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Die Stimme · 1933-05-25 · Heft 281 (25.5.1933) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 281 (25.5.1933)
Date
1933-05-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Sette 4 DIE STIMME Nr. 2*1 — 25. Mal 1923 i i i . h ti! I; l f Jizchak Grünbaum in Zwei Vorträge Auf seiner Rückkehr aus Erez Israel weilte dieser Tage der polnische Zionistenführer und frühere Sejmdeputierte Jizchak Grün bäum in Wien, wo er an zwei Abenden in zionistischen Versammlungen sprach. An dem ersten Abend, der dem Thema Palästina — das jüdische Einwanderungsland gewidmet war, gab Herr Grünbaum ein erschöpfendes Bild über den außerordentlichen Aufschwung des Landes tn der letzten Zeit, nicht ohne auf die tragischen Erscheinungen in dieser starken Entwicklung des Landes hinzuweisen, die sich dort gegenwärtig ergeben. Die Interessensphäre Palästinas — führte Herr Orünbaum aus — entspringt zwei Strömungen, die derzeit das jüdische Leben entscheidend beeinflussen. 1. Die Ausschaltung jüdischer Existenzen in dem Großteil der üaluthländer, 2. der wachsende Einfluß der jüdischen Konzentration in Palästina und die Perspektiven, die jüdische Arbeit dem Judentum in der ganzen Welt eröffnet. Fünfzig Jahre hindurch rufen wir bereits das Judentum zur Konzentration seiner Energien für den Aufbau Palästinas. Wir sahen die Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben der Galuth voraus. Die Antwort des Judentums waren Widerstand, wenn nicht Spott und Gelächter. Erst jetzt kommt man zu uns und will die Früchte unserer Arbeit genießen. Wir sehen trotz mancher Erbitterung diesen Einwanderungsstrom mit Freude, da wir der Ansicht sind, daß jetzt das Palästinaproblem entscheidend nur durch die größtmögliche Einwanderung der Massen beeinflußt werden kann. Der Drang nach Palästina ist heute aus fast allen Ländern der Welt ein ungemein starker. Es ist eine Doppeleinwanderung, wie sie noch nie in solchem Maße verzeichnet werden konnte. Menschen und Kapital strömen in gewaltigen Mengen ins Land. Bisweilen sogar nur Kapital allein, das aus den unsicher gewordenen europäischen und amerikanischen Tresors in die Sicherheit und Solidität der jungen Palästinawirtschaft flüchtet. Nicht nur aus Europa, auch aus Amerika wandern jetzt zahlreiche Juden nach Palästina ein, die früher aus rein philanthropischen Motiven landwirtschaftliche oder industrielle Anlagen geschaffen hatten, um sich jetzt selbst dort anzusiedeln. Der Traum der Zionisten, das jüdische Volk werde dem Aufbau der nationalen Heimstätte die Summe von fünt Millionen Pfund zur Verfügung stellen, sei bereits erfüllt. Allein wir haben jetzt in Palästina mit . tragischen Widerständen des Kapitals zu rechnen. Sieben Millionen Pfund jüdischen Geldes liegen unfruchtbar in den palästinensischen Bankhäusern. Denn dieses Kapital gehört leider nicht dem jüdischen Volke,.und, jüdische Kapitalisten, die dieses Geld in den Bankhäusern liegen haben, wollen es nicht riskieren. Die Einnahmen unserer Fonds dagegen gehen leider immer mehr zurück. Gerade jetzt aber zeigt sich ein gewaltiger Hunger nach großen Bodenkomplexen. Diese erwerben und urbar machen kann ausschließlich nur die nationale Exekutive. Nach qualifizierten Arbeitern und Handwerkern besteht nach wie vor eine ganz große Nachfrage. Der Schlüssel zu den Toren Erez Israels aber liegt heute nicht, mehr ausschließlich bei der englischen Palästinaverwaltung, sondern zumindest ebenso bei den jüdischen Kolonisten, die die Arbeit vergeben. Es sei daher unbedingt notwendig, daß das Prinzip der rein jüdischen Arbeit auf allen Gebieten des Aufbauwerkes durchgeführt und hochgehalten wird. Nur dann können die politischen Schwierigkeiten, die sowohl von arabischer als auch von englischer Seite uns in den Weg gelegt werden, überwunden werden. * Die Lage der deutschen Juden und Palästina Der zweite Wiener Vortrag J. Grünbaum's war der Lage der deutschen Juden gewidmet. Herr Orünbaum gab in einer tiefschürfenden historisch-psychologischen Analyse einen Ueberblick über den kulturellen und sozialen Entwicklungsprozeß der deutschen Juden im XIX. Jahrhundert. Er wies auf die aus dieser Entwicklung entstandene Ideologie hm, die eine Lösung der Judenfrage in dem restlosen Aufgehen und Assimilieren in den umliegenden Völkern erblickt hat. Diese Ideologie galt dem deutschen Judentum als eine Mission, die es seit der Emanzipation hochhielt und verteidigte. Die letzte Entwicklung in Deutschland zeigte, wie falsch diese Ideologie war, wie unmöglich das restlose Aufgehcn in dem Wirtsvolke eigentlich sei. Die Scheiter- Frau Rosa Frucht geb. Saß, gibt in ihrem Namen, im Namen Ihrer Tochter Else Götter wie auch im Namen aller Verwandten die tiefbetrübliche Nachricht von dem Hinscheiden ihres geliebten Gatten, Vaters, Bruders, des Herrn Hed. Dr. Berthold Frucht Regimentsarzt i. R. und Schriftsteller. Das Begräbnis fan-d Donnerstag, den 25. Mai, j^!2 Uhr vormittags, 4. Tor, statt. häufen in Deutschland haben es den deutschen Juden zur Genüge bewiesen. Wir haben in unserer Geschichte bereits Scheiterhaufen erlebt. Das spanische Autodafö forderte die Verbrennung lebendiger Menschen, der Marranen. Der Berliner Scheiterhaufen hat den jüdischen Geist verbrannt. Jene um 1492 waren gezwungen, sich als Neuchristen zu deklarieren und wurden deshalb verbrannt. Die deutschen Juden haben aus freien Stücken sich zu einem Marranentum bekannt. Auf dem Scheiterhaufen von Berlin wurde der ganze Geist der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts verbrannt. Heute stehen die deutschen Juden vor der Alternative: Entweder sich zu den jüdisch-nationalen Oedankengängen und Ideen zu bekennen, oder sich dem Kommunismus anzuschließen. Dem Kommunismus, der den deutschen Juden das zu geben vermag, was ihnen früher die Bourgeoisie gegeben hat und was ihnen jetzt verweigert wird: Betätigung. Doch der letzte Weg wird wohl den deutschen Juden nicht möglich sein. Und mehr als alles bisherige Geschehen gegen sie und um sie wird die ökonomische Ausschaltung zur Besinnung bringen. Heute fehlt dem deutschen Judentum die innere Kraft. Denn nie hätte eine Regierung einem Bevölkerungstei! so viel Drangsalierung zumuten können, wenn sie gewußt hätte, daß diese Bevölkerungsschicht von einem starken Zusammengehörigkeitsgefühl mit den 12 bis 14 Millionen in aller Welt lebenden Juden beseelt wäre. Hier liegt der Schwerpunkt des ganzen Problems. Auch in Osteuropa geht es den Juden schlecht, politisch und wirtschaftlich. Aber keine Macht hat es bisnun gewagt» wie es Hitler tat, einen Terrorantisemitimus als Staatsprogramm zu proklamieren. Es ist eine Kampfansage, aber nicht nur an dia deutschen Juden, sondern an das Judentum der ganzen Welt Und so muB auch unser Kampf, der ein Kampf auf Leben und Tod tot, organisiert werden. Es gibt nur ein Mittel: Den Exodus der deutschen Juden zn organisieren. Jede gegenteiliger Einstellung, als handle es sich hier um eine Erscheinung von vorübergehendem Charakter ist kriecherisch und von uns abzulehnen. Die Haltung mancher deutsch-jüdischer Kreise und die mancher in Amerika und in einzelnen Ländern Europas sind für uns hier nicht maßgebend. Wir betreiben immer Katastrophenpolitik, d. h. unsere Politik ist stets eine Antwort auf auftretende Katastrophen. Und immer wieder treten Katastrophen auf. Im Jahre 1882 war die Pogromkatastrophe in Rußland. Ihre Folge war die erste Immigration nach Palästina. Auf den Kischinewer Pogrom des Jahres 1903 war die Antwort: Immigration nach Palästina. Jede Katastrophe im jüdischen Leben hat mit sich eine Palästinawelle gebracht. Auch auf die Katastrophe des deutschen Judentums gibt es heute keine andere Antwort als Verstärkung der Immigration nach Palästina, Stützung und einheitliche Organisierung der Hilfsaktion zwecks Kolonisierung deutscher Juden in Palästina. i&\ MB Das Schicksal der indischen PetZ Honen Die deutschen Judenverfolgungen vor dem Völkerbund Genf. Der Präsident des Komitees der Jüdischen Delegationen, Leo M o t z k i n, und der Vorsitzende der Jüdischen Partei der Tschechoslowakei, Dr. Emil Ma r g u I i e s, haben in Begleitung des Dozenten für Völkerrecht an der Genfer Universität, Dr. N. Feinberg, den Direktor der Minderheitenabteilung im Völkerbundsekretariat, Azcarate Florez, besucht und ihm im Aufträge des Komitees der Jüdischen Delegationen, des American Jewish Congress, der Jüdischen Partei der Tschechoslowakei, des Konsistoriums der Juden Bulgariens, des Jüdischen Paria,mentsklubs In Polen und einer großen Zahl anderer Organisationen in Litauen, Oesterreich. Rumänien, Belgien, Aegypten und anderen Ländern eine auf Artikel 72 des polnisch-deutschen Abkommens, betreifend Oberschlesien, sich stützende Petition überreicht, in der Beschwerde gegen die Zurücksetzung der Juden in Überschlesien erhoben wird. Eine zweite Petition auf Grund von Artikel 147 des deutsch-polnischen Abkommens, wurzle dem Völkerbund*» Sekretariat durch jüdische Einwdhner -Oberschlesiens unterbreitet. * Beiden Petitionen Ist die Dringlichkeit zuerkannt worden, so daß sie bereits in der Mittwoch stattflndenden Völkerbundratssitzung zur Beratung gelangen werden (siehe auch Dr. Goldmann- Interview. Anm. d. Red.) Die gemeinsame Petition der jüdischen Organisationen stützt sich auf Artikel 72, Abs. 2, sowie auf jene zahlreichen Resolutionen des Völkerbundrates, durch die das Petitionsrecht geschaffen wurde. Die Petition, die im Namen des in Oberschlesien ansässig gewesenen Reichsangehörigen Franz Bernheim durch Dr. Emil M a r g u 11 e s dem Völkerbundssekretariat eingereicht wurde, beruft sich auf den Artikel 147 des Abkommens, der ein Beschwerderecht von Angehörigen der in Oberschlesien wohnenden nationalen und religiösen Minderheiten vorsieht. In beiden Petitionen werden die in Deutschland und damit auch ln Oberschlesien getroffenen Maßnahmen, durch welche die bisherigen Rechte der Juden beschränkt oder beeinträchtigt werden, ausführlich dargelegt Es wird um Wiederherstellung des früheren Rechtszustandes und Entschädigung der durch die angeführten Maßnahmen Betroffenen gebeten. in beiden Petitionen wird der Ernst der Lage und die Notwendigkeit eines möglichst schnellen Eingreifens betont und um Anwendung des für Ausnahmsfälle vorgesehenen beschleunigten Verfahrens ersucht. Die Petition des Reichsangehörigen Bernhelm wurde bereits auf die Tagesordnung der Verhandlungen des Völkerbundrates gesetzt. Dagegen wurde die von jüdischen Organisationen Amerikas und Europas eingebrachte Petition dem bestehenden Regulativ entsprechend einem vom Völker«? bundsrat eingesetzten Dr ei e r k o m i t ee zugewiesen, das in der laufenden Woche zusammentreten und vermutlich die Petition zwecks gleichzeitiger Behandlung mit der von den» jüdischen. Einwohner Oberschlesiens eingebrachten denii VölkerbHiylsjra^vörKgeR wird..... .....; Die Zuer-k ennu ng der D<r i ngli ch k ei t für die jüdische Petition hat in Genfer politischen Kreisen tiefes. Eindruck gemacht. Genf. Wie hier verlautet, wird das Dreierkomjte% dem die Prüfung der von den jüdischen Organisationen Amerikas und Europas eingebrachten Petition zugewiesep wurde, aus den Vertretern Italiens, Spaniens und Norwegens bestehen. Genf. Die Petition des jüdischen Einwohners Obei«» Schlesiens Bernheim, enthält eine genaue Aufzählung def gegen die Juden in Deutschland getroffenen gesetzl chen Maßnahmen. Es werden die entsprechenden Stellen des Gesetzes zur Wiederherstellung des Beamtentums, des Hochschulgesetzes und aller jener Gesetze und Verordnungen zitiert, die einschränkende Bestimmungen für jüdische Am wälte, Aerzte, Professoren usw. enthalten. Ferner werden all# jene Bestimmungen des deutsch-polnischen Abkommens, betreffend Obcrschlesien, zitiert, zu denen die angeführten rechtsbeschränkenden Maßnahmen im Widerspruch stehen* Lag b’Omer'Fest — Kundgebung in Palästina Autodafe und brennender Dornbusch Jerusalem. Die in ganz Palästina abgehaltenen traditionellen Lag b’Omer-Felern standen in diesem Jahre im Zeichen desProtestesgegen die Verbrennung jüdischer Bücher ln Deutschland. In den Zügen der jüdischen Schüler wurden Transparente mit der Aufschrift: «Dies ist die Antwort des Jüdischen N a t iona1he i m s auf die Verbrennung jüdischer Bücher in Deutschland» mitgeführt. Auf anderen Transparenten hieß es mit Anspielung auf die Legende vom brennenden Dornbusch: «Das Buch steht in Flammen, aber es wird nicht verzehrt!» Der Hauptredner auf der großen Festversammlung in Jerusalem, Mitglied der Exekutive der Jewish Agency, Emanuel N e u m a n, erklärte u. a., das jüdische Palästina heiße alle Schöpfungen des jüdischen Genius willkommen und werde sich liebevoll der Werke aller jüdischen Autoren annehmen, auch der Werke von Schriftstellern, die bisher ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Volk verleugnet hätten. Kiinstlerhllfe nur für Arier 1800 Bücher aus städtischem Besitz verbrannt Berlin. Auf einer städtischen Pressekonferenz berichtete der Dezernent tlir das städtische Kunst- und Bildungswesen in Berlin, Staatskommissar Hafemann, über seine Tätigkeit. U. a. teilte er mit, daß aus den Mitteln der Berliner «Künstlerhilfe», für die im Etat ein Betrag von 75.000 Mark eingesetzt ist, in Zukunft nur arischen Künstlern Beihilfen gewährt werden sollen. Die KUnstlerh'lfe ist dazu bestimmt, bedürftigen Künstlern, die von irgendwo ein Angebot haben, das Reisegeld oder die nötige Kleidung zu verschaffen. Bisher wurden auch Juden durch die Künstlerhilfe unterstützt. Ferner sch lderte Staatskommissar Hafemann die planmäßige Entfernung der jüdischen und marxistischen Zeitungen, Zeitschriften und Bücher aus der Magistrats- und Stadtbibliothek sowie aus den Bezirksbüchereien. Bei der Bücherverbrennung am 10. Mai seien rund 1800 Exempiare aus städtischem Besitz verbrannt worden. Ein Teil der geächteten Bücher stehe noch in den Regalen, in den Katalogen werden sie jedoch nicht mehr geführt. Es stehe noch nicht fest, ob man sie verbrennen oder emstampfen oder in besondere Kammern bringen werde. Eine große Londoner Buchhandlung habe vor dem Autodafe ein telegraphisches Angebot an die Stadt Berlin gemacht, die zur Verbrennung bestimmten Bücher in Bausch und Bogen anzukaufen. Es sei unnötig zu sagen, erklärte Staatskommissar Hafemann, daß d e geschäftstüchtigen Engländer hiermit kein Glück gehabt hätten. 1

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