Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 280 (18.5.1933)
- Date
- 1933-05-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 280 — 18. Mal 1033 DIE 5TIMME Seite S Donnerstag, den 25. Mai, 8, Uhr abends im T T Großen Konzerthaussaal \ / Q Vladimir Jabotinsky Kartenverkauf: Sekretariat, IX., Tel. A 17-5-40, Klappe 23; Rath, 11., Taborstraße 20 a und kassa des Palästina im Jahre Berggasse 16 Buchhandlung an der Tages- Konzerthauses Jjx dex H&dkJk, dex h&Ccfadetdsc&eH Jdieitexfaaußeti Warschauer Brief Zwei Wochen vor der historischen Debatte im englischen Parlament, Ln welcher das Weltgewissen in Ansehung des grausamen Judenschicksals im Hitlerland zum erschütternden Ausdruck kam, erlebten wir in Polens Metropole, abgesehen von den imposanten jüdischen Manifestationen, eine überaus charakteristische und wirkungsvolle Kundgebung von zwei bedeutenden Regierungsmännern. In der feierlichen Eröffnungssitzung der Jahresversammlung der vereinigten Handelsvertretungsverbände Polens, welche am 1. April 1. J. unter dem Vorsitz des auch als Reorganisator der polnisch-palästinensischen Handelskammer bekannten Richters Maximilian Friede stattgefunden hat, ergriff auch das Wort der ehemalige Minister und gegenwärtige Präsident der Warschauer Handels- und Gewerbekammer, Czeslaw Klarner, und sagte unter anderem: «Wir müssen feststellen, daß im gegenwärtigen Moment die Richtung unseres Handelsverkehrs revidiert werden muß. Es soll betont werden, daß wir unsere Geschäftspartner unter diesen Völkern suchen müssen, welche die Weltsolidarität repräsentieren, und uns entschieden gegen diejenigen Völker wenden müssen, welche den Rassenhaß predigen.» Noch schärfere Worte fand derselbe Wirtschaftspolitiker in seiner Ansprache in einer Versammlung der Handelskammerräte, welche unter der Devise der antideutschen Wirtschaftsfront vor einigen Tagen in Warschau stattgefunden hat: «Wir sind Zeugen einer Nachkriegserscheinung, welche durch das krasse Hervortreten der bösen menschlichen Instinkte gekennzeichnet ist.» «Die an der Liquidierung dieser Fermente interessierte Menschheit muß die Wiederkehr des Gleichgewichtes anstreben und sich Loyalität, Liebe und gegenseitiges Vertrauen zum Ziele setzen.» «Wir müssen den Haß und den gegenseitigen Vernichtungstrieb der Menschen perhorreszieren. Die Menschheit soll gegen alles, was gegen die natürliche Evolution unternommen wird, schärfstens reagieren, damit die ganze Welt mit Abscheu sich von jeder Ungerechtigkeit abwendetj> «Die kritische Zeit, welche jetzt das ganze Judentum durchmachtt wird eine Zementierung der polnischen Wirtschaftskreise mit dem jüdischen Element zur Folge haben die Handelskammern werden den geeigneten Boden für eine ständige und konsequente Mitarbeit in dieser Richtung bilden.» Lag b’Omer — der Tag der jüdischen Mutter*) Von Helene Hanna Thon, Jerusalem. <ii vielen Ländern der Welt hat man sich in den letzten Jahren daran gewöhnt, einmal im Jahre einen Feiertag von eigentümlicher Schönheit zu begehen: den Tag der Mutter. Inmitten des großen Sturmes körperlicher und seelischer Vernichtung, der in den Kriegs- und Nachkriegsjahren die Welt ergriffen hat, ist dieser zarte Brauch entstanden — wie ein zeitweiliges Besinnen der sich selbst zerstörenden Menschheit auf die Quelle des Lebens, den Untergrund der Schöpfung. Eine in Krieg und Not hart gewordene Menschheit, in der jeder einzelne das Seine zu erraffen und kriegerisch zu verteidigen strebt, steht einmal im Jahr einen Augenblick lang still und besinnt sich inmitten des ungewissen Wogens der Erscheinungen auf den unwandelbaren Ursprung alles Seins. Die Starken neigen sich vor den Schwachen, die Handelnden vor den Duldenden. Den Müttern, die im Krieg alles opfern mußten, was sie liebten, die in den Jahren nach dem Kriege Heim und Familie zusammenbrechen sahen, die sich vergeblich bemühen, aus dem Chaos ein paar Planken zu retten, die der körperlichen und seelischen Existenz der Familie eine Grundlage bieten können — ihrer gedenkt man am Tage der Mutter. Der Gatte, die Söhne und Töchter bringen der Mutter eine Huldigung dar: ein paar Blumen, ein Geschenk, ein Werk der eigenen Hände oder des eigenen Geistes oder eine Spende auf den Namen der Mutter zugunsten anderer not- *) Das Feuilleton unserer geschätzten Mitarbeiterin erreichte uns leider nach Drucklegung unserer letzten Num- mer, so daß wir es erst jetzt zum Abdruck bringen. (Anm. I d. Red.) I Mit den Worten: «Gott gebe uns friedliche Eintracht und nützliche Zusammenarbeit», schloß Präsident Klarner seine bemerkenswerte Rede. Der Direktor des Staatlichen Exportinstitutes, Dr. Marjan Turski, sagte zu Beginn seines Referates: «In demselben Momente, in welchem wir hier die Mittel und Wege einer solidarischen Zusammenarbeit zum Wohle der polnischen Volkswirtschaft beraten, geschehen hinter unseren westlichen Grenzpfählen Dinge, welche vom Verstände eines modernen Menschen kaum erfaßt werden können. Unter dem Imperativ einer unbegreiflichen nationalistischen und staatlichen Idee werden eigene Staatsbürger grausam boykotiert.» «Wir Polen sind nicht gewöhnt, verschiedene Klassen und Kategorien von Bürgern zu unterscheiden. Soweit die polnische Geschichte reicht, bildete die Idee der Toleranz aller Menschen, aller Ueberzeugungen, Religionen und Klassen ein nationales Gebot. Aus dieser Idee ist der polnische Staatsgedanke hervorgegangen. Der berühmte polnische Prediger Skarga bezeichnete „das Herz der polnischen Republik als weit genug, damit jeder Sohn darin Platz finde“.» «Wir wollen das nationale Gebot in diesem Sinne hochhalten und praktisch verwirklichen in dem Momente, in welchem drüben die Menschen von einem unbegreiflichen Haß erfüllt, andere ausrotten wallen.» «Wir wollen stolz den Gedanken der Solidarität hochhalten und einträchtlich und friedlich uns mit Ihnen in einer gemeinsamen Werkstatt zur schöpferischen Arbeit zusammenfinden.» Dies? wichtigen Enunziationen verdienen die größte Publizität, denn sifc bilden einen Markstein in der Entwicklung der polnisch-jfldlschen Beziehungen. Der Patriotismus . der polnischen Juden hat durch die judenfreundliche Einstellung der Regierung neue Impulse erhalten. Im Zusammenhänge damit soll auch erwähnt werden, daß die jüdische parlamentarische Vertretung von AUSLÄNDISCHE mODEHEUHEITEII EN DETAIL Seide-Wolle-Samte 12.-20. Mai Reklameverkauf FRANZ NEUNIAH, I. COHGORDIflFL 5 leidender Flauen und Kinder. Diese Huldigung an die Mutter ist letzten Endes eine Huldigung an das Leben, an die Auferstehung aus dem tödlichen Kampfe aller gegen alle. Und die jüdische Mutter? Ist es sinnvoll, sie aus dem Kreise der Mütter in den einzelnen Ländern herauszuheben, ihr eine besondere Ehrung darzubringen? Die Rechtfertigung für eine besondere Ehrung der jüdischen Mutter liegt in der besonderen Schwere des Schicksals, das auf ihr ruht, in der besonderen Härte des Kampfes, den sie zur Verteidigung jüdischen Lebens führt. Das jüdische Volk ist immer und ewig im Kriege, im erbitterten Kampfe um seine Selbstbehauptung. Immer bedroht von Vernichtung seiner Heimstätten, von Gefahr für Leib und Leben, von ruheloser Wanderung von Land zu Land. Zu dieser äußeren Heimatlosigkeit gesellt sieb in unserer Zeit, in der alle Grundfesten des Wissens und Glaubens wanken, die geistige Entwurzelung des in der Fremde von der jüdischen Tradition losgerissenen Juden. In dieser Zeit der Gefahren, die heute von allen Seiten das jüdische Volk bedrohen, und des geistigen Wankens, ist die einzige Heimat, die dem jüdischen Menschen bleibt, in der er Wurzel schlagen und seine Persönlichkeit entfalten kann, das Heim, das die Mutter den ihren bereitet, das sie mit sich trägt und stets neu aufbaut, wohin auch immer der Strom des Schicksals sie und die ihren entführt. Diesem immer wieder zerstörten und immer wieder neu erbauten jüdischen Heim auch aufs neue seine geistigen Stützen zu geben, ist heute, da alles fließt und wankt, für die jüdische Mutter schwerer geworden als je zu einer anderen Zeit. Um dieser besonderen Schwierigkeit ihrer Aufgabe willen, um ihr ein Zeichen zu geben, daß wir ihr helfen und danken möchten für den Mut und die Kraft, mit der der schroffen oppositionellen Haltung abzugehen gewillt ist und an der Wahl des Staatsoberhauptes, welche vorgestern einhellig stattgefunden hat, korporativ teilgenommen hat Die Persönlichkeit des Staatspräsidenten Professor Ignacy M o s c i c k i wird von der Judenschaft des Landes mit derselben Verehrung umgeben, wie die seines Kollegen Massaryk. Beide Männer der Wissenschaft leiten als abgeklärte Philosophen in Platos Sinne die Geschicke ihrer Völker. Für uns ist es nicht uninteressant, daß Prof. Moscicki um die Jahrhundertswende in der Schweiz eine Lehrkanzel der Chemie inne hatte und unseren Präsidenten Weizmann zum Assistenten hatte. Zwischen beiden Männern entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis, dessen jetzige politische Bedeutung noch nicht richtig eingeschätzt wurde. Ein Korrelat zur geschilderten Entwicklung bildet die Solidarität aller jüdischen Parteien und Fraktionen in Polen. Dieselbe äußert sich in der Bildung gemeinsamer Komitees. Nach vielen Jahren unliebsamen Parteihaders findet man die Prominenten verschiedener Richtungen bei einem Beratungstisch. Der heutige Tag, an welchem bedeutsame geistige Schätze den Flammen geopfert wurden, ist ein Tag der Kundgebungen der jüdischen und polnischen intellektuellen Kreise geworden. In einer großen Protestversammlung gegen Hitlers Barbarei und den jetzigen Berliner Vandalismus sprachen nach Prof. Balaban und Oberrabbiner Schorr auch Vertreter des polnischen Schrifttums, darunter der führende Mann Kaden Bandrowski, welcher als Mensch und Europäer angesichts der Scheiterhaufen seinen Gefühlen des Ekels und der Schande beredten Ausdruck gab. Die Professoren der Warschauer Universität haben sich dieser Kundgebung an geschlossen. Die polnische Presse gibt diese Stimmungen mit wenigen Ausnahmen wieder. Auch von der Bühne aus wird dem Hitlerismus begegnet*) Im «Polnischen Theater» (Teäfr PÖlski) wird jetzt eine Travestie der Komödie: «Die Vögel» von Aristophanes aufgeführt Der Hitlerismus wird natürlich nicht verschont und die Worte: «Vogelland, erwache» finden das richtige Verständnis in der gelungenen satirischen Beleuchtung. Zum ersten Male in der Geschichte der proletarischen Bewegungen Polens marschierten am ersten Mal die Gruppen der Poale-Zion Schulter an Schulter mit den großen polnischen sozialistischen Organisationen und bildeten einen gemeinsamen Zug. Dr. Arnold Friedmann. *) Im polnischen Radio wurde die denkwürdige Debatte des Londoner Unterhauses vom 13 April durch hervorragende polnische Schauspieler in Uche'rsetzung ' -'erhalt vorgetragen. sie ihr Los auf sich genommen hat, wollet: \v r den Tag der jüdischen Mutter feiern. Ihr, die mitten unter der Müttern der anderen Völker lebt und doch durch feindlich von jenen errichtete und sel'bsterbaute Schranken von den anderen getrennt ist, soll am Tag der jüdischen Mutter die Familie — jedes einzelne Mitglied oder alle in ihrer Gesamtheit — Beweise ihrer Liebe und Verehrung, ihres Verständnisses für ihre schwere Aufgabe darreichen. Aber wie wir die jüdische Mutter herausheben aus der Gesamtheit der Mütter, so soll auch die Huldigung, die wir ihr entgegenbringen, ihren eigenen Charakter tragen. Der Gedanke an die Mutter ist untrennbar verknüpft mit dem Gedanken an die Heimat. Aus dem Mutterschoß — unserer ersten Heimat — sind wir eingetreten in das Heim, das die Mutter verwaltet und dessen Spuren wir unser Leben lang in Blut und Geist mit uns tragen, um cs ferneren Generationen zu vererben. Das Heim einer Familie aber hängt ungewiß in der Luft, wenn es nicht eingebaut ist in die Heimat des gesamten Volkes, wenn es nicht aus dem Schoße der eigenen Erde seine Kräfte saugt. Die eigene Erde, die eigene Volksheimat hat dem jüdischen Volke allzu lange gefehlt, und darum haben unzählige Geschlechter jüdischer Mütter Lasten auf sich nehmen müssen, unter deren niederdrückender Schwere sie die Leichtigkeit und innere Freiheit, das kindliche Frohsein mit ihren Kindern verlernten. Erst jetzt, da das jüdische Volk wieder daran gegangen ist, den Boden seiner Heimat neu zu erringen, dürfen wir auf ein neues jüdisches Volksleben hoffen, ein Leben der Freiheit und Sicherheit, in dem jüdische Mütter sich körperlich und seelisch wieder aufrichten können. Wer der jüdischen Mutter gedenkt, der kann nicht anders als gleichzeitig der jüdischen Volksheinint zu gedenken.