Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 274 (7.4.1933)
- Date
- 1933-04-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 274 — 7. April 1033 DTE STIMME 2)-ie Juden, in, ffdedeMs «XuitWvgeiC&Ccdte. deK Neuzeit»*) Ci Ist nicht immer gut, wenn ein Jude mit zuviel Geist und Wissen als Schriftsteller neue Wege beschreiten will. Das haben wir an Weininger gesehen. Bei allem Abstand zwischen ihm und Friedeil kann man dasselbe auch auf den Verfasser der Kulturgeschichte der Neuzeit anwenden. Er gibt selbst zu, daß er kein Gelehrter ist, daß er nur als Außenseiter und Dilettant an die Abfassung der neuzeitlichen Kulturgeschichte herangetreten ist und daß er ausgiebigen Gebrauch machte vorn Schöpfen aus fremden Quellen. Das soll ihn gleichsam entschuldigen. Nur merkt man dem Autor manchmal den Schauspieler an. Er blinzelt und schmunzelt zuweilen, ja er kokettiert sogar. Das beweist schon die Widmung, die Max Reinhardt gilt, den er an einer Stille mit Napoleon vergleicht. Dagegen habe ich nichts einzuwenden, aber Max Reinhardt Ist auch der Erwecker katholislerender Mirakelstücke. Abstoßend wirkt jedoch der Jude Frieden, dem das Judentum zum perversen Komplex wird. So begeistert er alch für das Christentum derart, daß man sich fragt, was bezweckt er mit dem Hervorheben und Unterstreichen dieser seiner Begeisterung? Jeder, auch ein mehr oder weniger getaufter oder konfessionsloser Jude darf zum Christentum Stellung nehmen wie es ihm beliebt, aber er sollte, um überzeugender und echter zu wirken, es nicht gegen das Judentum ausspielen und auf dessen Kosten hervorstrelchen. Frieden tut noch ein übriges, indem er das Judentum im Oegensatz zum Christentum als minderwertig Hlnstellt. Schon der Umstand allein, daß In dem dreibändigen Werke, daß dl? Geschicke der Menschen bis zum Jahre 1918 behandelt, einer Persönlichkeit wie Herz! nicht einmal Erwähnung getan wird, gibt zu denken. Dagegen befaßt sich Friedeil auch mit minder bedeutenden jüdischen Persönlichkeiten, wenn sie auf dem Gebiete der Literatur und Kunst etwas geleistet haben, — das auch Herzl als Schriftsteller zuwege brachte. Das Aufbauende, Eigene, Stolze im Judentum gewinnt unserem Kulturhistoriker nicht jene Sympathie ab, wie etwa das Morbide, Verfallend? und Schillernde. Man wird mich am besten verstehen, wenn Ich an einigen Beispielen zeige, wie Frieden repräsentative Juden, vielleicht ohne Absicht, behandelt Spinoza ist für Friedeil der merkwürdigste Denker, der je gelebt hat. Flüchtig wird sein Lebenslauf skizziert. Dabei findet Frieden Gelegenheit, der Judenheit einige Hiebe zu versetzen. So spricht er von der gthäss’gen Unduldsamkeit, die ihrer Religion Immer eigentümlich war und zum Teil auch auf die christliche Kirche vererbt worden Ist. Das Christentum hat es Friedeil überhaupt angetan, er stellt es höher als das Judentum, und wenn er einen Fehler an dem Christentum auszusetzen hat, hat es Ihn gewiß nur vom Judentum übernommen. Bezeichnend ist noch folgender Satz, den sich der Autor leistet: Der Geist des Kaiphas, der die ganze Geschichte des Volkes Israel bestimmt hat, ist *) Wir bringen diesen Aufsatz als Beispiel einer Psychopathik, die sich ln der Verunglimpfung des Judentums seitens eines getauften Juden äußert. (Anm. d. Red.) Israel Majofis: Sind Chroisses gefährlich? Das Städtchen N. am rechten Ufer des Njemen machte an jenem Erew Pessach schwere Stunden durch. Es war im ersten Kriegsjahr, die Deutschen lagen in der Offensive und drangen immer tiefer ins russische Reich vor, während die russischen Feldherren die Schuld an ihren Niederlagen den Juden zuschoben. Dabei bedienten sie sich solcher Lügenmärchen wie, die Juden verbergen in ihren Thoraschreinen Kanonen und ihren Bärten Telephonapparate. Die jüdische Bevölkerung vom linken Njemenufer war schon aus ihren Wohnstätten vertrieben, die am anderen Ufer erwartete dasselbe Los. Das Städtchen glich einem Heerlager. In allen Winkeln lauerten Geheimagenten, die die «gefährlichen» Jüdischen Bürger mit Argusaugen beobachteten. Doch was schadet das? Juden sind Juden und Pessach bleibt Pessach. Ohne Rücksicht auf die schweren Zeiten bereitete man Mazzot vor, Wein und all das, was man für den großen, lieben Jomtow braucht Und wie steht’s mit Chroisses?*) Nur keine Bangei Dafür Sorgt schon Chaim-Jossel, der Schamme* des Bethauses «Chewra Tehiliim», der Gemeinde der Psalmisten. Schon seit Jahren hat er das Privileg, das ganze Städtchen mit Chroisses zu versehen. Auch sein Vatei und Großvater — er ruhe in Frieden 1 —, die auch den Schammesdienst im Bethause besorgten, erfüllten Jahr für Jahr diese Ehrenpflicht und von ihnen hat Chaim-JoSsel die Kunst der Chroisses-Zubereitung geerbt. Seine Chroisses sind nicht alltäglich: ein bißchen das, ein bißchen jenes, zu- *) Chroisses (nach dem hebräischen Charoset) — ein aus Aepfeln, Nüssen, Gewürzen und Wein hergdstelltes Mus, das den bei den Fronarbeiten in Aegypten verwendeten Lduu symbolisieren soll. — Der Uebarsetzer. immer wieder zum Leben erwacht, wenn das Volk zur Macht gelangte. Auf diesen Geist der Intoleranz führt Frieden den Bannfluch zurück, den die Gemeinde über Spinoza verhängte, dessen ganze Schuld darin bestand, daß er ein gedankenvolleres, friedfertigeres und weitabgewandteres Leben führte als seine Stammesgenossen. Ich zitiere weiter: Da es aber von jeher gute jüdische Tradition war, die Propheten zu steinigen, so liegt in dem Bannfluch nichts Auffallendes. Friedei! erblickt in Spinoza lediglich eine, allerdings monumentale und einzigartige Kuriosität. Daß Goethe, Schleiermacher, Herder, Hauser, Kolbenberger anders über Spinoza dachten, sei nur nebenbei erwähnt. Frieden geht sogar so weit, Spinozas philosophisches System schauerlich monströs zu nennen und für das Werk eines bewunderungswürdigen, scharfsinnigen, originellen Geistesgestörten zu erklären, der jeden Begriff so folgerichtig und unerbittlich zu Ende denkt, daß er Ihn annulliert. So gelangt er aus Nihilismus und mathematischer Marotte zum Atheismus, zum Postulat der Fühllosigkeit, zu einem trostlosen Naturalismus, der die Welt entgeistet und zu einer schaurigen Oede und Wüstenei macht. Eine so vernichtende Kritik der spinozlstisehen Lehre hat man nicht einmal bei entschiedenen Antisemiten gefunden. Man sieht, es fehlt Friede!! jedes Verständnis für den wirklichen veredelnden Gehalt der spinozistischen Weltanschauung. Für Friedell ist der Spinozist so sehr von seiner Größe und Unfehlbarkeit erfüllt, daß ihm die Gottheit unter lauter logischen Begriffen entschwindet. Dem Spinozisten fehlt das religiöse Erlebnis, ihm fehlt die Ehrfurcht, die Gläubigkeit, die den Mystiker ausze'chnen. Es würde zu weit führen, wollte Ich an dieser Stelle Frisdells einseitige Ansichten widerlegen. Ich muß aber einige Bemerkungen Friedens über Spinoza als geradezu gehässig bezeichnen, so wenn er den uneigennützigen, bedürfnislosen, stillen Denker einen Unmenschen nennt, der von einer exzessiven, penetranten, alles zerfressenden pathologischen Logik war — oder wenn er meint, daß Spinoza wohl nicht wahnsinnig, sondern nur nicht geistig normal war. Friedell will scheinbar durch Paradoxe und Witze den Leser verblüffen, wenn er orakelt, daß der Verstand bei Sp'noza zu einer unnatürlichen Ausschließlichkeit, Einseitigkeit und Alleinherrschaft entwickelt war, daß man den Eindruck hat, es mit einem Irrsinnigen zu tun zu haben.'Ausgerechnet Frieden blieb es Vorbehalten, Spinoza für Irrsinnig zu halten. Seine Werk« strömen, nach Friedell, die unerträgliche Kälte der reinen Verstandesmäßigkeit, der sterilen Intelligenz aus .. . Spinoza war ein Unikum. Er war kein Christ, kein Heide und kein Jude. Nur in einem Punkte spricht er Spinoza als Juden an, ln seinem Extremismus. Denn die Juden sind das Volk der äußersten Polaritäten, keine Nation hat eine solche Spannweite. Sie sind die zähesten Stützen des Kap?talismus und die energischesten Vorkämpfer des Sozialismus. Sie sind die Erfinder der Kirche und des Pfaffentums und die leidenschaftlichsten Prediger der Freiheit und der Toleranz. Sie sind inr europäischen Kulturkreis die ersten gewesen, die das Evangelium verbreitet haben, und sind die einzigen gesammengemisclit und fertig. Nein! Chaim-Jossel macht das sachverständig, pedantisch, mit Liebe zur Sache, nach einem schriftlichen Rezept (ein Erbstück seines Großvaters), jedes Teil genau abgewogen und gemessen, wie slch’s gehört. Und deshalb erfreut sich auch seine «Ware» des besten Rufes in der ganzen Gegend. Auch an jenem Erew Pessach, gleich nach der Verbrennung des letzten Restes Gesäuerten, machte sich Chaimjosse! voller Andacht an sein heiliges Werk. Räumte den Tisch ab, breitete ein neues Tischtuch darüber, holte Zimt, Ingwer, Walnüsse und Mazzemehl. Zermahlte jedes besonders und schüttete es fein säuberlich auf einen Teller. Dann glättete er umständlich auf der Tischplatte das Rezept und vertiefte sich in seinen Inhalt, als sähe er es zum erstenmal in seinem Leben. «Man nimmt vier Teile Zimt.» Er prüfte nochmals die für das Pessachfest <gekäscherte» Waage, legte reines Papier auf die Schalen und wog vier Teile Zimt ab. «Man nimmt ein Teil Ingwer.» Abgewogen. «Sechs Teile feines Mazzemehl.» Genommen. «Dazu sechs Teile gestoßener Nüsse.» Gemacht «Dann mischt man alles gut durch, tut etwas geriebenen Apfel hinein und gießt etwas Wein darüber.» Das Rezept ist zu Ende. Chaim-Jossel schüttete das Gemisch in ein speziell zu diesem Zweck gewidmetes Gefäß mit feetechraubbarem Deckel, damit es nicht auswittere. Und mischt Er bemerkte nicht, daß eine ganze Weile schon ein Geheimagent Chaim-Jossels «Laboratorium» durchs Fenster beobachtete. Der hatte zufällig «Inen Blick ins Zimmer geworfen und bei Chaim-Jossels sonderbarem Tun war es ihm blieben, die es bis zum heutigen Tage verleugnen. Und to haben sie auch Moses, den Schöpfer des Monotheismus, und Spinoza, den Verneiner des Monotheismus, hervorgebr.»cht Interessant ist auch, was Frieden über Mendelssohn schreibt. Als Charakter eine durchaus honorige und fast rührende Erscheinung, hat er in seinen Schriften nicht nur die seichteste Aufkiärungsphiiosophk betrieben, sondern auch das Judentum niemals abgestreift. Mendelssohn hat das Judentum für die wahre Vernunftreligion gehalten, die er versteckt gegen das Christentum ausspielte. Während er auf die christlichen Zeremonien mit lächelnder Ueberlegenheit herabblickte, hielt er (ich zitiere wörtlich) die absurdesten rituellen Vorschriften seiner eigenen Religion mit peinlichster Genauigkeit Nun nimmt sich Frieden einen Anlauf, um die Stellung-, nahm« des Judentums zum Christentum, wie er sie auffaßt, zu kritisieren. Der Jude ist ln Friedelle Augen Realist, ja mehr noch, Materialist. Daraus erklärt er den angeblichen Haß der Juden gegen die Idealität, gegen das Geheimnis», gegen Gott und gegen den Heiland. Daß aus der Geschichte der Juden, aus dem Märtyrertum dieses an Gott zäh und treu hängenden Volkes etwas anderes hervorgeht, als was, Friedeil behauptet, wissen wir. Es ist nur betrübend, wenn ein Judenstämmling (der allerdings auch den Haß des Sohnes gegen seine eigene Mutter nicht nur betätigte, sondern auch zu rechtfertigen versucht) das Judentum so haßv daß er ihm Idealismus, Gottesliebe abspricht und es dafürder fanatischen Anbetung der Zahlen- und Rentenrechnung zeiht. Der autöchtone Geist des Judentums behält selbst dort, wo er sich in die spiritualistischen Höhen verliert, noch immer den Charakter des Materialismus, der sich verstiegen, hat, sagt Frieden. Immer bleibt der Geist des Judentum*, rationalistisch. Die Annahme, daß die Wirklichkeit aus jenen, Dingen bestehe, die man beweisen und abtasten kann, ..dl«*»- ser himmelschreiende Nonsens ist ein« jüdische Erfindung. Zwar hat das jüdische Volk in zahllosen Kriegen den äußersten Heroismus und die blindeste Todesverachtung bewiesen; aber immer aus realistischen Gründen. Nun frage ich aber: Spricht aus dem Festhalten am reinen Glauben trotz Verfolgung und Scheiterhaufen etwa auch nur Realismus? Es Ist daher ganz falsch, wenn Frieden meint, daß alle jüdischen Reformatoren nur Realpolitik«^ waren und die höchste Idee des Judentums, den Messias* Gedanken, wohl verstiegen aber nicht weltfremd, Ja sogar ein konkretes Hirngespinst nennt Friedell behauptet, daß das Judentum sich gegen Jesus gewendet hat, aber nicht well er ein Neuerer, ein B.Kämpfer der Hierarchie, ein Anwalt der unteren Schichte wari sondern weil er zu verkünden wagte: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Dies mußte den Innersten Wesen&kern des Judentums tödlich verletzen, denn es war die Umkehrung ded Jüdischen Weltgefühls. Erst Jesus hat das Transzendente ln die Religion dngeführt und der Menschheit zum Bewußtsein gebracht, dieses sei das allein Wirkliche. Ich begnüge mich damit, Frledells vage Behauptungen wiederzugeben, ohne sie zu widerlegen, weil dies zu weit führen würde. Am Schluß witzelt «t über Mendelssohns Aufklärung mit den Worten: Wenn man vom christlichen Credo das Absurdum abzieht, sofort klar, daß hier eine gemeingefährliche konspirative Arbeit getan wird. Gespannt beobachtete er weiter, neugierig der Dinge, die da kommen sollten. Anfangs war er sich über die Art des Verbrechens nicht ganz im klaren. Als aber eine Weile später Itziki, Chaim- Jossels Jüngster, ins Zimmer gelaufen kam, ein Stück Brot irt der Hand, und der Vater, zu Tode erschrocken, sich auf den Kleinen stürzte: «Hinaus mit dir! Wer hat dich ge* rufen? Siehst doch, ich mache Chroisses» — da gab es für den Spitzel keinen Zweifel mehr, daß hier Dynamit fabriziert wird und Chaim-Jossels Haus die langgesuchte Zentrale ist, von der aus Rußland untergraben wtodl Ein Pfiff — schon tauchen zwei Polizisten auf. Der Agent sagt ihnen etwas, sie werfen einen Blick ins Fenster und alle drei stürzen ins Haus. «Im Namen des Gesetzes!» Vorsichtig wickelten sie das Gefäß mit den Chroisses ins Tischtuch, nahmen die Waage, das geheimnisvolle Rezept und die anderen Sachbeweise mit und schleppten den wachsbleichen Chaim-Jossel vor den Kommandanten. Der war gerade dabei, die dritte Schnapsflasche zu leeren. Als er den Bericht des Agenten hörte, donnerte er vor allem den Sekretär an: «Faulpelz! Weg mit der Zigarette!» — dann hielt er eine lange Rede über die «Zydes», die das Vaterland verraten und verkaufen, und begann endlich das Verhör. «Name?» «Chaim Jössel.» «Beruf?» «Schammea in der Chewra Tehiliim.» Der Kommandant zum Sekretär: «Schreiben Sie: Mitglied der geheimen terroristischen Organisation „Cherwatilim".» ** Und zu Chafm Jossef: «Zu weichem Zweck fabriziert Ihr Dynamit?» i