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Die Stimme · 1933-04-27 · Heft 277 (27.4.1933) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 277 (27.4.1933)
Date
1933-04-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. TT! — 71. April 19» <m>» ZaujZe ftic&ts/ E\pMi£idUt ün. Iln&fhMietcU* «Bruder, erlaube mir die Frage: Hat denn wirklieh Jeder Mensch das Recht, in bezug auf alle übrigen Menschen darüber zu entscheiden, wer von innen würdig ist, zu leben und wer das nicht mehr verdient? Was hat denn damit die Frage der Würdigkeit zu tun? Diese Entscheidung wird in den Herzen der Mensch.n überhaupt nicht auf Grund der Würdigkeit getroffen, sondern nach ganz anderen, viel natürlicheren Gründen.» Dostojewski, «Brüder Karanrasoff». Die Juden Deutschlands machen traurige Tage durch, «war ist der teuflische Anschlag, 600.000 Bürger eines Kulturstaates — notabene Bürger, die hervorragenden Anteil an der Kultur dieses Staates haben — dem Hungertode preiszugeben, nicht ganz geglückt: Der scheinbar bis ins kleinste Detail o;ganisierte Judenboykott wurde nach bloß eintägiger Dauer offiziell abgeblasen —, aber trotzdem blieben unzählige jüdische Existenzen auf der Walstatt Es ist eine Blasphemie, wenn gewisse Blätter, darunter die «sittlich-religiöse» Wiener «Reichspost», dies als eine Reinigung des deutschen Geistes- und Wirtschaftslebens hinzustellen versuchen. Wie verlogen eine solche Auslegung ist, erhellt schon äußerlich aus der Tatsache, daß gerade die wirklich das öffentliche Leben beeinflussenden Zeitungs- und Verlagsanstalten ausdrücklich von dem Boykott ausgenommen wurden, soferne sie nur ihre jüdischen Angestellten entließen. Diese Bedingung wurde restlos erfüllt und man erlebte das widerliche Paradoxon, daß in Zeitungsverlagen, die durch unermüdliche Propagierung des Freisinns und der religiösen Toleranz groß und .nächtig geworden sind, alle jüdischen Angestellten vom treten Redakteur bis zur letzten Stenotypistin durch arische Kräfte ersetzt wurden. Um diesen Preis dürfen die jüdischen Verleger, gegen die früher als «Vergifter der deutschen Volksseele» die Haupthetze der Hakenkreuzler getobt hatte, ihre Unternehmungen behalten und weiterführen. Auch die jüdischen Warenhausbesitzer wurden — entgegen dem nationalsozialistischen Programm aus der oppositionellen Zeit — nicht enteignet. Enteignet wurden bloß die jüdischen Angestellten dieser Betriebe, die nach zufriedenstellender Arbeit lange Jahre ohne Zubilligung einer Kündigungsfrist brutal aufs Pflaster gesetzt wurden. Für che von den Nationalsozialisten immer ins Treffen geführten Schäden, die die großen Warenhäuser dem Kleingewerbe und den Geschütten bescheidenen Stils angeblich zufügen, läßt man nicht die Besitzer dieser Warenhäuser büßen, sondern deren Verkäuferinnen und Buchhalter, soweit sie Juden sind. Wird aber die Kundschaft, die ihre Einkäufe lieber im großen Warenhaus als in kleinen oder mittleren Geschäften besorgt, von christlichem Personal bedient, dann dürfen sich die Kleingewerbetreibenden und die Besitzer mittlerer Läden nicht mehr als Konkurrenzopfer des jüdischen Warenhauses beklagen. Hoffentlich kapieren sie diese Logik... Damit soll aber nicht etwa die Lage des jüdischen Warenhausbesitzers als besonders rosig hingestellt werden. Ihm obliegt bloß die Funktion eines Versorgers arischer Angestellten. Wie er diese Aufgabe erfüllen soll, obwohl er jeden Augenblick — auch wenn kein offizieller Boykottag ist — darauf gefaßt sein muß, daß Sprechchöre in Braunhemden vor seinem Portal aufmarschieren und die Kaufwiliigen vertreiben, ist Sache seiner jüdischen Findigkeit. Wie sehr diese von den Antisemiten überschätzt wird, zeigte die Forderung, daß die vom Boykott bedrohten Firmenchefs ihrem Personal das Gehalt für zwei Monate vorausbezahlen sollten. An diesem Problem scheiterten die von den Hakenkreuzlern in das jüdische Finanzgenie gesetzten Hoffnungen and daher auch, wie es scheint, die langfristigen Boykottpläne. Die neu angesteflten Arier müssen sich dazu bequemen, ihre Gehalte ebenso durch wirkliche Arbeit zu verdienen wie früher ihre vertriebenen jüdischen Vorgänger. Nur einen Vorteil haben sie vor diesen voraus: Sie brauchen ihre jüdischen Chefs nicht zu respektieren. Als Respektpersonen in jüdischen Unternehmungen sind ganz andere Leute ausereehen. Es ist nicht die boshafte Erfindung eines jüdischen Satirikers, sondern eine Tatsachenmeldung, daß die oberste Kommandogewalt im Verlagshaus Ullstein an den dort bisher •Is — Fahrstuhlwärter tätig gewesenen Betriebszellenobmann der Nationalsozialisten übergegangen ist. Hoffentlich sorgt der Mann auch in seinem neuen Beruf mit altbewährter Gewissenhaftigkeit dafür, daß die Herren Ullstein gut fahren... So einschneidend alle diese Neuerungen sind, so stellen sie doch nur einen Bruchteil jener antisemitischen Reformen dar, die in das nationalsozialistische Programm zu der Zeit, als die Machtergreifung durch Hitler eine noch in weiter Ferne liegende Utopie zu sein schien, aufgenommen worden waren. An die Stelle der Forderung des einstigen Putschisten Hitler, (Ke Juden unter Fremdenrecht zu stellen, ist die offiziell verlautbarte Erklärung des Reichskanzlers Hitler getreten, daß die deutschen Juden dieselbe Stellung im Staate genießen sollen, wie alle anderen Bürger, wenn sie sich zur nationalen Regierung loyal verhalten. Allerdings überspannt Herr Hitler diese Forderung nach jüdischer Loyalität einigermaßen. Er erwartet sie nämlich nicht bloß von den Juden seines eigenen Staates, sondern von «Ailjuda», das heißt vom Weltjudentum. Weil sich die amerikanischen, die ägyptischen, französischen und englischen Juden vom Hakenkreuzregime in Deutschland nicht entzückt zeigten, wurde gegen die deutschen Juden jene Boykottbewegung organisiert, die zwar tinen alten nationalsozialistischen Programmpunkt darstellt, aber jetzt als bloße Abwehrmaßregel gegen angebliche Hetzverschwörungen der Juden aller Länder gegen Deutschland ausgegeben wurde. Nach dieser Faktion hätte der ganze Rummel nur dazu dienen sollen, Bresche in die internationale Solidarität der Judenschaft zu schlagen. Um so grotesker ist die Wahl einer Taktik, durch die die Hakenkreuzler die jüdische Einheitsfront n u r n o c h s t ä r k t e n, indem sie sogar die F a h n enflüchtigen aus den Reihen der Juden zur Solidarität mit den Stammesbrüdern zurückführten und in allen, die freiwillig die aus dem gemeinsamen Blute quellende Pflicht der Zusammengehörigkeit abgeschworen hatten, das in ihnen längst erstorbene Gefühl dieser Zusammengehörigkeit zwangsläufig wieder lebendig werden ließen. Dieses Wunder vollbringen die Hakenkreuzler, indem sie die Zugehörigkeit zum Judentum nicht vom subjektiven Bekenntnis abhängig machen, sondern von der Rassenzugehörigkeit. Auch von Juden abstammende Kaufleutc, Rechtsanwälte und Aerzte, die sich zum Teil schon in zweiter Generation zum Christentum bekennen, entgingen am Boykottag nicht der Brandmarkung als «jüdische Schädlinge». Ganz lückenlos klappt allerdings der Hakenkreuzzug gegen die Täuflinge n i c h t. So meldet der Draht, daß der zweite Bundespräsident des «Stahlhelms» D ü s t e r b e r g, die antisemitische Boykottbewegung begrüßt und Hitlers Anstrudelung anläßlich des Geburtstages des Reichskanzlers feierlich mitgemacht hat. Düsterberg ist bekanntlich der Enkel eines einstigen Präsi- •n und AUSLÄNDISCHE EN GROS EN DETAIL OKOB. 1M8 TKU» JJOM MODEIIEIIHEITER Seide Wolle Samte FRAItZ HEUmiin. LGOKCOIOIflFL S Die „Säuberung“ Berufe «Manchester Guardian» veröffentlicht folgenden Bericht seines Sonderkorrespondenten in Deutschland: Die Verfolgung der deutschen Juden und Republikaner läßt nicht nach. Sie scheint nur deswegen nachzulassen, weil sie stiller, aber gleichzeitig unversöhnlicher wirksam und systematischer wird. Die barbarischen Folterungen in den braunen Häusern dauern fort w e früher. Kaum weniger unmenschlich sind die «Säuberungsaktionen» im Staatsdienst, in den Gemeinden, Spitälern, Gerichten, Schulen usw. Was wird aus der ungeheuren Menge derer, die täglich entlassen werden? Niemand scheint es zu wissen, niemand sich darum zu kümmern. Tausende und aber Tausende Familien sind seit Anfang März total zugrunde gerichtet worden. Man muß ihre Verzweiflung sehen, um ermessen zu können, was da geschieht Männer und Frauen, die bisher in hohem Ansehen ln Kunst, Literatur, Wissenschaft, Medizin, Recht und Wirtschaft gestanden sind, m-üssen heute bitterstes Elend ertragen, ihre Laufbahn ist plötzlich beendet worden, die Arbeit und Aufopferung eines ganzen Lebens wurde vernichtet und mit Entlassung belohnt. Dabei ist diese Säuberung (der Ausdruck ist in sich selbst eine Beleidigung) begleitet von jeder Art Spott und Hohn. Sie wird in den Veröffentlichungen des Hitler-Regimes angekündigt, als wäre sie eine herrliche Leistung. Es ist einstweilen unmöglich, die Gesamtzahl der Entlassungen abzuschätzen. Es gab etwa zweitausend jüdische Rechtsanwälte in Berlin. Die offiziell angegebene Zahl von zweitausendfünfhundert ist eine Uebertrtibung. Von diesen wurden alle, außer fünfunddreißig (offenbar ehemalige Frontsoldaten) von den Gerichten ausgeschlossen, das heißt total ruiniert. Dann wurde zugestanden, daß alle Rechtsanwälte, die im Jahre 1914 bereits praktizierten oder im Kriege kämpften oder Söhne hatten, die an der Front gefallen sind, die Wiederzulassung verlangen können, vorausgesetzt, daß sie von kommunistischen Sympathien frei sind. Aber die Richtlinien für die Erledigung dieser Ansuchen sind noch nicht bekanntgegeben worden, und Kerrl, der Justizkommissär für Preußen, hat öffentlich erklärt, daß der «Wunsch des Volkes» nach «Ausmerzung» der jüdischen Rechtsanwälte befriedigt werden wird. Das Zugeständnis ist in Wirklichkeit nichts als Agenauswischerei zur Täuschung der jüdischen und liberalen öffentlichen Meinung in England und in den Vereinigten Staaten. Die Diktatur hat in Wirklichkeit eine von ihr selbst ausgewählte Gruppe von Rechtsanwälten geschaffen, die gänzlich von ihrer Gnade abhängt und daher sklavisch ihrem eigenen Willen dient, ln den politischen Gerichtsverhandlungen, die binnen kurzen? stattfinden werden, sollen diese «jüdischen» Rechtsanwälte als Verteidiger auftreten, gleichsam als ein sichtbares Zugeständnis an die Gerechtigkeit und Fairneß. In Wirklichkei werden sie Instrumente der Diktatur bei der Anwendung ihrer terroristischen Justiz sein, um so nützlicher, als s'e dazu dienen können, die internationale Judenschaft zu täuschen, vor der die Diktatur sich zu fürchten begonnen hat Die «Ausmerzung» der jüdischen und republikanischen Aerzte, Chirurgen, Wärter, Schwestern und Assistenten aus Spitälern, Klniken, Irrenhäusern usw. ist eine doppelt? Tragödie, für die Patienten ebenso wie für die «Ausgemerzten», da diese ja meistens von sehr geringwertigem Personal ersetzt werden. Weltberühmte Männer und Frauen sind auf die Straße geworfen worden, um von Nullen ersetzt zu werden, deren hauptsächliche Qaüfikation deuten der israelitischen Kultusgemeinde von Paderborn.?m allgemeinen hatten aber die getauften Naeb* kommen jüdischer Kultusvorstände wenig Grund zum Jubel über den Boykott, da er sich auch gegen sie in v««€f Schärfe auswirkte. Wir können nicht umhin, unserer Genugtuung hierüber Ausdruck zu geben — nicht aus Schadenfreude, sondern in Erwartung der sittlichen Läuterung der Abtrünnigen durch dieses Erlebnis. Wenn jüdische Dissidenten und Täuflinge die Erfahrung machen müssen, daß ihr* Maskierung als gläubige Christen ihnen keinen Schutz vof antisemitischen Maßregeln bieten, dann wird ihre Freude an dem gewählten Mummenschanz sehr rasch dahinschwinden. Denn die überwiegende Mehrheit aller Austritte aus dem Judentum hat nicht in positiver Bekehrung zu anderen Glaubenslehren ihre Ursache, sondern in dem rein negativen Streben, die Zugehörigkeit zu einer mehr oder weniger verfemten Menschenschicht zu verleugnen. Eine wirkliche Bekehrung aus innerlichen Gründen könnte man dem Renegatentum nur dann glauben, wenn es anderwärts von höherer Ethik gelockt würde. Wie sieht es damit aus? Die illustrierten Blätter brachten Jüngst eine symbolhaft wirkende Zusammenstellung zweier Bilder. Das eine zeigte eine altrömische Zirkusszene aus dem Film «Im Zeichen des Krcttzes», das andere eine Straßenszene aus dem heutig*« Deutschland im Zeichen des Hakenkreuzes. Im Film schreit eine fanatisierte Masse: «Tod den Christen!» in den deutschen Straßen ruft eine fanatisierte Jugend: «Juda verrecke!* Zwischen diesen beiden im Bild festgehaltenen Szenen liegen neunzehn Jahrhunderte menschlicher Kulturentwicklung, kt solch langem Zeitraum hat sich äußerlich manches geändert, innerlich ist alles beim alten geblieben. In den Tagen Nero* wurden die Christen als Verbreiter einer «von Juden ans Asien eingeschleppten geistigen Seuche, die auf Staat und Gesellschaft zersetzend wirkt», verfolgt; heute ist de* Christentum die vorherrschende Religion im Staate und seine Anhänger verfolgen andere. Sogar die Parole, die die Verfolgungen von einst und jetzt begründet, ist dieselbe geblieben. Ebenso die Stellung des Judentums. Es hat den Völkern den Dekalog und das Gebot der Nächstenliebe verkündet und wird dafür ein staats- und gesellschaftsfeindfichet Element gescholten. Das spricht freilich weniger gegen da* Judentum als gegen Staat und Gesellschaft Diese Erkenntnis ist unser einziger Trost — Taufe hilft nichts... Dr. Hugo Spieglet der deutschen ihre Hitler-Begeisterng Ist. Zahllose rtfchtjüdische Männer, Frauen und Kinder werden darunter leiden. Der Bericht läßt nun einen Auszug aus dem «Städtischen Nachrichtendienst» der Gemeinde Berlin folgen. Wir heben daraus hervor: Alle Verträge mit jüdischen Krankenkassenärzten und Zahnärzten werden aufgehoben. Von den Krankenkassenpatienten wird «erwartet», daß sie «ein Gefühl für nationale Würde zeigen und jüdische Apotheker, Optiker, Zahnärzte, Röntgeninstitute usw. meiden». Jeder Patient, der derzeit von einem jüdischen Arzt behandelt wird, «soll sich überlegen, ob er diese Behandlung fortsetzen will». Ein Sachverständigenkomitee der Nazi und der Deutscfcnationalen wird die öffentlichen Bibliotheken von Neukölln von allen Büchern und Schriften reinigen, «die geeignet wären, die deutsche Seele zu zersetzen». Der Bericht schließt mit folgenden Worten: Ein Blick bl den «Städtischen Nachrichtendienst» zeigt nicht nur eine ungeheure menschliche Tragödie — kein Wunder, cab es so viele Selbstmorde in Berlin gibt —, sondern auch den steilen Abstieg einer Zivilisation, die bis vor einigen Woche* eine der höchsten der Weit war. RSntgenkiNtde and Rassenprlnxlp Wiener Röntgenologen-Gesellschaft beschickt nicht die Tagung der Deutschen Röntgen-Gesellschaft Die Wiener Gesellschaft für Röntgenkunde hat tniäßlich des Rücktritts von Prof. Dr. Kienböck als Vorsitzender der in Bremen eröffneten Tagung der Deutschen Röntgengeselischaft beschlossen, sich mit Professor Kienböck solidarisch zu erklären und die Bremer Tagung nicht zu beschicken. Prof. Dr.1 Kienböck, der der Bruder des den Christlichsozialen nahestehenden Präsidenten der österreichischen Nafionalbank ist, hatte vor einiger Zeit in Bremen angefragt, ob Bedenken gegen seine Person beständen, da er mütterlicherseits jüdischer Abstammung sei. Numerus clausus ln Kassel KasseL Wie das städtische Presseamt mitteih werden in Zukunft an den städtischen höheren Lehrstellen nichtarische Schüler nur noch im prozentuellen Verhältnis der nichtarischen zur allgemeinen Bevölkerung aufgenommen. Die bereits eingeschriebenen Schüler werden von dieser Maßnahme nicht betroffen. Kaufet rasch die letzten Los« ä 1 Schilling, der RoUcrem-LoHeri« zu haben in allen Trafiken

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