Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 277 (27.4.1933)
- Date
- 1933-04-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seife 4 DIS STIMME Nf. 277 — 27. April tÖ» Flammenzeichen tn Warschau hat Jabotinsky vor kurzem die «Diktatur» aufger.chtet; ein paar Tage darauf hat ein Mitglied des Brith Trumpcldor gegen den Arbeiterführer Ben Gurion einen Attentatsversuch unternommen. Diese Ereignisse müssen uns aus unserer beschaulichen Ruhe herausreißen. Wir müssen uns d.« Gefahr vergegenwärtigen, die uns von seiten einer Bewegung droht, welche solche Früchte zu zeitigen vermag! Der Revisionismus Ist auf dem besten Wege, unsere Ofganisation in dn heilloses Chaos zu stürzen. Wer die Ereig* nisse aufmerksam verfolgt, kann nicht weiterhin ruhig der Entwicklung der Dinge Zusehen, sondern muß sich zum Schärfsten Kampf dagegen aufraffen. Das Judentum durchlebt eine der schwierigsten Stunden seines nachexilischen Seins. Nie noch hat es einen Zeitpunkt gegeben, in dem so wie heute eine Zusammenfassung aller Kräfte nicht nur der Zionistischen Organisation, sondern der gesamten Judenheit vonnöten wäre, um die uns drohenden Gefahren zu bannen und die ungeheuren Aufgaben zu erfüllen, die uns diese Schicksalsstun * auferlegt. Aber wie können wir an Frieden und Sammlung denken, wenn eihb Gruppe unserer Bewegung zu Mißachtung und Haß gegen alles aufstachett, was uns teuer und heilig istt Unberechenbare Impulse toben sich in der Politik aus. Gestern zerriß man theatralisch den Schekel, das heilige Symbol der zionistischen Idee, und deklamierte etwas über drei Flecke, die ihn verunzieren — heute stürzt man sich mit diesem verächtlich gemachten Schekel in der Hand in einen wilden Kongreßkampf; und hatte man vor einiger Zeit von einem siebenten Dominion geschwärmt, um kurz darauf England den Kampf bis aufs Messer anzusagen, so kann man sich heute von neuem nicht genugtun in Lobpreisungen des gestern noch todgeweihten Volkes. Eine gefährliche Beredtsamkeit umnebelt die Hirne mit Schlagworten, die, Wetterfahnen gteich, täglich und stündlich wechseln; feuiHetonistische Tiraden Uber «Erlösung des Wassers» sollen das Volk von dem lebenswichtigen Kampf ttm die Eroberung dee Bodens abbringen. Werlvolie Teile der zionistischen Jugend werden mit Haß und Verachtung gegen alles Nichtrevisionistische vollgepumpt — kein Wunder, wenn es dann zu bedrohlichen Zusammenstößen kommt gleich denen, die sich letztens in Petach-Tikwah und Tel-Awiw ereignet haben! Gestern waren es ein paar unbekannte Zionisten, die es wagten, als «Kommissare» zionistische Veteranen «abzusetzen»; heute ist es eine zarte Mädchenhand, die auf einen ergrauten Paiästinakämpfer einen Anschlag verübt — und was wird das Morgen bringen? Es graust einem förmlich, wenn man an dieses Morgen denkt; wenn man sich vergegenwärtigt, daß namentlich in Palästina ein Klüngel von Hitzköpfen herumläiift, denen nichts sp teuer, ist, als daß es «ihrem» Staatsgedanken nicht zum Opfer gebracht werden könnte; die an nichts anderes denken als ans Zerstören: gestern war es die Histadruth, die «zerschmettert» werden sollte, heute ist es die mißliebige Richtung Innerhalb der eigenen Partei; und wer vermag zu sagen, gegen wen morgen die Losung des «Zerschmetterns» ausgegeben werden wird: So peinlich dies ist, es muß und soll doch gesagt werden: Es hätte zu diesen Auswüchsen nicht kommen müssen, wenn diejenigen Männer der revisionistischen Bewegung, denen ein hohes Maß von nüchterner Besonnenheit nicht abgesprochen werden kann, dem rechtzeitig vorgebeugt hätten! Es bleibt unergründlich, wie Männer, die in langjähriger zionistischer Arbeit grau geworden sind, während der letzten Wiener Revisionistenkonferenz den großen Spracherguß Jabotinskys bei Abschluß der Generaldebatte über sich haben ergehen lassen, ohne mit einem Wort zu widersprechen! Als Jabotinsky die zionistische Organisation und deren Führer maßlos verunglimpfte; als ein junger Mann, der hier in Wien zu den größten Scharfmachern gehört, Sokolow mit dem Präsidentenmörder Gorgulow verglich, als die palästinensischen Exaltados ihre wüsten Orgien aufführten, — da wäre cs Pflicht dieser Männer gewesen, ganz anders zu regieren, als sie es getan haben! «ln einen Brunnen, aus dem Du Wasser getrunken, sollst Du nicht einen Stein werfen» — lautet ein bekannter altjüdischer Spruch. Sie, die Sie die altehrwürdige zionistische Organisation geschmäht haben und schmähen haben lassen, ernten jetzt die Frucht Ihres Tuns! Im BMeb'Klno. II. Karnlner-Klno. I. Haydn-Kln». VI. Votlvpark-KiMO, IX. sehen Sie ab Knut« MYSTERIEN DES GESCHLECHTS Der sensationellste Tonfilm des iahres, entstanden unter Mitwirkung weltberühmter Aerzte - - AUantls-Filoi Aber dies bloß nebenbei. Das wichtigste ist für uns: Wie bannen wir die Gefahr? Attft den Ereignissen bei den andtftfl Völkern sollen wir lernen: die Dinge an sich herankommen lassen hieße, Selbstmord begehen! Nur durch schärfsten Abwehrkampf können wir der Gefahr zuvorkommen, von finstere« Kräften Überrumpelt zu werden. Es muß eine ungeheure Anstrengung gemacht werden, zu dem bevorstehenden Zionistenkongreß alle Kräfte zu sammeln, deren zioniMische» Bekenntnis lautet: Verteidigung der Einheit der Zionistischen Organisation gegen jeden Zersplittenmgsversuch; straffe Zusammen« teBsung sämtlicher Flügel In einer großen nationalen Koalition — mH Ausschluß derer, die die Organisation untergraben und zerstören; Einstellung alter Inneren Kämpfe, um den gewaltigen Aufgaben des Augenblicks gerecht werden zu können! Die Ereignisse der letzten Zeit sind grelle Flammenzm’chen am zionistischen Himmel, die eine laut vernehmliche Sprache sprechen —• wird die zionistische Oeffentlichkeit sie verstehen? Dr. Schiomoh H o f o w i t z An alle allgemeinen Zionisten! Die Schekelaktion für die Wahlen zum XVIII. Zionistenkongreß hat begonnen. Anläßlich des XVII. Zionistenkongresses wurde in Basel der Welt-Verband der allgemeinen Zionisten gegründet. Seine organisatorische Aufgabe beruht in der Vereinigung sämtlicher allgemeinen Zionisten in einer Organisation. Seit 10 Jahren ist die Repräsentanz der allgemeinen Zionisten auf den Zionistenkongressen In fortwährendem Schwinden begriffen. Am XVII. Zionistenkongreß waren die allgemeinen Zionisten in der Minorität. In einer Periode bisher nie erreichter Aufbauarbeit für und in Palästina, in einer Zeit, in der Palästina eine zentrale Rolle im wirtschaftlichen, g'Mctigen und psvdvschen Leben Juden, kaufet Palästina-Produkte bei Samuel Halpern Wien, II., Förstergasse 6, Tel. A-46-4-12 Jaffa-Orangen nur noch ’rurze Zeit. 1 kg S 1.— der ganzen Nation sp.elt, wird eine harmonische Zusammenfassung sämtlicher schöpferischer Kräfte der Nation zur unbedingten Notwendigkeit. Insbesondere aber innerhalb der zionistischen Bewegung. Gerade in dieser Zeit nehmen die radikalen Flügel der Bewegung von links und rechts Anlauf zu c.n-cm Entscheidungskampf, dessen Verlauf und Folgen für die innere Festigkeit der zionistischen Bewegung verhäng iiisvoll werucn können. In dieser ernsten Stunde wird der Aufbau einer starken Organisation der allgemeinen Zionisten, welche die Idee der harmonle und Koalition der nationalen Kräfte und die Vorherrschaft der Erlösung der ganzen Nation über die Parteitendenzen repräsentiert, den Sieg der zentripedalen über die zentrifugalen Kräfte der Bewegung verkündet — in dieser Stunde wird der Auf- und Ausbau der allgemein-zionist.sehen Organisation und d:e Erlangung einer zahlenmäßig starken programmatisch gefestigten Repräsentanz der allgemeinen Zionisten auf aetn XVIII. Zionistenkongreß zur Lebensfrage der zionistischen Weltbewegung. Wir fordern Sic deshalb, allgemeine Zionisten, zu einer kräftigen, organisierten, systematischen Schekelaktion auf! bas Ergebnis dieser Aktion soll und muß diesmal vielfach unsere Schekekahl zum XV11. Kongreß übersteigen. Von dem Ergebnis unserer Schekclaktion hängt die Kraft unserer Repräsentanz auf dem XVIII. Kongreß ab. Von der Kraft dieser Repräsentanz aber ■— die Verwirklichung unserer Bemühungen, den XVIII. Kongreß zu einem Kongreß der schöpferischen positiven und friedlichen Zusammenarbeit Aller zu gestalten, auf daß auf diesem Kongreß die Idee des Gesamten Uber den Egoismus von Klasse und Partei den Sieg davonträgt. Dis allgemeinen Zionisten solen auf dem XVIII. Kongreß wieder wie vor Jahren die Majorität erobern! Mit dieser Losung rufen wir alle Landesverbände, alle allgemein zionistischen Landesgruppen, alle allgemeinen Zionisten auf, sofort mit der ganzen Kraftentfaltung die Schekefaktion unter den Anhängern und Sympathikern des allgemeinen Zionismus durchzuführen. Sich nicht mit dem jetzigen Zustand unserer Bewegung zufriedenstellen — sondern unseren Bestand erweitern, unsere Idee der nationalen Eintracht in weite Reihen der Bewegung tragen mit dem Glauben an die Mission, die der allgemeine Zionismus in einer Zeit der historischen Wende der zionistischen Bewegung zu erfüllen hat — daa ist unser Ruf — an die allgemeinen Zionisten f Krakau, Im April 1933. Die Leitung des Verbandes der allgemeinen Zionisten Neve Boykottbewegung In Amerika Däf Amerikänisch-Jttdische Kongreß, der über Wtlsurtg des Staatsdepartements der Vereinigten Staaten eine abwartende Haltung eingenommen hatte, nimmt nun mit aller Energie den Boykott deutscher Waren auf. Gleichzeitig damit, wird eine Kampagne eingeleitet, um Europa-Reisende vom Besuch Deutschlands und von der Benützung deutscher Schiffe abzuhalten. Richter Samuel Untermeyer erließ an Juden und Christen einen Boykottaufruf, L)r. Stephen Wise hat Urlaub genommen, um sich den Angelegenheiten der deutschen Juden zu widmen. Er beabsichtigt demnächst nach London zu fahren und Schritte zur beschleunigten Einberufung des Jüdischen Weltkongresses einzuleiten. * Der «Völkische Beobachter» warnt vor Interventionen zugunsten von Juden und erklärt die Interventionen als von vornherein aussichtslos. Jüdischer Protest gegen antideutschen Terror In Polen Lodz. Daß Komitee der Zionistischen Organisation für Lodz und Umgebung veröffentlicht eine vom Abgeordneten Dr. Rosenblatt und Rabbiner Braudek Unterzeichnete Erklärung, in der es heißt: Der von den Juden Polens geführte Kampf um das Recht und die Ehre der Juden in Deutschland richtet sich nicht gegen die Deutschen in Polen. Die Juden mißbilligen durchaus jeglichen Terrorakt. Die Lodzer Juden verurteilen schärfstens die gegen deutsche Institutionen in Lodz verübten Terrorakte und richten an die Führer der Lodzer Deutschen die Aufforderung, den von verbrecherischen Elementen verbreiteten Gerüchten, durch die Haß zwischen Juden und Deutschen ln Polen erzeugt werden soll, entgegenzutreten. * Für deutsch-jüdischen Frieden in Polen Der jüdische Deputierte Rosenblatt hatte mit dem deutschen Abgeordneten von Lodz, Uta, eine Besprechung betreffend die von Deutschen in den letzten Tagen gegen Juden in Lodz verübten feindseligen Akte. Von beiden Seiten wurde zum Ausdruck gebracht, daß die deutsche und die jüdische Bevölkerung in Polen miteinander in Frieden leben müssen und sich durch niemanden dahin beeinflussen lassen dürfen, eine feindliche Haltung gegeneinander einzunehmen. Autodafd ln Kiel Bücher jüdischer Autoren in der Kieler Universitätsbibliothek und in den Breslauer Buchhandlungen beschlagnahmt Kiel. Die «Kieler Neuesten Nachrichten» verötfentifchen eine Mitteilung der Freien Kieler Studentenschaft, derzufolge der Kampfausschuß wider den undeutschen Geist ln der Kieler Universitätsbibliothek sämtliche Veröffentlichungen folgender Autoren beschlagnahmt hat: Adolf Fraenkel, Emst Fraenkei, Cohn, Feiler, Gerhard, von Hentlg, Harms, Höher, Husserl, Höniger, Löwe, Harder, Kantorowic2, Jacoby, Kelser, Kölle, Kroner, Llepe, Neisser, Opet, Rooenberg, Schräder, Skai weit, Stein, Stenzei, Wedemeyer, Klemperer, Maratto. Unter den beschlagnahmten Büchern befinden sich Werke weltbekannter Vertreter der Wissenschaft, wie des Philosophen Husserl, des Nationalökonomen Harms, des Soziologen Hermann Kantorowicz, des Wirtschaftswissenschaftlers Cohn, des Mathematikers Adolf Fraenkel usw. Berlin. Wie die «Vossische Zeitung» aus Breslau meldet, hat dort eine Abteilung SA. unter Führung eines Phllosophlestudenten ln mehreren großen Breslauer Buchhandlungen sämtliche Werke von Arnold und Stefan Zweig, Jakob Wassermann, Erich Kästner, Lion Feuchtwanger und Kurt Tucholskl beschlagnahmt Ferner wurden Werke von Thomas und Heinrich Mann sowie ausländische Bücher, u. a. von Zola, auch in den deutschen Ausgaben beschlagnahmt. Der Führer der Sa.-Truppe erklärte, auf höhere Weisung zu handeln. Ausscheldende Jüdische Professoren Berlin. Auf Anordnung des Reichskommissärs für das preußische Kultusministerium Dr. Rust ist der an Prof. Theodor Lessing von der Technischen Hochschule ln Hannover erteilte Forschungsauftrag zurückgezogen worden. Die Lehraufträge der Professoren Cliajes und Holde an der Technischen Hochschule in Charlottenburg wurden widerrufen. Die Professoren Fritz Frank und Igel von der Technischen Hochschule in Charlottenburg sind von ihrer Lehrtätigkeit vorläufig beurlaubt worden. (Nachrichten über Deutschland auch auf Seite 6) Zionisten! Die Parole desr. ..