Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 281 (25.5.1933)
- Date
- 1933-05-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28! — 25. Mai 1933 D16 STIMME Sjüc 3 erviews ■ imme ln der letzten Woche konnte das zionistische Wien eine Reihe führender zionistischer Politiker in seiner Mitte begrüßen. Es weilten hier Dr. Ignaz Schwarzbart, Dr. Nahum Ooldmann, Jizchak Orünbaum und Nisan K a h a n. Herr Dr. S c h w a r z b a r t, der in einer gut besuchten Versammlung unter Vorsitz des Präsidenten des Zionistischen Landeskomitecs Dr. Oskar Grünbaum über Probleme und die Ideologie des Allgemeinen Zionismus referierte, nahm während seines Wiener Aufenthalte«! auch Gelegenheit, in einer überaus stark besuchten zionistischen Jugendversammlung zu sprechen, in der er die zionistische Jugend zur Or- Eine Unterredung mit Dr• Ignaz Der bekannte zionistische Politiker Polens, der Vorsitzende des Weltverbandes der Allgemeinen Zionisten, Herr Dr. Ignaz Schwarzbart, halte die Freundlichkeit, unserem Redakteur folgendes Interview zu gewähren: «Der Widerhall der deutschen Judenverfolgungen im polnischen Judentum ist ein äußerst starker. Dies, trotzdem die überwiegende Mehrzahl der deutschen Juden jahrzehntelang emsig bemüht war, sich von den polnischen Juden abzugrenzen und stets eine nationale, historische Solidarität mit den Ostjuden abgelehnt hat. Das Gefühl der alljüdischen Schicksalsgemeinschaft erwies sich jedoch beim polnischen Judentum stärker als die berechtigte Antipathie der polnischen Juden gegen den übermütigen Typus des deutschassimilierten Juden, der ja bis in die letzten Tage trotz der gewaltigen erzieherischen Arbeit des deutschen Zionismus für das deutsche Judentum charakterisch war. Die seelischen Kränkungen und die Zurücksetzung — ich will das offen aussprechen r—, die den polnischen Juden oft in den letzten Jahrzehnten von der deutsch-jüdischen Assimilation widerfahren sind, haben in der Seele des polnischen Juden nicht gerade das Solidaritätsgefühl gefördert. Und trotzdem kam dieses Solidaritätsgefühl im polnischen Judentum lawinenhaft zum Durchbruch. Man vergaß an die Vergangenheit, an die hemmende Rolle der deutschen Assimilation im Prozeß der jüdisch-nationalen Erneuerung, man vergaß daran, daß es deutsche Juden waren, die Theodor Herzl im Jahre 1897 die Abhaltung des ersten Zionistenkongresses in München verweigert haben — und man fühlte sich eins mit den deutschen Juden, als ob der Hammer der Geschichte auf unsere eigenen Köpfe niedergefallen wäre. Das jüdische Herz schlägt eben wärmer beim polnischen Judentum, weil das polnische Judentum tiefer in unserer Leidensgeschichte verwurzelt ist und mehr Verantwortungsgefühl und Sorge um unsere nationale Zukunft besitzt. Aber es spielten auch andere Gründe mit. Wir wußten zwar, daß Deutschland die Brutstätte des sogenannten theoretischen Antisemitismus ist, wir wußten zwar, daß nationalsozialistische Theoretiker in Anlehnung an ihre deutschen Vorgänger ein «grandioses» System des Rassenantisemitismus ausgebaut haben, aber so stark war das Vertrauen in die Kulturwerte und Kulturgröße der deutschen Nation, daß wir nicht daran glauben wollten, daß diese Haßtheorien — eine Abspiegelung des deutschen Antisemitismus aus dem XH1., XIV. und XV. Jahrhundert— wirklich in die Tat umgesetzt werden werden. Wir konnten nicht eine Parallele zwischen zaristischem Regime und deutscher Gesinnung ziehen. Die Wirklichkeit hat jedoch unseren Optimismus über Nacht umgestürzt, sie kam plötzlich wie ein Faustschlag gegen die Augen — und deshalb reagierte das ganze polnische Judentum in einer psychologisch ganz erklärlichen solidarischen Entrüstung. Was jetzt in Deutschland den Juden gegenüber vorgeilt, war eine unserer größten Enttäuschungen vom Gesichtspunkt unseres Glaubens an menschliche Ethik und Kultur aus betrachtet. Es war für uns ein Chok — und deshalb reagierte das polnische Judentum so stark. Schließlich beurteilt das polnische Judentum die Judenverfolgungen in Deutschland nicht als eine innere Angelegenheit des deutschen Judentums allein. Die dynamische Kraft dieser Verfolgungen, ihre rassenmäßige, theoretische Fundierung im Zusammenhang mit Ansätzen einer analogen Stimmung bei Teilen anderer Nationen, unter denen die Für Boden imeressenien in Palästina (froz Israel) bietet sich die günstigste Gelegenheit unter guten Bedingungen: 1. Orangen-Pflanzungen in der Nähe von Tel-Awiw. 2. Landwirtschaftliche Böden für gemischte Wirtschaften bei Haifa. 3. Sehr schön gelegene Bau-Parzellen im Ausmaße von 1000 Quadratmeter netto am West- und Zentral- Karmel in Haifa zu erwerben. Nähere Auskünfte erteilt: Ing. J. Laszkowitz, Wien, 111., Gürtel 19/7, Telephon B 52-3-58. ganisierung in allgemein zionistischen Bünden autfordertc. Schließlich hat Herr Dr. Schwarzbart mit der zionistischen Studentenschaft Fühlung genommen und die Gründung eines allgemein-zionistischen Studentenverbandes in die Wege geleitet Auf das erwähnte große Referat über den allgemeinen Zionismus, das demnächst in Form einer Broschüre herausgegeben werden dürfte, kommen wir noch zurück. Die Redaktion der «Stimme' hat die Gelegenheit der Wiener Anwesenheit führender Zionisten zu Interviews benützt, wobei die verschiedenen Probleme und Gebiete jüdischen und zionistischen Lebens erörtert wurden. Schwarzbartl (Krakau) Juden und mit denen die Juden leben, verlieh sofort den deutschen Judenverfolgungen eine Tendenz zum Universalismus, eine Tendenk für Expansion und Nachahmung. Auch dieser Umstand hat das 3,200.000 starke polnische Judentum instinktiv als eine Gesamtgefahr für das Judentum empfunden und deshalb reagierte und reagiert es so stark, obwohl es nicht unmittelbar betroffen wurde- Solche Betrachtungen und Empfindungen waren eben der Majorität der deutschen Juden fremd, gerade deshalb, weil sie die nationale Schicksalsgemeinschaft des jüdischen Volkes in dem nunmehr betrogenen Gefühl des egoistischen Geborgenseins abgelehnt haben. Sämtliche Parteien im polnischen Judentum haben sich zu einem gemeinsamen Protest und zur Gegenwehr vereint, Tausende von Protestversammungen im ganzen Lande, die schließlich in einem gemeinsamen Aktionskomitee ihren Ausdruck fanden, bezeugen die Stärke der Entrüstungswelle gegen die deutschen Judenverfolgungen des heutigen deutschen Regimes. Ich muß aber hinzufügen: Trotzdem die letzten Ereignisse in Deutschland einen völligen Zusammenbruch der Wien, am 23. Mai 1933. Dr. Nahum Goldmann, der bekannte zionistische Politiker, der die jüdische Weltkonferenz in Genf im August vorigen Jahres mitorganisiert hat und als Generalsekretär des Exekutivkomitees zur Vorbereitung des jüdischen Weltkongresses die Vorarbeiten für diesen Kongreß leitet, ist zu kurzem Aufenthalt in Wien eingetroffen, um hier die nötigen Vorarbeiten für die Zusammenfassung und Organisierung der europäischen Hilfskomitees für die deutschen Juden zu treffen, Herr Dr. Goldmann, der eben aus Genf kommt, hatte die Freundlichkeit,in einer Unterredung mit unserem Redakteur über die Stimmung in Völkerbundkreisen und die Aussichten der in den letzten Tagen von verschiedenen jüdischen Seiten eingebrachten Petitionen wegen der deutschen Judenverfolgungen folgende Mitteilungen zu machen: Die Dringlichkeit wurde durch den Generalsekretär des Völkerbundes bekanntlich nicht nur im Falle der Petition der oberschlesischen Juden, sondern auch jener Petition, die von einer Reihe jüdischer Körperschaften gerichtet wurde, zuerkannt Diese zweite Petition wird vom Jewish American Congress, von jüdisch-politischen Parteien der Tschechosolwakei, Rumäniens, Bulgariens, dem Hilfskomitee für deutsche Juden in Aegypten und einer anderen Anzahl von Körperschaften und Institutionen West- und Osteuropas vertreten. Wenn auch außer im Falle Oberschlesiens konkret keine Aussicht vorhanden ist, daß durch Stattgebung der Petition eine praktische Aenderung in der Judenpolitik Deutschlands eintreten werde, so ist nach den Sympathiekundgebungen und judenfreundlichen Erklärungen von verschiedenen Regierungsvertretern, die Mitglieder des Völkerbundrates sind, doch außer Zweifel, daß Deutschland moralisch hier eine Verurteilung finden werde. Denn nach Aeußerung maßgebender Völkerbundkreise ist die rechtliche Basis, auf die sich die Petitionen stützen, eine derart einwandfreie und eindeutige, daß der Völkerbundrat in diesen Fragen keine andere Entscheidung wird treffen können. Darüber werden schon die nächsten 48 Stunden Näheres bringen. Freilich ist es auch möglich, daß die deutschen Vertreter in Erkenntnis der Situation, um einer Debatte über diese Petition, die natürlich auch eine Debatte Über die Judenverfolgungen in Deutschland mit sich bringen dürfte, auszuweichen, im vorhinein erklären werden, daß sie sich den vom Völkerbund im oberschlesischen Falle zu treffenden Entscheidungen unterwerfen wollen. Ueberdies scheinen sie in manchen ihrer letzten Verordnungen schon von den nahenden internationalen Konflikten so etwas wie ganzen deutschiüdischen Assimilation und Missionstheori« bedeuten, wie sie seit der Mendelssohn-Periode großgezüchtet wurde, besteht bei uns bange Sorge darüber, ob sich dieser Teil der deutschen Juden auf sich besinnen wird und den Weg zu einer stolzen, seelisch gefestigten Bejahung seines geschichtlichen Volkstums wiederfinden werde. Wir wünschen es aus ganzem Her/vn, ab; r wir müssen den Lauf der Dinge — abwarten. Die deutschen Juden müssen die Antwort selbst erteilen. Wir wollen ihnen brüderlich helfen, gerade wegen unserer objektiv besuheiidcn Schieksalsgcmeinschaft. Ueber die Frage einer polnisch-jüdischen Intervention beim Völkerbund zugunsten der deutschen Juden äußerte sich Herr Dr. Schwarzbart wie folgt: Diese Völkerbundiutervention ist im Zuge. Sie ist planmäßig vorbereitet und basiert nicht nur auf der Vergewaltigung von Menschenrechten, sondern auch auf strikten und klaren Gesetzesstellen internationaler Verträge. Es soll sich bald zeigen, ob der Völkerbund das Gewissen der Kulturwelt sein will. Aber abgesehen von den realpolitischen Folgeneiner solchen Intervention und ungeachtet des Erfolges der einschlägigen Bemühungen bleibt die moralpolitisch erfreuliche Tatsache, daß sich in den Bemühungen aller Teile des jüdischen Volkes von New York bis Warschau ein eminenter Lebenswille des jüdischen Volkes äußert, wie wir ihn seit Jahrhunderten nicht gesehen haben. Etas ist das Symptom einer tiefen Wandlung, die da* jüdische Volk seit und dank Theodor Herzl durchmacht. Diese Wandlung ist noch nicht vollendet. Sie ist noch nicht lückenlos, aber sie reift heran und harrt ihrer organisatorischen Zusammenfassung, die nicht ausbleiben wird. Es steht heute fest, daß im jüdischen Volk der Wille zur nationalen Sammlung, sei es durch Kampf, wenn er aufgezwungen wird, erwacht ist. Eine positive Stellung des Völkerbundes würde bedeuten, daß die Internationale Politik diese innere Wandlung des jüdischen Volkes und deren konstruktive Bedeutung in der Völkerfamilie zu werten weiß- Eine ausreichende Stellungnahme des Völkerbünde« müßte uns aber zu weiterem, zähem Kampfe anspomen. eine Ahnung gehabt zu haben, indem sie »bei einer ihrer Hochschulverordnungen einen Punkt hinzufügen, aus dem zu ersehen ist, daß die erwähnten Verordnungen nicht darnach gehandhabt werden dürfen, daß sie einen Konflikt mit internationalen Konventionen herbeiführen könnten. Ueber eine etwaige Aenderung in der Judenpolitik in Deutschland befragt, meinte Herr Dr. Goldmann: Wohl sind auf politischem Gebiete keine neuen Drangsalierungen und Verordnungen zu erwarten, allein die ökonomische Situation des deutschen Judentums wird eine womöglich noch größere Verschärfung erfahren, da die fürchterlichen Wirkungen der gegen sie geführten bisherigen Aktionen erst allmählich zum Durchbruch kommen werden. Die Organisierung von Hilfskomitees in aller Welt steht daher erst am Beginn. Auch mein Wiener Besuch gilt diesem Zwecke. Was den jüdischen Weltkongreß betrifft, der nach der vorjährigen Weltkonferenz in Genf für das Jahr 1934 einberufen werden sollte, äußerte sich Herr Dr. Goldrnann wie folgt: Es sind alle Anzeichen vorhanden, daß dieser jüdische Weltkongreß, deir heute eine Notwendigkeit der Stunde ist, nicht zuletzt infolge der letzten politischen Entwicklungen in den großen Zentren Europas schon zu einem viel früheren Termin stattfinden wird. Die Amerikaner, insbesondere der American Jewish Congress mit Dr. Stephan W i s 6 an der Spitze, dem Initiator des Weltkongresses, sind für seine Abhaltung bereits im Herbst, spätestens im November dieses Jahres. Sicher aber Ist — schließt Dr. Goldrnann das Gespräch-—, daß noch vor dem 18- Zionistenkongreß eine jüdische Weltkonferenz zusammentreten wird, deren Hauptprogrammpunkt die Behandlung der deutschen Judenfrage und die Frage der einheitlichen Organisierung von Hilfsaktionen bilden werden. l)r. Jakob Rosenthal. Beh. konz. Realbüro ING. H. MUHLBAUER Kaut und Verkauf von Realitäten, Hypotheken 1., 11. und 111. Sätze, Bau- und Zwischenkredite, Uebäudeverwaltung Büro: Franz Josefs-Kai 11 Tel. R-25-0-44 Wohnung: 2., Vorgartenstr. 150, Tel. R-41-8-88 Oie deutschen Judenverfolgungen und das polnische Judentum Die deutschen Judenverfolgungen vor dem VöiUevbundrat: Eine jüdische Weitkonfevenz über die Lage der deutschen Juden Eine Unterredung mit Dr• Nahum Cotdmann CGenf}