Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1933-04-07 · Heft 274 (7.4.1933) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 274 (7.4.1933)
Date
1933-04-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3053752-3054015-3054029--3451-3058968
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nf. 274 — 7. April 1933 DTE STIMME Seife 9 Hadkt ü&eK &£it£sc&iatul Die Vorgänge in Deutschland halten seit Wochen die Welt in Atem. Auf die brutale Vernichtungskam« pagne der Nationalsozialisten folgte als Reaktion ein spontaner Boykott deutscher Waren. Deutschlands Ansehen hat einen schweren Stoß erhalten. Wie barmherzig waren sie doch alle die Torquemadas, Chmielnickis und Petljurasl Scheiterhaufen, Dolche und Revolver machten verhältnismäßig rasche Arbeit. Aber in Deutschland? 600.000 unschuldigeMänner, Frauen und Kinder werden erbarmungslos dem langsamen, qualvollen Hungertode preisgegeben. Deutschland, das Land der Dichter und Denker, wird zur Hölle des Grauens. Zur Steuer der Wahrheit muß festgestellt werden: Die barbarischen Maßnahmen der Hitler-Bewegung begannen gleichzeitig mit der Machtergreifung durch Hitler, lange bevor eine Boykottbewegung gegen deutsche Waren einsetzte. Erbarmungslos wurden seit dem 5. März jüdische Aerzte, Richter, Staatsanwälte, Beamte, Lehrer und Rechtsanwälte aus ihren Stellungen gejagt, nur weil sie Juden sind. Und diese Judenhetze geht unentwegt weiter, trotzdem der antijüdische Boykott in Deutschland unter dem Drucke des Gegenboykotts deutscher Waren und der Interventionen einiger Großmächte angeblich abgeblasen wurde. So lesen wir z. B., daß die jüdischen Notare unter Drohungen von der preußischen Regierung gezwungen wurden, auf die Ausübung ihres Amtes zu verzichten. Das heißt heute in Deutschland Legalität. Es gibt keinen besseren Nachweis für die Verrottung des Gewissens in Deutschland, als die Selbstverständlichkeit und Seelenruhe, mit der die Vernichtung jüdischer Existenzen öffentlich praktiziert und Entrüstung über den Widerspruch der Kulturwelt gemimt wird. Kein Wunder. In tausenden Versammlungen und Reden wurde das Volk gegen die Juden aufgeputscht. Die Nationalsozialisten, einmal zur Macht gekommen, beeilten sich, die Judenfrage in ihrem Sinne zu lösen. Sie sahen nur sich und hörten nur ihre eigenen Parteiparolen. Ihre Welt endete an den Grenzpfählen Deutschlands. Und sie waren höchst verdutzt darüber, daß ihnen die gesittete Welt in den Arm fiel. Der Nationalsozialismus kann es gar nicht begreifen, daß man ihn daran hindern will, die «jüdische Pest auszurotten». Was sich in diesen Tagen in Deutschland ereignet hat, erregte Entsetzen nicht nur in jüdischen Kreisen, sondern auch in der christlichen Welt. Es sei nur an die Rede des Erzbischofs von Centerbury erinnert. In der jüdischen Welt hat der Nationalsozialismus zuwege gebracht, was keinem Juden je gelungen wäre. Das Judentum derganzen Welt hatesbegriffen, daß. der Fall Deutschland kein Einzel f a 11 ist, sondern daß in Deutschland dje Judenfrage für die ganze Welt zur Diskussion gestellt wurde. Das Judentum hat keine Armeen und Flotten, es liegt überall wirtschaftlich am Boden. Aber es erkannte, daß es sich wehren müsse und daß es in der Lage ist, den Gang der Ereignisse zu beeinflussen. Da setzte der jüdische Boykott deutscher Waren, die einzig mögliche jüdische Gegenwehr, spontan ein. Der Boykott deutscher Waren ist der Ausdruck der psychischen Reaktion von Millionen Juden auf die brutale Entrechtung und Peinigung der deutschem Juden. Es gibt keine jüdische Stelle, die ln der Lage gewesen wäre, diesen Boykott anzuordnen. Aus diesem Grunde ist auch niemand in der Lage, Ihn abzublasen. Nur Deutschland kann die psychologischen Voraussetzungen schaffen, um Ihn zu beendigen, und die sind: Wiederherstellung des rechtlichen Zustandes der Juden vor der Ergreifung der Macht durch Hitler. Die Nationalsozialisten mit ihrer Judäophobie haben nicht in Rechnung gestellt, daß ihre Judenpolitik anderen Staaten die Möglichkeit gab, gegen den deutschen Export zu einem vernichtenden Schlage auszuholen. Sie haben auch nicht ins Kalkül gezogen, daß Millionen Christen sich heute vor Abscheu schütteln, wenn sie von den Verhältnissen ln Deutschland hören. Das ist nicht eine Folge der angeblichen jüdischen Greuelpropaganda, das ist die Folge der offiziellen, ln den Hakenkreuzblättern mitgeteilten Nachrichten. Kein Engländer, kein Franzose und kein Amerikaner wird es verstehen, daß man Aerzte aus den Spitälern, Richter aus den Aemtern jagt, nur weil sie Juden sind, daß man Menschen, die in einem jüdischen Geschäfte einkauten wollen, einen violetten Stempel auf die Wangen aufdrückt und dergleichen mehr. Fromme Christen sind fassungslos wegen der Drohung des Boykottleiters Streicher, er erwäge es, eventuell die Juden zu hindern, in der Synagoge zu beten. Es muß aber angenommen werden, daß in Deutschland mehr geschehen ist, als die Zeitungen berichten. Sonst wäre wohl die Sichtvermerkverordnung überflüssig. Man will offenbar verhindern, daß Menschen, die peinliche Dinge zu erzählen haben, ins Ausland gelangen. ttiütr gilt bei 4en Nationalsozialisten al« der Hexenmeister, der Deutschland wieder groß und stark machen werde. In seiner Politik gegenüber den deutschen Juden scheint er nur der Zauberlehrling zu sein, der die Geister, die er rief, nicht los wird. Der Nationalsozialismus hat es zwar in der Hand, 600.000 jüdische Menschenleben zu vernichten. Es liegt aber nicht mehr in seiner Hand, den ungeheuren materiellen Schaden gutzumachen, den der Boykott Deutschland zugefügt hat. Noch schwieriger wird es sein, den moralischen Schaden gutzumachen, den Deutschland in der Weit erlitten hat Der Nationalsozialismus wird Taten setzen müssen. Es wird der deutschen Industrie nicht gelingen, die Welt mit Schilderungen Über paradiesische Zustände ln Deutschland zu beruhigen. Und offenbar erzwungene Beschwichtigungsbriefe deutscher Juden verfangen schon gar nicht. Jede nationalsozialistische Zeitung brandmarkt diese Nachrichten als Lügen. Sollte es Regierungen außerhalb Deutschlands geben, die da meinen, ihre Politik auf Kosten der Juden machen zu können, so wäre das ein schwerer Irrtum. Deutschland hat die Juden der ganzcti Welt feinhörig gemacht Sollte das Beispiel Deutschlands Nachahmung finden, so wird das Judentum in gleicher Weise wie gegenüber Deutschland, reagieren. Diese Reaktion wird auch dann eintreten, wenn antijüdische Politik vorsichtiger als Hitler sein sollte und ohne äußerlich erkennbar, Bmtalltäten Inszeniert werden sollte. Wir Juden wünschen nicht, daß es irgendwo zu einer derartigen Kraftprobe kommt. Es gibt kein Volk, das friedliebender ist als wir. Wir geben als Staats- Im Hotel Commodore zu New York fand am 15. März ein Bankett statt, welches das amerikanische Komitee der Freunde der Hebräischen Universität zu Ehren von Prof. Einstein, der an diesem Tage Amerika verließ, um nach Europa zurückzukehren, gegeben hatten. Nachstehend veröffentlichen wir die Rede Einsteins im Wortlaut: «Meine Damen und Herren 1 Ich bin hierher zum Besten zweier Institutionen gekommen: der Jerusalemer Universität und der Jüdischen T elegraphen-Agentur. Wenden wir zunächst unseren Blick Palästina zu. Wir haben Ursache, Freude und Stolz zu empfinden darüber, daß unsere zum größten Teil auf freiwillige Beiträge sieh stützende Aufbauarbeit solche Fortschritte gemacht hat, und darüber, daß die Menschen, deren Hände und Köpfe diesen Aufbau ermöglicht haben, freiwillig ein schweres Schicksal gewählt haben, um einem hohen Ideal zu dienen. Diese Aufbauarbeit ruht auf den Schultern der Besten unseres Volkes. Deswegen hat diese Arbeit bis jetzt auf wunderbare Weise alle Zeiten der Prüfung und der Not Überwunden, und heute ist die jüdische Gemeinschaft in Palästina gesünder und hoffnungsvoller als manche jüdischen Gemeinschaften in Ländern, dte von der Natur begünstigter sind als Palästina. Wenn das Tempo und der Wuchs dieser Arbeit einen Teil unserer heißblütigen und ungeduldigen Brüder nicht befriedigen, so müssen wir daran denken, daß innerhalb sozialer Neuschöpfungen und bürger dem Staate, was ihm gebührt, und verlangen vom Staate den Schutz unserer staatsbürgerliche!! Rechte. Wir wollen mitarbeiten an der Wiederaufrichtung der zerrütteten Welt. Dazu gehört auch die Erfüllung der zionistischen Forderung, daß die Tora Palästinas der Jüdischen Einwanderung weit geöffnet werden, um die Judennot zu beheben und die Judenfrage zu lösen. Aber wir denken nicht daran, auch nur ein Jota von unseren staatsbürgerlichen Rechten aufzugeben. Wir lassen uns ebensowenig Jerusalem Vorhalten, als sich die Katholiken Rom Vorhalten lassen. Weite jüdische Kreise, die sich in fremden Lagern ■ herumtreiben, finden unter dem Eindrücke der Ereig-: nisse in Deutschland den Weg zu uns und damit zum: Judentum. Das jüdische Volk ist erwacht, wir Zionisten wollen ihm Führer sein. Wir sind dazu berufen, denn wir Zionisten haben recht behalten. «Wir sind ein: Volk.» Auch für die Unwissenden und Ulgläubigen ist diese Lehre aus Deutschland gekommen. Und wenn wirln diesen schweren Tagen das Pessachfest feiern, so wollen wir unserer geknechteten jüdischen Brüder und Schwestern in Deutschland gedenken. Sie werden nicht ewig das bittere Brot der Knechtschaft essen. Sie' werden zur Erkenntnis ihrer falschen Politik gelangen und die politische Maske der Assimilation ablegen. Sie werden zwangsläufig das Ideal des Zionismus in sich aufnehmen und seelisch frei werden. Und derv seelischen Freiheit wird, so hoffen wir zuversichtlich, die politische Freiheit folgen. Wir verzweifeln nicht an der Menschheit. Man sagt immer, die Menschheit habe keine Adresse. Diese Meinung müssen wir jetzt revidieren. Wir sind in unserem Kampf nicht einsam geblieben. Große Massen der christlichen Bevölkerung in vielen Ländern versichern uns ihrer Sympathie ‘ und kämpfen an unserer Seite für unsere Brüder in Deutschland. Das stärkt unsere Zuversicht. Wir werden an Hakenkreuz nicht zugrunde gehen. Nach Mizraim Ikam Erez Israel, nach der Knechtschaft Aufstieg und Freiheit Wenn wir stark bleiben und einig, wird auch ' uns die Sonne wieder leuchten. Organismen nicht jene die wertvollsten sind, die am , schnellsten wachsen und reifen. Der Plan, eine Hebräische Universität in Jerusalem zu gründen, ist ebenso alt, wie der Plan des Palästinaaufbaues' selber. Dies nimmt nicht Wunder bei einem Volke, welches seit 2000 Jahren geistige Bestrebungen als Selbstzweck hochgehalten hat. So wurde denn kurz nach dem Kriege dis Hebräische Universität an einem der schönsten Punkte des Landes errichtet Zu Beginn war die Universität nicht als Lehranstalt, sondern als Forschungszentrum gedacht Das Interesse, das die Arbeiten der Universität und der Bibliothek in Jerusalem bei der jüdischen Intelligenz gefunden haben, war allgemein und stark. Es fanden sich weitherzig« Spender, die den Aufbau der Universität, in der tüchtige und ergebene Männer der Wissenschaft gearbeitet habe« und noch arbeiten, ermöglicht haben. Unbeschadet der verschiedenen Kinderkrankheiten, die eine solche, verschiedenen Einflüssen ausgesetzte Institution in der Regel durchzumachen hat, hat die Universität heute schon ihre Lebensfähigkeit bewiesen, und sie kann nicht mehr von der allgemeinen Palästina-Tätigkeit losgelöst werden. Mit Dank soll hier der Name Felix AL Warburgs erwähnt werden, mit nicht weniger Dank der der Gesellschaft der jüdischen Aerzte Amerikas. Niemals je wird das Jüdische Volk deren Leistungen für die Universität vergessen. Besonders glücklich ist für die Universität die Tai* aache, daß Dr. Weizmaan beschlossen hat, ihr sein« Arbeit» Für Ostergerichte das reine Kuneroi.. Kunerol ist 100% reines Fett aus Kokosnüssen und deshalb für Fleisch- und Milchspeisen ganz besonders geeignet. Kunerol wird in mustergültigen Betrieben auf einwandfrei hygienische Art erzeugt - es kommt während der Herstellung nie mit Menschenhand in Berührung. Kunerol wird unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehren feld zu Mattersburg hergestelit KUNEROL 100S6REINES KOKOSNUSSFEIT 6 4 4 i" I 4 Einsteins Rede in New Jlovk

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.