Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 274 (7.4.1933)
- Date
- 1933-04-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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DTE STIMME IP E SSMHHBEI IM E HadLdhuck vn\&atn*. 2. f. tfinknistafm Ehmne\un^a*i an Sc&oi&in cMcjc&ctn I. An eimem naßkalten Wintertage des Jahres 1905 sah ich Scholem Alejchem zum ersten Male. Ich hatte als junger Student einiges von ihm in polnischen Uebersetzungen veröffentlicht und war nicht wenig überrascht, in einem entlegenen Gäßchen Lembergs plötzlich den Dichter in leibhafter Größe zu erblicken. Ich erkannte ihn im Nu nach einer Personsbescbreibung. Seine schelmisch verschmitzten Augen, die hinter riesenhaften Brillengläsern halb überlegen, halb spöttisch hervorlugten, und seine charakteristische Gestalt — ein Mittelding von weltmännischem Bohemien und russischem Kleinbürger — verrieten auf den ersten Blick den lachenden Philosophen aus Kasriliwke. Es war die Zeit, wo eine neue Pogromwelle die russische Erde au-fzurütteln begann und die ersten Flüchtlinge in Lemberg eintrafen. Nach den ersten Begrüßungsworten erfaßte ich sofort den ganzen Jammer über Scholem Alejchems Lemberger Abstecher. In Kiew hatten sie sein Heim verwüstet. So zog er in die Fremde. «Nun, wohin gehen Sie jetzt?» frug ich, indem ich die Ruhe und die saloppe Gangart des Heimatlosen durch wildfremde Gassen bestaunte. «Jetzt?» — entgegnete Scholem Alejchem und glättete sich den aschblonden Krauskopf — «jetzt sehe ich mir Euer Lemberg an.» «Und wo wohnen Sie hier? frug idh weiter in meiner studentischen Zudringlichkeit. «Wohnen? — eigentlich wohne Ich noch nirgends, aber Gott wird schon helfen, es wohnen ja — heißt es — genug Juden in dieser Stadt.» «Und wo sind Ihre Leute?» warf ich' ein. «Meine Kinder, meinen Sie? Die warten noch auf dem Bahnhöf wir sind erst heute früh angekommen!» Ich war sprachlos. Er flüchtet vor dem Pogrom in eine entlegene Stadt, läßt die Familie am Bahnhof warten, hat noch keine Unterkunft für die Nacht und schlendert gott vergnügt durch die Gassen, als wäre es nur ein Ausflug für einen Tag. pnssacA... Das Fest der Befreiung! — und dessen, was ihr vorangeht: des Erwachens der kreisenden Säfte... der wiederkehrenden Kräfte... des Willens zum Leben in dem Organismus eines Volkes — vor Jahrtausenden, da es noch in Knechtschaft, Erniedrigung und Leid verharrte. Das Fest der Befreiung — nach Jahrtausenden — unter fast gleichen Umständen: aus Knechtschaft, Erniedrigung ... von der Seele und des Leibes Qual, im Vordringen durch Dornen und Disteln... mitten durch einen Wald von Bosheit, Feindschaft und Borniertheit, voll von Tücke und Heuchelei. Als Kämpfer in dem Graus: der Sämann, der Schwerarbeiter, der Spitäler-, Schulen-, Straßen- und Fabrikenbauer! — als wehende Fahne: das Recht!... als Waffe: Kelle, Spaten und Handwerkszeug. Das Fest der letzten großen Befreiung und dessen, was auch diesmal ihr voranging: das Erwachen der Säfte und Kräfte, der Lebensenergien des Volkes in seiner Gänze. Einer der herrlichsten Beweise neu erstarkten Gemeinsohaftswillens zum Leben, zur Freiheit, zu edelstolzer Abwehr feindlicher Angriffe ist der spontane Protest Gesamt- Israels... des ganzen Volkes auf der ganzen Erde — gegen Rechtsbruch... Undank... Vergewaltigung seitens einer anderen Volksgemeinschaft. Wir sind ein Volk! Ein viele Millionen zählendes Volk, mit allen wertvollsten Attributen eines solchen ausgestattet. Der Umstand, daß uns — vorläufig — territoriale Zusammenfassung fehlt — ein Mangel, dessen bittere Folgen nur uns treffen — dieser Umstand darf und kann niemandem die Befugnis geben, unsere Würde und Sicherheit als Volk — sei es auch nur an einem kleinen Bruchteil der Unsern — anzulasten. Wie e i n Mann steht die jüdische Gesamtheit auf, um das Recht ihrer Angehörigen zu schützen. Wir sind nicht ganz wehr- und waffenlos, wenn es auch nur geistige Waffen sind! Das Volk Israel in der ganzen Welt wacht, während seine Söhne und Töchter drüben in F.rez Israel die einst lerstörte Heimat wieder aufbauen. Rosa Melztr. Ich überlegte nicht lange und bot ihm ein gastliches Zrimmer in meiner elterlichen Wohnung an. Scholem Alejchem nahm dies beinahe gleichgültig an, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Und nun erst ergoß sich über mich ein Strom von Fragen: wer meine Eltern seien, wieviel Personen zu Hause wohnen, wie das Zimmer beschaffen sei, wie gelegen, ob luftig, sonnig, wieviele Fenster... Ich kannte ja bereits diese Flut von Fragen aus «Tojvje der Milchiger», aber im strömenden Regen wirkten sie kaum bezaubernd auf mich. Es begann zu dämmern und es galt, noch die Eltern für die Hergabe des Zimmers für eine kaum absehbare Zeit zu gewinnen. Und schließlich — des Dichters Angehörige warteten gewiß auch sehnsüchtig am Bahnhöfe auf die Rückkehr ihres Familietrhauptes. Ich empfahl mich daher schleunigst, übergab die Adresse meiner Wohnung und verschwand, ohne auf die weiteren Fragen zu warten. «Wir kommen, so Gott will, noch heute», rief mir der Dichter noch nach. So geschah es auch. Knapp vor Torsperre kamen sie. Aber nicht auf einmal. Vor allem brachte uns ein uraltes Mütterchen zwei Kinder, ln einer halben Stunde darauf kam ein junges Ehepaar mit einein Kinde. Schließlich erschien pustend und klappernd vor Kälte Scholem Alejchem mit Frau, Schwiegermutter, Sohn und Tochter. Meine Eltern schlugen die Hände zusammen und ich verbiß die Lippen. Wäre nicht tfer schelmisch lächelnde Blick des Dichters gewesen, der den schwärzesten Pessimisten ehtwaffnete, mein gestrenger Vater hätte mich erschlagen können für eine solche Bescherung Eine wahre Invasion! — Vater, Großmutter, Kinder, Enkel, Schwiegersohn Und Schwiegermutter — beinahe eine ganze Gemeinde aus Tunejadevke! Natürlich war es unmöglich, aHe in einem Zimmer unterzubringen, und so mußte, man zusammenrücken, um den Gästen ein zweites Zimmer zu; überlassen. «Warum sagten Sie nicht meinem Sohne, Panie Scholem Alejchem» — wagte mein durch das Gepolter der Angekommenen eingeschüchterter Vater zu fragen — «daß Ihre Familie so groß ist?» «Was? groß ist sie? — zählen Sie Ihre Zähne und nicht meine Kinderchen», entgegnete aufbrausend Scholem Alejchem. «Im übrigen» — und nun erheiterten sich seine Züge und die Augen lächelten, als wäre nichts vorgefallen — «in Ihrer Wohnung ist ja, Gott sei Dank; noch Platz genug...» Mein Vater warf mir einen niederschmetternden Bück zu und schloß polternd hinter sich die Tür... II. Man würde meinen, daß ein Familienvater, der drei Generationen durch ganz Europa und schließlich Amerika mit sich mitschleppte, von Sörgen erdrückt wird. Aber weit gefehlt! Scholem Alejchem kannte keine Sorgen. Er war naiv wie ein Kind und sah nur die lachhafte Fratze des Alltags. — Sorgen? — Sorgen machen krank — pflegte er zu sagen. Er, dessen unzählige Schöpfungen förmlich blutwarmes Leben überströmten und dessen dichterische Individualität auf die Wesensart des Alltags völlig eingestellt war, stand weltfremd und traumverloren dem Alltag gegenüber. Er schöpfte, wie jedes große Talent, aus dem Vollen und formte so lange das reale Leben eines ganzen Volkes, bis ihm das eigene schattenhaft zerrann. So gingen Scholem Alejchem und seine Dichtung mit ewigem Lächeln durch die Zeit. Nur war es irn Leben ein naives Lächeln eines erstaunten und unbeholfenen Kindes, während nm Urquell der Dichtung dieses Lächeln zum Spiegelbild einer ganzen Epoche erstarrte ... Das Leben vieler seiner Typen hat er gelebt. Er versuchte sich als Rabbiner, Lehrer, Börsianer, Kaufmann, Vorbeter, Thoraschreiber — und landete schließlich als jüdischer Schriftsteller, der von den Luftmenschen von Kasriliwke nicht allzu wesensverschieden war. Man lebte* in den Tag und auch in die Nacht hinein. Man vergnügte sich, soweit es ging, sang und zechte, borgte und pumpte, und kaum erhaschte man eine größere Geldsumme, so verlebte man einige Zeit in Saus und Braus, um nachher auf Wunder zu warten. So ging es lustig im Lemberger Heim Scholem Alejchetns zu, und Gäste gab es beinahe ununterbrochen vom Morgen bis Mitternacht. Scholem Alejchem war ein GeseUschaltstneosch par «xcefience. Seme Augen begannen da zu leuchten, jedes Wort wurde belauscht, jeder Witz und jedes Bonmot rief bei ihm ein kindliches Frohlocken hervor; er lachte, sang und tanzte und eine Welle von Entzücken und Begeisterung schüttelte förmlich seinen Leib. Er brauchte die Menge, da sein Tiefstes aus der Menge hervorquoll und in die Menge mündete. In der Dichtung rief er die Juden scharenweise herbei und so kamen sie zu ihm auch ins Heim. Schriftsteller, die ihm ihre Werke vorlasen, Bekannte aus Rußland, die mit ihm die Verbannung teilten, Chassidim aus allen Städten Galiziens, die zum berühmten Dichter wie zu einem Zaddik wallfahrten; Schnorrer, Luftmenschen und all die Motten, die stets um einen erlauchten Namen zu schwirren pflegen. Für jeden stand das Heim offen. Man scherzte, plauderte, schlürfte ununterbrochen russischen Tschaj und am häufigsten wurden Lieder gesungen. Scholem Alejchem saß dabei gewöhnlich obenan, hielt auf dem Schoß sein jüngstes Söhnchen Numczyk und intonierte. Er kannte eine Unmenge russischer und jiddischer Volkslieder und trillerte mit dem Chor mit. Hie und da spielte er Geige, und insbesondere war es ein Lied, welches er unermüdlich wiederholte: «Sennen gewejn zehn Brüder, hobn sei gehandelt mit Chrein. einer yz fun sei gestorben, sennen varblyben nein... ooj!.. Nächtelang saß ich wach in meinem anstoßende« Zimmer und zitterte förmlich in Erwartung dieses Liedes. III. Scholem Alejchem besaß die inbrünstige Teilnahme an allem, was nur sein Blick erfaßte, und seine Phantasie entzündete sich stets von neuem. So formte er beinahe ununterbrochen eine unübersehbare Fülle von Skizzen, Novellen und Bildern. Er schrieb beinahe ständig. Nur so ist es erklärlich, daß sein literarischer Nachlaß an die fünfzig Druckbände füllt. Stets trug er einen Notizblock bei sich, blieb überall eine Weile stehen und schrieb mit seiner krausen Kalligraphensehrift einige Zeilen. Zwischendurch'starrte er mit verkniffenen Augen in die Menge, begaffte buchstäblich ihre Kleider, Gesichtszüge, Bewegungen und stellte unermüdlich Fragen. Aber trotz, der fließenden Leichtigkeit seiner Schöpfungen feilte er manchmal tage- und nächtelang jede Skizze,, bis er sie ziir Veröffentlichung bestimmte. Als er mir wäh-: rend des Lemberger Aufenthaltes sein Drama «Ziseit yn Zispreit» zum Uebersetzen ins Polnische übergab, legte er mir jede paar Tage neue Aenderungen und Korrekturen vor, so daß ich schließlich nicht über zwei Akte hinauskam. Scholem Alejchem rang ständig um die höchste Form.. jede neue Skizze war für ihn ein Erlebnis, an dem er eine, kindliche Freude fand. Dieser Schriftsteller, dessen Werke in allen Weltteilen gelesen wurden, trug ein solch einfaches, jieder dilettantischen Ueberhebung bares Menschentum zur Schau, als wäre er ein schüchterner Novize. Er war ein literarischer Schwerarbeiter. Tagsüber sammelte er Notizen. Kaum aber waren um die Mitternachtsstunde die Gäste weg, setzte er sich an den Arbeitstisch. Und da begann erst sein Leben. Sein lachendes Dasein. Im wahren Sinne des Wortes. Denn Scholem Alejchem pflegte in der Nacht zu schreiben und — zu lachen. Breit, ausgelassen, zwerchfellerschütternd. Kürze Zeit, nachdem er bei uns eingezogen war, vernahm ich plötzlich in der Nacht ein solches Gelächter. Chi — chi—-chi — cha — cha — cha! Ich sprang erschrocken vom Bett auf. Alles schlief, mir vom anstoßenden Zimmer Scholem Alejchems drang ein Licht und — das Lachen. Er schrieb und lachte in sich hinein. Sein« Volk ohne Heimat Jüdisches Volk, sag, warum ist’s geschehn? Kann Dein unselig Geschick nicht verstehn. Ruhelos ziehst Du Jahrtausende schon. Ständig begleitet von Haß und von Hohn Ueber der Erde unendlichen Plan. Blut und Entsetzen bezeichnet die Bahn. Ueber all bist Du und nirgends zugleich, Arm und beklagenswert, wenn noch so reich, Wähnst Du Dich endlich an sicherem Ort, Treibt die Gewalt Dich erbarmungslos fort. Und wenn Du sorglich erbautest Dein Haus, Schutt wird und Trümmer und Asche daraus. Stets nur ein Fremder und immer nur Gast, Nie gern gesehen, verfolgt und gehaßt. Schützen Dich auch die Gesetze zur Not, Lauert auf Dich doch beständig der Tod. Jüdisches Volk, sag, warum ist’s geschehn? Kann Dein unselig Geschick nicht verstehn. Völkerum Völkerschar kam einst daher Aus Fernen gezogen, über das Meer, Alle fanden sie Heimat und Ruh’, Alle jene andernt Warum bloß nicht Du? Johanna Wnt.( LQImMhlt