Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 279 (11.5.1933)
- Date
- 1933-05-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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^ite * DIE STIMME Nf. 279 — 11. Mal 1933 Kampf Bis zur Vernichtung: Da§ Martyrium aw dänischen Juden Der Boykott gegen die Juden, offiziell abgeblasen, nimmt seinen ungehemmten Fortgang. Leben und Existenzen tausender jüdischer Menschen und Familien werden in brutalster Weise vernichtet. Gleichzeitig aber kann man feststellen, daß der Boykott gegen die Juden die Wirtschaftsposition Deutschlands immer mehr erschüttert Ohne auch nur den Schimmer einer Aenderung ln der Behandlung von Juden merken zu lassen, versucht es die Nazi-Regierung durch allerlei diplomatische Kniffe, wie durch Entsendung besonders geschickter Emissäre in alle Welt, insbesondere nach England und Amerika, die Auslandsstimmung in der Judenfrage zu beeinflussen. Die Mission des Außenpolitikers des «Völkischen Beobachter», Herrn Rosenberg in London einerseits, die finanzielle Mission des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht in New York anderseits zeigen deutlich die allmählich dämmernde Erkenntnis der Hitler-Regierung, daß ihre Judenpolitik das Reich einer katastrophalen Isolierung zuführe. An den jüdischen Körperschaften, Institutionen, insbesondere an den jüdischen Finanzieren ln der Londoner und in der New Yorker City, liegt es, den durchsichtigen Einflüsterungen dieser Herren Emissäre, einen Stimmungsumsehwung zugunsten Deutschlands herbeizuführen, nicht zu erliegen und in Gesinnungsfestigkeit zu verharren, die nur eine Parole haben muß: Die Wiederherstellung der faktisch aufgehobenen bürgerlichen und sozialen Gleichberechtigung der unglücklichen deutschen Juden. Ohne diese Garantien darf es keine Verhandlungen und keine Unterstützungen geben. * H. R. Knickerbocker berichtet aus Berlin der «New York Evening Post»: «Der gelbe Fleck wurde faktisch allen Juden in Deutschland angeheftet Die Juden sind politisch hilflos, moralisch heimatlos und gesetzlich rechtlos.» «Zuerst das Gesetz durchführen und dann erst das Gesetz beschließen» ist die Methode der Nazi. Seit 5. März haben sich mehr als .3000 Juden um ein Visum nach Palästina beworben. * In «The Jewish Chronicle» berichtet ein Londoner Kaufmann, Harry Goodman, über seine Eindrücke in Berlin u. a., daß das Cafc König in Berlin eine Aufschrift trägt: «Mehr als 10 Juden dürfen nicht im Kaffeehause sein!» Goodman besuchte ein Koscherrestaurant. Plötzlich kamen vier $. A.-Männer. Einer von ihnen sagte zum Wirt: «Wir haben Sie davor gewarnt, zu öffnen. Sie haben uns nicht gefolgt!» und versetzte dem Wirt drei Schläge mit dem Gummiknüttel über den Kopf, so daß der Wirt blutüberströmt zusammenstürzte. * «The Jewish ’Chronicie» meldet: In Berlin besaß ein Jude namens Grünwald ein gutes Chemikalien- und Drogengeschäft. Seine Angestellten verlangten von Grünwald die Uebergabe des Geschäftes. Als sich Grünwald weigerte, wurde er verhaftet. Einige Tage später erhielt seine Frau den Auftrag, die Leiche ihres Mannes von der Totenkammer abzuholen. Frau Orünwald verlangte nun die Bestrafung der Mörder. Bald darauf wurde Frau Grtinwald unter mysteriösen Umständen vergiftet aufgefunden. Der offizielle Befund lautet auf Selbstmord. Die Angestellten übernahmen nun kurzerhand das Geschäft des ermordeten Grünwald und weigern sich, den zurückgebliebenen Waisenkindern auch nur einen Pfennig herauszugeben. In das Berliner Büro des «Joint Distribution Committee» drangen bewaffnete Nazi ein, beschlagnahmten Korrespondenzen und nahmen die Schlüssel an sich. Daraufhin intervenierte der amerikanische Konsul im Polizeipräsidium und drohte eine offizielle amerikanische Intervention an. Daraufhin wurde die sofortige Wiedereröffnung des Büros bewilligt und die beschlagnahmten Dokumente von einem Polizeiauto sofort ins Büro gebracht. * Moses Rath’s »SFAT AMENU* Lehrbuch der hebräischen Sprache für Schul- und Selbst* unterricht mit Schlüssel und Wörterverzeichnis mit deut* scher, polnischer, ungarischer, rumänischer oder eng* llscher Unterrichtssprache. Einzige Methode zur voll* ständigen Erlernung der hebräischen Sprache in Wort und Schrift auch ohne Lehrer. Der Preis dieses gut ausgestatteten, 400 Selten starken Lehrbuches beträgt nur S 3.60 der englischen Ausgabe Dollar 1.—. Buchhändler, Schulen, Organisationen und Lehrer erhalten einen hohen Rabatt. Zu beziehen bei M. Rath, Verlag, Wien, II. Taborstraße 20 a. . Ein jüdischer Flüchtling aus Mannheim berichtete in Nancy, daß die Nazi in Mannheim in eine Synagoge der Ostjuden eindrangen, die Thorarollen raubten und sie dann auf der Straße verbrannten, wobei sie um das Feuer herumtanzten und sangen. «New York Times» meldet, daß der deutsche Mittelstand vollständig ruiniert wird. Der Präsident der Reichsbank, Schacht und Hugenberg verhinderten die Entlassung der jüdischen Bankdirektoren gegen den Willen der Regierung. Man fürchtet aber Regierungsmaßnahmen gegen die Privatbanken, die sich in Händen von Juden befinden. Die Folge sind große Kapitalabwanderungen zu den Großbanken. Der Wohnungsmarkt steht vor einer Katastrophe infolge der zahllosen Wohnungskündigungen durch Juden. * «Manchester Guardian» berichtet: Auch ohne Greuel ist das Elend unbeschreiblich. Ganze Familien verlieren von einem Tag zum anderen ihre Existenz und sind zum Hungertod verurteilt. Sie haben keine Möglichkeit, das Land zu verlassen. * ln Manchester fand ein großes Protestmeeting unter Vorsitz des Lord Mayor Walker statt, bei dem die Bischöfe von Manchester und Salford eine Protestresolution gegen die Vorgänge in Deutschland einbrachten. Der Herausgeber des «Manchester Guardian» W. P. Crozier sagte u. a.: «Es ist oft schwer darüber zu entscheiden, ob die Maßnahmen einer Regierung dem Willen des Volkes entsprechen. Wo Immer die Verantwortlichkeit für die Judenverfolgungen liegen mögen, das deutsche Volk wird schließlich dafür verantwortlich sein, daß die Rechte der Juden im vollen Umfang wieder hergestellt werden. Solange das deutsche Volk sich dieser Verpflichtung entzieht, werden wir energisch weiter protestieren.» * In Australien wurde ein Hilfskomitee für die deutschen Juden gegründet. Den Vorsitz führt der frühere Ministerpräsident William A. Watt, der bei einem Protestmeeting erklärte: «Es ist die Pflicht jeder zivilisierten Nation, Hitler anzuklagen.» Bei dem Meeting wurden 8000 Pfund aufgebracht. ThoraroUen auf dem Scheiterhaufen «The Jewish Times», London, melden au« Mannheim: Nazihuligane sind in die Synagoge der Ostjuden zu Mannheim eingedrungen, haben sämtliche Thorarollen, Gebetbücher und Ritualgeräte heräusgeholt urtd unter Gejohle auf der Straße auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Heine-Denkmal umgestürzt Frankfurt am Main. Das Heine-Denkmal in der Friedberger Anlage zu Frankfurt wurde nachts von Nazi-Hulöganen vom Sockel gestürzt. Es wurde vorläufig ins Völkermuseum gebracht. Die gegenwärtige Lage der Juden in Deutschland Paria. Ein Amerikaner deutscher Abkunft entwirft nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in Deutschland Im «Petit Parisien» ein Bld Von der gegenwärtigen Lage der Juden in Deutschland. Es heißt darin: Der Boykott jüdischer Geschäftsleute dauert weiter an. Doch handelt es sich um einen sogenannten stillen Boykott. Die jüdischen Geschäfte sind nicht mehr gekennzeichnet, doch ist dies überflüssig, da sie jeder kennt. Alle Personen im Staats- und Gemeindedienst wagen es aus Angst vor Denunziationen nicht mehr, bei Juden einzukaufen. Daraus ergibt sich eine allmähliche Schrumpfung der Umsätze der jüdischen Geschäfte und ihr schließlscher Bankrott. Die vorgesehene Entlassung sämtlicher jüdischer Angestellter wurde deshalb widerrufen, weil die Reichsbank nicht in der Lage war, die zur Auszahlung von zwei Monatsgehältern notwendigen 600 Millionen Reichsmark zu liefern. Durch das vorbereitete Ariergesetz werden ungefähr zwei Millionen (?) Personen betroffen, darunter auch der Sohn Stresemanns, der seine Prüfungen an der Universität wird nicht ablegen können, weil sein Großvater mütterlicherseits ein Jude war. Auf Grund dieser Lage sind bereits zahlreiche jüdische Unternehmungen in andere Hände übergegangen, so das Kaufhaus Karstadt. Der Uebergang vollzieht sich sehr einfach. Wegen der finanziellen Schwierigkeiten, mit denen viele jüdische Unternehmungen zu kämpfen haben, werden ihre Juden, kaufet Palästina-Produkte bei Samuel Halpem Wien, II., Förstergasse 6, Tel. A-46-4-12 Jaffa-Orangen nur noch kurze Zeit. 1 kg S 1.— Sffyg wnMinMHn m zionistisch« EriktnnuiMiszeMMH 41« blai wilBc SfcdkMMtal (Vertrieb: lim Kelceieth) Zur Judenhetze Vom Bergll-Hannes .di kraute mich schon oft im Haar Und fragte mich verwundert! Liegt denn wahrhaftig dieses Jahr Im zwanzigsten Jahrhundert?! Im Mittelalter war es doch Da man die Juden plagte, Wo man der Rasse halber noch Die «Mauscheies» verjagte. Sind wir im Altertum, wovon Im großen Buch geschrieben, Da nach Assur und Babylon Man Israel vertrieben? Ach nein, wir sind moderner jetzt Und von Kultur getragenI Wo heut man gegen Juda hetzt, Das — muß ich euch nicht sagen! Er ist nicht wohl in seinem Rock, Der Rasse-Europäer, Drum sucht er einen — Sündenbock Beim Volke der Hebräer! «Der Jud ist schuld I» Wer also schreit, Der rühmt sich seiner Taten! O neue Zelt, o arme Zeit! Wohin bist du geraten? (Berner Wochenblatt) Aktien an der Börse nicht notiert. Ihre Besitzer sind genötigt, sie an jene Personen abzutreten, die ihnen bezeichnet werden. Die gegen die Juden ergriffenen Maßnahmen habe« eine unbeschreibliche Unordnung in der deutschen Wirtschaft verursacht. Drei große Industrien, die Filmindustrie, die chemische und die Holzindustrie, sind bereits schwer geschädigt. Außer der «Ufa» Hugenbergs stehen alle Filmunternehmungen still. Kein Verrtag mit einem jüdischen Partner wird mehr eingehalten. So sind bei mehreren jüdischen Rechtsanwälten Briefe eingelaufen, worin ihre nationalsozialistischen Klienten unter Drohung von Gewalt die seinerzeit bezahlten Honorare zurückverlangen. Zahlreiche nationalsozialistische Mieter verweigern die Bezahlung der Miete an ihre üidisclien Hausherren. Asylrecht in Polen Weisungen des Innenministeriums Warschau. Eine Abordnung des polnischen Zentral*- Hilfskomitees für Juden aus Deutschland hat unter Führung des Abgeordneten W i s z 1 i c k i im Innenministerium vorgesprochen und mit den führenden Beamten der zuständigen Abteilungen längere B espfechungen, betreffend die Lage der Flüchtlinge aus Deutschland, abgehalten. In diesen Besprechungen wurde vereinbart, daß das Innenministerium demnächst ein Rundschreiben an die Organe der Verwaltungsbehörden im ganzen Land ergehen lassen wird, in dem diese aufgefordert werden, deutschenBUrgern, die aus politischen Gründen aus Deutschland nach Polen kommen, keine Schwierigkeiten beim Grenzübertritt und bei Erteilung der Aufenthaltsbewilligung zu machen. Ebenso soll in der Frage der Zuerkennung der polnischen Staatsangehörigkeit an solche Personen verfahren werden, die die Voraussetzungen für das polnische Staatsbürgerrecht besitzen, aber infolge ihres bisherigen dauernden Aufenthaltes in Deutschland als Staatenlose geführt werden. Zusammensetzung des palästinensischen Zeutralhilfskomltees für deutsche Juden Jerusalem. In der Zusammensetzung des palästinensischen Zentralhllfskonritees, dem die Verwaltung der in Palästina zur Hilfeleistung an deutschen Juden aufgebrachten Gelder anvertraut ist, wurden einige Veränderungen vorgenommen. Als Vertreter der Jewish Agency tritt an Stelle Dr. Arlosoroffs Dr. Werner Senator in das Komitee ein. Ferner sind neu eingetreten der Bürgermeister von TeNAiww Meir Dizengoff und die Herren Dr. Brünn und Dr. Pinner als Vertreter des Verbandes der deutschen Juden in Palästina. An den Maler Hermann Struck, ein führendes Mitglied der Mterachi-Organisation, ist gleichfalls die Einladung ergangen, in das Komitee einzutreten. Es ist noch nicht bekannt, ob Struck dieser Einladung Folge leisten wird. Das Zentralhflfskomltee hat unter dem Vorsitz von Emanuel Neuman seine konstituierende Sitzung abgehalten und sich die Bezeichnung «Vereinigtes Komitee für die Ansledhing deutscher Juden in Palästina» gegeben* Es wurde eine Reihe von Subkomitees eingesetzt, die ihre Arbeit sofort aufgenommen haben. Mit der Organisierung einer Sammlung unter der palästinensischen Judenheit wird demnächst begonnen. Von allen Teilnehmern der Beratung wurde der Befriedigung darüber Ausdruck gegeben, daß sich in der Aktion für die deutschen Juden ade Kreise und Parteien des Jlschuw zusammengefunden haben. Restauration Nagel (ehern. Hotel New York) •«rix« IS., K»rarier«rir«afle SS Telephon R-47-4-49 t