Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 276 (21.4.1933)
- Date
- 1933-04-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 1 DIE STIMME Nr. 276 — 2t. April 19» Zwei kalte Duschen Die erste Sensation der Woche war die Deutschland-Debatte iffl englischen Unterhaus. Die Reden Sir Austin Chamberlains und des Außenministers Sir John Simon brandmarkten das nationalsozialistische Regime vor der ganzen Welt und gaben damit dem Gefühle Ausdruck, das die ganze Kulturwelt beherrscht. England hat sich durch diese Unterhaus- Debatte den Dank des Judentums und weiter christlicher Kreise gesichert. Typisch Ist das Verhalten der offiziellen Presse In Deutschland. Eine offiziöse Auslassung des deutschen Auöenamtes schreibt verlegen: «Da« englische Unterhaus, das traditionsgemäß über die Angelegenheit entlegener, halbkultivierter Länder nur disputiert, wenn dort Leben und Eigentum britischer Untertanen gefährdet sind, beschäftigte sich mehrere Stunden hindurch mit der Lage ln Deutschland, wie wenn hier ähnliche Verhältnisse vorlägen.» Dazu wäre zu sagen, daß die Verhältnisse einen Rückfall in Deutschland in das finsterste Mittelalter bedeuten und daß es für England offenbar wichtiger war, im Namen der beleidigten Menschheit seine Stimme zu erheben, als sich an diplomatische Tradition zu halten. Deutschland wird es sich angewöhnen müssen vor das Tribunal der Weit zitiert zu werden, solange der frühere Rechtszüstand der Juden In Deutschland nicht wiederhergestellt und Schadensgutmachung erfolgt ist. Ueber 100.000 Juden sind aus Deutschland geflüchtet. Zahllose jüdische Existenzen werden vernichtet und täglich fordert das rasende Hakenkreuz neue jüdische Opfer. Mit behaglicher Gründlichkeit wird die Numerus Clausus-Gesetzgebung beraten. Deutschland betreibt seine Vogel-Strauß- Politik weiter. Es hat keine anderen Sorgen als seine Juden zugrunde zu richten. Deutschland hat eine schwere diplomatische N I e d e r 1 a g e e r I i tten. Dazu hat sehr viel Italien beigetragen. Göring flog zu Mussolini um zu retten, was noch zu retten ist. Er wußte genau, daß es Mussolini war, der gegen den Judenboykott in Berlin energisch und mit Erfolg protestiert hatte. Nach den Zeitungsnachrichten hat Görings Mission Schiffbruch erlitten. Das war die zweite kalte Dusche. Mussolini hat sich einmal geäußert, daß Faschismus kein Exportartikel sei. Hitler war anderer Meinung und hat Mussolini schlecht kopiert. Er hat übersehen, wie Mussolini Juden behandelt und wie es ihm die italienischen Juden lohnen. Unsere Volksgenossen ln Italien genießen die gleichen Rechte wie die Italiener. Zahlreiche Juden bekleiden hohe Staatsämter als Minister. Es gibt jüdische Generäle und Universltäts- . Professoren. Es gibt aber keinen Antisemitismus. Was für England und Italien gilt, das gilt auch für Frankreich und die ganze Welt. Kein Kulturstaat billigt die Haltung der deutschen Regierung und diese selbst sieht sich heute moralisch und diplomatisch eingekreist. Alle Kunststücke versagen. In London versuchte ein Sendling Hitlers, Graf Bismarck ohne Erfolg Stimmung für Deutschland zu machen. D re Boykottbewegung wächst von Tag ZU T a g. Kein Wunder, wirft doch die deutsche Regierung erbarmungslos täglich jüdische Existenzen aufs Pflaster. Immer noch hört man Nachrichten über grausame Mißhandlungen. Die polnische Regierung hat Ihre dritte Protestnote überreicht, in der 16 Fälle arger Brutalitäten an polnischen Juden aufgezähit sind. Eine vierte Protestnote Ist in Vorbereitung. Deutschland betreibt selbst die wirksamste Greuelpropoganda. Es irrt, wenn es meint, die Proteste der ganzen Weit in den Wind schlagen zu können. Der Rausch der Umzüge und Hitler-Feiern wird verfliegen. Einige tausend Hakenkreuzler haben sich zwar in jüdische Nester gesetzt. Die sechs Millionen Arbeitslosen sind aber dadurch nicht weniger geworden und von Fabriken, die nicht rauchen, sagt man, daß sie stinken. Der große Katzenjammer Ist unausbleiblich. Nach dem politischen Zusammenbruch wird wohl der wirtschaftliche nicht allzulange auf sich warten lasen. Der größte Krieg gegen die Juden, den die Nazigenefäle vor aller Welt proklamiert haben, begann bereits mit der größten politischen Niederlage, welche das Nachkriegs-Deutschland erlitten hat. Das Dritte Reich fängt mit einem Debakel auf der ganzen Linie an. Restauration Nagel (ehern. Hotel New York) |€*ixi II«« PralerslraOe 99 Telephon R-47-4-49 (Fortsetzung von Seite 1, Spalte 3.) Wir hier in diesem Lande, wir haben etwas zu vertreten. Unsere Traditionen zählen für unser Volk, für Europa und für die Weit. Europa ist bedroht und Deutschland ist angesteckt von diesem engen, ausschließlich aggressiven Geist, für den es ein Verbrechen bedeutet, ein Freund des Friedens zu sein, und ein Verbrechen, Jude zu sein. Das ist nicht ein Deutschland, dem wir Konzessionen machen können. (Beifall.) Das ist nicht ein Deutschland, dem Europa die Gleichberechtigung zustehen kann. Die Durchführung des national* sozialistischen Programms und die Juden « Maler Nathan fordert den Außenminister auf, Vorstellungen bei der deutschen Regierung su erheben Abg. Major Nathan erklärte, er würde sich einer Treulosigkeit gegenüber seinem Blute und seinem Glaubensbekenntnis schuldig machen, wenn er in dieser Debatte nicht das Wort ergriffe. Was die Berichte über die Lage der Juden in Deutschland anlange, so seien vielleicht hier und da Uebertreibungen vorgekommen, doch hätten die verantwortlichen Korrespondenten der britischen Presse in Deutschland die Tatsachen ziemlich klar dargestellt. Auch nach Richtigstellung der Uebertreibungen könne kein Zweifel darüber bestehen, daß ln Deutschland gegenwärtig die Freiheit als solche auf dem Spiel stehe. Das offizielle nationalsozialistische Programm sei der Beweis dafür, daß die gegenwärtige Politik Sorgfalt'# von langer Hand vorbereitet worden sei. Dieses Programm sehe vor, daß die Juden Ihrer staatsbürgerlichen Rechte verlustig gehen sollten, daß sie keine amtlichen oder halbamtlichen Stellungen bekleiden dürfen. Dies bedeute, daß man den Juden alle staatsbürgerlichen Rechte abspreche. Sie seien ihren steuerlichen Verpflichtungen gegenüber dem Staate nachgekommen, sie hätten die Gesetze des Staates befolgt, trotzdem sollen sie sich keines der elementaren Rechte erfreuen, die aus der Staatsbürgerschaft fließen. Sie sollen als außerhalb de9 Gesetzes Stehende behandelt werden. Ich kenne einen Juden, führte Major Nathan an, dessen Vorahne schon im Jahre 1904 in einer deutschen Stadt gelebt hat. Er war Rechtsanwalt und diente als Gemeiner Soldat ln der deutschen Armee an der russischen Front- Jetzt lebt er als Flüchtling in diesem Lande, aller Mittel entblößt. Einer seiner Freunde, ebenfalls ein Rechtsanwalt aus einer großen deutschen Stadt, der den Weitkrieg als Offizier der deutschen Armee mitgemacht hat, ein Christ, muß heute als Flüchtling in SUand'navien leben, weil einer seiner Großväter Jude war. Sein anderer Großvater und beide Großmütter waren christlichen Glaubens. Was gegenwärtig in Deutschland vor sieb gehe, erklärte Major Nathan, könne in dem freien England gar nicht verstanden werden. Für ein Eingreifen Großbritanniens ln ähnlichen Fällen gebe es jedoch einen Präzedenzfall. Vor 20 Jahren, als die Juden ln Rußland verfolgt wurden, wandte sich der verewigte König Eduard auf Vorschlag seiner Minister an den Zaren, upi Ihn für eine Besserung der Verhältnisse, unter denen dl« Juden lebten, zu gewinnen, und tatsächlich sei eine solche Besserung erzielt worden. Er ersuche daher des Außenminister, bei der deutschen Regierung Vorstellungen zu erheben und sie von dem tiefen Eindruck, den die Vorfälle ln Deutschland auf die öffentliche Mehlung machen, zu unterrichten. Friedmanns Glück ist kolossal! Am 10. Mai beginnt die Ziehung erster Klasse der' 29. österreichischen Klassenlotterie Bestellen Sie ihre Lose noch heute bei lutfwto Fricdmann Wien, I.. lalzflilti 12 Lospreise per Klasse: 7<* 6 S, V 12 S, '/. 24 S, V» 4® S In der letzten Lottere wurde bei Friedmann der Haupttreffer der 2. Klasse S 6J.OOO.— nebst anderen vieen großen Treffern gezogen Bei jeder Ziehung sieht man es spieit sich gut bei Friedmann! Colonel Wedgwood verlangt Zulassung der jüdischen Flüchtlinge nach England Die gegenwärtige Abschließung Colonel Josiah Wedgwood erklärte, er würde es begrüßen, wenn dem Lande und der englischen Rasse durch Zulassung der Verfolgungen ausgesetzten Elemente aus Deutschland neue Kräfte zugeführt werden könnten. Heute würden Flüchtlinge aus Deutschland, unter ihnen Philosophen, Wissenschaftler, Aerzte, Künstler, Techniker und Kaufleute, die nach England kommen, um eine neue Heimstätte zu suchen, bei der Landung in Harwich zurückgewiesen. Nicht vom Gesichtspunkt der Humanität aus stelle er die Forderung nach Aufnahme der Flüchtlinge, sondern vom Gesichtspunkt der Wahrung des englischen Vorteils. Im eigenen Interesse Englands liege es, diese Leute hereinzulassen. So wie man während des Krieges belgische Flüchtlinge in englischen Häusern aufgenommen habe, so solle dies diesmal mit den Juden geschehen. «Wir wollen diese sei für England beschämend Aufgabe,» erklärte Colonel Wedgwood, «nicht den Juden überlassen. Wir Engländer selbst müssen sehen, ob wir. nicht diese Leute in unsere Familien aulnehmen und so den. preußischen Ariern zeigen können, wie wir in diesem Lande den Wert von Köpfen zu schätzen und die Pflichten der Gastfreundschaft zu erfüllen wissen, was immer auch jene hinsichtlich der Juden oder Sozialisten denken und fühlen mögen.» Der gegenwärtige Zustand sei für die Engländer beschämend, fügte. Wedgwood hinzu, lu allen anderen Ländern nehme man die Juden bereitwillig auf, bloß In England habe man noch nichts getan. Er hoffe, daß diese Aussprache u. a. das Ergebnis haben werde, daß man die Tore des Landes öffne und nicht nur die Männer der Wissenschaft und die Aerzte, sondern auch die politischen Verbannten willkommen heiße. Die (Rede des Konservativen JVTorris Die Judenpolitih in Deutschland im Spiegel der öffentlichen Welt melnung Der konservative Abgeordnete Morris führte aus, die gesamte Bevölkerung Englands sei entschieden gegen die in Deutschland befolgte Politik, durch die die Juden in jenem Lande ihrer elementaren Bürgerrechte beraubt wurden. Auch die öffentliche Meinung der ganzen Welt sympathisiere mit der deutschen Judenheit. Abg. Morris wandte sich sodann einer Besprechung des Genfer Vertrages vom Jahre 1922, in dem der Minderheitenschutz für das Gebiet von Deutsch- Oberschlesien festgelegt ist, zu und erörterte die Möglichkeit, die Frage der Einhaltung der Minderheitenschutzbestimmung vor dem Völkerbund zu behandeln. Die britische Regierung sd als erste dazu berufen, die Angelegenheit vor dem Völkerbund zur Sprache zu bringen. Der Redner richtete an die Regierung den Appell, diese edle Pflicht zu erfüllen und damit den Juden Englands die hoffnungsvolle Botschaft zu übermitteln, daß ihre Glaubensgenossen in Deutschland in naflör Zukunft in ihre Rechte als deutsche Bürger wiedereingesetzt werden würden. Brigadegeneral Spears (Carlisle, Konservativer), sagte, daß Sir Chamberlain in seiner Rede nicht bloß dt» Gefühle der Majorität der Abgeordneten des Unterhauses, sondern auch die Gefühle der Majorität der englischen Bevölkerung zum Ausdruck gebracht habe. Abgeordneter MallaUeu (Colne Balley, Labour), hofft, daß die Einmütigkeit, mit der das Gefühl dieses Hause und des ganzen Landes sich hier manifestiert habe, den heüti in Deutschland Unterdrückten Trost, wenn nicht aktive Hilfe bringen möge. Uomstm! Ergänzet «len „FRIEDMANN - LÖWEN- HERZ-HAIN“. Es fehlen noch 690Räume