Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 281 (25.5.1933)
- Date
- 1933-05-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 281 — 25. Mai 1933 PIE STIMME Mte 9 gxandtasex fÜm, den jedex Reseden Äfjptn muß/ Dm ««walftac Meisterwerk der Ktnematoarapkle. mH Alexander Carr, dem amerikanischen annings u. den berühmten Filmkindern 3etty Jane Graham u. Dickie Moore Ab beute: Mn L n I. Luialeltuter i Ftotten-lBDo 91. Kunst undLHeratuv Zum Tode Selzna Kurz’ Trotz pompöser, mit verschwenderischer Pracht ausgestatteter Aufbahrung und Gala-Leichenfeier nach katholischem Ritus, weiß die ganze musikalische Welt, daß Sel m a Kur2 von ihrer Geburt an bis zum April 1933 Jüdin war. Die Gründe dieser plötzlichen und seltsamen religiösen Wandlung erscheinen um so merkwürdiger, als die verblichene Künstlerin ihr Leben lang, im Milieu Getaufter oder Baldgetaufter verbrachte und trotzdem ihr. Jude ntiim.standhaft bewahrte..' Wir sind es wahrlich nicht gewöhnt, berühmte Männer oder Frauen, seien es Politiker, Dichter, Gelehrte oder Künstler, die das Judentum verlassen haben, für uns zu reklamieren. Am wenigsten haben wir es nötig, die Zugehörigkeit der Kurz zum Judentum zu dokumentieren. Wir bekunden es jedoch mit Absicht, um den durch Aeußerlichkeiten geblendeten Enthusiasten der Kurz nachweisbare Tatsachen in Erinnerung zu bringen. Selma Kurz stammt von einer stren g orthodoxen jüdischen Familie aus Bielitz. Ihr Vater war ein.'pflichtgetreuer, gottergebener Tempclfunktionär und die Mutter eine brave, jüdische Handelsfrau. Der jüdische Frauen verein in Bielitz förderte die gesanglich? Begabung der «göttlichen Selma», bemühte sich um ihre Ausbildung in Wien und jüdische Mäzene warert es, die für ihre Fortbildung sorgten. Der Bielitzer Oberkantör Ignatz Gold mann fuhr mit Selma Kurz nach Teschen zum; Musikdirektor Haase und reiste mit ihr schließlich "nach Wien. Die Kurz verdankt ,auch -dem Juden Gustav Mahler ihr Engagement und ihre brillante Karriere an der Wiener Hofoper. Wir betonen, daß die verstorbene Künstlerin ihren berauschenden Triumphzug durch die bedeutendsten Opernbühnen der Welt als Jüdin absolvierte und daß ihr . die höchsten Auszeichnungen, welche die internationale Kunst und gekrönte Häupter je zu vergeben gehabt haben, verliehen wurden. Es soll schließlich auch nicht unerwähnt bleiben, daß Selma Kurz aus dem bescheidensten Milieu in ihrer Heimat, dank ihrer großen Kunst zu einer am kaiserlichen Hofe und bei den Spitzen der österreichischen Gesellschaft umworbenen Dame im vollsten S:nne des Wortes, trotz ihres Judentums gebracht hatte. Um so merkwürdiger erscheint ihr Uebertritt vom Judentum . wenige Wochen vor ihrem Tode. Dr. K, R. r TOPISCHE MUSIK Nach langer Pause veranstaltete der Verein zur Förderung jüdischer Musik ein größeres Konzert zeitgenössischer synagogaler und weltlicher jüdischer Musik. Diesmal stand ihm mit voller Hingabe der Jüdische Gesangverein mit seinem hochtalentierten Führer Israel Brandmann zur Seite. Nicht weniger als sieben Erstaufführungen hat dieser prächtige Chor in verhältnismäßig kurzer Zeit einstudiert und vollendet zu Gehör gebracht: ein Beweis mehr für die außerordentliche. Dirigentenbegabung Brandmanns, der diesmal auch mit einer Uraufführung eigener Faktur zu Worte kam. Die Synagogalgesänge Frederick J a c o b 1 s verraten einen Melodiker und einen Könner des Chorsatzes. Szaminskys «W'schonrru» interessierte durch dynamische Kontraste. Schwerer gestalteten sich die Chorwerke von A c h r o n, von denen das «T o w l‘h o d o s» viele interessante Melodiezeichnungen aufwies. Die bereits aufgefilhrten drei palästinensischen Hirtenweisen für Chor, Solo und Klavier von Brandmann verfehlten auch diesmal nicht ihre Wirkung. Nun kamen Variationen über das Volkslied «Her nur du schein Mridele» für Klarinette und Klavier von Brandmann. Das ganze Werk ist erfüllt von geistreichen kontrapunktischen Einfällen, Imitationen, mannigfaltigen rhythmischen Veränderungen etc., Eigenschaften, die das ganze Schaffen dieses Künstlers in hellem Licht zeigen. Jrdes neue Werk dieses enfallsreichen, fruchtbaren und tiefschürfenden Tondichters erfreut immer aufs Neue. Dr; Hans Lewlttis blies seinen Klarinettenpart mit Oeschmack und Hingabe und . der hochbegabte Pianist Robe;t\yalter. S p ( t?, der außer den manchmal sehr schwierigen Instrumental- und Vqkalbegleitungsti sowohl den Klavierpart in den Variationen von Brandmann als auch die Stücke von Joachim St titsch ewsky meisterhaft beherrschte. Von diesen Stücken hat der Chassiddische Tanz wegen seines charakteristischen Rhythmus den Vorzug. Die Solistinnen des Abends waren Frau Emmy Hauser — eine kultivierte Sängerin, die besonders in der Novität von Achron «Die Mohne» und in den Volksliedern «Regend!», «Schlaf niain Tochter» und «Meslnke ausgegeben» sehr angenehm auffiel, und die bekannte und beliebte Geigerin Schoulamith Silber. Sie spielte zwei Violinstücke — «An der Wiege» und «Vertraute Klänge» — von Julius Wolfsohn, den «Nigun» von Ernest Bloch und die Stempeniu-Suite von Joseph Achron mit Inbrunst und Wärme, mH Noblesse und ausgefeilter Technik und erntete wie immer großen Beifall. In d n Chorwerken strahlten die Stimmen der Herren S ch ä r f, M. L i c h t m a n n und Ing. F. K o h n. Am Klavier sekundierte der bewährte Chotbegleiter R. B e c k und an der Orgel die geschätzte Künstlerin Jella P e ß I. Es war ein großer Erfolg, der hoffentlich stine Wirkung nicht verfehlen wird: das Interesse für die jüdische Musik zu wecken. Der glänzende Begleiter Rudolf Beck war auch der Partner eines Liederabends jüdischer Musik des Tenors I. Segal-Rosenbach, der einige Tage darauf im Konzertsaal des Hotels «Post» sich hören ließ. Der strebsame Sänger hat eine wohlklingende Naturstimme, die, von e!ner liebevollen^ sorgsamen und kultivierten pädagogischen Weisung geführt, in der Zukunft Ausgezeichnetes leisten könnte. Dies soll keine Herabsetzung, sondern im Gegenteil eine Aufmunterung für den jungen Sänger sein, der offenbar sich redlichste Mühe gibt, das Programm abwechslungsreich und interessant zu gestalten. Aus d?m langen Programm ist besonders «Der Schnader» von M. Gelbart und «Ahawa» raja» von Engel hervorzuheben. Man hörte auch das selten aufgeführte jüdische Lied aus der Oper «Fürst Cholmskh von Glinka. Segal-Rosenbach hatte einen großen Erfolg mußte einige Lieder wiederholen und einige Zugaben spenden. Jul. W o 1 f s o h n. . Eine Grammophonplatte Jüdischer Kunstmuslk. Nach Ernest B10 c h s Nigun in der Ausführung von Jehudi M & nuhin erschien bei «Odeon» die zweite Platte jüdischer Musik, und zwar zwei der beliebtesten Paraphrasen Juliusz Wolfs oh ns, von ihm selbst gespielt. Es sind dies «Oft dem. Pr i p e t s c h e k». und. «0 j Awrutn» (Liebeslied). Da bisher keine anderen Platten jüdischer weltlicher Kunstmusik vorhanden sind, hat diese Platte einen binderen Wert. .. 9iVm «Onkel Sidney» in Wien Der große amerikanische Film «Onkel Sidney», der durch seine der allgemeinen Menschenversöhnung dienende Tendenz und durch seine schauspielerischen Leistungen in Amerika, England und anderen europäischen Ländern überaus beifällig aufgenommen wurde, gelangt nun auch in Wien zur Uraufführung. Die Premiere findet am kommenden Donnerstag, um 9 Uhr abends, im Elite-Kino statt. Ab Freitag läuft der Film auch im Burg-, Flottenkino und im Lustspieltheater. Die Hauptdarsteller sind: Alexander Carr, der amerikanische Jannings und die berühmten amerikanischen Filmkinder Betty Jane Graham und Dickie Moore. MARRANEN-JUDEN Rabbiner Ben Jakob, der — nach 400 Jahren Marannentum der erste beamtete jüdisch-religiöse Führer der portugiesischen Juden ist, erzählt über seine Antrittsreise durch die portugiesischen Marannen-Gemeinden u. a. folgende Interessante Einzelheiten: Ich habe, seit Ich die Marannen persönlich kennen lernte, das über jeden Zweifel erhabene Gefühl, daß diese Geheimjuden bald einen wertvollen Teil des Weltjudentums darstellen werden. Ihre jüdischen Sentiments sind sehr stark ausgeprägt. Wo und wann auch immer man zu ihnen von ihrer jüdischen Austammung, von unserer Lehre und unserer Sitte spricht; hören sie mit einer auf innerstes Interesse deutenden Aufmerksamkeit zu und brechen oft in Tränen der Erschütterung und der Sehnsucht nach der jüdischen Gemeinschaft aus. «Schabbath Schalom!» am Wochentag Als ich in Portugal ankam, hielt ich vor der mehr als 300köpfigen Gemeinde in Oporto auf portugiesisch eine Rede. Meine Zuhörer entstammten den verschiedensten sozialen Schichten. Da waren Soldaten, Regierungsbeamte, vornehme Damen der Gesellschaft, einfache Arbeiter und Matrosen. Während meiner ganzen, etwa zweistündigen Rede standen sie wie angenagelt mit weit geöffneten Augen und in so großer Regungslosigkeit, daß man deutlich dann und wann die kleinen Seufzer der alten Frauen, die hier die eigentlichen Bewahrer der Tradition sind, hören konnte. Als Ich über die Lage im Weltjudehtum sprach und davon erzählte, daß in Kunst und Wissenschaft, Diplomatie und Handel der großen Welt Juden führende Rollen spielen, und mit ihrer Zugehörigkeit zum Judentum stolzieren, — fingen sogar auch die Männer an zu weinen. Als ich geendet hatte, riefen sie alle laut und begeistert die einzigen Worte eines jüdischen Grußes, die sie kennen, nämlich: «Schabbath Schalom», Sie haben mir dann mit tränen überströmten Gesichtern die Hände küssen wollen, und als Ich sie ihnen entzog, stürzten sie sich über meine Rockschöße, das hebräische Buch auf dem Rednerpult und die Gebetsutensilien, die ich zufällig mitgebracht hatte. Sie berührten sie erst mit dem Finger und führten dann die Hand zum Mund. Dieser Gruß «Schabbath Schalom» ist einer von den ganz wenigen Resten altjüdischen Lebens, der sich bei ihnen unverfälscht erhalten hat. Sie begrüßen einander so an Festtagen, bei feierlichen Famlllenereignissen, und wenn sie es dreimal hintereinander sagen, so Ist es bei ihnen ein Zeichen der Begeisterung und des Glücks, das sie zum Beispiel nach einer wohlgelungenen religiösen Zeremonie empfinden. Ein erschütternder Moment In Coviliam, einer Stadt mit etwa 25.000 Einwohnern — erzählt weiter R. Ben Jakob, — kamen über 2000 Personen zu meinem Vortrag. Sie hörten meine Rede ganz und gar stehend an. Als ich von einigen jüdischen Sitten und Gebräuchen sprach, nahmen sie einer nach dem anderen kleine Notizbücher heraus und schrieben sich meine Worte auf. Nach der Ansprache wurde ein Gebet verrichtet, das Ich ihnen Wort für Wort vorsagte, von dem sie aber auch nicht eine Silbe verstanden. Während dieses Gebetes aber sah ich auf der Brust fast aller in den vorderen Reihen Stehenden goldene Kreuze. Ich konnte nicht an mich halten und fing an laut zu weinen. De Barros Basto, ein Führer der Marannen-Rückkehrbewegung, ergriff darauf das Wort und erklärte den Versammelten, warum ich weinte. Und noch während er sprach, war es, als ob ein breiter Strom von Tränen und Aufschreien in den Saal einbrach. Ich habe noch niemals so viele Menschen so laut und so erschütternd weinen hören. Es war ein Moment, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Viele von den Versammelten nahmen die Kreuze von der Brust, versteckten sie und warfen sie fort. Es gab Frauen, die ihre Ringe weinend fortschleuderten und Männer, die ln ihren Taschen nach dem Zeichen des aufgezwungenen Glaubens suchten, um sie zu vernichten. Schma Jisrael! Einmal passierte es mir, daß Ich alleine im Eisenbahnwaggon saß, Zeitungen lesend, die ich gerade an jenem Tage von Saloniki bekommen hatte. Plötzlich hörte ich, wie jemand auf dem Bahnsteig laut «Schma Jisrael 1» rief und gleich darauf in mein Abteil stürzte. Es stellte sich heraus, daß das ein junger Mann war, der mich irgendwo hatte sprechen hören und nun seiner Freude darüber, mich wiederzusehen, nicht anders als mit dem Schrei «Schma Jisrael!» Ausdruck zu geben vermochte. Es war das einzige, was er überhaupt vom Judentum wußte. Er Ist dann mit mir gefahren und hat sich in glühendem Eifer sorgfältig alles aufgeschrieben, was ich ihm von der jüdischen Tradition erzählte. Heute ist der FUnfundzwanzigjährige schon einer der Führer und eifrigsten Werber der Rückkehrbewegung. Schulantisemitismus Natürlich muß es auch, sobald es schon etwas Aehnliches wie Juden in Portugal gibt, einen Schulantisemitismus geben. In Curio erzählte mir der Industrielle Francisko Moran, daß man sein Kind in der Schule «Hund» schimpfe, weil es nicht getauft sei und «hündische», das heißt marannische Eltern habe. Der Junge selbst aber hat mir, als ich ihn danach fragte, die folgenden bezeichnenden Worte gesagt: «Ich weiß sicher, daß die Jungens in der Schule mich nur beneiden wegen der neuen geistigen Lehre, die wir bekommen sollen; aus keinem anderen Grunds prügeln und schimpfen sie mick»