Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1933-05-11 · Heft 279 (11.5.1933) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 279 (11.5.1933)
Date
1933-05-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3053752-3054015-3054034--3508-3059030
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 279 — 11. Mal 1933 DIB STIMME ScH« S Dr. Jakob Rosenthai: Reportage über jüdisches Elend in Wien Eine Stunde in der Fürsorgezentrate der Wiener Kultusgemeinde Jn der vor kurzem abgehaltenen Budgetberatung des Vorstandes der Wiener Kultusgemeinde über den Voranschlag für das Jahr 1933 wurde ein Ausgabebudget in dar respektablen Höhe von S 6,134.975.— angenommen. Es ist ein Zeichen der Zeit, daß die größte Post in diesem Jahresbudget der Wiener Judengemeinde, die einen immensen Aufgabenkreis auf kulturellem und rituellem Gebiet zu erfüllen hat, jene für FUrsoigezwecke einnimmt und mH nicht weniger als mit S 2,303.680.—, d. i. um über S 40.000 mehr als im Vorjahr, präliminiert erscheint. Diese in Anbetracht der immer mehr versiegenden Geldquellen der Gemeinde, der entwertenden Valorisierung der seinerzeitigen, materiell bedeutsamen zahlreichen Stiftungen, des Ausbleibens einzelner großer Spenden und Legate und schließlich der von Jahr zu Jahr, wie bei allen Bundes- und Kommunalkörperschaften, stets sinkenden Steuerkraft der Mitglieder der Wiener Kultusgemeinde, exorbitant hohe Summe erscheint jedoch begreiflich, wenn man sich die katastrophale Tatsache vor Augen hält, daß heute an über 50.000 Juden, also ein Viertel der gesamten jüdischen Bevölkerung Wiens, durch die unheimliche Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage auf direkte oder indirekte Unterstützung durch die Jüdische Gemeinde angewiesen sind. * Noch immer herrschen in vielen Kreisen, jüdischen und nichtjüdischen, die merkwürdigsten Ansichten über die Notwendigkeit der jüdischen Fürsorge. «Wofür zahle Ich eme so hohe Kultussteuer?» «Wozu brauchen wir eine jüdische Fürsorge?» — sind die zwei Fragen, die häufig die Einstellung eines leider beträchtlichen Teiles der Wiener Juden gegenüber den Forderungen und Bedürfnissen der Wiener Kultusgemeinde kennzeichnen. Das große Fürsorgewerk der Gemeinde Wien ist nach Ansicht mancher Kreise auch für jüdische Petenten und Fürsorgesuchende offen, ln anderen Kreisen wieder herrschen die entgegengesetzten Ansichten, die oft und überraschenderweise von nichtjüdischen Fürsorgestellen und von Behörden vertreten werden, die da in Unkenntnis der Leistungsfähigkeit der Wiener Jüdischen Gemeinde glauben, daß diese und nur diese, in erster Linie berufen ist, für bedürftige Juden zu sorgen, in den meisten Fällen wird vergessen, daß die karitative Betätigung der Kultusgemeinde wohl eine durch Religion und seit Jahrtausenden übernommene Tradition und gerne geübte Pflicht ist, aber — im Gegensatz zu der durch Oesetze vorgeschriebenen Unterstützungs- und Versorgungspflicht des Staates, des Landes und der Gemeinde — eine immerhin nur freiwillige Hilfeleistung darstellt, die im besten Falle die öffentliche Fürsorge zu ergänzen und zu erweitern, niemals aber zu ersetzen imstande sein kann, daß ferner die Kultusgemeinde ihre Fürsorgearbeit zum größten Teil der privaten Opferwilligkeit ihrer Gemeindemitglieder verdankt und keine Handhabe hat, durch Vorwhreibung besonderer Abgaben jene Defizite zu decken, wenn die erwähnte Opferwilligkeit versagt. Hiezu kommt noch folgendes: Die Voraussetzung für die Inanspruchnahme von Unterstützungen, für die Aufnahme in öffentlich* Erziehungsanstalten, Waisenhäuser, Spitäler, Versorgungsanstalten usw. Ist in Wien die österreichische Staatsbürgerschaft resp. die Zuständigkeit nach einer österreichischen Gemeinde. Ein großer Teil von seit Jahrzehnten in Wien lebenden Juden, darunter auch die, die während des Krieges ihrer Habe beraubt, nach Wien flüchten mußten, kann di« vorerwähnte Voraussetzung nicht schaffen. Und gerade diese, meist den allerflrmsten Schichten angehörenden Menschen, oft kinderreiche Familien, sind von der öffentlichen Fürsorge so gut wie ausgeschlossen. Hier einzugreifen hält die jüdische Fürsorge der Wiener Kultusgemeinde als ihre hehrste Pflicht Denn die jüdische Fürsorge darf und will keinen Unterschied zwischen den zuständigen und nichtzuständigen Juden machen. Gerne folge Ich daher der Einladung des Leiters der Sozialen Fürsorge der Wiener Kultusgemeinde, dem Wiener Arzt Dr. J. Klaber, zu einem Besuch in der Fürsorgezentrale ln der Seitenstettengasse. Angesichts der erschütternden Tatsachen, die man hier erfährt, angesichts der Not und des Elends, die hier aus jedem einzelnen Akt in mannigfalt gster Gestalt entgegenstarrt, verstummt die Frage nach der Notwendigkeit der jüdischen Fürsorge. Aber noch mehr. Die Frage jener Wiener Juden: «Wofür zahle Ich eine so hohe Kultussteuer?», wird hier in überzeugender Weise beantwortet Die innerhalb der Wiener Kultusgemeinde geübte Wohlfahrtspflege hat im Wandel der Zeiten, sowohl was die äußere Form betrifft als auch hinsichtlich des sachlichen Umfanges dieses Arbeitsgebietes bedeutsame und mannigfache Aenderungen erfahren. Aus der durch mehr als hundert Jahre geführten «Armenanstalt’der Israelitischen Kultusgemeinde» ist die «Fürsorgezentrale der Israelitischen Kultusgemeinde Wien» in ihrer heutigen Form hervorgegangen, die das gesamte Fürsorgewesen in einer einzigen Institution zusammenfaßt. Die Umwälzungen wirtschaftlicher und sozialer Natur haben die jüdische Bevölkerung Wiens in besonderem Maße bettoffen und diese Tatsache erforderte besondere Hilfsmaßnahmen. Fürsorge am laufenden Band Ein Besuch in der Fürsorgezentrale in der Seitenstettengasse gibt ein erschütterndes Bild vom Elend, von der Not und dem Jammer des jüdischen Wien. Unser vielgepriesener Reichtum ist längst als das erkannt worden, was er ist: als ein Phantasieprodukt unserer Gegner. Gewiß, wir leben ln einer Zeit erbittertsten und härtesten Daseinskampfes aller gegen alle, in einer Zeit, in der es schwerfälit, sich von Einzelschicksalcn rühren zu lassen. Elend und Not, Selbstmord und Hunger, Vernichtung des Individuums wie ganzer Schichten und Klassen, ein Hinuntergeschleudertwerden in den Abgrund des Nichts — all das ist heute mehr denn je kollektives Schicksal, das vor keiner Rasse und keiner Nationalität und keiner Konfession haltmacht. Und doch liegt in der Erscheinung des armen, kranken und alten Juden etwas besonders Trauriges. «Ein alter, armer Jude,» sagte mit Recht Heinrich He ine/«ist dreifach elend.» Der Zentralkataster, der derzeit an die 12.000 Akten mit insgesamt 50.000 Personen aufweist, da auf einen Petenten oft 4 bis 6 Personen fallen (in Anbetracht der gerade in den niederen Schichten vorkommenden kinderreichen Familien), ist das schweigende, aber um so beredtere Sammelsurium jüdischen Elends und Leides in dieser Stadt. Hiebei muß man bedenken, daß in dieser vorerwähnten Zahl nicht alle jene Fälle berücksichtigt sind, bei denen es sich bloß um vorübergehende Maßnahmen gehandelt hat, und auch nicht die Angelegenheiten der Wanderfürsorge, die gesondert geführt werden. Durch die täglich erschreckend zunehmende Not muß sich die Fürsorgetätigkeit in der Hauptsache darauf beschränken, in den berücksichtigungswertesten Fällen durch tunlichst sofortige Geldzuwendiingen eine gewisse Abhilfe zu schaffen. Im übrigen Ist das Prinzip vorherrschend, daß an Stelle der Bargeldaushilfen die Zuwendung von Naturalien zu treten habe. So wurden die Ausspeisungsaktionen und Kohlenaktionen erweitert, die Ausgabe von Lebensmitteln schon vor Beginn der Notstandsaktion zur ständigen Einrichtung gemacht, eine Bekleidungsaktion (Brockensammlung) aufgebaut u. v. a. Alte und erwerbsunfähige Personen werden mit ständigen Monatsgaben bedacht. Gegenwärtig erhalten an die 700 Personen resp. Ehepaare solche Zuwendungen im Gesamtbeträge von rund S 75.000 jährlich. Anläßlich der jüdischen Feiertage werden besondere Hilfsaktionen durchgeführt. So wurde anläßlich der diesjährigen Pessachfeiertage außer der Ausgabe von Mazzoth in der Höhe von Uber 20.000 kg an die 3000 Osterpakete verschiedener Lebensmittel an die jüdischen Armen Wiens verteilt. Ostern, sagt mit Stolz der Fürsorgereferent, sind für das Fürsorgeamt der Jüdischen Gemeinde das wahre «Ueberschreitungsfest». Denn nicht weniger als S 60.000 — eine Summe, die beiweitem das vorgesehene Budget überschreitet — wurden während dieser letzten Feiertage für Aushilfe in Naturalien und Bargeld ausgegeben. Eine wichtige Hilfe für die Aermsten stellt die tägliche Ausspeisung dar. Durchschnittlich 1000 Personen werden in sieben Ausspeisestellen zu Mittag, in einer im 10. Bezirk auch abends, ausgespeist. Aus dem Kataster menschlichen Unglücks seien im folgenden wahllos und trocken nur einige Fälle mitgeteilt, in denen die jüdische Fürsorge viel — aber auch nicht annähernd genug — getan hat, in denen aber die allgemeine Fürsorge meist wegen Fremdzuständigkeit der Betreffenden versagen mußte. 0. R. wurde 1915 als Säugling auf einem Bahnhof weggeiegt; ein Zettel enthielt Vor- und Zuname und die Bemerkung, daß das Kind von einer jüdischen Mutter stamme. Seither ist das Kind in der jüdischen Fürsorge. Dokumente sind nicht zu erlangen. A. 0., Sohn eines Malers, lebt bis zu seinem siebzehnten Jahr bei seiner verwitweten Mutter. Halb erblindet und arbeitsunfähig wird er der Mutter zur Last, von ihr aus der Wohnung gewiesen. Fremdzuständig, von keiner Gemeinde anerkannt, für das Blindeninstitut zu sehend, für das Siechenhaus zu jung, ist die jüdische Fürsorge seine Zuflucht. T. J., früVcr wohlhabender Kaufmann, Jetzt halbseitig getähmt, lebt mit seiner kranken Frau und seiner stellenlosen Tochter zusammen mit einer anderen, aus drei Personen bestehenden Familie in einem klfcinen, durch einen Vorhang geteilten Kabinett. K. M.: eine hochbetagte Witwe. Von ihren sieben Kindern sind drei verheiratet und so arm, daß sie selbst unterstützungsbedürftig sind; zwei sind am Steinhof, ein Sohn ist Epileptiker, ein anderer wurde am 15. Juli 1927 bei den Straßenunruhen als unbeteiligter Passant erschossen. Der Vater K. ist lungenkrank, wohnt mit seiner Frau in einem Raum, der so eng ist, daß die Aufstellung eines Kinderbettes für das eben geborene Kind nicht möglich erscheint. Familie R., ehemaliger Mittelstand, hat all ihr« Möbelstücke teils versetzt, teils verkauft, sie besitzt nur mehr die Küchcneir.richtung; die Familie schläft in den leeren Zimmern auf Stroh. Die Eltern W. hatten ein Geschäft, in welchem 40 Angestellte waren. Das Geschäft ging zugrunde, dann wurde die Wohnung verkauft, man zog mit den drei Kindern in ein möbliertes Zimmer, stellte die Möbel ein — jetzt kann man den Zins, die Lagergebühren nicht mehr zahlen, und hat nichts fürs tägliche Brot Diese Rubrik des Jammers könnte beliebig lange fortgesetzt weiden. Sie zeigt genügend und überzeugend, wie jüdische Fürsorge notwendig ist. Obdachlose und Hungernde, Kranke und Bettler, Entgleiste, heruntergekommene Arme und Berufeschnorrer — sie alle geben sich hier ein trauriges Stelldichein. Wie groß die Leistungen der Kultusgemeinde auf dem Gebiete des FUrsorgewesens sind, erhellt am besten die Gesamtsumme, die seit dem Jahre 1925 von der Gemeinde auf diesem Gebiete verausgabt wurde. Sie beträgt nicht weniger als 15 Millionen Schilling. Ueber 2 */2 Millionen sind allein für die sogenannte offene und halboffene Jugendfürsorge verwendet worden. Es gibt für den Fürsorgerat natürlich gerade auf dem Gebiete der Jugendfürsorge so manch Erfreuliches. Worauf die Väter der Fürsorge mit Recht so stolz hinweisen, sind die für die betreffenden Kinder so segensreichen Adoptionen, die durch die Wiener Kultusgemeinde durchgeführt werden. In zahlreichen Fällen wurde so ein dauerndes Glück von Kindern begründet. Riesiger Mittel bedarf es, um all die Not auch einigermaßen lindern zu können. Mehr aber noch als durch die sogenannte rasche oder offene Hilfe wird das Fürsorgebudget durch die Subventionen und Zuweisungen für die geschlossene Fürsorge in Anspruch genommen. Ein ganzer Kranz von Anstalten dient dieser geschlossenen Fürsorge. Spital und Gefährdetenfürsorgestelle, Versorgungsanstalt und Siechenhaus, Blindeninstitut Hohe Warte und Wanderfürsorge, Kinderheime und Waisenhäuser für Mädchen und Knaben, Lehrlings- und Erziehungsheime, Kindergärten und Kinderbewahranstalten, Ambulatorien für Kinder und Sonntagsheime für kränkliche Kinder — all diese Stätten d;onen dem einzigen Zweck: Leid zu stillen, Elend zu lindern, der leidender Kreatur Mensch in ihrer tiefsten Einsamkeit, in Krankheit und Not Helfer zu sein. Gemeinsam mit dem Leiter verlasse ich diese Stätte. Herr Dr. Klaber sagt: «Es ist eine erhabene Sache, dies« Fürsorgearbeit — wenn und solange Geld zur Verfügung steht; sie ist ungeheuer schwer und zermürbend bei der heutigen katastrophalen budgetären Situation der Kultusgemeinde.» Und mit Recht drängt sich dem Reporter di« Frage auf: «Wie lange noch wird man dieser Not, di« heute aus jedem zweiten jüdischen Haus entgegenstarrt, steuern können?» Furchtbar auszudenken, wenn sich einmal dieser ganze, hier nur andeutungsweise geschilderte Jammer zum heute allgemein herrschenden Elend einmal auf di« offene Straße ergießen müßte. Was dann? Zionistei! Die Paule des Tages: Hälfet dei Schekel!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.