Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 276 (21.4.1933)
- Date
- 1933-04-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V. b. b. Preis 35g BEZUGS- BEDINGUNGEN Erscheint jeden Donnerstag Oesterreich booii Udi 8 150, viertel jihrl. S 4*20, ganz ilhri. . . . S 16 - Deutschld. viertel fahrt.. . . RM V- Ttchechoalowaltei viertelj . Kc 24 — fugoatawien viertel ilhri. .Din 40 - Polen Vierteljahr lieh . . Zloty 6 50 Ungarn Vierteljahr lieh . . Pengö 4 20 Rumlnien viertel fahrt. . . I.et 120 — ehriges Ausland vierteljahrl. Schw. Franken 4'50 Redaktion und Administration Wien, 1., Kärntner strafie 28 Tel R-27 4-85 Postsparkassen konti: Oetterr. D 113 546 Polen . . 191.109 Ischeeho- Slowakei 500.230 Jugoslawien 40.879 jüdisdte Zeitung 6. Jahrgang Wien, Freitag, 21. Apr.l 1933 <25. Nisan 5693) Nummer 276 Das englisdie Volk hat gesprodien Die einmütige Abwehr der deutschen Juden Verfolgungen im englischen Unterhaus Erklärung des britischen Außenministers über die Erleichterung der Einwanderung nach Palästina für Juden aus Deutschland — Major Atttee schlägt eine internationale Hilfsaktion vor ~ Reden von Chamberlain, Rarnett Jänner, Major Nathan, Colonel Wedgwood und Herbert Samuel In der am Donnerstag, den 13. April, nachmittags abgehaltenen Sitzung des englischen Unterhauses fand eine mehrstündige Aussprache über die Rückwirkung der politischen Neugestaltung in Deutschland auf die dortige jüdische Bevölkerung und die Notwendigkeit von Hilfsaktionen zugunsten derjenigen deutschen Juden, die infolge der gegen sie gerichteten Maßnahmen Deutschland verlassen, statt. Die Aussprache erfolgte im Anschluß an eine Anfrage des stellvertretenden Vorsitzenden der Labour-Party Major Attlee, der die Regierung fragte, ob sie beredt sei, sich der Flüchtlinge in Deutschland anzunehmen, eine Aktion des Internationalen Nansen-Amtes für Flüchtlingswesen zu veranlassen, und verfolgten Juden in Palästina eine Heimstätte zu bieten. Nach ihm ergriff Sir Austen Chamberlain das Wort zu einer großangelegten politischen Rede, in der er u. a. darauf hinwies, daß es in Deutschland heute als Verbrechen gelte, für den Frieden zu sprechen oder ein Jude zu sein. Der neue Geist des deutschen Nationalismus sei das alte Preußentum, erweitert durch einen exklusiven Rassestolz. ♦ Dieser 13. April 1933 wird in der Geschichte des Nazi- Regimes in Deutschland als einer der bedeutsamsten Tage erscheinen. An diesem Tag haben die gewählten Vertreter des englischen Volkes in einer noch nicht erlebten Einmütigkeit zum Dritten Reich Stellung genommen, an dem Tag and England und die angelsächsische Nation in aller Form und durch den Mund ihrer berufensten Sprecher vom heutigen Deutschland abgerückt. Diese Berichte über diese Unterhausdebatte, deren historische und politische Bedeutsamkeit gar nicht überschätzt werden kann, erschienen in sehr gekürzter Form in den außerenglischen Blättern. Wir glauben, unseren Lesern nicht vorenthalten zu dürfen, was im englischen Unterhaus vom Unkosten bis zum rechtesten Flügel über die Judenfrage in Deutschland gesagt wurde, und bringen im folgenden eine ausführlichere Wiedergabe der englischen Parlamentsreden. * ' Als erster sprach der Abgeordnete Atttee, Mitglied der Labour Party und Vertreter des Wahlbezirkes Limehouse Er fragte die Regierung, was sie in Angelegenheit der EilliiJin alt InviR&gL SaMifta te Lloyd Trlestiio Abfahrten (eden Mittwodi um 18 Uhr Ferner: Wöchentliche Exprcftlini« noch Utnnhat wöchentliche Laxuaeilllnle nach Alexandrien: cwelmal monatlich LnxaseUHale na eh Bombay: monatliche ExpreSHalc nach Ceylon, Stagapore, Shanghai: PoatlTnle» nach der Levante, Schwarze« Meer, Indien, China, Japan luklaftt: llsrd IrlUtlM. Wl» I. KEFBlBerrlBS fi Tri. B- 17-5-U jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland vorgekehrt habe. Er hoffe, fuhr er fort, daß Deutschland die Gewalt der öffentlichen Meinung erkennen werde, die in allen Teilen der Welt sich gegen Deutschland ausspreche. (Hört! Hört!) England müsse aber Deutschland sagen, daß es, wenn es eine Revision der Friedensverträge haben wolle, mit reinen Händen kommen müsse. In allen Gebieten, die Deutschland zurückverlange, wohnen Minoritäten und Völker aller Rassen. «Wir müssen Deutschland ganz offen sagen, daß kein Mensch in ganz England vorschlagen könne, irgendeine Minorität Deutschland anzuvertrauen, solange es seine eigene Minorität so behandelt, wie das jetzt der Fall ist.» (Bravo-Rufe.) Der ftimwmmgsumsdknung xu Ungunsten Deutsdkiands ist nidkt auf iüdisdte Propaganda zuriiefizuf Uhren Der Abgeordnete Jänner« Labour* Party« Vertreter des Londoner Wahl* bezirkes Whitcheapel sprach als Jude für seine jüdischen Wähler. Er wandte sich gegen die Auffassung, wonach jüdische Zeitungen, jüdische Organisationen oder Nachrichtenagenturen übertriebene Darstellungen der Ereignisse in Deutschland verbreitet hätten. Er erklärte, die Wahrheit sei ernst genug, es sei daher überflüssig, zu den Tatsachen noch etwas hinzuzfügen. Was die zivilisierte Welt am stärksten beunruhige, sei die planmäßige UnterdrückungspoMtik, die einen Bestandteil des nationalsozialistischen Programmes ausmache. Man habe jüdische Aerzte aus den Hospitälern, jüdische Rechtsanwälte aus den Gerichten entfernt, selbst jüdische Krankeirechwestern habe man verhindert, ihr barmherziges Werk zu tun. Jüdische Sportsleute habe man von der Teilnahme an Wettspielen ausgeschlossen. Dabei umfasse die solchen Angriffen ausgesetzte kleine Gemeinschaft bloß 500.000 bis 600.000 Seelen, etwa 1 Prozent der Gesamtbevölkermig. So klein die deutsche Judenheit zahlenmäßig sei, habe sie doch ihrem Lande hervorragende Männer auf allen Gebieten der Kultur geschenkt. Die Behauptung, daß diese Männer sich mit dem deutschen Volke nicht identifiziert hätten, sei eine grobe Entstellung der Wahrheit. Es sei im Gegenteil die neue nationalsozialistische Politik, die darauf abziele, sie von der Teilnahme am Leben des Landes abzuhalten, in dem versucht wird, ein rassenreines platonisches Deutschland zu schaffen. Diese Politik basiere nicht auf vernunffsmäißigen Erwägungen und verleugne alle ethnologischen Tatsachen. Zum Schlüsse wies Abgeordneter Jänner auf die Beweise der Teilnahme hin, die den Juden n der Stunde ihrer Prüfung allenthalben gegeben werdet, und richtete an das Haus den Appell, ebenfalls den Juden beizustehen. Es sei durchaus wahrscheinlich, daß dem Völkerbund nahegelegt werden würde, eine Hilfsaktion zugunsten der deutschen Juden einzuleiten. Es sei wünschenswert, daß. die Initiative hierin von England ergriffen und nicht einem anderen Staate überlassen werden. Nach der Rede Macdonalds kam unter allgemeinem Aufsehen des Hauses Sir A. Chamberlain (Birmingham, Konservativer), der ehemalige Außenminister, zu Wort. «Ich will mich nicht in eine Diskussion über die inneren Vorgänge in Deutschland einlassen, außer so weit, als sie in eine Debatte über auswärtige Angelegenheiten gehören. Was ist denn der neue Geist des deutschen Nationalismus. Es ist der schlimmste Geist des altpreußischen Imperialismus, ergänzt durch Brutalität, rassischen Stolz und eine Ausschließlichkeit, die keinem Mitbürger von nicht «rein nordischer Abstammung» die Gleichheit der bürgerlichen Rechte innerhalb der Nation, zu der er gehört, zugestehen will. (Fortsetzung auf Seite 2, Spalte 2.) fdinere antisemitische Ixxesse in Cxernoivifx „Eiserne Car de“ tobt mit Revolvern und Totschlägern durch die Straßen Bukarest, 19. April. (Tel.-Union.) In Czemowitz ist es zu schweren Ausschreitungen gekommen, die pogromartigen Charakter annalimen. Zahlreiche jüdische Geschäfte wurden demoliert und eine ganze Anzahl Personen verwundet. Die Ausschreitungen hatten bereits am Nachmittag begonnen. Es wurden einige Juden vertrieben, die sich für die Rechte der Juden in Deutschland eingesetzt haben. In den Abendstunden rotteten sich etwa 300 Studenten und andere junge Leute zusammen, die mit Revolvern, Totschlägern und Knüppeln bewaffnet die Hauptstraßen lärmend durchzogen und die meisten Schaufenster jüdischer Geschäfte zertrümmerten und wahllos auf die Personen einschlugen, die Urnen in den Weg kamen. Zahlreiche Juden wurden schwer verletzt, darunter einige durch Revolverschüsse. Auch einige Rumänen mußten in das Krankenhaus überführt werden. Ein starkes Militäraufgebot vermochte erst im Laufe der Nacht die Ruhe wtederherzustellen. Etwa 20 Personen, zumeist Ruthenen, wurden verhaftet Es handelt sich um etne Aktion der «Eisernen Garde», die in jüdischen Kreisen Besorgnis erweckt, da die antisemitische Bewegung in Rumänien weiter um sich zu greifen scheint. Die bei den Verhafteten gefundenen Revolver sollen angeblich von den Cuzisten geliefert worden sein. Unter der jüdischen Bevölkerung in Czemowitz herrscht Panikstimmung. m HÄ!5ER5TR. 123 A ÄL5ER5TR.. 6 S 16 - S15- S 20 *r".