Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 273 (30.3.1933)
- Date
- 1933-03-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 6 DTE STIMME Nr. 273 — 30. M8« 1033 Die Lage in Oesterreich Wien, am 28. Mürz 1933. Die politischen Verhältnisse in Oesterreich stehen derzeit im Brennpunkt des Interesses in Oesterreich selbst und im Ausland. Wir haben nicht die Absicht, hier vom verfassungsrechtlichen Standpunkt aus zu prüfen, ob alle von der Regierung erlassenen Notverordnungen durch die Verfassung gedeckt sind. Tatsache ist aber, daß ein so armes Land wie Oesterreich einen ungeheuren parlamentarischen Apparat (Landtage, Nationalst und Bundesrat) hat und daß insbesondere der Nationalrat in wirtschaftlichen Angelegenheiten nicht mit jener Präzision arbeitete, wie es unsere Wirtschaftsnot erfordert hätte. Tatsache ist weiter, daß die Behandlung des Budgets im Nationalrat Monate erforderte und daß der Nationalrat deswegen zur Erledigung zahlreicher Gesetzesvorlagen nicht gelangen konnte. Man mag sich nun zu den Notverordnungen der Regierung wie immer stellen, man wird zugeben müssen, daß die Regierung und ihre Exelcutivorgane bemüht sind, für die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung zu sorgen. So bedauerlich das allgemeine Versammlungsverbot einerseits ist, darf doch andererseits nicht übersehen werden, daß die Versammlungsfreiheit in unerhörter Weise von den Nationalsozialisten mißbraucht wurde und nach dem Siege Hitlers weiter mißbraucht worden wäre. Ein Land, das so schwer um seine wirtschaftliche Existenz ringt wie Oesterreich, muß ln erster Linie Ruhe und Ordnung im Inneren aufrechterhalten. Wir meinen aber, daß die Regierung nach allen Seiten hin für den Schutz der bestehenden Uesetze sorgen muß. Es geht daher nicht an, daß der Pressestaatsanwalt ffbersieht, daß die nationalsozialistischen Blätter offen zum Pogrom hetzen, wie es beispielsweise die «Deutschösterreichische Tageszeitung» am 22. März getan hat und daß alle nationalsozialistischen Blätter vollkommen unbehindert den wirtschaftlichen Boykott gegen jüdische Kaufleute, Aerzte und Rechtsanwälte predigen. Die österreichische Regierung hat durch die Energie, mit welcher sie die versuchte Störung der öffentlichen Ordnung unterdrückte, im Ausland Anerkennung gefunden und wir erwarten von derösterreichischen Regierung, daß siezur Wahrung unserer verfassungsrechtlich verbrieften Gleichberechtigung und zu deren Durchsetzung die nötigen Maßnahmen ergreifen wird, um die Schädigung der jüdischen Geschäftswelt zu verhindern. Aber auch auf unsere Religion werden Attentate verübt. Vor einigen Tagen hat derSalzburgerLandtag auf Antrag der Nationalsozialisten einstimmig mit den brüderlich vereinten Stimmen aller Parteien, also unter Zustimmung der Christlichsozialen und Sozialdemokraten, ein Schächtverbot beschlossen. Die Christlichsozialen, die doch in erster Linie Verständnis in Religionssachen und Achtung vor religiösen Gesetzen haben sollten, wollen die Juden in Salzburg zwingen, gegen das Reiig onsgesetz zu leben. Aehnliches bereitet sich im niederösterreichischen Landtag vor. Wir werden gegen den Beschluß des Salzburger Landtages mit allen gesetzlichen Mitteln ankämpfen und erwartenvon derRegierung, daßsie die religiösen jüdischen Vorschriften als Vorschriften einer gesetzlich anerkannten Religionsgesellschaft respektieren und schützen wird. Es liegt hier eine Verletzung der Freiheit der Religionsübung und damit eine Verletzung der Verfassung vor. Daran wird nichts geändert, wenn sich Anträge, wie der im Salzburger Landtag, auf angebliche, in Wirklichkeit aber nicht vorliegende Tierquälerei berufen. Den Antragstellern war es nicht um Tierschutz zu tun, wildern darum, den Juden eines auszuwischen. Wir Zionisten stehen seit jeher auf dem Standpunkt, daß wir als Staatsbürger die volle Gleichberechtigung für uns in Anspruch nehmen müsse», und wir haben immer in diesem Sinne gewirkt. Ebenso vertreten wir jedoch die Meinung, daß Angelegenheiten anderer Konfessionen, z. B. die Frage der Reform des Eherechtes der Katholiken nicht unsere Sache, sondern Sache der Katholiken in diesem Lande ist. Walnüssen es außerdem beklagen, daß sich auch Juden in den Dienst der Abfallbewegung gestellt haben. Wenn es auch richtig ist, daß diese Juden nicht nur für den Austritt aus christlichen Religionsgemeinschaften, sondern auch für den Austritt aus der jüdischen Religionsgemeinschaft Propa¬ Tagesgespräch: Wissen Sie schon das Neueste? Barschak ist soeben aus Paästina gekommen. Es ist ihm gelungen, sich die besten Palästinaweine wie auch ungarische Weine, Met, Sllw >w tz, Co nac hervorragender Qualität HDD zu staunenswert billigsten Preisen zu verschaffen. Empfehlenswert seine streng koscheie Küche; Sederabende werden billigst abg halten. r , i. Me sei» 3 Telephon A 4M-39 Unter Aufsicht Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Joief Babad “itoto sioi’ i ti am ganda getrieben haben und wenn es auch richtig ist, daß es keinem Menschen verwehrt sein soll, seiner Ueberzeugung in religiösen Dingen Ausdruck zu verleihen, so müssen wir doch folgendes sagen: J u d e. i s t, wer sich zum Judentum bekenn) und der jüdischen Glaubensgemeinschaft angehört. Jüdische Renegaten haben daher in jüdischen Dingen nichts mitzureden, schon gar nicht in religiösen Dingen. Wir begreifen es daher sehr gut, wenn die Propaganda jüd.sctur Renegaten zum Abfall von Christen in christlichen Kreise» Entrüstung auslöst. So ist es dazu gekommen, daß die Abfallpropaganda, die von konfessionslosen jüdischen und christlichen Sozialdemokraten betrieben wurde, dazu geführt hat, daß in weiten christlichen Kreisen die Begriffe «Juoe» und «Sozialdemokrat» fälschlich als identische Begriffe angesehen wurden. So kommt es auch, daß von christlicher Seite oft behauptet wird, daß das ganze Judentum im sozialdemokratischen Lager steht. Wir bejahen das Recht eines jeden Menschen, sich einer Partei, die ihm genehm ist, anzuschließen. Das gilt für Juden und Christen gleichermaßen. Es ist aber unrichtig, und wir sagen es nur zur Steuer der Wahrheit, daß die Juden in Wien der sozialdemokratischen Partei angehören. Das ergibt sich am klarsten aus dem Ausgang der Wahlen in die Kultusgemeinde. A m 4. D tzember 1 932 haben dieWiener Juden eine zionistische Mehrheit gewählt und die Sozialdemokraten bilden eine kleine Minderheit. Hier ergibt sich wieder die alte Erfahrungstatsache, daß wir in erster Linie an einer passiven Solidarität mit Menschen leiden, die es ablehnen, als Juden zu gelten, die aus der jüdischen Religionsgemeinschaft ausgeireten sind, aber trotzdem von unseren christlichen Mitbürgern als Juden, ja sogar als Exponenten des Judentums angesehen werden. Wir leben in einer Zeit, in welcher die Anspannung aller Kräfte notwendig sein wird, um großes Unheil von uns abzuwenden. Es wird daher unsere Aufgabe sein müssen, in erster Linie die zionistischen Reihen zu stärken und jenen Juden, die glaubten, nur im fremden Lager alles Gute und Erstrebenswerte zu finden, den Weg zu uns zurtickzuzeigen. So manche Juden erkennen bereits heute, daß sie politische Irrwege gegangen sind und kommen zu uns. Sie sehen ein, daß wir Zionisten mit unseren politischen Ansichten recht behalten haben. Es ist heute unsere Aufgabe, das gesamte Judentum in unser Lager zu bringen. Je stärker wir sein werden, um so leichter wird es für uns sein, der christlichen Umwelt begreiflich zu machen, daß wir nichts anderes wollen als den Schutz und die tatsächliche Durchsetzung unserer vielfach nur auf dem Papier bestehenden staatsbürgerlichen Gleichheit, sowie Ruhe und Ordnung. Wir haben nicht die Absicht, uns in den Streit der politischen Parteien einzumengen. Wir wollen niemandem Schützenhilfe leisten. Wir haben genug zu tun, wenn wir unsere eigenen Angelegenheiten behandeln. Da» mit werden wir auch am besten für uns und für Oesterreich wirken. Was dem Rotstift des Pressestaats« anwaltes entgeht In der «Dötz» vom 22. M. lesen wir: «Wir wollen ihr Gedächtnis auffiischen. Pogrom ist die gerechte Abwehrmaßnalime des von den Juden gequälten Wirtsvolkes gegen seine Unterdrücker. Pogrome hat es solange und überall dort gegeben, wo Juden schmarotzten, in angenehmer und freudiger Erinnerung ist uns da vor allem dei bekannte Pogrom in Kischinew, der so ungemein erfolgreich war. Dieser Kischinewer Pogrom wäre aber nur, vt* Polizeipräsident Himmler nur zu wahr feststellte, das reinstt «V»rsölinungsfest» gegen das große Bluten, das anheben würde, wenn dem Führer des deutschen Volkes auch nut ein Haar gekrümmt würde. Denn das ist der Sinn der Ankündigung des Münchener Polizeipräsidenten: Ein Tropfen des tPutes des Arbeiters Adolf Hitler, den das Vertrauen des Volkes auf den Stuhl Bismarcks gehoben hat, ist uns tausendmal mehr als ganze Ströme des eklen Sattes «er ganzen Million Juden, die das lebendige hohnlachende Symbol für Deutschlands Not und Elend ist.» I)r. Walter Riehl über Rassenschutz (Aus einem Vortrag in der Leopoldstadt.) Bericht am 22. März 1933, Seite 4 der «Dötz». Als wichtigste Aufgabe einer nationalen Regierung stellte Dr. Riehl ein Rasseschutzgesetz hin, das sich sowohl auf die gewerblichen als auch auf die steuerpolitischen Gebiete g.dtend machen müßte. Schon seit Jahren habe der Redner den Numerus clausus nicht nur für die Hochschulen, sondern für alle Erwerbszweige gefordert. In Deutschand wird jetzt bei Aerzten und Rechtsanwälten der Anfang gemacht. Auf dem Gebiete der Steuergesetzgebung kam der Redner zu folgendem originellen Vorschlag: Das neue Reich werde viel mehr als bisher kinderreiche Familien durch Steuerbegünstigungen, ja sogar Kinderzulagen fördern müssen, um dem Geburtenrückgang entgegenzuarbeiten. Bezüglich der Juden schlägt Dr. Riehl vor, im Gegenteil nur solche Juden zu dulden, die nachweisbar kinderlos sind, solche Juden aber, die viele Kinder haben, mehr zu besteuern als die kinderlosen. Bezüglich der Warenhäuser me:nte Dr. Riehl, daß nach den Erfahrungen der wirklich verjudeten Bezirke in Wien die kleinen und mittleren jüdischen Geschäftsleute noch mehr zu bekämpfen sind als die Warenhäuser. Denn die Warenhäuser beschäftigen eine verhältnismäßig große Anzahl von Ariern, während in den kleinen jüdischen Geschäften fast überhaupt keine Arier oder höchstens zu Elendsbedingungen ihr Brot finden. Der Saldo ist also der jüdische Kleinka-ufmann in seiner Masse, die stärkste Säule der jüdischen Kraft, zumal diese Leute über die größere Ivnderzahl verfügen als die jüd’sche Bourgeoisie. Selbstverständlich erneuert Dr. Riehl auch seine Forderung nach Bestrafung jedes Juden, der sich mit einer Arierin in eine geschlechtliche Verbindung einläßt. Lassei Tatsachen sprechen.. Aus der Protestnote der polnis chen Gesandtschaft in Berlin Es werden 19 Fälle aus Berlin und viele aus der Provinz gemeldet, von denen wir einige bringen: Am 7. März wurde an die Wohnungstüre des Rabbiners Moses Ezechiel Rottenberg, Felsenbergerstraße 6, um 3 Uhr nachts geklopft. Hilfspolizei verlangte Einlaß. Als Rottenberg nicht öffnete, schoß die Hilfspolizei dreimal in sein Schlafzimmer. Am selben Tage wurde Meier Wulken, Linienstraße 10, durch Nationalsozialisten in der Grenadierstraße angegriffen und solange geschlagen, bis er bewußtlos liegenblieb. Das gleiche geschah dem Malis Mendel in der Grenadierstraße. Seine Wunden sind derartig, daß er nicht mehr arbeitsfähig sein wird. Am 9. März wurde Janka Panner, Kaiser-Wilhelm- Srraße 32, von uniformierten Nationalsozialisten angegriffen, mit einem Revolver bedroht und ihr 850 Mark geraubt. Am selben Tage wurde Joel Zisapel, Grenadierstraße 32, von Nationalsozialisten überfallen. Er, seine Frau und sein Sohn wurden solange geschlagen, bis sie. in ihrem Blute liegenblieben. 3200 Mark und verschiedene Waren wurden geraubt. In München wurde Rabbiner Dr. Bärwald in der Nacht aus dem Bette geholt und in den Hof geschleift, wo er an | die Wand gestellt wurde. Bewaffnete — natürlicii Provo-! kateure — legten ihre Gewehre an und es wurde Feuer! I kommandiert Es hatte sieh aber nur um einen «Scherz» gei handelt. Die Gewehre gingen nicht los, die «Provokateure» ersehen in ein schallendes Gelächter aus und entfernten sich. Wie uie gsslttete Welt auf die Ereignisse in Deutschland reagiert Proteste und Boykott New York. Die amerikanische Presse verurteilt schä.f- «rtens den antijädischen Kurs der Hitler-Regierung. Sie findet ein derartiges Regime im allgemeinen unverständlich, j Phl-aUelpUIa. Hier haben große Demonstrationen vor dem deutschen Konsulat stat.gefunden, an welchen mehr als 10.000 Personen teilnalimen. Die Fensterscheiben des Kon- | sulatsgebäudes wurden eingeschlagen. Polizei und Feuerwehr konnten, nur mit schwerer Mühe die Demonstranten zef streuen. London. Vizepremier Baldwin hatte mit dem deutschen Gesandten eine längere Konferenz. Wie verlautet, hat Baldwin den deutschen Gesandten darauf aufmerksam gemacht, daß «gewisse» Schritte der Hitler-Regierung im Ausland einen schlechten Eindruck machen. Colonel J. C. Wedgwood interpellierte im Unterhaus die Regierung, welche Schritte sie zu unternehmen gedenkt, um Hindus und Juden in Deutschland zu schützen. «Manches1 er Guardian», «Daily Telegraph» u. a. Zeitungen richten heftige Angriffe gegen die Hitler-Regierung. „Manchester Guardian» schreibt: «Di deutsche Zivilsation ist keine germanische und keine jüdische, sondern die europäische ... Ein Gefühl von Ekel erfaßt einen, wenn man zusieht, wie die Sturmbanden das freie deutsche Volk zwingen, gegen seine eigene Kultur zu revoltieren...» «In der ganzen gesitteten Welt herrscht wachsende Beunruhigung über das Los weltbekannter Persönlichkeiten ... Die zivilisierte Welt hat ein Recht, zu erfahren, was mit ihnen geschehen ist...» Montreal. Kanadische jüdische Geschäfts- und Wirtschaftskreise haben den Beschluß gefaßt, deutsche Waren zu boykottieren. Sie richten an die Juden der Vereinigten Staaten einen Appell, ihrem Beispiel zu folgen. Warschau. Im polnischen Zentral-Filmbureau ist einstimmig beschlossen worden, die deutschen Filme und das Ufa-Theater zu boykottieren. Antwerpen, ln Antwerpen und Brüssel fanden große Protestkundgebungen gegen die Judenverfolgungen in Deutschland statt. Dem Deutschen Gestandten wurden Protestresolutionen überreicht. Vorsicht I Teppiche, Vorhänge, Jecken i:«\v. kaufen S’e nur hn großen Spezialhaus Weitzner VI., MarIa.;.Kerstrcßc 105, IV., WIsüner Hauptstraße 10. Der 23jährige Bestand der Firma bürgt für biTgsie Preise gute Ware, enorme Auswahl. Bi.te Inserat vorweisen. 10 Prozent Rabatt 815