Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 280 (18.5.1933)
- Date
- 1933-05-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIB STIMME Seife 8 Nf. 280 — 18. Mal 1Ö33 » "<■■■»■ ...— ■—» ■ .. .. ' In memoram Albert Thomas’ — des sroften Judenfreundes Zur ersten Wiederkehr seines Todestages Mit dem vor Jahresfrist erfolgten plötzlichen Ableben Albert Thomas’, des Direktors des Internationalen Arbeitsamtes in Genf, war nicht nur ein großer Sohn der französischen Nation, ein feuriger Kämpfer des internationalen Sozialismus, der Leiter der von ihm Ins Leben gerufenen Institution des Internationalen Arbeitsamtes dahingegangen. An seiner Bahre trauerte auch das Judentum, insbesondere der national gesinnte Teil, die Zionisten, denen Albert Thomas ein überaus warmer Förderer und Helfer war. Albert Thomas kam mit der zionistischen Bewegung in Berührung, als diese ihre ersten Schritte zur Verwirklichung unternahm. Es war in Bordeaux während des Weltkrieges, wo die französische Regierung damals ihren Sitz hatte und Albert Thomas Generalsekretär im Arbeitsministerium war. Da erhielt er eines Tages den Besuch des Ing. Pinkas Ruthenberg, des Schöpfers des Jordankraftwerkes in Palästina, den «r noch aus den revolutionären, internationalen Kämpfen der Vorkriegszeit her kannte. Ruthenberg forderte damals von ihm die Hilfe Frankreichs für die Befreiung des jüdischen Volkes und die Verwirklichung des zionistischen Ideals. In einem kleinen Bureau der Rue de l’Universltö im Quartier Latin trafen sich die Vertreter und Vorkämpfer aller unterdrückten Nationen, unter diesen auch die jüdischen Führer Weizmann, Sokolow, Ruthenberg, der französische Schriftsteller Andrö S p i r e u. v. a. Frankreich, das als das erste Land im kontinentalen Europa mit der Verkündigung der Menschenrechte die Rechte der Juden anerkannte, war es auch, das formell und offiziell das Recht und die historischen Ansprüche der Juden auf Palästina anerkannt hat. Noch vor der Balfour-Deklaratlon hat das offizielle Frankreich dieses Recht den Juden zugestanden. Einer der wärmsten und eifrigsten Vertreter dieser offiziellen Erklärungen war Albert Thomas. Die ganze intellektuelle Elite Frankreichs, Mitglieder der Akademie und der damaligen Regierung haben mit den in Paris arbeitenden Zionistenführern Weizmann, Sokolow und Ruthenberg über den Sinn und Zweck des «Foyer National» beraten. Bei dieser Gelegenheit war es Albert Thomas, der in überzeugungstreuer Weise mit dem gleichen ethischen Gefühl, von dem er in der Behandlung aller Menschheitsfragen zeitlebens geleitet wurde, sich der zionistischen Sache aufs wärmste annahm und sie tatkräftigst unterstützte. Denn nach Thomas’ Meinung wäre Frankreich seiner Tradition untreu geworden, wenn es nicht den Appell der 15 Millionen Juden gehört hätte, die in Rußland, fn Polen und in der Neuen Welt gerade auf Frankreichs Hilfe warteten. Der Grundsatz vom Selbstbestimmungsrecht der Völker wäre nach Thomas’ Ueberzeugung wiederum grausam verletzt worden, die Nationalitätenpolitik wäre unvollendet geblieben, wenn die Friedensverträge nicht In Palästina die Heimstätte des jüdischen Volkes begründet hätten. Daß das nicht der Ausfluß der französischen Politik von Thomas war, beweist sein tätiges Interesse, das er in der Folge als Leiter des Internationalen Arbeitsamtes allen zionistischen Fragen, aber insbesondere der von sozialem Geist erfüllten praktischen Palästina-Aufbauarbeit entgegenbrachte. Es gab keinen Zionistenkongreß, zu dem Thomas nicht außer den Delegierten zur offiziellen Begrüßung und warmen schriftlichen Kundgebungen einen ständigen Beobachter entsandt hätte. Stets war es sein Wunsch gewesen, selbst bei den Tagungen der zionistischen Organisation zu erscheinen. Unvergeßlich wird wohl jedem Teilnehmer des letzten Baseler Zionistenkongresses der Augenblick sein, da Thomas am vierten Verhandlungstag am Kongreß erschien und sein flammendes Bekenntnis zum Zionismus ablegte. Noch klingen mir seine Worte im Ohr: «Ihr Kongreß ist vielleicht das Größte und Schönste and Vornehmste, was es in der nationalen Bewegung fibt. Mein Land war in der Weltgeschichte der Vertreter äs nationalen Gedankens, so wie ein großes Nachbarvolk Vertreter des Gedankens des Weltreichs ist. Der Klassiker der Nationalidee, Michelet, hat den Sinn der Menschheitsgeschichte in der Entfaltung des nationalen Gedanken^ aus den Bedingtheiten der unvollkommeneren Entwicklungsstufen gesehen. Sie haben in ihrer Bewegung diese Entfaltung in großartiger Weise gezeigt. Und während die ' Führer und Polit Jcer und Diplomaten der «arrivierten» Völker ängstlich und zaghaft waren, haben Sie den Mut gehabt, einen neuen Begriff der Nationalität zu schaffen. lieser Kongreß, zusammengesetzt aus Angehörigen aller Nationen und doch Verkörperung einer Nation, ist das Symbol dieses neuen Begriffes.» Nach dem Attentat auf den französischen Präsidenten Doumer im Mai 1932 traf unmittelbar darauf die Nachricht von dem tragischen Tode Albert Thomas’ in Paris die Genfer internationalen Kreise wie eine wahre Hiobsbotschaft, Die Dienste, die Thomas auf dem Gebiete der Wirtschaft und Sozialpolitik der Welt durch sein Meisterwerk, die Schöpfung der Internationalen Arbeitsorganisation, geleistet, sind von bleibender Bedeutung. Der ganze sozialpolitische Abschnitt dor Friedcnsvcrträge wäre ohne Thomas zu einem toten Text zuaammengeschrümpft. Er aber arbeitete mit unversiegbarer Kraft an der Verwirklichung der Magna Charta, der Arbeit, bis er in seiner rastlosen Tätigkeit jäh zusammenbrach. Mit der arbeitenden Menschheit trauerte das arbeitende Judentum, das jüdische Palästina um diesen großen, allzu früh verstorbenen Repräsentanten der Arbeit Or lakob Roseothal. DIE SEELE Von F. C. Kaciymka ISRAELS*) V Von den Menschenopfern, die Göttern und Tyrannen dargebrachf wurden, bis zu den legalisierten Mawenveft#- gungen, den furchtbaren Kriegen unserer Zeit, zieht sicto eine blutige Straße. Die Judenverfolgungen gehören auf diesem? Leidenswege zu den ältesten und häßlichsten Verbrechen. Einer Handvoll Menschen mit erdrückender Majorität zu Leib* rücken, sie geistigen und körperlichen Drangsalen zu unterwerfen, ist ungemein niedrig und unedel. Es muß immer eine Elite von Menschen geben, die Stellung nimmt gegen die ungezähntte Bestie In der Menschheit und sich gegen sie zur Wehre setzt. Der Antisemitismus ist ein Aufstacheln tierischer Masseninstinkte. Die schwere moralische Schädigung, die wir den Juden durch ihn zufügen, Ist ein weit größeres Verbrechen als der Angriff auf Ihr Hab und Gut. Es ist ein langsames Erwürgen ihres Ehrgefühles, ihrer Würde, Ihres Rechtsbewußtseins, es ist ein Vertrauensbruch an ihnen, wir 9tehlen ihnen Hoffnung und Glauben. Die Sünde, ein so kleines Volk zu bedrängen, ist um so größer, weil die Gegenwehr eine so bewundernswerte ist. Jahrhundertelang hat es seinen Heldenmut und seine moralische Kraft bewiesen, hat an Widerstand, kulturellem Bestreben, an Fleiß und Tüchtigkeit Außergewöhnliches geleistet, hat eine Disziplin und Mäßigung gezeigt wie kein Volk auf Erden. Das allein sollte uns schon Hochachtung abzwingen. Das Jüdische Volk ist viel geprüft worden, nichts hat seine Schwingen brechen können! Warum verfolgen wir es? Nur um einen unbequemen Konkurrenten zu beseitigen, der uns an Geschicklichkeit übertrifft? Oder um der in der Tiefe grollenden Bestie ein Opfer vorzuwerfen? Das ist die alte Arenataktik und Cäsarenlist, die sich schon bei den Christenverfolgungen gezeigt hat... Warum machen wir beständig den Juden zum Sündenbock für alles, was in der Welt geschieht?! Hat er vielleicht den Krieg gewollt? Er hat Seite an Seite mit uns gekämpft und geblutet, das heiligste Band der Kameradschaft hat uns verbunden — wollen wir zu Verrätern an Ihm werden? Ziffernmäßig haben in Deutschland und Oesterreich 50 Prozent Juden am Kriege teilgenommen, 30 Prozent sind gefallen. Warum weisen wir die Juden aus? Sie sind kein staatsgefährdendes Element, im Gegenteil I Sie wünschen den ruhigen Bestand der Ordnung in gemäßigtem, fortschrittlichem Sinne. Der Jude ist von Haus aus kein Revolutionär. Er ist Demokrat von altersher, das zeigte sich schon zur Zeit seiner staatlichen Selbständigkeit in seiner Verfassung, im Verhältnis zu seinem König, in der Beschränkung der königlichen Herrschaft, in der strengen Begrenzung der Machtbefugnisse seiner Vorgesetzten Behörden, im Verbot der einseitigen Anhäufung von Reichtümern und der ausschließlichen Erwerbung von Grund und Boden. Moses hatte sein Volk zu dem «demokratischesten» der Erde erzogen; durch die Zehn Gebote hielt die erste Menschlichkeit Einzug auf Erden, sagt Graetz, der große Historiker. Der gigantische Geist des Propheten wollte nicht über eine Herde Sklaven herrschen, sondern ein freies Volk heranbilden. So wurde schon in ältester Zeit der Grund zur freisinnigen Geistesrichtung des Juden gelegt. Er ward zum Verfechter von Freiheit und Gleichheit und besonders deshalb, weil er um diese Güter immer kämpfen mußte und deren Erlangung ihm sehr schwer gemacht wurde... Wer gegen die Juden ist, ist gegen den Fortschritt, denn die Fortentwicklung der Völker vollzieht sich auf demokratischer Basis. Es wurde in Deutschland der Boykott gegen die Juden proklamiert und trotz dieser drakonischen Maßregel «Schutz den Juden 1» angekündigt. Was soll diese gnadenvolle Geste? Nein, nicht Schutz — Gleichberechtigung, nicht Gnade — ihr Recht sollen sie haben! Soll ihnen vielleicht nur wieder «precario», bittweise Gut und Leben gehören? Sie sind ein Teü unserer Bevölkerung geworden, sie zählen zu den Fleißigsten, Intelligentesten und, für gewisse Zweige der Kunst und Wissenschaft, durchwegs Begabtesten, sie haben Anspruch auf unsere Brüderlichkeit. Ihre Verfehmung würde nur unser eigener Schaden sein! Wo immer sie vertrieben wurden, haben es Volk und Länder verspürt, Kunst und Wissenschaft, Musik, Schrifttum und Poesie, Handel und Verkehr, Ackerbau, Weinbau, Gartenkultur, Seidenzucht und Weberei, die Regsamkeit und Pracht des Lebens blühten auf, solange sie im Lande waren, der Wohlstand keimte aus dem Segen ihres Geistes empor und spießte auf dem Boden aller tür all ei Mit ihrer Ausweisung verrank der sprossende Segen, die spekulative Rührigkeit und gesellige Beweglichkeit verschwanden in der Staubwelle des Alltags... Das Motiv für den Antisemitismus jener Zeit war scheinbar ein religiöses; tatsächlich war es das gleiche wie heute, nur die Handhabe war eine andere! Ahasver, der rastlos Wanderndei Wieder sollen sie hinaus, die Verfolgten, aus Stätten, die sie sich erbaut haben, aus friedlichem Heim und Wir- *) Wir bringen diesen Aufsatz unserer geschätzten Mitarbeiterin als bemerkenswerten Beitrag n’V'r ethisch hochstehenden Arierin (Anm. d. Red.). kungskreis. Hört ihr die Stimme, wie sie klagt In kalteq Winternächten? Es ist dieselbe, die das Lied vom «Nedowaa singt mit seiner iieblch-leidvollen Melodie: «Die wilden Katapses (Horden) sind gekommen, sie haben das Häuschen erbrochen, den Vater erstochen. Helft, helft mir Armen!» Ruft sie nicht in schrillen Tönen eine furchtbare .Anklage In die Welt hinaus und haben wir nicht alle Anteil an dieser Tat?! Am 1. April, dem Geburtstage Bismarcks, des großen StaaJsmannes, der das nationale Heiligtum der Deutschen ist, begann der organisierte Boykott gegen die jüdische Bevölkerung des Landes. Gerade an diesem Tage, der so eng mit dem Ruhm und der Ehre Deutschlands verbunden ist, hat dieses Ereignis etwas Tragisches, so, als werde dadurch der reine, glänzende Schild des Deutschtums verdunkelt Jn den Budgetaufzeichnungen der Wiener Israelitischen Karltusgemeinde aus der Nachkriegszeit kommt ein Passus vor, der mich mit Bezug auf die jetzigen Vorgänge in Deutschland sehr ergriffen hat. Fast die ganze Organisation der Kriegshilfe und des Armenwesens waren während der Kriegsjahre in jüdischen Händen. Die Zentralstelle für jüdische soziale Fürsorge leitete im Jahre 1923 eine Hilfsaktion (ohne Unterschied der Konfession) ein, welche die Aufschrift trug: «Für unsere lieben notleidenden Brüder und Schwestern im Deutschen Reich!» Fast unverständlich erscheinen uns die deutschen Maßnahmen, einige Tausende von Bürgern in einem so großen Reiche werden entfernt, um ein paar anderen Tausend Platz zu machen? Es kommt mir fast so vor, als ob einer, um Seife zu ersparen, seine ganze Wäsche wegwirft oder, um sich zu wärmen, seinen Wald anzündet... Die antijüdische Strömung der Hitler-Politik ist in der Welt nicht populär. Viele Stimmen haben sich gegen sie erhoben, die jüdische Antwort auf den deutschen Antisemitismus war ein allgemeiner Schrei der Empörung und sie erfolgte blitzschnell, wie mit Kabeldraht. Ein Zu« sammenschluß der Juden aller Länder vollzog sich, dar englische und polnische Boykott deutscher Waren, die amerikanischen Massenprotestaktionen in Ost und West waren das Ergebnis. Das ist ein freudiges Ereignis, der Vorbote eines jüdischen Faschismus, der nun einsetzen wird... Juda erwache! Das jüdische Volk muß dieselbe Wandlungsbahn durchlaufen wie alle anderen Völker. Rechtlich und billig denkende Christen stimmen dem völlig bei Hat doch sogar der Oberste Herr der Christenheit gegen Akte unchristlicher Vergewaltigung seiner^ Mißbilligung geäußert, als die Pogrome in Rumänien, Polen, LMauen, Griechenland die Welt schaudern machten! Sind wir wirklich ins finstere Mittelalter zurückgekehrt? Gibt cs wirk« lieh noch Pogrome im 20. Jahrhundert? Wie ist dies möglich? Ein Judenboykott ist ein Schandfleck der Mensch hei tl Haben wir in den Tausenden von Jahren keine Fortschritte in der Zivilisation gemacht? Boykott! Pogrom! der DonnerschlagI Kennt ihr dieses Wort und erschauert nicht? Senkt nicht den Blick zu Boden vor Scham? Schon sein Klang, wie furchtbar! Wie dumpfes Grollen aus Untiefen! Das Gebrüll der Massel Ein Tierlaut, kein Menschenlaut mehr!... Das Verweilen der Seele in unterirdischen Kerkern der Verwahrlosung, In die kein Lichtstrahl der Gnade mehr fältt. Ein Verbrechens begangen von in ewiger Finsternis Wandelnden, die gebo« ren wurden, damit unser Fuß sie zertrete, wie den Kot dar Erde. Der Antisemitismus ist eine pathologische Erscheinung! eine geistige Krankheit der Völker, von der sie kuriert werden müssen. Der Mob muß endlich zum Schweigen gebracht wenden, das Gebell der Meute muß verstummen! Glossen „Apikolres“ jubelt Ueber den Erfolg des russischen FUnfjahrplanes kann man verschiedener Meinung sein. Es dürfte sich aber leider bewahrheiten, daß der Fünfjahvplan der Gottlosen große Erfolge hatte. So lesen wir im «Apikoires», dem Organ der gottlosen jüdischen Kommunisten, daß in den letzten fünf Jahren mehr jüdische Gotteshäuser ihrem Zweck entzogen wurden als in den zehn vorhergegangenen Jahren. Aus den Synagogen wurden Klubs, Lesehallen, Werkstätten ui.-d Schulen gemacht. Der Cheder ist Angeblich ausgerottet «ApikoiTes» schreibt: «Die Majorität der jüdischen Arbeiter hält nicht mehr den Sabbat und die jüdischen Feiertage oder andere Gebräuche, welche den Geist der Juden verdunkelten.» Besonderes Augenmerk wendeten die Gottlosen dem Pessachfeste zu. ln Odessa, Kiew und Charkow wurde mit aller Energie versucht, die Juden davon abzuhalten, das Fest zu feiern. Es wurden «Studenten-Brigaden» gebildet, welchen d:e Bearbeitung der Juden in den Fabriken oblag. Es wurden Versammlungen und Ausstellungen arrangiert, «um zu illustrieren, daß unter der religiösen Maske Sabotage» betrieben wird. Radio und Kino wirkten ebenfalls bei der Antl-Peasach- Propaganda mit, und in Len:ngrad wurden zwei Brigaden Kinder eingesetzt, denen es oblag, ihre Eltern davon abwhaiten, Pessach zu feiern.