Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 279 (11.5.1933)
- Date
- 1933-05-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3054015-3054034--3505-3059027- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
9*m 9 DTE STUMME Nr. 279 — 11. Mal 1939 Schiri mit der Wiener Dal versftatsschaode! Kein Kulturmensch Im Auslande kann begreifen, daS es in einem Staat» möglich ist, daß die Polizei ruhig Zusehen muß, wie akademische Rowdies in ungeheurer* Uebermacht jüdische Studenten verprügeln und schwer verletzen. Niederträchtig ist die Bestialität, daß Stahlrutcn und OummiknUttel auch gegen Studentinnen in Aktion treten. Man sollte meinen, daß sich derartige widerliche Szenen nur ein einzigesmal ereignen können. Leider wissen wir aber, daß in diesen Bestialitäten Methode liegt. Wir Jüdischnationale protestieren seit vielen Jahren gegen die Universitätschande. Leider sind wir so ziemlich allein geblieben. Es ist noch nicht lange her, daß die «Arbeiter-Zeitung» die Universitätsskandale damit abtun au können glaubte, daß es sich um belanglose Raufereien «zwischen Hakenkreuzlern und Hakennäslern» handle. So schrieb irgendein jüdischer konfessionsloser Renegat und war zufrieden, wenn seine Genossen diesen antisemitischen Witz betac’ *r\ Wir haben richtig erkannt, daß diese Raufereien einen tieferen Sinn hatten. An den Hochschulen stand die Avantgarde der Hakenkreuzler, liebevoll unterstützt von gleichgesinnten Professoren. Und heute ist die Universität die Hochburg des Nationalsozialismus, die einzige Stätte, an die sich die Regierung nicht heranwagt. Das wissen diese Jünglinge und deswegen sind sie so frech. Was sich gestern ereignete, muß dem Faß den Boden ausschlagen. Unsere Geduld ist erschöpft. Wir wollen nicht weiter Zusehen, daß die jüdische Jugend Freiwild ist. Wenn die Regierung, diesmal nicht energisch durchgreift, werden wir neue Wege einschlagen müssen! Die berufenen Faktoren werden heute von der Regierung mit aller Entschiedenheit Maßnahmen verlangen, um eine Wiederkehr der Scheußlichkeiten zu verhindern, die sich seit Jahren nach einem wohldurchdachten Plan ereignen. Beschränkt sich die Regierung wieder auf halbe Maßnahmen, dann werden wir darauf hinweisen müssen, daß die Bestimmungen des Friedensvertrages über den Schutz der Minderheiten verletzt werden, weil die Regierung nichts tut, um die jüdische Jugend vor Verbrechen zu schützen. Wir würden damit ein uns verfassungsmäßig zustehendes Recht ausüben, denn der Friedensvertrag ist ein Teil der Bundesverfassung. Eine Hochschutautonomie, die es der Sicherheitsbehörde verbietet, den akademischen Boden zu betreten und gegen Verbrechen einzuschreiten, Ist verfassungswidrig. Das Universitätsgesetz verfügt ausdrücklich die Aufhebung aller früher bestandenen Privilegien. Um so verwunderlicher ist das bisherige Verhalten der österreichischen Regierungen, das geeignet ist, Oesterreich in der Kulturwelt schwer zu schädigen. Wir müssen daher mit allem Nachdruck verlangen, daß diese sogenannte Hochschulautonomie aufgehoben und der Polizei das Recht eingeräumt wird, jederzeit einzuschreiten. Universitätskrawalle mit solchen Bestialitäten, wie sie sich gestern ereigneten, machen Oesterreich in der Welt verächtlich. Der wahrscheinlich notwendige Sühnebesuch der Regierung beim amerikanischen Gesandten kann im Auslande nur die Meinung aufkommen lassen, daß in Oesterreich Verhältnisse herrschen, die eines Kulturstaates nicht würdig sind, und daß die Regierung nicht in der Lage ist, Ruhe und Ordnung auch dann zu gewährleisten, wenn es sich um Juden handelt. Dieser falsche Eindruck darf nicht entstehen. Wir erwarten daher, daß die Regierung, die schon schwierigere Probleme gemeistert hat, auch hier ganze Arbeit machen wird. Daher: Weg mit der Prügelautonomie! Eist Protestschreiben des Bundes liidtscher Frontsoldaten Der Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs hat an den Bundesministier für Unterricht nachstehendes Schreiben gerichtet: Der «Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs» hat mit seiner Eingabe vom 3. d. M. auf die Gefahr neuer Ausschreitungen an den Hochschulen zu Beginn der Vorlesungen Mngewiesen und gebeten, mit Rücksicht auf die ehrlose, gewalttätige Einstellung gewisser, derzeit an den Hochschulen das große Wort führender Kreise Vorsorge zu treffen, um derartige tiefbedaueriiehe, den Ruf Oesterreichs schädigende Vorfälle zu verhindern. Zu unserer und aller anständigen Menschen hellster Empörung war heute wieder der akademische Boden der Schauplatz widerlicher und blutiger Rauf- und Radauszenen. Wir Frontsoldaten haben für unser Vaterland schwere Blatppfer erlitten und haben nicht nur das Recht.’ sondern auch die Pflicht, darüber zu wachen, daß diese Opfer nicht umsonst gebracht wurden. Unsere lugend ist unter den Augen des Rektors, der für diese Vorfälle die gesamte Verantwortung trägt, schutzlos, gemeinsten und feigsten Angriffen ausgesetzt. Wir lehnen die Vorrechte des akademischen, Bodens ab, wenn Studenten wie infame Rowdies und Wegelagerer auf diesem hausen und mit vielfacher Uebermacht feig und hinterlistig jüdische Studenten überfallen. Die bekannte Einstellung des derzeitigen Rektors Prof. Dr. Abel gibt keine Gewähr für die objektive Führung der Amtsgeschäfte an der Universität Wir fordern die Aufhebung der Vorrechte, den akade- ■iseben Boden betreffend, mit sofortiger Wirksamkeit und ersuchen, an sämtlichen Wiener Hochschulen ständige Sitherheitswachstuben einzurichten, wie sie bereits in vielen öffentlichen Gebäuden bestehen; diese dort dislozierten Sicherheitsorgane hätten darüber zu wachen, daß die Verübung von Verbrechen, weiche bisher Stets vollkommen ungesühnt blieben, in Hinkunft an der Universität verhindert werden. Wir sind der festen Ueberzeugung, daß das hohe Unterrichtsministerium sich den hier angeführten Argumenten nicht verschließen wird, und bitten wir um sofortige und vollständige Abstellung dieser Mißstände. Der «Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs» betont wiederholt seine unbedingte Loyalität der derzeitigen Regierung gegenüber, ist aber außerstande, länger diese an jüdischen Studenten begangenen Brutalitäten ruhig mttanzusehen und ist fest entschlossen, im Wiederholungsfälle den Schutz der jüdischen Studentenschaft selbst in die Hand zu nehmen und zu organisieren. Genehmigen Herr Bundesminlstcr den Ausdruck der Ergebenheit, der Bundesführer Generalmajor Sommer m. p. Vom Tage Zur Lage in Oesterreich Wien, am 10. Mal 1933. Der christlichsoziale Parteitag in Salzburg hat mit voller Deutlichkeit bewiesen, daß zwischen den Christlichsozialen und den Nationalsozialisten das Tischtuch endgültig zerschnitten ist. Schon vor dieser Tagung war es der Regierung Dollfuß gelungen, die ewigen Straßendemonstrationen zu unterdrücken. Gerade Oesterreich lebt in einem erheblichen Maße vom Fremdenverkehr und braucht schon aus diesem Grunde Ruhe und Ordnung. Oesterreich darf nicht wie Deutschland ein Land werden, dem der Strom der Reisenden in großem Bogen ausweicht. Die Salzburger Tagung der Christlichsozialen brachte eine bemerkenswerte Rede des Bundeskanzlers Dollfuß, der zur Bildung einer «Oesterreichischen Front» durch alle Gutgesinnten aufforderte. Der Bundeskanzler hob dabei hervor, daß er die Bildung dieser «Oesterreichischen Front» höher stelle als die Interessen einer Partei. Dieses Postulat Mt ein Beweis großer staatsrnännischer Einsicht. Die Stellungnahme der volksbewußten Judenschaft zur politischen Lage ist durch das Programm der «Jüdischen Volkspartei Oesterreichs» gegeben. Wir sind als gute Staatsbürger an der Erhaltung von Ruhe und Ordnung und am Gedeihen Oesterreichs ebenso interessiert wie die Mehrheit nn Staat Es liegt uns aber ferne, uns in die Streitigkeiten politischer Portalen einzumischen oder irgendeiner Partei Schützenhilfe za leisten. Wir lehnen jede Assimilation ab, ln welcher Parteifarbe und unter welcher Parole Immer sie auftritt In Wien leben 220.000 Juden, die sowohl in politischer als in wirtschaftlicher Hinsicht bei geschlossenem Auftreten einen bedeutenden Faktor darstellen, der ln der Lage Ist die Jüdischen Interessen erfolgreich zu vertreten. Wir sind daher entschlossen, an der Wlederaufrlchtung Oesterreich als geschlossene Gruppe mitzuwirken und verlangen von keiner Partei, daß sie eine Jadenschutztruppe werde. Jüdische Manifestationen in dev Pariser Oper Jüdische Frontkämpfer verteilen Flugschriften gegen die deutschen Judenverfolgungen während eines Gala*Konzertes des deutschen Orchesters Aus Paris wird uns berichtet: Die Pariser große Oper, wo dieser Tage ein großes Konzert des Berliner symphonischen Orchesters unter der Leitung des berühmten Dirigenten Wilhelm Furtwängler stattfand, war bei dieser Gelegenheit der Schauplatz einer großen Kundgebung für die jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland. Unter den wenigen einzelnen Männern, die den Mut hatten, gegen die mittelalterlichen Verfolgungen von Juden in Deutschland ihre Proteststimme zu erheben, befand sich bekanntlich der deutsche Dirigent Wilhelm F u r t w ä n g 1 e r, der in einem Brief an Hitlers Minister Dr. Göbbels gegen die Ausschaltung jüdischer Musiker aus seinem Orchester und aus der deutschen Musikwirksamkeit überhaupt schärfstens protestierte. Die «Internationale Liga gegen den Antisemitismus» in Paris hat den deutschen Dirigenten zu seiner mutigen Tat beglückwünscht. Das Pariser Komitee, das den Boykott auf alles, was aus Nazideutschland stammt, leitet, hat beschlossen, aus den oben erwähnten Gründen das Konzert Furtwänglers nicht zu stören. Wohl aber wurde während der Pause in Form einer Flugschrift'folgender Aufruf verteilt: «Ihr alle, die Ihr jetzt mit Kunstsinn die schöne Musik angehört, die Ihr die Eilte des Pariser Publikums bildet, denket daran, daß 600.000 Männer, Frauen und Kinder in einem zivilisierten Land verurteilt sind, Hungers zu sterben. Wir beschwören Euch, alles, was nur menschenmöglich ist, zu unternehmen, damit dieses schauerliche Verbrechen aufhöre.» «Nicht achtend auf unseren Beschluß», hieß es weiter, «den Boykott Hitler-Deutschlands ln verstärktem Maße fortzusetzen, lag es nicht in unseren Intentionen, die musikalische Manifestation des heutigen Abends zu stören, der überdies seit langem vor den letzten Geschehnissen vorbereitet war und dessen Initiatoren im Namen der Kunst gegen die Vorgänge in Deutschland mutig protestiert haben. Stehet zu uns, um im Namen der menschlichen Würde und des menschlichen Gewissens die Rückkehr zur Barbarei zu verdammen und den Frieden in der Welt zu schützen.» Unterschrieben Ist der Aufruf vom «Verein ehemali¬ Friedmamts Glück ist kolossal! Am 16. Mai beginnt die Ziehung erster Klasse der 29. österreichischen Klassenlotterie Bestellen Sie ihre Lose noch heute bei ludivlü Fiiedmaitn Wien. L. Salzarie» 11 Lospreise per Klasse: V« 6 S, V 12 S, ’/. 24 S, */, 48 S In der letzten Lotterie wurde bei Friedmann der Haupttreffer der 2. Klaas« S 63JW0.- nebst anderen vie.en großen Treffern gezogen Bei leder Ziehung sieht man es spielt sich gut bei Friedraann! ger freiwilliger jüdischer Frontkämpfer», dem «Komitee zum Schutze der Jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland» und der «Internationalen Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus». Der Vorgang dieser Demonstration spielte sich folgendermaßen ab: Eine größere Gruppe jüdischer'Frontkämpfer, unter ihnen alle Mitglieder des Komitees für Hilfe für deutsche Juden, mit dem Präsidenten an der Spitze, waren während des Konzertes in die Oper gekommen. Sie nahmen Ihre Plätze im. Parkett und auf den Balkonen ein.. Nach der ersten Pausei als der Saal noch von Applaus widerhallte, wurden auf ein Zeichen hin von allen Seiten der Oper massenhaft Flugblätter mit dem vorstehenden Appell in . den Saal geworfen. Der Eindruck dieses Aktes war ein ungeheuer starker. Das ganze Publikum sprang von seinen Sitzen auf und griff nach den Flugblättern. Der Beifall verstummte plötzlich und mit Neugierde las ein jeder das Flugblatt. Die große Zahl Deutscher, die sich im Saale befand, mußten nolens volens auch die Flugzettel mitlesen, auch die Loge des deutschen Gesandten wurde von den Flugzetteln nicht verschont. Während der ganzen Pause diskutierte man mehr über Juden und Hitlerismus als über die eben gehörte Musik, wobei die taktvolle Haltung der jüdischen Frontkämpfer allgemein gewürdigt wurde. Das Konzert wurde nicht gestört, aber die jüdischen Frontkämpfer, unter ihnen zahlreiche Kriegsinvallde, haben dem eleganten Pariser Publikum, das an diesem Abend die Pariser Oper füllte, einige Wahrheiten zum Nachdenken mitgeteilt. Wassermann und Werfel aus der preußischen Dichter* ahademie ausgeschieden Berlin. Jakob Wassermann, Franz Werfel, Alfs D ö b 1 i n, Ludwig Fulda und Alfred M o m b e r t So»*«« acht nichtjüdische Dichter und Schriftsteller wurden als Mitglieder der preußischen Dichterakademie gestrichen. Der High Commlssloner von Palästina heim Oberkommissar von Syrien Jerusalem. Der High Commlssloner von Palästina Sh Arthur Wauchope hat eine Reise nach Beirut unternommen, wo er sich mehrere Tage als Gast des französischen Oberkommissars für Syrien Ponsot aufhielt. Wie die arabischen Zeitungen berichten, wurden anläßlich diesen Besuches Besprechungen über einen neuen syrischpalästlnenslchen Zolltarif abgehalten. Hl.KAl5ERSTR.123 Alserstr. C SI&-S1&-S20.