schwächen durchaus bewußt und sind nicht so wahnsinnig, uns für vollkommen und tadellos zu halten. Sind uns aber unseres Wertes voll bewußt, der von normal denkenden und handelnden Menschen und Völkern auch erkannt und anerkannt wird. Das Feiern des Festes der Gesetzgebung ist also durchaus begreiflich und berechtigt. Ein Volk, das der Welt den Dekalog gegeben hat, soll stolz und glücklich sein, ln furchtbarer und schicksalsschwerer Zeit leben wtr. Rettungslos ist ein Teil der Juden der Entrechtung und Verfolgung preisgegeben. Jedoch: «es ist und bleibt Hoffnung für unsere Zukunft». Jene Wüstenoase Kadescb, woselbst uns «Gesetz und Recht» gegeben wurde, ist symbolisch, Eine solche Oase in der Welt ist nun das Land der Väter und Mütter, wohin sich Herz und Auge von Tausenden wenden. Aber auch außerhalb Palästinas wird das widerlich-häßliche Gespenst des Judenhasses wieder verschwinden, wenn Schlechtigkeit und Dummheit der Gerechtigkeit und Einsicht weichen werden. das Zionistische Landeskomitee, die Wlzo und die Sek* tlonen der Präsident Dr. G r U n b a u m, für den Landes, verband Misrachi Rabbiner H o r o w 11 z und Dr. R os e n b e r g, für die Union der Zionlsten-Revisionlsten Leopold S i t z m a n n und für die Zionistische Bezirkssektion XX S c h ö n f e I d. Alle Redner rühmten die persönlichen und zionistischen Eigenschaften de# Verstorbenen. Die kantoralen Funktionen versah Oberkantor Müller, am Grabe sang Oberkantor Mergo 1 i e 8 das El mole rachamim. Oesterreichiscbe Woche Die abgelaufene Woche brachte eine Reihe Interessanter politischer Ereignisse. Die Regierung Dollfuß ist fest entschlossen, Oesterreich selbständig zu erhalten und ihr energisches Auftreten findet in einem großen Teil der Bevölkerung freundlichen Widerhall. Die österreichische Regierung begreift, daß Deutschland durch seinen Antisemitismus in der ganzen Welt moralisch Isoliert Ist. Kein Land ist auf die Sympathien der Welt so angewiesen wie Oesterreich. Nun hatBunde8kanzlerDollfuß dem Berichterstatter einer amerikanischen Zeitung ein Interview gegeben, worin er unter deutlicher Anspielung auf Deutschland erklärt, daß es in Oesterreich keine rechtlichen Unterschiede zwischen den Bürgern gäbe. Das stimmt wohl, aber zwischen gesetzlicher Gleichberechtigung und faktischer Durchsetzung der Gleichberechtigung besteht noch ein wesentlicher Unterschied. Wir erwarten, daß die Regierung Dollfuß, die so erfolgreich neue Wege geht, die wiederholt von jüdischer Seite geäußerten berechtigten Wünsche erfüllen wird. Der 27. Mal 1933 ist ein denkwürdiger Tag in Oesterreichs Gescjiichte. Der Popanz der sogenannten Hochschulautonpmie ist gefallen. Ais die Nazi den Chef der Regierung und den Unterrichtsminister an) Betreten der Aula hindern wollten und katholische Färbenstudenten verprügelten, rückte Polizei ein und säuberte die Aula. Wir haben bei allen vorangegangenen Regierungen taube Ohren gefunden und jüdi-. 6che Studenten, wurden immer wieder verprügelt. Es kann .daher dem Bufidesm i n j s t e r für S i c h e rheitswesen F e y nicht hocÄ genug angerechnet werden, daß er endlich mit der Universitätsschande aufgeräumt hat. Wir hoffen, daß die Polizei von nun an jeden Störungsversuch an den Hochschulen energisch unterdrücken wird. Im Ausland hat das energische Vorgehen der Regierung die denkbar günstigste Aufnahme gefunden. Derartige Maßnahmen vergrößern den Kreis der Bevölkerung, die gewillt Ist, die Regierung gegen den Naziterror zu unterstützen. Bekanntlich wird jetzt eine «Oesterreichische Front» gebildet. Wir werden Veranlassung nehmen, uns mit der Frage des Beitritts zur Oesterreichischen Front zu befassen. Wir Jüdischnationale wissen, daß Juden in fremden Parteien dem Judentum nichts nützen und den betreffenden Parteien nur schaden. Wir werden uns daher zunächst Uber Ziel und Organisation der Oesterreichischen Front orientieren und dann unsere Entschlüsse fassen. Davon unabhängig stehen wir nach wie vor auf dem Standpunkt, daß die jüdische Bevölkerung Oesterreichs ihre statsbürgerlichen Rechte und Oesterreich dadurch am besten verteidigt, daß sie alle jene Maßnahmen der Regierung unterstützt, die darauf abzielen, den unerhörten Druck Deutschlands und den Hakenkreuzterror, der dem österreichischen Menschen wesensfremd ist, zu brechen und die österreichische Kultur zu erhalten. Darin lassen wir uns auch durch die von sozialistischer Seite lancierten, allzu durchsichtigen Enunziationen und Pressemeldungen nicht beirren. Wir fühlen es als unsere staatsbürgerliche Pflicht, Oesterreichs Volkswirtschaft auch dadurch zu dienen, daß wir hiemit unsere Volksgenossen im Auslande einladen, ihren Sommeraufenthalt ln Oesterreich zu verbringen. Wir werden ihnen gerne an die Hand gehen und ihnen Kurorte und Sommerfrischen nennen, denen sie ungestört von antisemitische Regungen ihren Urlaub verbringen können. frdJbtl Qruoß $4. Ufa HaiUna <&JU Wien VIII. Wien IV. Rettet die deuischen Joden durch Ansiedhino aul Keren Kdemeih-Boden!