Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 274 (7.4.1933)
- Date
- 1933-04-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 274 — 7. April 1933 DIB STIMME Seife 8 Die Sprache des Auslandes Zürich. Die «Neue Zürcher Zeitung# beschäftigt sich in ihrem Leitartikel mit der «Greuelpropaganda im Ausland» und erkennt als Tatsache an, daß die Eroberung und Ausbreitung der Macht durch die Nationalsozialisten im allgemeinen in Ruhe und Ordnung erfolgt ist. Die Reichsregierung könne gewiß mit üenungtuung auf diese Tatsachen hinweisen und sei durchaus berechtigt, gegen eine sensationslüsterne, tendenziöse «Greuelpropaganda» aufzutreten. Sie befinde sich, meint das rechtsbürgerliche Blatt, das in enger Verbindung mit den maßgebenden Wirtschafts- und Finanzkreisen des Landes steht, jedoch im Irrtum, wenn sie glaubt, daß die von der nationalsozialistischen Partei angekündigte Boykottaktion gegen alle auf dem Reichsgebiet lebenden Juden außerhalb dir deutschen Grenzen als ein angemessenes Mittel zur Bekämpfung der «Greuelpropaganda» betrachtet wird. Ohne den Gründen des Antisemitismus in Deutschland nachgehen zu wollen, stellt das Blatt fest, daß der politische Einfluß der Juden innerhalb des republikanischen Regimes ebenso überschätzt worden sei wie die große Bedeutung der auf Jahrzehnte zurückreichenden wirtschaftsfördernden Leistungen der deutschen Juden und ihre Mitarbeit an deutscher Kultur, Kunst und Wissenschaft unterschätzt wird. «Auch wenn man übersehen sollte, daß der Versuch der allmählichen Abdrängung der rund 600 000 deutschen Juden in ein neues Ghetto einen kulturellen Rückfall in längst überwunden geglaubte dunkle Zeitalter bedeutet — die außerdeutsche Welt wird dies nicht übersehen —, so muß man sich fragen, ob den Urhebern der 11 Punkte d.s nationalsozialistischen Boykottprogramms klar ist, welch furchtbar zweischneidige Waffen sie zur Hand zu nehmen im Begriffe stehen. Unzähligen Unschuldigen, nicht nur im Lager des Judentums, sondern in allen Kreisen und Schichten, die von der deutschen Wirtschaft leben oder mit ihr geschäftlich verknüpft sind, drohen diese Waffen. Auch das Ausland wird von der Tatsache, daß in die schon lange kranke Wirtschaft neue Beunruhigung und ein Giftkeim der Desorganisation hineingetragen wird, nicht unberührt bleiben. * Paris. In der hiesigen Presse ist immer deutlicher zu erkennen, daß Hitlers Versuch, die Verbreitung von angeblich falschen oder übertriebenen Nachrichten als Grund des Vorgehens gegen die deutschen Juden darzustellen, seinen Eindruck völlig verfehlt. So meint der «Temps», es zeuge von einer gewissen Geistesblindheit, wenn man sich damit zu rechtfertigen glaubt, daß einige ungenaue Nachrichten verbreitet wurden oder daß noch kein allgemeines Judenmassaker Btattgefunden habe. Es sei zu befürchten, schreibt das Blatt, daß es zur Nährung der deutschfeindlichen Bewegung in der Welt keinerlei übertriebener oder falscher Nachrichten bedarf. Die einfache Schilderung der Tatsachen genüge vollständig. Das «Journal des Debats» veröffentlicht eine Erklärung der deutschen Pressevertreter in Paris, in der die französische Presse gebeten wird, im Interesse der mehr als je notwendigen Erhaltung guter Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich, in der Berichterstattung aus Deutschland strenge Kontrolle zu üben. Der Eindruck der Kundgebung wird freilich stark beeinträchtigt durch die völlige Unfreiheit der deutschen Presse. So bemerkt das «Journal des Debats» dazu, es sei offensichtlich, daß das Schriftstück unter amtlichem Druck entstanden sei. * London. Der «Manchester Guardian» schreibt, weder England noch ein anderer Staat werde sich durch Einschüchterungsversuche dazu bringen lassen, gleichgültig zu bleiben angesichts eines Vorgehens, das ehemals in der Türkei, aber niemals im modernen Europa üblich war. Die Stellungnahme des angesehenen Blattes ist um so bemerkenswerter, als es sogar während des Krieges ständig bemüht war, dem deutchen Standpunkt gerecht zu werden. Fortdauernde Propaganda in Paris Paris, 3. April. In Paris sind die Häuserwände von neuern «Mt Boykottaufrufen gegen deutsche Waren beklebt. Bei der »rsten allgemeinen großen Protestversammlung der Pariser »uden im Wagramsaale herrschte schon mehrere Stunden vor Eröffnung ein großer Andrang. Der glatte Verlauf des ersten Boykottages und die Unterbrechung des Boykotts bis Mittwoch haben zwar bei den französischen Juden eine gewisse Beruhigung geschaffen, aber immerhin gibt es noch Versammlungen und Zeitungsproteste gegen die Festlegung eines Sonderrechtes für die deutschen Juden. Einige ehemalige Minister haben sich neuerdings der Protestbewegung der französischen Juden angeschlossen. Die scharfen englischen Blätterstimmen gegen die deutsche Reichsregierung werden hier mit Genugtuung veröffentlicht. Anderseits findet das Verhalten v. Papens und Hugenbergs, die sich den Meldungen der französischer* Korrespondenten aus Berlin zufolge gegen eine Fortsetzung des Boykotts ausgesprochen haben, allgemeine Anerkennung. Die französischen Juden an Hitler Paris, 3. April. Die Internationale Liga gegen den Antisemitismus, das französische Komitee für die Aufnahme der flüchtigen Juden, das französische Komitee für den jüdischen Weltkongreß und die Vereinigung ehemaliger jüdischer Kriegsfreiwilliger haben an den deutschen Reichskanzler ein Telegramm gerichtet, worin sie erklären, entschlossen zu sein, alle erdenklichen wirtschaftlichen und finanziellen Repressalien ins Werk zu setzen und insbesondere* den planmäßigen Boykott deutscher Waren weiterzuführen und zu verallgemeinern, wenn nicht den deutschen Juden alle Garantien fiir eine normale Existenz wiedergegeben und die deutschen Juden nicht als vollberechtigte Mitglieder in die Gemeinschaft der deutschen Staatsbürger wieder aufgenommen werden. Verbot antideutscher Kundgebungen in Saloniki Athen, 3. April. (United Preß.) Alle von den jüdischen Organisationen in Saloniki geplanten Demonstrationen gegen Deutschland sind von den dortigen Behörden verboten worden. Tragi ihn mH Stolz, den gelben Fleck Die Berliner «Jüdische Rundschau» vom 4. d. M. schreibt unter dieser Ueberschrift u. a. über den antijüdischen Boykott: «Der 1. April 1933 kann ein Tag des jüdischen Erwachens und der jüdischen Wiedergeburt sein. Wenn die juden wollen. Wenn die Juden reif sind und innere Größe besitzen. Wenn die Juden nicht so sind, wie sie von ihren Gegnern dargestellt werden.» «-Man müßte in diesen Tagen empfehlen: daß die Schrift, die an der Wiege des Zionismus stand, Theodor Herzls «Judenstaat», in hunderttausenden Exemplaren unter Juden und Nichtjuden verbreitet wird. Wenn es noch Gefühl für Größe und Adel, für Ritterlichkeit und Gerechtigkeit gibt, müßte jeder Nationalsozialist, der dieses Buch zu Gesicht bekommt, vor seinem eigenen blinden Tun erstarren. Aber auch jeder Jude, der es liest, würde beginnen zu verstehen; und würde daraus Trost und Erhebung schöpfen.» «-Die Judenheit trägt eine schwere Schuld, weil sie den Ruf Theodor Herzls nicht gehört, ja, teilweise verspottet hat. Die Juden wollten nichts davon wissen, daß «eine Judenfrage besteht». Sie glaubten, es komme nur darauf an, als Jude nicht erkannt zu werden. Man wirft uns heute vor, wir hätten das deutsche Volk verraten; die nationalsozialistische Entsetzt blickt die österreichische Judenschaft auf das eng benachbarte Deutschland, wo mit unerhörter Grausam* keit ein vor kurzem noch bürgerlich und wirtschaftlich blühendes Judentum zermalmt wird. Der Trost, daß Kultur und Zivilisation ständig fortschreiten und dieser Fortschritt den Judenhaß zum schwinden bringt, hat sich wieder als nichtigerwiesen. Nicht in irgendeinem kulturell rückständigen Lande, sondern in dem Lande höchster Kultur und Zivilisation, ln dem Lande, das die gewaltigsten geistigen Leistungen hervorgebracht hat, im großen Deutschland, hat der Antisemitismus in seiner brutalsten Form die Herrschaft über das Reich und die Herrschaft über die Gemüter an sich gerissen. Ein Antisemitismus, der — jede Umschreibung und Verhüllung verschmähend — einfach die Entrechtung, Vertreibung und Ver- Kundmachung Die Wiener Molkerei bringt auch heuer Pessach-Koschermlich in allen ihren Filialen zum Verkaui. Die Pefiach-Koicltermilch wird-in ihren Meiereien in Niederösterrunernreng ritueller Autf*ch«cfer von Sr, Ehrw, Herrn Rabbiner Dr, w. Rose mann bestehlen religiös verläßlichen Organe ü’HWO erzeugt. Jede Kanne u. jede Flasche ist mit einer Rlombe. respektive einer Schleife versehen mit dem Aufdruck noe 'w 33n Von 10, April bis 18. April in allen Verkaufstellen erhältlich WIENER MOLKEREI .rüch ilie weltberühmten STRUM-MAZZOTH von vielen Tausenden in steigendem Maße mit besonderer Vorliebe bevorzugt? 1. WEIL die nach einem speziellen Verfahren erzeugten Strum-Mazzoth im Wohlge- , schmack trotz wiederholt versuchter Nachahmung unerreicht sind. 2. WEIL jeder, der Strum-Mazzoth, Grieß undFarvel kauft, die Gewißheit besitzt, daß er nur garantiert frische Ware, heurige Erzeugung erhält. 3. WEIL die Strum-Mazzoth allen Anforderungen in hygienischer und streng orthodox-ritueller Hinsicht in unübertrefflicher Weise entsprechen. EINE BESONDERE DELIKATESSE BE¬ DEUTEN DIE RUNDEN STRUM-MAZZOTH Die Erzeugung erfolgt mit eigens konstruierten patentamtlich geschützten Maschinen (Oefen) auf elektrischem Wege von fachmännisch geschulten jüdischen Arbeitern unter ununterbrochener Aufsicht Sr. Ehrwürden des Herrn Rabbiner Bahad. Achten Sie daher in Ihrem eigenen Interesse bei jedem Pakete, daß die Stampiglie «H. Strum» sich darauf befindet. ■HnDBnHHBBHBBI Presse nennt uns, und wir sind dagegen wehrlos, den «Feind der Nation». „Es ist nicht wahr, daß die Juden Deutschland verraten haben. Wenn sie etwas verraten haben, so haben sie sich selbst, das Judentum vetraten-» «-- — Neben anderen Zeichen und Inschriften sah man auf den Scheiben der Schaufenster vielfach einen großen Magen David, den Schild König Davids. Dies sollte eine Entehrung sein. Juden, nehmt ihn auf, den Davidsschild, und tragt ihn in Ehren1» nichtung der Juden betreibt. Roher und vernichtender als früher das zaristische Rußland und die östlichen Pogromländer. Nichts wäre verfehlter, als zu glauben, daß die fürchterliche Entwicklung an den Grenzen Oesterreichs haltmachen wird, wenn wir österreichischen Juden nicht alles daransetzen, die Gefahr abzuwehren. Nichts wäre verfehlter, als zu glauben, daß fremde Parteien uns Juden schützen werden, weil sie Gegner der Hakenkreuzier sind. Diese Parteien werden ihre eigenen Postulate verteidigen. Für die Juden wird sich in der Gefahr keine fremde Hand rühren. Im Gegenteil! Der Eintritt der Juden in fremde Parteien hat sie in Deutschland Ins Unglück gestürzt, er hat die Juden in Oesterreich der größten Gefahr ausgesetzt. Trotz jahrelanger Warnung haben sich die Juden nicht jüdischpolitisch organisiert, sondern haben sich in die Reihen fremder k 1 assen- und kulturkämpferischer Parteien begeben. Jetzt, in der Stunde der Katastrophe, hat es sich erwiesen, daß diese Parteien weder fähig noch gewillt sind, die Juden zu schützen. Dagegen werden mit Hinweis i auf die Zugehörigkeit von Juden zu diesen Parteien die ' Schlagworte «Jüdischer Marxismus», «Jüdische Kirchenzerstörer», «Jüdische Kulturschänder», «Jüdische Volksverführer» als Feuerbrände in die Massen geschleudert. Darum: Hinaus aus den fremden politischen Parteien! Hinein in die jüdische Organisation! Verzweiflung oder Rüstung zur Selbsthilfe? Die Entscheidung wird jetzt getroffen werden oder nie. Wehe uns, wenn wir verzweifeln, uns widerstandslos zum Abgrund treiben lassen! Das jüdische Volk hat ln den Jahrtausenden i seiner Existenz schwerste Bedrängnis überwunden, dank des I unerschütterlichen Glaubens an seinen Wert und an seine Kraft. Wir. Söhne des alten, leidgewohnten, bisher nie verzagten Volkes, dürfen das Erbe hunderter jüdischer Generationen, den Willen zur Selbsterhaltung, nicht preisgeben. Blicket in dieser Stunde nach Palästina und Ihr j werdet Trost und Glauben an die jüdische Kraft gewinnen! | Der Wiener Jude Theodor Herzl hatte das jüdische Volk zur großen Tat aufgerufen und viele juden hatten über das «Hirngespinst» gelacht. Heute beugen sich die Ungläubigen Juden und Jüdinnen Oesterreichs! Sotten wir tatenlos das Schicksal der unglücklichen Juden Deutschlands über uns kommen lassen? Nein! Nein! ln der Stunde höchster Gefahr rufen wir Euch zu gemeinsamer, organisierter Abwehr! 916^54894^21