Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 274 (7.4.1933)
- Date
- 1933-04-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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DTE STIMME Nr. 274 — 7. April T9TT 0JU JakoA- $04<tht&a&: H^Kd^utk ,MeU» fünfzig, J&fae. Jis&a-EJzi&i-pJiOJzeß ftttiudhtahdwaibi ün £ix&te. de\ QeiCÄk&te,*) Ostern 1932 sind es fünfzig Jahre geworden, seit die Tisza-Eszlär-Affäre ihren traurigen Anfang genommen. Dreizehn qualvolle Monate mußten die unter schwerstem Verdacht stehenden jüdischen Angeklagten verbringen, bis es zu dem die ganze Welt aufrüttelnden Prozeß kommen konnte, dessen trauriges fünfzigjähriges Jubiläum in diese Tage fällt. (Anm. d. Red.) In einer Zeit größter religiöser Unduldsamkeit, politischer und sozialer Unterdrückungen Andersgläubiger, in einer Zeit, da noch kein Ring der tausendjährigen Fessel gelöst, kein noch so schwacher Strahl von humaner Duldung und Toleranz sich den Weg in das finstere Vorurteil der Massen gebahnt hatte, in der Zeit tiefsten, dunkelsten Mittelalters ist jenes Schaudermärchen von der nach Christenblut dürstenden jüdischen Religion entstanden, ist es zum ersten Male in der Geschichte vor das «Tribunal der Gerechtigkeit» zitiert worden. Die erste Anklage, die auf Grund dieses ungeheuerlichen Wahnmärchens gegen Juden erhoben wurde, fällt in das 13. Jahrhundert. In den folgenden sechs Jahruhunderten erstreckte sich allerdings die Blutbeschuldigung auf vereinzelte Fälle, um gegen Ende des 19. Jahrhunderts in ihrer ganzen Wucht wieder aufzuleben. Auf zwei Grundpfeilern war diese furchtbare Blutbeschuldigung der Juden vom ersten Augenblick an aufgebaut. Erstens auf das auch heute noch vorherrschende Bestreben der regierenden Kreise, die Schuld an Zeitübeln einer religiös, sozial und politisch mißliebigen Bevölkerungsschicht zuzuschreiben, um so vor allem von sich selbst die Schuld abzuwälzen. Der zweite Pfeiler, auf dem dieses Märchen fest stehen konnte, bestand in den finsteren Vorurteilen, in dem tiefen Aberglauben und Fanatismus der Maesen. Aus der Kette der grausamsten Verfolgungen und der infamsten Beschuldigungen, die im Laufe der Jahrhunderte gegen die allen Attacken ausgesetzten Juden erhoben wurden, ist tragischerweise über Humanismus und . Menschenrechte, über Aufklärung und Emanzipation hinweg, die Legende des RituaJmordes in die unheimliche Nähe unserer Tage oder in die unserer unmittelbaren Vorfahren gerückt. August Rohling — der Eisenmenger des 19* Jahrhunderts In zahlreichen Bullen und Schriften sind Päpste und andere bedeutende christliche Kapazitäten wohl oft gegen den Ritualmordwahn aufgetreten und bewiesen, daß sich nirgends in der Gesetzesliteratur der Juden von irgendwelcher Verwendung von Christenblut auch nur eine Spur finde. Historisch unleugbar ist ferner die Tatsache, daß auch ausgesprochene Judengegner, wie vor allem der Dominikanermönch Raimund Martin aus dem 13. Jahrhundert und selbst der berüchtigte antijüdische Schriftsteller aus dem 17. Jahrhundert Eisenmenger, nirgends in ihren judenhetzerischen Schriften den Verdacht der Verwendung von Christenblut durch Juden zu Ritualmordzwecken ausgesprochen haben. Erst einem neuzeitlichen Führer des Antisemitismus blieb diese glorreiche Erfindung vorbahalten. Was Pfefferkorn im 15. Jahrhundert versucht, Eisenmenger im 17. Jahrhundert fortgesetzt, wollte der berüchtigte Prager Professor August Rohling — Bömenestomen — im 19. Jahrhundert vollenden. Wohl hat die Prager und internationale theologische Gelehrtenwelt, aHen voran der große protestantische Hebraist Franz Delitzsch, über August Rohling ein vernichtendes Urteil gefällt und festgestelt, daß sein Buch «Der Talmud j u d e» von Unkenntnis des talmudischen Schrifttums und fehlerhaften Uebersetzungen, von verstümmelten Texten und unrichtigen Auslegungen strotze, wohl hat auch das Gericht in dem vom österreichischen Reichsratsabgeordneten Dr. Josef Bloch gegen Rohling angestrengten aufsehenerregenden Prozeß die wissenschaftliche Reputation von August Rohling arg havariert, indem seinem Pamphlet jede wissenschaftliche Grundlage abgesprochen wurde. Allein •) Aus einer Artikelserie. Phantasie arbeitete fieberhaft, er sah vor sich all das groteske Sammelsurium von Trägern, Kutschern, Scharlatans und jüdischen Luftmen6chen, die er eben ins Leben rief und schüttelte sich vor Lachen. So schrieb sich Scholem Alejchem das Lachen von der Seele. Nur klang es in der todesstillen Nacht wie ein ruckhaftes Aufschluchzen, das in ein befreiendes Lachen sich verkrampfte. Und merkwürdig: so oft mich dieses Lachen «us dem Schlafe aufschreckte, stiegen in mir längst verklungene Melodien aus den Ktnderjahren auf, als der Großvater um die Mittemachtsstunde sein Wehklagen um JerusaJems Fall in die Nacht hinausschrie ... Ich zitterte am ganzen Leibe, Scholem Abjchem laohte tot anstoßenden Zimmer und ich schluchzte leise mit. Nur ein Narr oder ein Dichter konnte so lachen. sein Auftreten fiel in die Zeit der mächtig anschwellenden parteipolitisch sich bildenden antisemitischen Bewegung des letzten Viertels des vorigen Jahrhunderts, und so konnte ein Rohling die geistige Kraft dieses stürmenden Judenhasses werden, der geistige Vater der Stöcker in Deutschland, der Schönerer in Oesterreich und der Onody, Isioczy und Simony in Ungarn. Sieht man von den das Gewissen der ganzen zivilisierten Welt aufrüttclnden Ritualmordprozesscn gegen die Juden in Damaskus vom Jahre 1840 ab, so sind es besonders die zwei Jahrzehnte am Ausgang des 19. und das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, welche eine förmlich grauenvolle Welle von Ritualmordbeschuldigungen gebracht haben. Sie fielen alle in die Blüteperiode der antisemitischen Bewegung und traten außer in Südrußland vornehmlich in den katholischen Gebieten Böhmens und Ungarns auf. Die noch im mittelalterl.chen Blutaberglauben erhaltene Land- und Dorfbevölkerung war stets das willige Werkzeug der in den Großstädten agierenden antisemitischen Rädelsführer. Denn e i n Gemeinsames haben all diese Ritualmordaffären, der Polnaer (Hifsner), Xantener (Buschhof) und der Tisza- Eszlaer Prozeß, sie sind alle an das Dorf, an die Landstraße geknüpft. Waren Aberglaube und dumpfer Fanatis- Am linken Ufer der Theiß, südlich von Tokai, liegt das kleine ungarische Dorf Tisza-Eszlar. Sein Name war einst auch den meisten Ungarn kaum bekannt. Erst durch die Ritualmordaffäre, deren Schauplatz Tisza-Eszlar vor fünfzig Jahren war, vermochte Tisza-Eszlar sich Jahre hindurch im Brennpunkt des europäischen Interesses zu erhalten. In dem Dorfe, das zum überwiegenden Teil eine ungarische Einwohnerschaft hatte, lebte auch eine Anzahl jüdischer Familien, die sich mit Kleingewerbe und Fischerei beschäftigten. Nichts, trübte das gute Verhältnis der beiden Bevölkerungsgruppen. Sie lebten als Dorfbewohner in aller Ruhe dahin, bis, ja, bis eines schönen Frühlingstages die Katastrophe wie ein Blitz aus heiterem Himmel auf die ahnungslose Bevölkerung hereinbrach. Freilich, Versuche, Zündstoff in das ruhige Zusammenleben von Juden und Christen im Dorfe hineinzu'.-ragen, waren in letzter Zeit immer wieder unternommen worden, lag es doch in der Nähe des Gutes des berüchtigten ungarischen Antisemitenführers Onody, eines der geistigen Lenker der ganzen Tisza-Eszlaer Ritualmordhetze. Aber im großen und ganzen deutete nichts darauf hui, daß in diesem Dorf ein solch wilder Haß gegen die Juden jäh auflodern könnte. Er loderte auf... Am Vormittag des 1. April des Jahres 1882 schickte die Tisza-Eszlaer Einwohnerin Frau Andreas Huri ihre Verwandte, die vierzehnjährige Esther Solymosi, die seit einem Monat bei ihr als Dienstmädchen arbeitete, zum Kaufmann Josef Kohlmayer, um Farben elnzukaufen. Sie wollte, da Ostern vor der Türe stand, ihr Haus ausmalen. Esther Solymosi hatte auch von zwei anderen Nachbarinnen Aufträge mitgenommen und begab sich zwischen 10 und 11 Uhr, mit 7 Kreuzer in der Tasche, auf den Weg ins Farbengeschäft, wo sie, wie festgestellt werden konnte, gegen Mittag die Einkäufe besorgte. Auf dem Hirn- und Rückwege vom Laden wurde Esther von ihrer Schwester Sophie gesprochen. Von diesem Wege kehrte Esther Solymoei nicht mehr zurück. Sie blieb spurlos verschwunden. Verhängnisvolle Trostworte des Juden Joseph Scharf - Die Unglückselige Reminiszenz Das Haus der Frau Huri, in welchem Esther Solymosi bedienstet war, stand in dem als Ujfalu (Neudorf) bezeichneten Teile Tisza-Eszlars, während da3 Farbengeschäft, in welches Esther vormittags geschickt wurde, sich im Altdorf der Ortschaft befand. Am Ende dieses Dorfteiles steht auch die Mühle, die von der in der Nähe bediensteten älteren Schwester Sophie als die letzte Spur Esthers angegeben wird. Sophie sah und sprach Esthor sowohl auf dem Hinals auch auf dem Rückweg und folgte ihr dann mit den Blicken bis über die am Ende von Ofalu befindliche Mühle hinaus, wo sich ihre Spur verlor. Der Weg von Ujfalu nach Ofalu führt auch an der jüdischen Synagoge und der anschließenden Wohnung des Tcmpeldieners Joseph Scharf vorbei. Auch Esther Solymosi muß diesen Weg gegangen sein, von dem sie nicht wiederkehrte. Dte betrübte Mutter des verschwundenen Kindes, die von Esthers Dienstgeberin von dem beunrulvgenden langen Ausbleiben Esthers verständigt wurde und die ganze Dorfst/aße weinend absuchte» kam so in die Nähe der Synagoge mus der Massen stets die Hilfssoldaten der sie brutal und schrankenlos regierenden Herrscher, so bemächtigten sich ihrer nun die neuen antisemitischen Volksbeglücker. Denn sie erkannten die ungeheuerliche Ag tationskraft, die in der Erhaltung oder Wiedererweckung des Schaudermärchcns in den Gemütern des Volkes Hegt. Die Vorstellung, daß Juden aus religiösem Ritus Mörder seien, mußte daher durch einen «frischen Fall» wachgehalten und bestärkt werden. Nur unter dem historischen Aspekt von der engen Verquickung judenhetzerischer Bewegung mit Ritualmordaffären und unter Klarlegung der den Hintergrund der. Tisza-Es2laer Affäre bildenden Tätigkeit der zu jener Zeit in Ungarn tobenden antisemitischen Maffia und dem gleichzeitigen Aufzeigen der Fäden, die die ungarischen Antisemiten vom Budapester Parlament aus in Wort und Schrift mit Berlin, Wien und Petersburg flochten, ferner unter der besonderen Berücksichtigung der für den Ritualmordprozeß symptomatischen kriminal-psychologischen Mor. mente, wie sie vor allem in Zeugenaussagen ii Erscheinung traten, läßt sich auch der Tisza-Eszlaer Prozeß, dessen trauriges fünfzigjähriges Jubiläum in diese Tage fällt, dem heutigen Verständnis näherbringen. und der Wohnung Josef Scharfs. Der Kummer, der aus den verzerrten Zügen der Frau Solymosi sprach, veranlaßt die Frau des Tempeldieners sowie ihn selbst, Frau Solymosi nach der Ursache ihres Weinens zu fragen. Als sie vom Verschwinden der Esther hörten, sprachen sie tröstend auf die besorgte Mutter ein. Um seinen Trostworten Nachdruck zu geben, sprach Josef Scharf folgende für ihn und seine Gemeinde so verhängnisvollen Worte: «Auch in einer anderen Ortschaft wäre vor Jahren ein Kind verschwunden, von dem behauptet worden war, die Juden hätten es beseitigt, doch habe es sich später wieder gefunden. Auch ihre Tochter werde sich wieder finden, sie möge daher an keine Ammenmärchen -glauben.» Von diesem Augenblicke an, da diese unbedenkliche und gedankenlose Bemerkung vom Tempeldiener gefallen war. nahm bei Frau Solymosi die Vorstellung von einer Ermordung ihrer Tochter durch Juden zu rituellen Zwecken zuerst vage, dann immer festere Gestalt an. Von psychologisch größter Bedeutung ist es jetzt, festzuhalten, wie an zwei Enden des Dorfes, aus ganz verschiedenen Motiven und seelischem Erleben heraus, die Gedanken um das Ritualmordmärchen zu kreisen beginnen. Im Hause des Tempeldieners, in dessen Seele die Angst von jahrhundertealten Verfolgungen nachzittert, spricht Josef Scharf an diesem Abend im Anschluß an die Nachricht vom Verschwinden des Christenmärchens zu seiner Frau und vor seinen Kindern, dem fünfjährigen Samuel und dem fünfzehnjährigen Moritz, über die fürchterliche Möglichkeit der Ausnützung des Verschwindens des Christenmidchens Esther zu einer Ritualmordhetze gegen die Juden, nicht ohne die beruhigenden Worte hinzuzufügen, daß heutzutage hoffentlich die Menschen nicht mehr so dumm seien, von den Juden solche Märchen zu glauben. Man sieht, Angst und unbedenkliche Gedankenlosigkeit sind hier die ersten seelischen Reaktionen dieses Tempeldieners. Es sind dieselben Affekte, die ihn bewogen habend die Frau Solymosi auf eine analoge Beschuldigung gegen die Juden in jenem anderen Falle hinzuweisen. Am anderen Ende des Dorfes, im Hause der Witwe Solymosis, brütet eine ob des rätselhaften Verschwindens ihres Kindes betrübte Mutter den Motiven des Verschwindens nach und klammert sich, wie eine Ertrinkende an einen dünnen Halm, an die Worte Scharfs: «... auch in einer anderen Stadt war ein Kind plötzlich verschwunden, auch dort verdächtigte man die Juden.» «Auch dort!» Die tröstenden Worte vom Wiederfinden des Kindes hört diese jetzt wie in einen religiösen Taumel sich Im.'infebende Frau nicht. Schon am nächsten Tag, am Sonntag früh, weiß sie mit Bestimmtheit, daß die Juden ihr Kind ermordet haben. «Denn Gott hat mich in der vergangene« Nacht erleuchtet.» Dies sin.1 die Worte, die Frau Syymoai als Antwort auf Befragen des Richterpräsidenten, wie sie auf die Idee gekommen sei, daß ihre Tochter von Juden ermordet worden sei, gab. Das Gerücht von einem RHualmord verbreitet sich mit Blitzesschnelle durch das ganze Dorf Von Mund zu Mund geht des Gerücht. Frauen und Mädchen sind die vernehmlichsten Träger und Verbreiter dieses R'tuaJmordbazUlus Was geschah am 1. April 1882 in Tisza-Eszlar?