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Die Stimme · 1933-05-05 · Heft 278 (5.5.1933) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 278 (5.5.1933)
Date
1933-05-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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nt. 'm — s. m*i tas ne srame mm $ ...—.. .. ■ ..- » i . ■ ".im .—.«mmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmarnmmmmmmmmmmmm ■ n ■■ i n——————— Schnellsieder- Zionismus Das Palästina-Amt im Zionistischen Landeskomitee erlebt seit Monaten täglich einen Massenansturm von Menschen, die alle nach Palästina auswandern wollen. Die Palästinaamtskommission wird einen schweren Stand haben. Mehr als 700 berücksichtigungswerte Gesuche für Chaluz-Zertifikate liegen vor und leider werden nur ca. 60 Zertifikate verteilt werden können. Von einem bestimmten Gesichtspunkte aus wären alle Gesuche berUcksichtigungswürdig. Handelt es sich doch um jüdische Menschen, denen die Not aus den Augen spricht. Postenlose Bankbeamte, Mechaniker, Buchhalter, Schneider und Schuster, fast alle Berufe sind vertreten. Noch größer als die Zahl der Arbeitslosen Ist die der berufslosen jungen Menschen, denen, es noch nie geglückt ist, einen Arbeitsplatz zu ergattern. Interessant, für Zionisten aber nicht überraschend, der Typus jener Jugendlichen, die aus den zionistischen JugendbUnden kommen. Jeder hat Hebräisch gelernt, jeder hat ein Handwerk gelernt, die meisten haben landwirtschaftliche, praktische Schulung hinter sich. Jeder ist seinem Alter entsprechend in der zionistischen Ideologie bewandert. Erschreckend aber die Unwissenheit der Nichtzionisten. Viele wissen nicht, wer Theodor Herzl war, wer Nordau war. Von einem Baseler Programm, vom Palästinamandat haben sie nie etwas gehört. Sie kennen kein Wort Hebräisch. Sie unterscheiden sich nur dadurch, daß ihre Namen io einer jüdischen Geburtsmatrik eingetragen sind von den Christen, die ebenfalls ins Palästinaamt kommen, weil sie gehört haben, in Palästina gäbe es Arbeit. Dieser jüdische Assimilationstypus wirkt erschrekkend; es gibt aber noch einen Typus unter den Petenten. Da kommen Täuflinge und Konfessionslose; manche tun so, als ob ihr Erscheinen die natürlichste Sache der Weit wäre, andere aber stammeln: «Wir können nichts dafür, der Austritt wurde für uns von unseren Eltern veranlaßt, als wir noch kleine Kinder waren.» Oder es kommt eine Dame und erzählt mit erfrischender Naivität, sie sei seit Jahren katholisch, aber sie habe sich immer zum jüdischen Volke bekannt Auf die Entgegnung, daß dem jüdischen Volk nichts davon bekannt sei, kommt prompt die Antwort: «Wenn das ein Hindernis für die Erlangung eines Zertifikates ist, bitte, ich kann ja sofort meinen Uebertritt zum Judentum anmelden.» Um den Preis eines Zertifikates erklärt sich daher auch ein waschechter Arier bereit, zum Judentum überzutreten. Oder ein anderer Typus, der «gute Jude». Er ist entrüstet, wenn man ihn fragt, ob er Zionist sei. «Was heißt das, ist hier ein zionistisches Werbebureau? Ich bin auch ein guter Jude.» Er war es, der vom Zionismus nichts hören wollte, uns verhöhnte und als jüdische Antisemiten beschimpfte. Sein Widerspiel ist der «alte Zionist». Er steht schon «seit Anfang», «seit Theodor Herzl» in der zionistischen Bewegung. Wo er gestanden ist, man hat ihn doch nirgends gesehen? Mein Gott, er hat Sorgen gehabt, das Geschäft, die Frau, die Kinder. Er kam nicht dazu. Aber er erinnert sich noch genau an Theodor Herzl, er ist sogar einmal neben ihm gestanden und hat ihn reden gehört. Wozu erzählen wir das unseren Lesern? Weil wir Zionisten ein Schuldbekenntnis abzulegen haben! Wir Zionisten tragen ein gerüttelt volles Maß an dieser reichhaltigen Assimilations-Fauna. Gewiß, wir sind eine Minorität im Judentum. Es ist aber grotesk: Diese Minorität war imstande, die großen christlichen Politiker für unsere Idee zu gewinnen, zu Hause haben wir jedoch tauben Ohren gepredigt. Ja, wenn wir wenigstens gepredigt hätten! Wir haben lieber assimilatorische Allüren aus fremden Lagern übernommen und diese in unsere Organisation hereingebracht. Es war doch viel bequemer, im zionistischen Lager die Kunststücke der Dialektik zu produzieren, als zu den schwarz-rot-goldenen, den roten und den übri-! gen Assimilanten aller Farbennuancen zu geben und ihnen Zionismus zu predigen. Es ist leider nicht unser, sondern Hitlers Verdienst, wenn heute unsere Versammlungen zum bersten voll sind, wenn sich täglich Hunderte vor dem Bureau des Palästinaamtes drängen, wenn die zionistischen Zeitungen von Hand zu Hand gehen. Aber noch ist es Zeit, aus Assimilanten Zionisten zu machen. Das muß jedoch gründlich besorgt werden. FürZionisten gibt es keine Schnellsiederkurse. Zionismus muß nicht nur gefühlsmäßig geahnt, er muß gründlichst gelernt sein, er ist keine Knopflochangelegenheit. Wir müssen den Menschen, die heute zu uns kommen, zunächst begreiflich machen, daß wir kein Auswanderungsbureau und keine Speditionsfirma sind. Wir müssen ihnen begreiflich machen, daß der Zionismus das jüdische Volk erneuern will und daß die Voraussetzung hiezu die geistige Erneuerung der einzelnen jüdischen Individuen ist. Daher müssen wir sie Zionismus lehren und sie ln unseren Organisationen erziehen. Ohne die zionistische Weltorganisation, ohne den Jischuw in Palästina, wäre heute das Judentum rettungslos verloren. Die neuen Zionisten schätzen, mehr vielleicht als viele alte Zionisten, den Wert der Zionistischen Weltorganisation, in der sie ihren letzten Rettungsanker erblicken. Sie werden bereit sein, sich durch zionistische Kleinarbeit das Recht auf Palästina zu erwerben. Sie werden mit dazu beitragen, daß die Weltorganisation mächtig wird. Auch an ihnen wird es liegen, den jetzigen unwürdigen Zustand zu beseitigen, daß um ein paar Zertifikate mehr oder weniger langwierige diplomatische Kämpfe ausgefochten werden müssen, oder daß zionistische Touristen von einem Herrn Hyamson bei der Landung wie vagabundierende Strolche behandelt werden. Es wird nur an uns liegen, was aus den neuen Zionisten wird. Um sie aber gut zu erziehen, müßten viele alte Zionisten umlernen.'Da wird vielleicht ein Schnellsiederkurs, ein Moment der Besinnlichkeit, genügen. Es ist nur notwendig, die Front zu verkehren. Nie noch wurden innerzionistische Kämpfe unzeitgemäßer ausgefochten als jetzt Das gilt ebenso für Jabotinsky wie für den Kampf zwischen Links und Rechts. Es ist u. a. reichlich langweilig, sich die gegenseitigen Vorwürfe anzuhören, wer am Klassenkampf in Palästina schuld ist Bel rheumatischen Beschwerden aller Art haben sich Togal-Tabletten ganz hervorragend bewährt Zahlreiche Dankschreiben über Togal bei veralteten Leiden, bei denen kein anderes Mittel half. Es wirkt in hohem Maße als inneres Antiseptikum, Ein Versuch überzeugt! In allen Apotheken des In- und Auslandes. Preis S 2.40. Das Glück ln der Leopoldstadt I Ecke Leopoldsg. 25 Gr. Pfarrgasse 1 hat es nunmehr sein Zelt aufgeschlagen. Seit einigen Tagen kann man da sein Glucksklassenlos persönlich auswählen. Ziehung schon Dienstag 16. Mai und Donnerstag 18. Mai Glücksbauer kommt seinen Kunden auf dem Wege zum Glück entgegen Albert Bauer Kla8senlotterie-GeschäftssteUe,Filia!eLeopoldstadt lädt alle Leopoldstädter zti recht zahlreichem Besuche ein und wer damit begonnen hat. Interessanter und wichtiger wäre es, ernsthaft an die Liquidierung dieser Kämpfe heranzugehen. Wir stehen knapp vor dem 18. Kongreß. Auf diesem Kongreß wird das ganze jüdische Volk, ja die ganze Welt in größter Spannung blicken. Von Ihm werden Taten erwartet, entscheidende Schritte zur Lösung der Judenfrage und nicht Explosionen schnellsiedender Zionisten. Eine unsterbliche Schmach und eine ungeheuere Gefahr für den Zionismus und das Judentum wäre eine Kopiatur des 17. Kongresses. Bef uns Juden ist die Zahl achtzehn eine Glückszahl, strafen wir sie nicht Lügen! In diesen Tagen sollten wir dessen eingedenk sein, daß heute auch den verstocktesten Assimilanten Theodor Herzls Voraussagen als richtig und der Weg nach Zion, den er vorgezeichnet hat, als der einzig gangbare erscheint. Herzls «J ndens.t.aat» ist heute die Bibel ungezählte r j ü d i s c h e r H e i m k.e h r e r. Wir zünftige Zio-: nisten tragen Herzls Vermächtnis, die blau-weiße Fahne. Das verpflichtet, denken wir daran! Kehren auch wir zu Herz! zurück, seien wir ein Volk, e i n Volk. Der 18. Kongreß sei wieder: ein Herzl-Kongreß! Türkische Regierung lädt Jüdische Gelehrte aus Deutschland ein Konstantinopel. Wie dem JTA-Vertreter aus zuverlässiger Quelle mitgeteilt wird, beabsichtigt die türkische Regierung eine Anzahl jüdischer Gelehrter aus Deutschland, insbesondere Mediziner* in die Türkei zu berufen. Den jüdischen Gelehrten sollen weitgehende Begünstigungen zwecks Erleichterung der Fortsetzung ihrer Arbeiten gewährt werden. Feuilleton J. Ch. Brenner (Anläßlich der 12. Wiederkehr seines Todestages.) Von S. Orchow J. Ch. Brenner ist einer der wenigen jüdischen Künstler, der die Last einer ganzen Generation trägt Ein ungeheures Gebäude von «Zäunen» hatte die Gheüomoral im Laufe der Jahrhunderte errichtet Den edelsten Söhnen des Ghetto ward dies zum Ruch. Die Sucht des ewigen Zergliedern«, der Selbstanalyse saugt ihnen das Mark aus den Knochen, ertötet jedes Gefühl, noch bevor es in Ae Erscheinung getreten ist Und das eigene Ich wird auf die Waage des grübelnden Gewissens gelegt Das kranke Gemüt wittert überall Profanes, Sündhaftes, Egoismus und schmutzige Hintergedanken. «Das geringste Gefühl» — läßt Brenner seinen Feuermann in seinem ersten Roman «Bachoref» (Im Winter) sogen — «jeder vorbeihuschende Gedanke ist ohne weitestgehende Selbstzergliederung ein Unding. Ein nichtssagender Gedanke wirbelt eine Säule neuer Ideen aut Ein Gedanke jagt den anderen.» — «Könnte der öffentliche Ankläger meine Pein sehen, er würde mich zu Tode verurteilen. Es wäre ihm Idar, daß ich ein Mörder, Brandstifter bin. Meine Hände aber kennen leider weder Gutes noch Böses.» Die Jahre der Jugend verstreichen über solchen Grübeleien. Die weltliche Bildung hat ihm nichts zu sagen gehabt. Die Revolution hat ihn nicht mitgerissen.. So sieht er sich eines Tages als einsamen Passagier ohne Reisekarte, der irgendwo steckengeblieben ist, ohne zu Wissen, welche Richtung er jetzt einschlagen soll. Doch Ist dies im Grunde gleichgültig: für ihn ist nirgendwo Raum. Aber auch i» Trümmerhaufen dar Brcfuamclim Gefühls- und Gedankenwelt sitzt der nagende Wurm seines Herzens. Er nistet tief und gräbt sich mit spitzen Krallen in Ae blutenden Wunden seiner Seele ein, aus der er erbarmungslos jeden Schatten, selbst einer reinen Tat, jede Aeußerung lauterster Menschlichkeit herausreißt. Die Bescheidenheit wird zu schlau verborgenem Stolz. Die Menschen, meint Brenner, fordern von uns Bescheidenheit Sie spinnen die Legende weiter. Deshalb bist du, o Mensch, bescheiden. Der klügste berühmte Mann ist der bescheidene. Man ist gut, weil man die Kraft zum Bösesein nicht besitzt. Es ist dies nichts als Heuchelei, dazu geschaffen, um die eigene Hilflosigkeit zu bemänteln. Vielleicht ist die Menschenliebe nichts als eine besondere Erscheinungsform der Eigenliebe. So verlassen seine Helden niemals Ae Anklagebank. Ihnen gegenüber steht ewig ihr eigener Ankläger. Darüber verstreicht Ae kurze Jugendzeit Für sie gibt es im Grunde keine fortschreitende Bewegung, sie kreisen vielmehr ewig um den Punkt herum, immer der Hölle ihres Innern verfallen. Manchmal treibt das Leben eine bunte Blüte. Unwillkürlich greift die Hand darnach. Jedoch sofort stellen sich Ae alten Zweifel wieder ein. Wer bin ich? Ist es nicht Vermessenheit, Lebenslust und Freude vorzutäuschen, wo doch das Herz siech und wund ist? Zuweilen entbrennt der Brennersche Held in zartester Liebe und bleibt mit seinen Gefühlen im Schatten. Denn er kann den eigenen, wikl verworrenen Gedankenknäuel, in dem er sich bewegt, nicht enträtseln; bis der starke Mann kommt, der kraft seiner brutalen Männlichkeit pflückt, wonach jener Ae Hand nicht auszustrecken wagt Dieser Mann erscheint in allen Romanen Brenners. Hier heißt er Bursif («Bachoref»), da Stukaturow («Bamezar») oder Jacob («Meever Lagwuttn»). Die vollkommenste derartige Gestalt jedoch, die Brenner geschaffen, ist Ghmelin In «Sehe choi Wechiachalonx Unter anderen Umständen, wenn zum Beispiel diese Gestalt den breiten jüdischen Massen auch in der Volkssprache zugänglich wäre, hätte sie Ae Popularität etwa eines Menachem- Memfi erlangt. Die Brennerschen Helden aber, all Ae Feuernumns, Libermanns, Heifetz’, ßpinnen so ihre Tage. Der letztere nimmt von seiner Cousine, mit der er vorher in Freundschaft lebte, nach einer unerquicklichen Szene, die er stillschweigend über sich ergehen läßt, Abschied, um seinen Leidensweg fortzusetzen. Nicht selten gelangt der Held an den Rand unseres Daseins. Als Abramson Kunde von den Pogromen eifhält und dem rationalistisch-kalten Klüngel der damaligen «marxistischen» Kosmopoliten zuhört, verliert sein kranker Geist den letzten Halt und versinkt M die Nacht des Wahnsinns. Später, in der Palästinaperiode, fand Brenner eine andere Antwort auf alle diese Fragen. Aber auch hier geht er seine eigenen Wege, ohne in den Chor der begeisterten Lobpreisungen mit einzusthnmen. Er schildert nicht den blauen Himmel Palästinas, noch weniger gerät er in Begeisterung über die jüdischen SieAungen. Gegenstand seiner Darstellungen ist vielmehr der damalige Jischuw von seiner dunkelsten Seite. «Meah Sdhearim» — der «Kostgänger des auserwählten Volkes» — der «von der Wand lebt» (Klagemauer. Die C'halukah-Institutionen mit thren abgefeimten Agenten — die neuen «Takifim» (die «starken» Männer). Auch im neuen Jischuw liegen die Dinge nicht wesentlich andere, die Kolonisten, der Stolz der damaligen zionistischen Touristenliteratur, sind nichts als Kostgänger des Barons *). in Jerusalem und in Safed heißt es Ohglukah, hier — «Unterstützumgsbeitrag» (Temicha). Sin selbst, die «Pioniere», Ae fremde Hände für sich arbeiten lassen, schließen vor dem jüdischen Arbeiter die Tür. *) Wie bekannt, hat Baron Rothschild vor dem Krieg eine Zeitlang Ae Kolonisten in Palästina reichlich mteatiHim

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