Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 281 (25.5.1933)
- Date
- 1933-05-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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. DIB STIMME Mf 9v Kr. 28f — 25. Mal T93S IPRESSIESCHAU Dr. Benesch für die jüdischen Fiüchtlinge aus Deutschland i Der tschechoslowakische Außenminister für eine Anleiheaktion des Völkerbundes Prag. Der tschechoslowakische Minister des Aeußern, Dr. Eduard Benesch, erklärte in einem dem Vertreter des New Yorker «Jewish Daily Forward* gewährten Interview, er sei der Meinung, daß die Minderheiten-Schutzbestimmungen zumindest auf alle europäischen Staaten erstreckt werden sollten. Ferner äußerte sich der Minister über die Frage der Fürsorge für die aus Deutschland ausgewanderten Juden, wobei er die Möglichkeit einer im Rahmen des Völkerbundes zu organisierenden internationale n Hilfsaktion insAuge faßte. Das Problem, die bestehenden Verbindlichkeiten gegenüber den nationalen, konfessionellen und Rassenminderheiten wenigstens auf alle europäischen Staaten auszudehnen, ist regelmäßig von Jenen Staaten aufgeworfen worden, denen Minderheits- Verpflichtungen auferlegt worden sind und welche es als ein gewisses Unrecht und als Versündigung gegen den Grundsatz der Gleichberechtigung aller Staaten empfunden haben, daß diese Verbindlichkeiten nicht allgemein sind und daß die großen europäischen Staaten, trotzdem sie selbst ihre eigenen, ziffernmäßig ziemlich starken Minoritäten besitzen, hievon befreit sind. Die Ereignisse der letzten Monate in Deutschland haben die anderen Minderheiten um die neugeschaffene jüdische Minderheit vermehrt und unterstreichen dieses Problem vom Gesichtspunkte der Minderheiten. Mit anderen Worten: sie zeigen neuerlich auf, daß der bisherige Stand des internationalen Schutzes der Minderheiten nicht nur eine Ungleichheit der Staaten, sondern namentlich auch eine Ungleichheit der Minderheiten darstellt, daß er der Sicherheit, der bürgerlichen Gleichberechtigung und der Gerechtigkeit für Hunderttausende und Millionen Menschen zum Schaden gereicht und daß die Korrektur dieses Zustandes im Sinne derVerallgemeinerung des Minderheitsschutzes ein wichtiges Erfordernis der Gerechtigkeit, derlnternationalenHumanität,der Ordnung und des Friedens bildet Ich glaube, daß dieses Problem schon zufolge seiner Existenz überhaupt sich unausweichlich den Weg x umVölkerbunde bahnen wird. Eskannauch niemand verhindern, daß dieseLücke und dieser Mangel vom allgemeinen Standpunkte bei dersich im Ratoderim Versammlungsplenum bietenden ersten Gelegenheit nicht durchbesprochen werden würde. Bisher ist es über Initiative Deutschlands in Genf im Verlaufe der Sitzungen der Völkerbundsversammlungen stets zu einer sich alljährlich wiederholenden Diskussion über diese Frage gekommen. Es besieht kein Zweifel, daß auch heuer diese Tradition fortgesetzt werden wird und daß die Diskussionen, die sich in dieser Richtung heuer entwickeln werden, mehr als sonst je vorher der Situation gewidmet sein werden, ln welcher die Begrenztheit der bisherigen Minderheitsverträge die Minderheitsfrage im Lichte der letzten Ereignisse aufgezeigt bat, und es besteht kein Zweifel darüber, daß die Fragen, wie diesem Mangel abgeholfen werden kann, neuerlich ventiliert werden. Wer an den Diskussionen teilgenommen hat, die sich in dieser Richtung im Völkerbunde im Jahre 1920 und 1922 entwickelt haben, wird sich allerdings keine Illusionen darüber machen, daß ein Erfolg leicht sein würde. Es wird allerdings auch Sache der Minderheiten selbst und der öffentlichen Meinung sein, die Anschauung zur vollen Geltung zu bringen, daß das, was für die kleinen und neuen Staaten kein Makel ist, auch für die großen und alten Staaten kelnMakelselnkann, und daß das, was für die Minderheiten ln der Tschechoslowakei gerecht und notwendig ist, auch für die Minderheiten in einem anderen Lande nicht weniger notwendig sein kann. Die Tschechoslowakei wird in dieser Hinsicht ihrer Politik treu bleiben und wird alles unternehmen, damit diese Anschauungen im Völkerbunde zur Gänze zur Geltung kommen. In bezug auf die Fürsorgeaktionen für die aus Deutschland ausgewanderten Juden erklärte Dr. Benesch folgendes: «Die karitative Fürsorge, durch welche die Frage der jüdischen Flüchtlinge bisher gelöst ist und welche namentlich durch die jüdischen Glaubensgenossen der Flüchtlinge ln einem gewiß Achtung verdienenden Umfange getragen wird, stellt gewiß nur eine vorübergehende Lösung ihrer Situation dar. Eine dauernde Lösung ist dies nicht. Ich glaube, daß der Völkerbund, welcher bereits einsehrumfangrelchesundnütz- Uches Werk zur Lösung der Frage der griechischen, russischen und armenischen Flüchtlinge vollbracht hat, und welcher in dieser Beziehung sehr reiche Erfahrungen besitzt, dasgeeignetsteForum auch für die Lösung der Frage der jüdischen Flüchtlinge sein würde. Die Tschecho- Der Warschauer «H a y n t» bringt ein Gespräch seines Pariser Korrespondenten mit dem jungen Lord Henry Melchett, dem Sohne des vor drei Jahren verstorbenen Lord Melchett (Sir Alfred Mond) über die starke antideutsche Stimmung, die gegenwärtig in allen Kreisen des englischen Volkes vorherrscht. «Man kann sich nur schwer voretellen» — erklärt Lord Melchett — «welch scharfe Anti- Hitler-Stimmung gegenwärtig in England vorherrscht, eine Stimmung, die von Tag zu Tag schärfer und feindlicher wird. Der letzte Besuch von Hitlers Abgesandten Dr. Rosenberg hat in dieser Beziehung noch mehr die Gemüter erregt. Es ist bekannt, daß das englische Volk in seiner grundsätzlichen konservativen Einstellung nicht sehr schnell seine Stimmung in der Beziehung zu Völkern ändert Für eine Aenderung beansprucht es immer eine längere Zeit. Doch Diesmal stehen wir vor einer Ausnahmserscheimmg. Innerhalb weniger Monate haben sich die Beziehungen des englischen Volkes zu Deutschland bis zur Unkenntlichkeit gewandelt. Noch vor wenigen Monaten war die Sympathie für Deutschland allgemein in England. Jetzt dagegen vereinigt sich England zu einer feindlichen Stellung zu Hitler-Deutschland- Die Ursache ist bekannt: Der brutale Hitler-Terror gegen die Juden hat am stärksten die öffentliche Meinung in England aufgewühlt.» Ueber die Boykottaktion in England äußerte sich Lord Melchett wie folgt: «ln ganz England hat eine scharfe Boykottbewegung , gegen deutsche Waren eingesetzt Wir diskutieren nicht über Boykott, wir führen Ihn durch. Und wir werden Ihn bis ans Ende führen, bis zum endgültigen Sieg, so lange, bis in Deutschland die Juden Ihre früheren vollen politi* sehen und bürgerlichen Rechte als Staatsbürger erlangt haben werden. Boykott» — sagt Lord Melchett — «ist meiner Ansicht nach das wirksamste Mittel für uns Juden In dem Kampfe gegen den antisemitischen Terror in Deutschland. Die Boykottbewegung müssen wir In allen Ländern organisieren. Boykott gegen alles, was au» dem Wie wir bereits kürzlich meldeten, hat sich in L o nd o n ein englisch-jüdisches Hilfskomitee gebildet, dem die Wahrnehmung aller Fürsorgemaßnahmen zugunsten der jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland obliegen soll. Nun wird uns aus Deutschland gemeldet, daß in den letzten Tagen die Verhandlungen wegen Vereinigung und Zusammenfassung aller Hilfsaktionen zugunsten der deutschen Juden — die Hilfsaktion zur Kolonisierung jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland in Palästina und das vorerwähnte englische Hilfskomitee — erfolgreich beendet wurden. Es ist ein vereinigtes Hilfskomitee zugunsten der deutschen Flüchtlinge geschaffen worden, das sich bereits vor einigen Tagen konstituiert hat und ein fünfgliedriges Präsidium gewählt, bestehend aus Lord R e a d i n g, dem früheren Vizekönig von Indien und ehemaligen englischen Außenminister, Lionel de Rothschild, Prof. Dr. W e i z m a n n, Chiefrabbi Slowake) wird der Mitarbeit ln dieser Angelegenheit mit wem immer nicht aus dem Wege gehen und wird alles unternehmen, was ihre menschliche und politische natürliche Pflicht ist Der Völkerbund würde auch das geeignetste Forum für das Studium und die praktische Durchführung der Anregung sein, eine eventuelle Anleihe aufzulegen und zur Erleichterung der Situation von tausenden und zehntausenden dieser Flüchtlinge internationale Hilfe zu gewähren. Die Vereinigten Staaten arbeiten bereits in mehr als einer Richtung an dem Humanitätswerke Im Rahmen des Völkerbundes mit Es wfira gewiß nicht schwer, einen Weg zu finden, der ihre Mittätigkeit auch an diesem Werke ermöglichen würde. Jedenfalls glaube ich, daß das Genfer Forum für die Lösung dieser Frage geeigneter wäre als die Wirtschaftskonferenz, deren allgemeine wirtschaftlichen und finanziellen Aufgaben und Ziele doch nur dem humanitären und sozialen Werke ferner stehen, um das es sich bei der Lösung der Frage der deutschen Fiüchtlinge handelt» jetzigen Deutschland kommt — das muß unsere Antwort an Hitler sein.» Im weiteren Verlauf des Gespräches äußerte sich Lord Melchett, dessen Einfluß m englischen politischen Kreisen ein bedeutender ist, auch zu der Palästina-Frage im Zusammenhang mit dem Plan der Durchführung einer Hilfsaktion für deutsche Juden, insbesondere im Wege einer Verpflanzung zahlreicher Flüchtlinge aus Deutschland nach Palästina. Es ist gegenwärtig ein günstiger Moment für die gesamte Palästina-Arbeit. Wichtig ist nur, daß wir die günstigen Bedingungen entsprechend ausnützen. Die Lage in Palästina ist eine ausgezeichnete. Die beste Reklame für Palästina ist wohl das Staatsbudget. Welches Land kann sich heute eines ausbalancierten Budgets rühmen, wie es in Palästina der Fall ist. Wir haben die größten Hoffnungen für einen weiteren Aufbau Palästinas. Diesen günstigen Verhältnissen in Palästina bringt man auch in Londoner politischen Kreisen entsprechendes Interesse entgegen. Ich hoffe, daß in der allernächsten Zeit eine bedeutende Zahl neuer Zertifikate für Palästina-Wanderer erteilt werden und eine verstärkte jüdische Immigration nach Erez Israel ein setzen wird. Die psychologischen Voraussetzungen sind hiefür augenblicklich gegeben. Was ich jetzt als besondere Aufgabe von uns erblicke» — setzt Lord Melchett fort — «ist, Dr. Weizmann wieder an die Spitze der zionistischen Weltorganisation und . der Jewish Agency zu stellen- Keine einzige Persönlichkeit vei* mag heute so viel zu erreichen wie Dr. Weizmann, der auch heute noch über die besten Beziehungen zur Mandafärregierung sowie zu allen Regierungen, deren Wort wegen des Schicksals Palästinas eine Rolle spielt, verfügt.» Auf die Frage, ob Lord Melchett selbst nicht die Absicht habe, sich der zionistischen Politik zuzuwenden, antwortet Lord Melchett lachend: «Nein, ich habe nicht die Absicht, in Zionismus Politik zu machen, bin mehr für die praktische Palästina-Arbeit gestimmt, ins Land zu fahren und mich an dem Aufbau des Landes zu beteiligen.» von Großbritannien Dr. Herz und dem Präsidenten der Jewish Agency Nahum S o k o l o w. Es wurde beschlossen, sich mit einem Appell an das englische Judentum wegen Förderung des Vereinigten Hilfsfonds zu wenden, der den Namen «Britischer Hilfsfonds für diedeut* sehe Judenheit» führt. Das Komitee hofft, daß die Sammelaktion, die in den nächsten Tagen bereits in ganz England einsetzen wird, wenigstens eine halbe Million Pfund für den Hilfsfonds ergeben wird. Ein bedeutender Teil der gesammelten Gelder soll für die konstruktive Hilfe zum Zwecke der Einordnung jüdischer Flüchtlinge aus Deutsch« Iand in Palästina Verwendung finden. Gleichzeitig wurde Prof. Weizmann zum Präsidenten sämtlicher europäischer Hilfskomitees zugunsten der Kolonisierung deutscher Juden in Palästina gewählt. In Kürze begibt sich Dr. Weizmann nach Amerika, um auch dort die Weltkampagne zugunsten der Palästinakolonisation deutscher Juden zu unterstützen, Lord Melchett Uber den Protest- Uampf gegen das antisemitische Deutschland Lord Reading, Prof« Weizmann, Chief« rabbi Dr» Hers« Lionel de Rothschild und Nahum Sokolow an der Spitze des vereinigten englischen Hilfskomitees für die deutschen Juden Prof. Weizmann fährt nach Amerika