Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 273 (30.3.1933)
- Date
- 1933-03-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 273 — 30. März T933 DTE STIMM® Seife 3 Jabotinskys Putsch Eine Spatiung In der revMonUiischen Union Die Spaltung Im Revisionismus Es wäre unangebracht, »ich über diese Wendung zu freuen. Die Zeiten sind bitterernst, und ein innerzionistisches Oezänke, welches in eine jüdische Öffentlichkeit hinausgezerrt wird, die die tragischesten Momente der Weltgeschichte durchlebt, muß naturgemäß unverständlich und grotesk wirken. Das Weltjudentum hat heute wahrlich tausendfach gewaltigere Probleme zu lösen und schon der Zeitpunkt und die Art, wie die revisionistische Konferenz in Kattowitz unter lärmendem (jetue eine Lösung suchte, muß in Anbetracht der sich geradezu zwangsmäßig aufdrängenden Einheitstendenzen unter den Juden der ganzen Welt ein Gefühl der Beklemmung hervorrufen. Wir haben an dieser Stelle seit Jahr und Tag den Revisionismus bekämpft, da wir in dieser Bewegung außer einem gesunden Kerngedanken, der von der Gesamtorganisation ohnehin längst verfolgt und verwirklicht wird, nur parteipolitischen Separatismus und die Ueberwucherung kleinlicher Ichsucht über die Gesamtinteressen des Zionismus sahen. Diese Meinung wurde noch durch die Beschlüsse von Calais und Wien bestärkt und als Jabontinsky mit einer schauspielerischen Geste beim Kongreß seine Delegiertenkarte zerriß — da war es um diese Bewegung und deren Führer geschehen. Seit Jahren betrieb man eine Hetzpropaganda gegen die Leitung der Weltorganisation, seit Jahr und Tag erschöpfte sich die revisionistische Tätigkeit in einem unproduktiven Gejohle über jeden unvermeidlichen Rückschlag in der Galuth und in Palästina, und während alle anderen zionistischen Gruppen in brennender Angst um die nächste Zukunft und in historischer Verantwortung das Höchstmaß an Aufopferung vollbrachten — begnügten sich die Revisionisten mit einem oberflächlichen Tamtam von Uniformen, Kommandos und Ausnützung der zionistischen Organisation für ihre Sonderinteressen. Die revisionistische Union stand unter dem Diktat des «Führers», wie man dies nach bewährtem Muster zu bezeichnen pflegt, und diesen Führer brachten Herrschsucht und. Despotismus schließlich in eine Sackgasse, die in Kattowitz zu seinem Debakel und zur Spaltung des Revisionismus führte. Jabotinskys Linie mußte seit Calais zur vollständigen Absonderung des Revisionismus von der zionistischen Bewegung und zur Einführung des unumschränkten Primates der revisionistischen Disziplin über die Disziplin der Zionistischen Weltorganisation führen. Diese Forderungen des «Führers» durchsickerten alle Beschlüsse in Calais und in Wien und wurden schließlich durch die Autorität des Pärteigerichtes der Zionistischen Weltorganisation in unzweideutiger Weise bloßgestellt. In Kattowitz stellte nun Jabotinsky in ultimativer Form neuerlich diese Forderungen auf, doch wurde er diesmal von der überragenden Majorität niedjrgestimmt oder zumindest unzweideutig abgelehnt. Und da bewahrheitete sich erst in aller Schärfe die von uns seit jeher vertretene Meinung über diesen «Führer» als einen von Ichsucht und Unruhe zerfressenen Geist, der sich in einem unverständlichen Dünkel über jede Volksstimme und jeden Beschluß einer legalen und klaren Majorität hinwegsetzt. Solcherart Menschen gehören eben in kein Organisationsgetriebe, und jede Organisation, welche durch die Kraft einer solchen ohne Zweifel starken Persönlichkeit geschaffen wird, trägt schon im Ursprung Keime des unabwendbaren Konfliktes und des schließlichen Verfalls. Der Kattowitzer Parteirat ging ohne Beschlüsse auseinander, da man scheinbar zu einem offenen Konflikt mit dem «Führer» nicht den Mut aufbrachte. Dies besorgte jedoch er selbst, indem er knapp nach der Konferenz, beeinflußt schon vom Berliner Muster letzter Tage, die ganze Leitung der Union davonjagte und in. einem offenen Briefe an alle Re v isi o n i’ste n 'si ch zum Diktatorder Union selbstherrlich ausriefl Zu gleicher Zeit jedoch bekundet er den Willen zur Macht, indem er zur Beteiligung an den Kongreßwählen aufruft, trotzdem derselbe Jabotinsky den Kongreß seit zwei Jahren nicht anerkennen will und für die Schaffung einer neuen Zionistischen Organisation frisch-fröhlich die Trompete blies. Die Zeiten sind zu ernst, um eine Satire zu schreiben! Dieser plötzliche Frontwechsel reiht sich wohl an so manchen anderen im Leben dieses ewigen Frondeurs, begegnete jedoch diesmal einer scharfen Abfuhr seiner eigenen engsten Anhänger. Hie Jabotinsky — hie Meir Großmann! Auch der letztere eriieß eine offene Kundgebung, in der er die Vorgangswe'tsc als Disziplinlosigkeit und Heuchelei vor aller Welt brandmarkt, Jabotinsky mit dem Ausschluß bedroht und die Revisionisten zur Legalität und Gehorsamke.'tsverweigerung dem diktatorischen Führer gegenüber aufruft. Wie oft hörten wir diese Worte: Legalität, Disziplin und dergleichen aus den Reihen der Revisionisten? Die Waffe, mit welcher der Revisionismus seit Jahren gegen die Zionistische Weltorganisation wütete, zerfleischt ihn jetzt selbst Der «Staatsstreich» Jabotinskys wird zur wahren «Nemesis» irregeleiteter Anhänger. Es nützte nicht ein Beschluß des Status quo am Parteirat in Kattowitz, da der Wille des Führers absolut ist und alle schönklingenden Worte von Frei* heit, Demokratie, Herzl-Zionismus u. dgl. zerflattern in .ein Nichts, wenn die Majorität nicht pariert. Es mußte so kommen und wir s*:hen nicht an, zu elitären, daß dieser Zusammenbruch der revisionistischen Union für die Gesamtinteressen der Zionistischen Organisa* i tion der Beginn einer Gesundung bedeutet. Man kann | nicht auf, die Dauer zwei Göttern dienen, Herzis unsterbliche Tat war und bleibt die Zionistische Organisation, in der jeder Platz finden muß, dem der Zionismus die einzige Lösung des Judentums bedeutet. Organisation setzt jedoch notgedrungen Demokratie und freiwillige Disziplin voraus, die sich in der Zurücksetzung von Sonderinteressen vor dem Gesamtinteresse auswirkt. Der Revisionismus war es, der in Verkennung des wahrhaft demokratischen Kräftespiels in einer schwer ringenden Organisation alles unternahm, um ein Musterbeispiel parteimäßiger und nichtnationaler Einstellung zu geben. Daher die maßlose Ueberwucherung von Kritik, das ewige Hervorkehren der gewiß betrüblichen Schattenseiten in unserem Aufbauwerke ohne schöpferische Wegweisung, die befruchtend wirken könnte — und daher schließlich das Aufrichten eines Staates im Staate mit eigenen Begriffen Eine Erklärung Strickers und Sosklns Wien. Die Mitglieder des Exekutivkomitees der Weltunion der Zionisten-Revisionisten Dr. S. E. Soskin und Oberbaurat Robert Stricker übermitteln der Jüdischen Telegraphen-Agentur folgende Erklärung: «Nach Schluß der Sitzung des revisionistischen Partefrates in Kattowitz, welcher die von Herrn Jabotinsky gestellten Forderungen mit großer Mehrheit ablehnte, überraschte Herr Jabotinsky das Exekutivkomitee der Union durch die telegraphische Mitteilung, daß er sämtliche Mitglieder des Exekutivkomitees, nämlich die Herren Meer Großinan, J. Machower, Dr. S. F.. Soskin. Oberbau:at Robert Stricker, absetzt und den Sitz der Exekutive nach Warschau verlegt. Das Exekutivkomitee bleibt natürlich durch diese antikonstitutionelle Handlung des Herrn Jabotinsky unbeeinflußt. Es hat sein Amt von der 5. Weltkonferenz in Wien erhalten und wird es bis zu einer verfassungsmäßig einbe- Dieses Siegel bürgt... daß Kunerol streng rituell erzeugt wird und daher auch für Strenggläubige ohne Bedenken für die Zubereitung von Oster* speisen verwendet werden kann. Kunerol ist ein völlig reines Pflanzenfett, nahrhaft, leicht verdaulich und fast un begrenzt haltbar. Kunerol wird unter ständige* Aufsicht des Herrn Bezirks rabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt KUNEROL' 100% REINES KO KO SNUSSFETT von Disziplin, Demokratie und alleinseligmachender Staatsmannskunst! Nun gilt es, für die Anhänger Jabotinskys und Großmanns endlich Farbe zu bekennen. Wollen sie dem «Führer# folgen, dann mögen sie außerhalb der Zionistischen Organisation verbleiben und dort ihr blendendes Feuerwerk von Dialektik, Kritik und Besserwissen leuchten lassen — die Zionistische Weltorganisation jedoch vollständig aus dem Spiel lassen! Wollen sie jedoch endlich den Weg zur Einheit und zum gemeinsamen, wenn auch weniger effektvollen Streben beschreiten, dann ist die Zionistische Organisation groß und stark genug, um so manche gegensätzlichen Anschauungen unter dem Aspekt des gemeinsamen Aufbauwerkes zu vereinigen. Bei Jabotinsky ist der Schekel nur ein Mittel zur Erringung der Majorität, bei uns ist er die Bekundung unserer Souveränität auf dem Wege nach Zion. Für den'bisherigen Führer des Revisionismus ist die Kongreßlegitimation nur ein Fetzen Papier, den man ebram publico zerreißen kann. — Für uns ist sie ein Bekenntnis zur Arbeit vor aller Welt und die Bekundung unseres Lebenswillens trotz aller Fährnisse der te\t\ Die «Zionistische Organisation» fet für uns wrahre Zionisten das heilige Vermächtnis Herzis, der für uns kein Lippenbekenntnis ist, das man stets zur Schau trägt, sondern historische Not, an der unsere Seelen gereift sind. Nur in und mit dieser Organisation kann es möglich sein, an die Lösung gewaltiger Aufgaben unserer Generation heranzutreten und wer sich außerhalb dieser Organisation stellt oder sich über diese hinwegsetzt, der gerät unbarmherzig auf Abwege, die einer gewissen Tragik nicht entbehren, weil es sich um Menschen wie Jabotinsky handelt, die Persönlichkeitswerte besitzen. Die Zeiten, wo jemand stark war, weil er allein stand, gehören der Vergangenheit an. Und auch Ibsen bezeichnetc einen solchen Menschen als Volksfeind. Der Revisionismus muß nun wählen zwischen einem Einsamen, der zum Volksfeind wird und dem Ruf der überwiegenden Majorität der Zionisten zur Einkehr der Irregeleiteten und zur Rückkehr in die Organisation! Wir wollen hoffen, daß er zur Organisation zurückfinden wird. Hier erwächst dem Allgemeinen Zionismus eine große Arbeit. Die Notwendigkeit seiner Existenz als Mittler zwischen den Flügelparteien liegt nun klar auf der Hand, Wenn •es keinen Allgemeinen Zionismus gäbe, jetzt müßte er geschaffen und, zu einer, mächtigen Organisation ausg’oaut werden. rufenen Weltkonferenz ausüben und wird sich durch die verfassungswidrige Handlung Jabotinskys in der Erfüllung dieser ihm auferiegten Pflichten nicht stören lassen. Die Erklärung Jabotinskys, daß er die Revisionisten zum Kongreß führen wolle, steht zu seiner auf dem Kattowitzer Parteirate, also noch vor 48 Stunden geäußerten feindlichen Einstellung zum Kongreß im krassen Widerspruch und entbehrt der von ihm insbesondere im Hinblick auf die Jugend nachdrücklichst geforderten politischen Ehrlichkeit, ln Ausführung der legalen Beschlüsse der Wiener Weltkonferenz wird die Leitung der Union in den nächsten Tagen nach Genf verlegt. Wir sind überzeugt, daß der abenteuerliche Versuch Herrn Jabotinskys, die revisionistische Bewegung zu zerschlagen, in revisionistischen Kreisen Ablehnung erfahren wird.» Dr. Wolfgang von Weisl Im «Verein für fortschrittliches Judentum» Dr. Wolfgang v. Weisl, über dessen publizistische und rednerische Bocksprünge wir leider des öfteren berichten mußten, leistete sich letztens etwas, was nicht genug angeprangert werden kann. Dieses Mitglied der Revisionistischen Organisation fand es nämlich für angebracht, ausgerechnet im « Verein für fortschrittliches Judentum» einen Vortrag anzukündigen. Die Vorträge des Herrn Dr. von Weisl sind nicht gerade weltbewegend und wir beneiden keinesfalls die Zuhörer um den Genuß. Allenfalls ist es für Herrn von Weis! bezeichnend, daß er als Revisionist, der den hundertprozentigen Herzl-Zionismus vertritt, es für angebracht findet, der Propaganda offenkundiger Schrittmacher für jüdische Abfall- und Taufbewegung dienlich zu sein. Wir haben an dieser Stelle wiederholt an die schädlichen Tendenzen dieses Vereines hingewiesen und haben insbesondere während der Kultuswahlen im Zusammenhang mit dem Auftreten des Studienrates Redisch denselben vor aller Oeffentlichlceit apostrophiert. Es wäre wohl am Platze, wenn sich die Revisionisten mit dieser Eskapade ihres Mitgliedes beschäftigen würden. Einsteins Botschaft an die Juden Paris, 27. März. Wie die Agence Havas mltteilt, hat Professor Einstein vom Dampfer «Belgenland» aus an die Jewish Agency eine für Palästina bestimmte Botschaft gerichtet, in der er die Notwendigkeit einer Verteidigungsaktion der Juden gegen ihre Verfolger auseinandersetzt. Er schlägt die Beschleunigung der jüdischen Kolo* nisatlon bi Palästina vor.