Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 280 (18.5.1933)
- Date
- 1933-05-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b. BEZUGS¬ BEDINGUNGEN OMt«rr«idi mon.tlieh S 1*50, viertaljlhrl. S 4*20, ganzilhrL ... 8 16 — Dautachld. viarial Ihrl.. .. RM 3 — achachoalowakai vierteil. . Ke 24"— Jugoslawien vierte) jShrl. . Din. 40 — Polen vterieljlhr lieh . . Zloty ft 50 Ungarn vierteljühr lieh . . Pengö 4 20 Rumlnien vierte) jihrl.. . Lei 120 — Uehrigea Aualand vierteljihrl. Schw. Franken 4 SO Preis IS T Erscheint Jeden Do nn erste« 6. Jahrgaflj Jüdisdke Zeitung Wien, Donnersteg, 18. Mel 1933 (22. Ijjar 5693) Radakttoa tmd Administration Wien, L, KKrntn«r> atrale 28 Tal. R-27-4-85 Postsparkassenomi: Oeaterr. D 113.546 Polen . . 191.199 Tediechoalowakel .500.230 Jugoslawien 40379 Nummer 280 Die Bücherverbrennungen in Deutschland: Mittelalterliche Feuerszenen in Berlin 45.000 njüdische" Bücher verbrannt — Feuersprüche und Lieder Die von der deutschen Studentenschaft angekündigten öffentlichen Verbrennungen der aus den Bibliotheken ausgemerzten Bücher jüdischer und anderer Autoren sind am Abend des 10. Mai in allen deutschen Universitätsstädten programmgemäß verlaufen. In Berlin bewegte sich der von Musikkapellen begleitete und von Fackelträgern flankierte Zug der Studenten bei strömendem Regen durch das Branden* burger Tor über die Hauptstraße Unter den Linden zum Opernplatz. Ein dichtes Menschenspalier umsäumte die von den Studenten passierten Straßen. Die Teilnehmer an der Kundgebung waren zum Teil in Wichs, zum Teil in Zivil mit Kappe und Band und in Braunhemden erschienen. Auf dem Opernplatz hatte sich eine dichte Menschenmenge ange- Bammelt. Von der Freitreppe des Opernhauses, von den Baikonen der umgebenden Häuser und von den Fenstern der gegenüberliegenden Universität aus verfolgten weitere Hunderte das Schauspiel. Gegen 11 Uhr rückte der Zug der Siudenten an. Auf einer Stange wurde eine Büste des Sexualforschers Magnus Hirsfchfeld, dessen Institut anläßlich der Aktion der Studentenschaft vollkommen durchsucht worden war, mitgetragen. Die großen Lastautos, auf denen die zur. Verbrennung bestimmten Bücher herangeführt wurden, trugen Inschriften wie «Die deutschen Studenten marschieren wider den undeutschen Geist» und ähnliche. Feuerwerker hatten den Holzstoß auf dem Opernplatz mit Petroleum übergossen, so daß die Flammen hoch emporloderten, als die brennenden Fackeln auf den Scheiterhaufen geworfen wurden. Der Führer des Kreises Brandenburg der deutschen Studentenschaft, Gutjahr, hielt eine Ansprache, in der er erklärte, die Studenten wollten der Entnervung der Volkskraft Einhalt gebieten. Man habe Gift über die Jugend ausgestreut und keiner von den früheren Machthabern habe sie davor geschützt. Nun schreite die deutsche Studentenschaft selbst zur Tat. Sodann wurden die Werke der auf die schwarzen Listen gesetzten Autoren, darunter die von Karl Marx, Sigmund Freud, Heinrich Mann, Remarque, Emil Ludwig, Lion xtacA Roman von loopold Hldilov Brosch. S 4.80 Ganzleinen S 7.— Mit gleicher Liebe und Anschaulichkeit wie in seinem früheren Roman «Moses Mautner und sein Sohn» schildert Hlchler hier die Freuden und die Tragik einer Wiener jüdischen Familie. So Ist auch dieses Werk berufen wie der «Moses Mautner», ein echtes Volksbuch zu werden. R. löwIt-Verlaq, Wien Durch jede gute Buchhandlung Feuchtwanger, Stefan Zweig und, dem Bericht des «Berliner Tageblatt» zufolge, auch solche englischer und französischer Autoren, von den Vertretern der einzelnen Studentengruppen ins Feuer geworfen. Dabei wurden sogenannte «Feuersprüche» gesprochen, wie z. B.: «Wir wollen keine Verfälschung deutscher Geschichte, darum übergeben wir Emil Ludwig Cohn dem Feuerl» — «Wir wollen keine volksfremde Politik, darum hinein in die Flammen mit Theodor Wolff und Georg Bernhard!» — «Wir wollen keine Entsittlichung des Volkes, darum brenne, Magnus Hirschfeld!» Schließlich wurde auch Hirschfelds Büste auf den Scheiterhaufen geschleudert. Es folgte eine Ansprache des Reichspropagandaministers Dr. Goebbels, der u. a. erklärte: «Die Zeit des überspitzten jüdischen Intellektualismus ist zu Ende, der Durchbruch der deutschen Revolution hat auch dem deutschen Geist wieder die Gasse freigemacht. Aber ein Revolutionär muß ebenso groß sein im Niederreißen der Unwerte wie im Aufbau der W^rte. Wenn ihr Studenten euch das Recht nehmt, den geistigen Unflat hi die Flammen, zu werfen; dann müßt‘ihr auch die Pflicht auf euch nehmen, an Stelle dieses Unflates einem wirklichen deutschen Geist den Weg freizumaehen.» Mit Chorgesang wurde die Feier abgeschlossen. *• In Frankfurt a. M. wurde die Bücherverbrennung auf dem Römerberg vorgenommen. Der feierliche Transport der Schriften zum Scheiterhaufen erfolgte auf einem von zwei Ochsen gezogenen Mistwagen. Bei der Bücherverbrennung in München sprach der bayrische Kultusminister Schemm. In Königsberg fand die Verbrennung der eingesammelten Bücher trotz strömenden Regens statt. Vor dem von der Studentenschaft in Bonn errichteten Scheiterhaufen sprachen die Professoren Naumann und Luethgen. Rote Marke als „gelber Fleck44 ln der Frankfurter Rothschild-Bibliothek Frankfurt a. M. Der Direktor der Freiherrlich Carl von Rothschildschen Bibliothek, Dr. Kirchner, nahm küzlich mit einer Kommission, der u. a. auch Bibliothekar Dr. Beer, angehört, die Entfernung von Büchern jüdischer Autoren und Werken der marxistischen Literatur aus den städtischen Bibliotheken vor. Die aus den Ausleihbeständen ausgeschiedenen Werke werden in je einem Exemplar unter Verschluß als Archivbestand für Forschungszwecke zurückgestellt. Bel den Rothschildschen Bibliotheken, deren Bestände nicht für die breiten Volksmassen bestimmt sind, sollen die bei den Volksbüchereien gesperrten Werke in den allgemeinen Beständen verbleiben. Sie sind jedoch durch eine rote Marke gekennzeichnet und werden nur an solche Personen ausgegeben, die den Nachweis erbringen, daß sie sie für wissenschaftliche Zwecke benötigen. In Marseiile schifften sich am vergangenen Freitag zirka 100 deutsche Juden nach Palästina ein. Sie waren im Besitz von Zertifikaten. Quarzbrenner und vollständige Quarzlampen fUr ultr€&-vtolett-B estratiluxifi Fabrik elektr. Apparate Dr. jl C Pale Wien, V., ROdlgtrgasse Nr« 10. Telephon Nr. B-27-0-2# Es gibt kein Zn rück! Gespannt wartet die Welt auf die Erklärung, die Hitler im Reichstag in den nächsten Stunden abgebeit wird. Krieg oder Frieden — das ist die Frage, vor die die Menschheit plötzlich durch eine Horde demagogischer Retter gestellt wird. Hitler wird sagen, was der Reichstag will, und dieser Reichstag ist wohl das Zerr* büd einer eingeschüchterten, in sklavischer Angst zittemden Demokratie. Es gibt wohl niemand in der Welt, der einem solchen Reichstag trauen kann, und es täuscht sich wohl niemand darüber, daß auch die beste Friedensrede eines Hitlers dieselbe Ueberzeugungstreua atmen wird, wie etwa die famose Versicherung, daß keinem Juden ein Haar gekrümmt wird, während das ganze Judentum mit Haut und Haar der Verniohtung preisgegeben wurde. Die Vertrauenskrise ist es, die das Dritte Reich ffiit GewitterStürmeh ümloht, und das mangelnde Vertrauten zu säbelrasselnden Hunnen brachte Deutschland in eine furchtbare politische Isolierung, die es sichtlich ln einen Abgrund reißt. So viel politischen Stumpfsinn, ein solch gewaltiger Mangel an Sinn für Realitäten der Wirtschaft, der Diplomatie, der ethischen und kulturellen Bindung der modernen Welt leisteten sich die Führer des Neuen Deutschland, daß man geradezu erschüttert wird über die vollkommene Passivität eines versklavten und in der Sklaverei untergehenden 60-MilIionen-Volkes. Niemand traut mehr den Reden und Beteuerungen von demagogischen Wüterichen und am allerwenigsten kann es das Weltjudentum sein, das in frecher und brutaler Weise zum Kampfe aufgefordert wurde. Den größten Krieg der Weltgeschichte nannte am Vorabend des Boykotts Streicher den Krieg gegen die Juden. Der Sieg fiel ihm leicht. Aber im Siegesrausch übersah er, daß hinter dem niedergeschmetterten Judentum in den Grenzen des Nazi-Reiches in aller Welt eine ehern« Front von 15 Millionen Mitstreitern erstanden ist, dl« den Krieg auf nehmen und solange führen werden, bis die Kulturschande einer brutalen Pickelhaube ausgerottet wird. Es mag das neue Deutschland über die Greuelpropaganda heuchlerisch zetern und wettern, die Tatsachen sprechen eine solch erschütternde Sprache, daß das Weltgewissen ohne unser Dazutun mit uns heute I eine einheitliche Front des Abscheus und der Empörung gebildet hat, die sich durch noch so starke Gegenpropaganda, Rückzugsmanöver und Beteuerungen der Naziführer nicht täuschen und betören läßt. Das deutsche Judentum liegt am Boden zerschlagen und vernichtet. Mit diesem blutig-traurigen Ergebnis des schändlichen Feldzuges eines angeblichen Kulturvolkes gegen eigene Staatsbürger muß sich bereits das Weltjudentum abfinden. Die plumpe Art, wie das Rückzugsmanöver der Naziführer durchgeführt wird, kann uns nur in dieser katastrophalen Erkenntnis bestärken. So wurden durch eine Verordnung des famosen preußischen Justizministers angeblich gegen tausend jüdische Anwälte wieder zur Ausübung des Berufes zugelassen. CESCHKÄ MKAt5ERSTR.m ar. Alssrstr. 6 St&- S1&-S20