Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 280 (18.5.1933)
- Date
- 1933-05-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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DIB STIMME Nr. 280 — 18. Mal 1093 Noch für zehn Siüdie wie Tel-Awiw ist in Palästina Baum Nahurn Sokotow über Patüstinaaufbau und das deutsche Judenprobtem Was stellt sich Jedoch heraus? Von den Zugelassenen sind Ober 70 (siebzig!!) Prozent Getaufte, die mit den Judent und dem Judentum überhaupt nicht den geringsten Zusammenhang haben und uns Juden als Fraß zur Milderung unserer Not hingeworfen werden. Es ergibt sich das groteske Schauspiel, daß abtrünnige und verräterische Judenstämmlinge unserem Konto gutgeschrieben werden und daß sie sich scheinbar in dieser Rolle wohlfühlen. Weniger zufrieden sind wir und unsere Empörung gegen diese freche Schiebung muß umso mehr die Kampfstellung der Juden der ganzen Welt verstärken. Und dies ohne Rücksicht auf die Meinungen und eventuellen Beschwichtigungsversuche seitens der deutschen Juden. Es geht wohl um ihr Schicksal, aber es geht auch um das Schicksal der Juden der ganzen Welt und um unseren nationalen Stolz. Im ersten Ansturm des Kampfes waren es die deutschen Juden, die unter der Fuchtel gegen die Greuelpropaganda aufgetreten sind. Sie täuschten sich vielleicht über die Wandlung demagogischer Volksverhetzer und erhofften vielleicht ein Einlenken nach dem Siegesrausch. Das Gegenteil ist eingetreten. Es gibt heute im breiten und weiten Deutschland kein Gewissen und kein Erbarmen. Der Rache- und Rasseschrei übertönt jede Regung von Kultur und Menschlichkeit. Alles, was rassenrein deutsch sich dünkt und zu den Leuchten Europas gehörte, hält es für praktischer, sich zu ducken und zu schweigen. Während der russischen Pogrome erhob sich die dröhnende Stimme eines Tolstoi, Gorki, Dostojewski (trotz seiner antisemitischen Einstellung!), während der Dreyfüs-Affäre verblutete ein Emil Zola, Piquard, Scheurer, Kestner im Kampfe für die Gerechtigkeit — von den 60 Millionen Deutschen im In- und' Auslande erhob sich keine einzige gewichtige Proteststimme gegen die blutrünstige Barbarei. Es schweigen Hauptmann, Thomas und Heinrich Mann, Hermann Bahr und all die führenden Geister, die nicht zuletzt auch uns Juden ihren Ruhm und Aufstieg zu verdanken haben. Daß jüdische Verknüppelung auch einem Jakob Wassermann, einem Franz Werfel, einem Stefan Zweig, Emil Ludwig das Wort verschlagen hat, kann uns, nationale Juden, die heute die Früchte der Assimilation ernten müssen, den derartige Juden im deutschen Kulturgebiete gesät haben, keinesfalls verwundern. Sogar die lohenden Flammen, in denen ihre Werke aufgingen, konrten diese vergreisten und vereisten Judenseelen im Interesse ihres Volkes nicht zu einem Protestschrei emporreißen; Es gibt kein Zurück und es gibt kein Zurückweichen vor dem Dritten Reich. Wir werden den uns aufgezwünger.en Vernichtungskrieg mit verbissenem Groll weiterführ-in. Wir sind des endlichen Sieges gewiß, wie wir sicher sind, daß stets Kultur über Barbarei, die Moral ßber die nackte Gewalt, die Gerechtigkeit über den Machtrausch von Despoten den endlichen Sieg davongetragen hat. Den deutschen Juden rufen wir jedoch zu — wir fühlen uns leiden mit euch und werden euch keinesfalls Im Stiche lassen. Dasselbe jedoch verlangen wir von euch. Laßt euch nicht betören durch Rückzugsmanöver. Euer Hurra-Patriotismus fürs deutsche Volk rächte sich blutig und uns gilt es, mit den Illusionen der Vergangenheit restlos aufzuräumen! Wie im deutschen Kriege, gilt heute der Satz — wir kennen keine deutschen, polnischen Juden — wir kennen nur Juden — ein kämpfendes, blutendes Volk, ln aller Welt. Kriegsbeschädigte dürfen von Jüdischen Aerzten nicht behandelt werden Berlin. Der Reichsarbeitsminister hat durch die Verordnung vom 22. April 1933 für die kassenärztliche Behandlung der Sozialversicherten, darunter der zurückgekehrten Kriegsbeschädigten, bestimmt, daß nur arische Aerzte zugelassen sind, ln Auswirkung der genannten Verordnung hat der Reichsarbeitsminister nunmehr in einem Erlaß an die Hauptversorgungsämter vorgeschrieben, daß auch die gleichen Vorschriften auf die Behandlung nichtvereicherter Kriegsbeschädigter anzuwenden sind. MOSES RATH‘S „SFATAMENU” Lehrbuch der hebräischen Sprache für Schul- und Selbstunterricht mit Schlüssel und Wörterverzeichnis mit deutscher, polnischer, ungarischer, rumänischer oder englischer Unterrichtssprache. Einzige Methode zur vollständigen Erlernung der hebräischen Sprache in Wort und Schrat auch ohne Lehrer. Der Preis dieses gut ausgestatteten, 400 Seiten starken Lehrbuches beträgt nur S 3.60 der englischen Ausgabe Dollar 1.*—. Buchhändler, Schulen, Organisationen und Lehrer erhalten einen hohen Rabatt Zu beziehen bei M. Rath, Verlag, Wien, II. Taborstraße 20 a. London. Unter dem Vorsitz von Leon Simon fand am 8. Mai im Londoner jüdischen Gemeindehaus eine von der Zionistischen Vereinigung für London einberufene Versammlung statt, in der der Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency Nalium Soko 1 ow über Palästinaaufbau und deutsches Judenprobiem sprach. Die Lage der Juden in Deutschland, erklärte Sokolow, unterscheide sich wesentlich von der Lage der Juden in anderen Ländern 2u Zeiten, in denen sie dort Zurücksetzungen und Bedrückungen ausgesetzt waren. So habe sich z. B. zur Zeit der russischen und polnischen Pogrome die gesamte Intelligenz der betreffenden Länder, alle ihre großen Schriftsteller, Künster und Professoren, wie ein Mann auf die Seite der Juden gestellt. W o aber finde man die Tolstois des heutigen Deutschlands? Keine einzige Stimme habe sich dort zur Verteidigung der Juden erhoben. Das Schauspiel der Vertreibung hunderter jüdischer Rechtsanwälte von den Gerichten sei, wenn schon nicht mit Schadenfreude, so doch mit stumpfer Gleichgültigkeit mitangesehen worden. Wie können wir, fuhr Sokolow fort, den deutschen Juden helfen? Jeder Jude sollte hier für sein Teil etwas tun; und vor altem muß hier aus England Hilfe kommen, aus einem Lande, das, verglichen mit der übrigen Welt, noch in relativ glücklichen Verhältnissen lebt Wie können wir glauben, daß wir hier unter einer Krise leiden, wenn wir uns die Lage der Vor Hunger hinsterbenden jüdischen Bevölkerung Polens und Litauens vor Augen halten? Es ist gesagt worden, man müsse für die deutschen Juden eine Zufluchtsstätte in jenen Ländern finden, die bereit sind, sie aufzunehmen. Aber bedeutet dies eine Lösung der Judenfrage? Herzl sagte, Antisemitismus führe zur Auswanderung; aber auch umgekehrt führt Auswanderung Petition der Jüdischen Abgeordneten Im polnischen Parlament . Warschau. Der Klub . der jüdischen Deputierten im polnischen Parlament hat dem Völkerbund eine Petition unterbreitet, in der auf die Lage der im Volksabstimmungsgebiete Deutsch-Oberschlesiens lebenden Juden hingewiesen und das Einschreiten des Völkerbundes au! Grund der Minderheitenbestimmungen der Genfer Konvention gefordert wird. Die Juden Oberschlesiens stehen als religiöse Minderheit unter dem Schutze des Völkerbundes, ebenso wie die in den jetzt polnischen Gebieten Oberschlesiens lebenden Deutschen als nationale Minderheit unter Minoritätenschutz stehen. In Völkerbundkreisen wurde bereits vor einiger Zeit die Ansicht geäußert, daß der jüdischen Bevölkerung Oberschlesiens das Recht einer Petition an den Völkerbundsrat auf Grund der Artikel 147 u n d‘ 149 d e r G e n fe rKonvention vom 15. Mai 1922, betreffend Oberschlesien, 2 u s t e h e, falls sie in gleicher Weise wie die Juden in den übrigen Teilen Deutschlands behandelt werden sollte. Der bekannte Journalist und gründliche Kenner von Problemen der internationalen Politik Vladimir Po 1 i a k o f f hatte seinerzeit gleichfalls in einem Brief an die Londoner «Times» auf das Beschwerderecht der Juden Oberschlesiens hingewiesen. Palästinakolonlsation deutscher Juden uuter Völkerbundaufsicht Eine Forderung des amerikanischen Zweiges der Jewish Agency New York, ln einer Versammlung der amerikanischen Mitglieder des Councils der Jewish Agency wurde eine Resolution gefaßt, in der die Exekutive der Jewish Agency aufgefordert wird, sich an die Mandatarmacht mit dem Verlangen zu wenden, einer größtmöglichen Zahl von Juden, die in letzter Zeit gezwungen waren, ihre bisherige Heimat zu verlassen, die Einwanderung nach Palästina zu ermöglichen. Der amerikanischen Regierung wurde beglaubigtes Material Uber die Lage der deutschen Juden mit dem Ersuchen übermittelt, gemeinsam mit dem Völkerbund ein Programm für eine Internationale Hilfsaktion zugunsten der deutschen Juden nach dem Muster der vom Völkerbund bei früheren Gelegenheiten eingeleiteten Aktionen zur Repatriierung verschiedener Volksstämme aufzustellen. Insbesondere solle dem Völkerbund die Aufgabe gestellt werden, eine Kommission elnzusetzeo, die zur zu Antisemitismus, denn die Juden tragen, wie unsef großer Führer sagte, auf ihren Wanderungen den Anti* semitismus von einem Land in das andere. Die Juden» frage in Deutschland betrifft nicht dit deutschen Juden allein; sie betrifft die Juden» emanzipation in allen Ländern, sie trägt epI» demischen Charakter. Wir müssen uns davor hüten, die ersten Anzeichen solcher Bewegungen allzu leicht zu nehmen. Auf meinen Reisen durch die ganze Welt, erktärte Soko» low, habe ich ein einziges Land gefunden, In dem dit Menschen glücklich und zufrieden leben und an den Erfolg ihrer Arbeit glauben: Palästina. Dort gibt es noch genug Niemandsland. Zehn Städte wie Tel-Awlw mit seinen Ü0.000 Einwohnern könnten dort noch errichtet werden. Für eine große Zahl von Juden ist noch Platz vorhanden. Und es würde schwer halten, zur Auffüllung des Landes bessern Kolonisten zu finden, als die deutschen Juden mit ihrem Pioniergeist und ihrer Erfahrung. Sie würden deutsche Systematik, Disziplin und Unternehmungsgeist mitbringen. Ich wünschte, eine große und blühende deutsche Judenheit in Palästina entstehen zu sehen. Nach der mit grobem. Beifall aufgenommenen Rede Sokotows ergriff Leon Simon das Wort. Er führte u. a. aus, die verschiedenartigen Reaktionen auf die deutschen Vorgänge auf politischem, wirtschaftlichem und philanthro« pischem Gebiet böten, so notwendig sie auch seien, kein« endgültige Lösung. Die richtige Antwort auf den Antk semitismus müsse sein: Verstärkung des jüdischen Seins in unserem Leben, Verdoppelung unserer Bemühungen zuf Errichtung des nationalen Heims, Pflege unseres großen jüdischen Erbes. Jüdische Pflicht sei es, für die Wiederaufrichtung des jüdischen Volkes sowohl in Erez Israel als auch in den Wohnländern der Juden zu kämpfen. Durchführung der Kolonisation jüdischer Flüchtlinge in Palästina bevollmächtigt sein soll.. Keine Greuel... Wie «The Jewish Chromcle» meldet, drangen am 4. April S. A. und S. S. unter Führung eines Oberwachtmeisters der Schupo tn ein Bethaus in der Grcnadierstraße 31 in Berlin ein, mißhandelten die 14 anwesenden Beter und zer» rissen acht Thorarollen. Auch d:e Thoramäntel wurden zerfetzt. Die verwundeten Juden wurden dann gezwungen, das Bethaus aufzuräumen, die Blutspiren abzuwaschen und die zerrissenen Thorarollen auf einen Mülllyjiufen zu werfen. Später kam ein anderer Oberwachtmeister der «Schupo* und sagte: «Es tut mir außerordentlich leid, meine Herren. Sie sind unschuldig. Aber wenn etwas von dem nach außen dringt, was sich hier ereignet hat, werden Sie alle erschossen.» Die gleichen Vorfälle ereigneten sich in einer Synagoge in der Grenadierstraße 37. Verträge der Stadt Berlin mit ffidl* sehen Aerzten gelöst Berlin. Wie der «Berliner Beobachter» mitteilt, bat Staatskommissär Hafemann bekanntgegeben, daß alle laufenden Verträge der Stadt Berlin mit jüdischen Aerzten und Zahnärzten gelöst und ihre Stellen mit nationalen Aerzten besetzt wurden. Feiner habe er einen hauptamtlichen jüdischen Vertrauensarzt und dessen Bureau- Schwester entfernt, sowie die Stellen von drei Krankenbesuchern eingespart. Weiters seien Lieferungsverträge mit dem Konsumverein und dem Warenhaus Hermann Tietz gelöst worden. Verurteilung eines Nationalsozialisten ln Rumänien Aus Temesvar wird uns berichtet: Hier wurde der Nationalsozialist namens Bussing wegen Hissung der Hakenkreuzfahne anläßlich des nationalsozialistischen Wahlsieges ln Deutschland zu fünfzehn Tagen Arrest und 5000 Lei Geldstrafe verurteilt Juden, kaufet Palästina-Produkte bei lamuelHalpern Wien, II., Förstergasse 6, Tel. A-46-4-12 Jaffa-Orangen nur noch kurze Zeit. 1 kg S 1.— Appell an den Völkerbund Keren KaJemekhBoden i die sicherste Grundlage für jüdische Landwirtschaft und Industrie