Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 276 (21.4.1933)
- Date
- 1933-04-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 276 - 21. April 1933 DIE STIMME Seif« 3 9tir Ceffnung der Jore Palästinas und Englands Die Rede Herbert Samuels Sir Herbert Samuel erklärte, er wisse als Mitglied der jüdischen Gemeinschaft die Worte Sir Austen Chamberlains und der übrigen Mitglieder des Hauses über die Lage der Juden in Deutschland voll zu würdigen. Gegen das, was zweifellos eine Verfolgung aus religiösen und Kassengründen sei, habe sich die öffentliche Meinung sowohl in England als auch hn Amerika und in anderen Ländern spontan aufgebäumt. In Deutschland seien die Juden seit der Zeit des römischen Kaiserreiches ansässig, Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft hätten all die Jahrhunderte hindurch zur Bereicherung und zum Ruhme des deutschen Lebens bengetragen. Im Mittelalter hätte bei den Verfolgungen der Juden der Mob mit Brand, Raub und Mord gewütet. Heute unterscheiden sich die Methoden davon: Man bringe die Juden nicht um ihr Eigentum, sondern um ihre Stellung; man raube ihr picht ihr Hab und Gut, sondern ihre Lebensmöglichkeit. Die öffentliche Meinung in England habe sich seit dem Kriege sehr zugunsten Deutschlands gewandelt, das britische Volk sei bestrebt gewesen, die Feindseligkeiten und die Bitterkeit der Kriegszeit zu vergessen und Deutschland freundlich die Hand entgegenzustrecken. Er hoffe, daß die Regierung Mittel finden werde, Deutschland zur Kenntnis zu bringen, daß die Verfolgung der Juden und der Raub ihrer elementarsten bürgerlichen Rechte von der öffentlichen Meinung Englands bedauert und verurteilt werden. Zahlreiche ehrenwerte Menschen jüdischer Abkunft seien Beleidigungen und Erniedrigungen ausgesetzt. Jahrhunderte hindurch hätten die \uf Sir Samuel folgte Sir Simon, der Staatssekretär des Auswärtigen. Die Debatte, sagte er, sei besonders wertvoll gewesen. Denn sie habe das Allgemeine, das Umfänglichste über die Gefühle ausgesagt, die England der Behandlung der Juden und anderen Minoritäten in Deutschland gegenüber empfinde. Er spreche als Mitglied der Regierung und als solches müsse er feststellen, daß es ein schweres Mißverständnis bedeuten würde, wenn irgendjemand in irgendeinem Lande der Meinung wäre, daß die zum Ausdruck gebrachten Empfindungen auf Juden beschränkt seien oder von ihnen veranlaßt worden wären. (Lebhafter Beifall.) Im Gegenteil, es sei der spontane und unvermeidliche Ausdruck der Verbundenheit mit dem Prinzip rassischer Toleranz gewesen, die alle Engländer erfüllen. (Lebhafter Beifall.) Dieses Prinzip war in vergangenen Zeiten oft Gegenstand von Kontroversen in unserem Leben, aber heute ist es eines der Dinge, die in die Tradition des gesamten britischen Volkes eingegangen sind. Heute gibt es darin keinen Unterschied zwischen irgendeiner Gruppe des britischen Volkes. Welches immer unsere besonderen Parteibindungen sind, wir müssen feststellen, daß die bürgerliche Freiheit, auf der nicht nur der Fortschritt der großen Nationen, sondern auch der der nachbarlichen Beziehungen beruht, auf das schwerste bedroht worden ist durch die Umstände, auf die heute unsere Aufmerksamkeit gelenkt wurde. Das ist kein jüdischer Standpunkt, und das fet nicht der Standpunkt einer Gruppe oder einer Partei. Nein, das ist das, was wir den Standpunkt des Angelsachsenttims nennen wollen (Lebhafter Beifall.) Diese Ausführungen J e r u s a 1 e m. Am 9. April fand im Hotel King David zu Jerusalem ein gemeinsames Frühstück der Mitglieder der Jewish Agency und des Waad Leumi mit einer Anzahl der bedeutendsten transjordanischen Stammeshäuptlinge statt. An dem Frühstück nahm auch der ehemalige Präsident der Jewish Agency Dr. Chaim Welzin a n n teil, zu dessen Begrüßung die transjordanischen Führer, Mohammedaner, Christen und Zirkassier gekommen waren. Den Vorsitz führte der Leiter der jewish Agency in Palästina, Dr. A r 1 o s o r o f f. In den von beiden Seiten gehaltenen Reden — im Namen der Exekutive sprachen Doktor Ar 1 osoroff und Emanud Neutnan — wurde die Versicherung aufrichtigen Willens zu gegenseitiger Freundschaft Rauhv.;* "Chemiker, Leipziger Schule, sucht Interessenten für Gründung eines mittleren Rauhwarenveredlungsuntemehmens in Wien (Zurichterei, Bleicherei und Färberei, Veredlung für Wild- und Lammwaren) als Lohnbetrieb. Besitzer größerer Zurichtercl n mul Manipulanten in Rauhwaren bevorzugt. Erforderlich .«'•■■idiiiigs*- und B. triebskapital 5000 bis 8000 Dollar. Antv. i.i eibeten unter Chiffre «1933 Dr. A. B.> an die Administration des Blattes. Juden die unangenehme Aufgabe gehabt, als Prüfsteine der Nationen, unter denen sie leben, als Zeugnisse für die Eigenschaften dieser Nationen zu dienen. Man habe bereits darauf hingewiesen, daß Palästina für eine gewisse Anzahl dieser Menschen einen Ausweg darstclle. Die Tatsache, daß Palästina das einzige Land ist, in dem jetzt Prosperität herrscht, erfülle ihn init tiefer Befriedigung. Trotzdem müsse er feststellen, daß auch die Prosperität eines Landes eine unbegrenzte Einwanderung nicht ermögliche. Er billige es, daß die Regierung sicli von dem Grundsatz leiten lasse, daß die Einwanderung der Aufnahmefähigkeit des Landes angepaßt sein müsse. Trotzdem könne vieles getan werden. Er glaube, daß die Verwaltung Palästinas bereits Maßnahmen getroffen habe, um möglichst viele jüdische Flüchtlinge aufztinehmen. Er wünsche nicht, führte Sir Herbert Samuel aus, daß die britische Regierung etwas unternehme, was ihre Beziehungen zur deutschen Regierung trüben könnte. Die entscheidende Lösung der Frage müsse in Deutschland selbst unter dem Einfluß der Meinung der gesamten zivilisierten Welt erfolgen. Es müsse klar zum Ausdruck kommen, daß die Verfolgung von Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer Religion oder Rasse Abscheu erwecke und daß alle Bürger eines Landes Anspruch auf Gleichheit vor dem Gesetze besäßen. Sir Herbert Samuel schloß seine Rede mit der Versicherung, daß er niemals für einen antideutschen Boykott eingetreten sei und daß auch keine anerkannte jüdische Organisation solche Boykottaktionen geleitet habe. mache ich, wohl wissend, welche Verantwortung auf der Regierung in einer solchen Angelegenheit lastet. Außenminister Sir John Simon gab in seinem Schlußwort folgende, im Einvernehmen mit dem High Commissioner für Palästina getroffene Sonderbestimmungen zugunsten der Einwanderung deutscher Juden nach Palästina bekannt: 1. Dem britischen Generalkonsulat in Berlin wurden 200 Einwanderungszertifikate für Juden mit eignem Kapital von mindestens 1000 Pfund zur Verfügung gestellt, um es tolchen Juden zu ermöglichen, sofort nach Palästina einzuwandern, ohne erst bei der Palästina-Regierung unter Darlegung jedes einzelnen Falles um die Einwanderungserlaubnis ansuchen zu müssen. 2. Bei der Behandlung von Gesuchen von Mittelstandsangehörgen mit eigenem Kapital von mindestens 500 und von Handwerkern mit 250 Pfund Eigenkapital, soll mit größter Weitherzigkeit vorgegangen werden. 3. Der High Cotnmissioner hat den ausdrücklichen Befehl erteilt, die Gesuche in Palästina ansässiger deutscher Juden um Zulassung ihrer Eltern und sonstigen Verwandten aus Deutschland wohlwollend zu behandeln. Außerdem habe die Palästina-Regierung 1000 Arbeiteremwanderungszertifikate für deutsche Juden zur Verfügung gestellt. (Von uns bereits gemeldet Die Red.) So endete die historische Unterhausdebatte des 13. April 1933, die ihr Pendant nur in den berühmten Unterhausdebatten nach der Damaskusaffäre des Jahres 1840 und den russischen Pogromen von 1882 findet. und Zusammenarbeit zum Ausdruck gebracht Tiefen Eindruck machte auf d'.e Teilnehmer das von Dr. We 1 zmann gehaltene Schlußwort, ln dem er erklärte» Juden und transjordanische Araber seien nun daran, von zwei Selten aus einen Tunnel zu bohren; er hoffe, daß der Tag nicht fern sei, an dem die Bohrungen von beiden Seiten aufeinanderstoßen und Juden und Araber einander ln dem fertiggestellten Tunnel die Hände reichen würden. Eröffnung der Telephonverbindung Palästina—New York duich ein Gespräch Dr. Weizmanns New York. Am Vorabend des Pessachfestes wurde die neue Telephonverbindung zwischen Jerusalem und Nfew York durch ein Gespräch des ehemaligen Präsidenten der jewish Agency Dr. Chaim Weidmann, der sich gegenwärtig ln Palästina aufhält, eröffnet. Dr. Weizmann übermittelte der Judenheit Amerikas Glückwünsche anläßlich des Pessachfestes und richtete an sie den Appell, alle Kräfte zum Ausbau Paläst'nas zu vereinigen. Palästina sei ln stetem Aufschwung begriffen, doch sei die palast nensische judenheit betrübt über die tragischen Ereignisse in Deutschland. Sie spreche der deutschen Judenheit Holfnung und Mut zu. Europäisches Menschenrecht Unter diesem Titel schreibt der Präsident de» Paneuropa-Union Graf Coudenhove-Kalergi 'ira Prager TagblatU u. a. über die Vorgänge in Deutschland: tDie Unterdrückung and Verfolgung der Juden ist ein tragisches Kapitel der Minderheitenfrage. Denn es handelt sich hier nicht um einen kulturell minderwertigen Volkslcil, der sich einer höheren Kultur einfügen soll, sondern um einen der wertvollsten Zweige der Menschheit. Diesem Zweig verdankt die Welt nicht nur den Stifter a'cs Christentums und alle seine Apostel, sondern zugleich unzählige Talente, große Charaktere und einige seiner größten Genies. Dennoch wird das Judentum seit Jahrtausenden verfolgt; erst wegen seiner Religion, heute wegen seiner Rasse. In Wahrheit deshalb, weil es seit fast zweitausend Jahren schutzlos, weil es überall eine Minderheit ist, angewiesen auf die ritterliche Gesinnung, auf die Vorurteilslosigkeit und die Gerechtigkeit der Mehrheitsvölker. So war cs bei Pest und Hungersnot, bei verlorenen Kriegen und Revolutionen stets Blitzableiter der Volkswut. So ist es heute, in der Katastrophe der Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit, von neuem zum Opfer eines fanatischen Hasses und unhaltbaren Vorurteiles ausersehen. Der Boykott der deutschen Juden war ein trauriges Zeichen dieser Gesinnung. Doppelt traurig, weit er von einem Volk ausging, dessen Schicksal in mancher Hinsicht dem Jüdischen Schicksal gleicht. ... . Auch das deutsche Volk, eines der ersten und genialsten der Erde, wird i>on ungerechtem Haß verfolgt: mehr wegen seiner guten als wegen seiner schlechten Eigenschaften. Aach dieser alte Haß ist von neuem auf gelodert. Unrecht war das Echo auf Unrecht. Deutschenhaß das Echo, auf Judenhaß. Deuischenboykott das Echo auf Judenboykott:■ Alle Europäer müssen hoffen, daß diese doppelte Orgie von Haß, Unrecht und Unterdrückung ihr Ende findet. Daß in Deutschland die Judenhetze ebenso aufhört, wie in der Welt die Deutschenhetze. Daß die Verleumdungen Deutschlands ebenso rasch ihr Ende finden wie die Verleumdungen der Juden. Daß die deutschen Minderheiten in Europa ebenso ihr Recht wiederfinden wie die Jüdische Minderheit in Deutschland.» Ein Engländer über die Rassentheorie hn «.Observen> befaßt sich J. L~ G arv in mit den letzten Ereignissen in Deutschland. Die Judenhetze <— Gar vin schreibt ethe Judenhetzc* — nennt er grausam und 6tbd (stupid) zugleich, eine der übelsten Episoden in der modernen Geschichte Europas. Sie sei ebenso sehr ein . Fehler wie ein Verbrechen. Die physischen Brutalitäten haben in dpr letzten Zeit nachgelassen, seien jedoch keineswegs gänz zum Stillstand gekommen. Mit einer anderen kaltblütigen Persekution der Juden hat das Reich erst begonnen.' Stresemanns und Brünings Bemühungen: sind zunichte gemacht und ebenso das Werk der besten Freunde Deutschlands in allen Ländern. Die gewaltigen Sympathien, die Deutschland in England und Amerika genossen hat, sind vernichtet. Die Fehler, die der Kaiser und Billow zehn Jahre hindurch begangen haben, wurden in wenigen Wochen von dein Nazis zur Vollendung entwickelt. Ueber die Rassentheorien der Nationalsozialisten sagt Garvin: Jeder wisse, daß es keine reinen Rassen gebe. Dir Deutschen seien alles weniger als eine nordische Schöpfung blonder Uebermenschen. Sie sihd eine Mischung von Germanen, Slawen und Kelten. Herr Hitler selbst, mit all seiner sich wiederholenden Rhetorik, ist weder physisch noch psychisch eine nordische Erscheinung. Er ist weit davon entfernt, so auszusehen oder zu sprechen, wie einer der großen Männer der deutschen (jeschichte. Die menschliche Zivilisation war schon hoch entwickelt, ehe die nordischen oder auch die arischen Völker etwas mit ihr zu tun bekamen. Diese haben weder das Alphabeth noch die Arithmetik, weder das Rad noch den Pflug, weder die Zähmung von Tieren, noch die Bearbeitung der Metalle, weder das Gesetz noch die Religion erfanden. Kein großer Religionsstifter war ein Germane. Die Hitlerbewegung kann weder in der inneren noch in der äußeren Politik die praktischen oder moralischen Wunder verrichten, die ihr Programm verheißt. Bisher hat sie Frankreich, Polen und die Kleine Entente alarmiert und gleichzeitig sick die öffentliche Meinung in Amerika und England verscherzt. Hitlers neue Reichsverwaltung ist, namentlich in den untersten Instanzen, die dileitantischestt Rroirrung, die Deutschland je gehabt hn' Das Weben um Einstein Seit der Rückkehr Prof. Einsteins aus Amerika sind ihm zahlreiche Lehraufträge seitens verschiedener Universitäten Europas und Amerikas zugekommen. Belgien, Spanien, Schottland und Griechenland sind bemüht, den berühmten Mann zu veranlassen, einen Lehrstuhl zu übernehmen. Der französische Unterrichtsminister hat in der Pariser Kammer einen Gesetzesentwurf über Schaffung eines für Einstein bestimmten Katheders für Physik und Mathematik am College de France eingebracht, der am 13. April einstimmig angenommen wurde. Die Universität Brüssel hat Professor Einstein ehrenhalber zum Mitglied ihre-; Professorenkollegiums ernannt. E.n prompt wirkendes schmerzstillendes Mittel ist, wie über 6000 notariell beglaubigte Aerziegutachten beweisen, Togal. Beschwerden in den Gelenken und Gliedern, gichtische und rheumatische Beschwerden, Kopfschmerzen werden nach vorliegenden Urteilen mit Togaltabletten mit glänzendem Erfolg bekämpft. Togal ist in jeder Apotheke zu haben. 7ei£dL Qavid Hauieft empfehlen sich als Verlobte Wien, im April 19ßß fdilußwort des bwitisdkcn Außenministers Sonderbestimmungen für die Einwanderung nach Patästina, Müde* rung der Einwanderungssperre in England Jüdisch-arabische Verbrüderungskundgebung in Jerusalem Transjordanische Führer als Gäste der Jewish Agency