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Die Stimme · 1933-03-30 · Heft 273 (30.3.1933) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 273 (30.3.1933)
Date
1933-03-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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feffe 9 DTE STIMME Nr. 273 — 30. März 1033 Dor kalte Pogrom oder Was sind Greuel! Dar Nationalsozialismus ist empfindlich geworden. Jahrelang hat er die Ausrottung des Judentums in Aussicht gestellt, sobald er nur einmal zur Macht käme. Nach der Wahl Hitlers haben dann Terrorakte gegen Juden, nur weil sie Juden sind, in allen Teilen Deutschlands stattgefunden. Nicht nur durch das Judentum, sondern auch durch die übrige gesittete Welt ging ein Schrei des Entsetzens. Wir wollen es vorweg feststellen: Wir kämpfen nicht gegen das deutsche Volk, dem wir viel verdanken und zu dessen Macht und kulturellem Aufstieg die Juden unendlich viel beigttragen haben. Die derzeitigen Führer des deutschen Volkes spielen aber ein Spiel mit verteilten Rollen. Hitler hält gemäßigte Reden, Goering, Gobbels und Himler hetzen weiter. Die Folgen sind nicht ausgeblieben. Es ist heute schwer, Details zu überprüfen. Es wird aber der Tag kommen, wo die Vorgänge in verschiedenen jüdischen Privatwohnungen und in den Kellern der S. A.-Knsernen klar zutage liegen werden, und es wird auch der Tag kommen, wo sich das deutsche Volk dieser Vorgänge schämen wird. Die Macht der Nationalsozialisten reicht weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Aach bei uns m Oesterreich gibt es sogenannte liberale Zeitungen, die ängstlich jeder Kritik der Vorfälle in Deutschland aus dem Wege gehen und so schreiben, als wären sie schon «gleichgeschaltet*. Die Taktik der Nationalsozialisten geht dahin, zu erklären, cs seien keine Greuel vorgekommen, und es wurde auch nichts unversucht gelassen, um die Skandale, die sich ereignet haben, zu vertuschen. Zuerst wurde behauptet, es handle sich um die Taten von Provokateuren, dann hieß es, einige schuldtragende Nationalsozialisten seien aus der Partei ausgeschlossen worden, und als der Proteststurm in der ganzen Welt, bei Christen und Juden, einsetzte, da las man es wieder anders. Nun wird überhaupt in Abrede gestellt, daß sich Terrorakte ereignet haben, und die Nachrichten der ausländischen Presse werden als «Greuelpropaganda* bezeichnet. Gleichzeitig wird die wirtschaftliche Vernichtung der jüdischen Geschäftswelt angedroht, die ohnehin schon seit dem 5. Oktober praktiziert wird. Es scheint eben, daß der Begriff «Greuel* im Ausland eine andere Bedeutung hat als bei der herrschenden R'chtung in Deutschland*. Unter «Greuel* versteht man wohl1 die Verprügelung von Juden bis zur Besinnungslosigkeit, rücksichtslose Ausweisungen, verschiedene Räubereien, spaßhalter vorgetäuschte Hinrichtungen und dergleichen mehr. Unter Greaelt"4“n versteht die gesittete Welt aber auch den wirtschaftlichen Pogrom, der hexte ln Deutschland herrscht Es sin^ßreueltaten, wenn man jüdische Rechtsanwälte und jüdische Aerzte an der Ausübung Ihres Berufes hindert Es sind Greueltaten, wenn man Jüdische Kaufleute zwingt ln ihren Auslagen Plakate des Inhalts anzubringen: «Hier Ist ein jüdisches Geschäft, Deutsche, kauft nur bei Deutschen.» Es sind Greueitaten, wenn man Juden ln ihrer Existenz vernichtet Die Greueltaten, die aus der Anwendung physischer Gewalt resultieren, wurden aus dem Rüstzeug des Mittelalters hervorgeholt Die Greueltaten aber, die darauf ausgehen. Jüdische Kaufleute und Juden, die in den freien Berufen tät'g sind, wirtschaftlich zugrunde zu richten, sind ärger und scheußlicher als physische Drangsalierungen. Denn diese modernen Greuel haben den Zweck, die Juden systematisch dem Hungertod auszuliefern. Männer tmd Frauen, Greise ttnd Kinder werden dem wirtschaftlichen Ruin und dem qualvollen, langsamen, aber sicheren Hungertod preisgegeben. Diese modernen Greuel ereignen sich nach wie vor in Deutschland, und von dieser entsetzlichen Schuld können keine noch so geschickte Journalistik und keine Repressalien an unschuldigen, wehrlosen Menschen die heutigen Machthaber in Deutschland reinwaschen. Wir verzweifeln nicht am deutschen Volke. Es wird eines Tages auch bei der Mehrheit des deutschen Volkes die Erkenntnis reifen, daß dieser entsetzliche Kampf von 60 Millionen Deutschen gegen 600.000 Juden Deutschlands Ansehen einen schweren Schlag versetzt hat Prof* Weizmanns wichtige politische Mission in Italien Rom. Die letzten zwei Tage hat Professor Chaim Weiz- <nann in Italien verbracht. Er weilte in Venedig und Rom, wo er mit einer Reihe einflußreicher italienischer und jüdischer Persönlichkeiten konferierte. Professor Weizmanns Mission steht im Zusammenhang mit den Interessen einer großen jüdischen Gemeinschaft, die sich gegenwärtig ln großer Not befindet. Von Rom ist Professor Weizmann nach Palästina abgereist. AUSLÄNDISCHE MODEHEUHEITEII EN DETAIL L Samte FRARZ HEUmAII. I.COHGORDIAFL 5 Seide (Fortsetzung von Seite 1, Spalte 3 oben) er politisch gehöre und was er wirtschaftlich notwendig habe. Terror hilf aa Trotz der strengsten Nachriehtenkontrotle, (Ke in Deutschland herrscht, dringen noch immer Nachrichten ins Ausland durch, aus denen hervorgeht, daß im ganzen Deutschen Reich eine beispiellose Unterdrückung herrscht und ein brutaler Vernichtungskampf geführt wird gegen altes, was nicht aufs Hakenkreuz und seinen Papst Hitler schwört. Es wird mit einer Brutalität vorgegangen, die jeden zivilisierten Menschen erschüttern muß. Die von den offiziösen und amtlichen Stellen ausgegebenen Berichtigungs¬ und Ableugnungskommuniquös sind von einer zynischen Verlogenheit sondergleichen. TotschlSge Berlin. «Isr. Familienblatt* teilt mit: ln Wuppertal-Elberfeld fiel der 26jährige Oswald Laufet einem Revoiverattentat zum Opfer. Läufer war gerade aus der Schutzhaft entlassen worden, als ihn vor der Eingangstür seines Elternhauses drei Schüsse niederstreckten. Läufer war unbewaffnet. Der Täter ist unerkannt entkommen. Zur Bestattung hatte sich ein unübersehbares Trauergefolge, namentlich aus christlichen Kreisen, auf dem jüdischen Friedhof eingefunden. Der 48jährige jüdische Güter- und Viehhändler Otto Selz in Straubing wurde am Mittwoch früh der vergangenen Woche von mehreren unbekannten Männern aus dem Bett geholt, in ein Auto gebracht und zwischen Mengkofen und Wörth durch zwei Schüsse und Einschlagen des Schädels getötet. Ueber die Gründe der Tat und über die Täter herrscht noch völliges Dunkel. Festnahmen Berlin. «Berliner Börsen-Courier» meldet, daß in der vergangenen Nacht in Augsburg 22 Personen in Schutzhaft genommen wurden, unter ihnen der Direktor des ersten Kaufhauses der Stadt Gebrüder Landau er, Gift, ferner die jüdischen Rechtsanwälte Dr. Neumark und Dr. Dreifuß sowie der Sekretär des Augsburger Stadttheaters, Nora. ln Braunschwelg, wurde, wie die «Berliner Illustrierte Nachtausgabe.» meidet, der, Chefarzt Dr. Levl, genannt Lewald, festgeriomrrien. In Berlin wurde Dr. Friedeberger, einer der Geschäftsführer des Ambulatoriums des Verbandes der Krankenkassen Berlins, in Schutzhaft genommen. Aus dem Berliner Stadthause Berlin. «Berliner Börsen-Kurier* meldet: Der Staatskommissär z. b. V. beim Oberbürgermeister, Dr. Lippert. wird prüfen, inwieweit die seit Jahren bestehende Geschäftsverbindung des Magistrats mit der jüdischen Drucken-ifirma W. & S. Loewentbal, die früher Toi Druckaufträge eine monopolartige Steilung einnahm, zugunsten mehrerer leistungsfähiger deutscher Druckereifirmen abgeändert werden kann. Der kommissarische Bürgermeister des Bezirksamtes Prenzlauer Berg, Stadtrat Dr. Krüger, teilt mit: Bürgermeister Dr. Ostrowski, die besoldeten Stadträte Weber und Friedländer sowie der Stadtarzt Dr. Korach (sämtticn SPD.) sind bis auf weiteres beurlaubt worden. Mit sofortiger Wirkung wurden beurlaubt: Stadtamtmann Herrmanu, Fürsorger Nathanson und Stadtsekretär Gronemann. Die jüdisch geleiteten Kinderhorte und Helme sind vorläufig geschlossen, bis ein anderer Geist eingezogen ist. Auch die jüdisch geleitete Musikschule ist vorläufig geschlossen. Referendare als Richter Weil durch die Zurückziehung der jüdischen Richter ein Mangel an Beamten entstanden ist Breslau. Der Breslauer Oberlandesgerichtspräsident hat verfügt, daß bei sämtlichen Gerichten seines Bezirkes keine jüdischen Richter mehr in der Strafrechtspflege tätig sein sollen. Da infolge der Zurückziehung der jüdischen Richter aus eien Breslauer Gerichten Mangel an Beamten entstanden ist, die für das Richteramt befähigt sind, sind am Mittwoch 17 Referendare vorzeitig als Richter vereidigt worden und soMen vor allem die fehlenden Beisitzer in den Strafkammern u»w. ergänzen. Der Vorstand der Breslauer Anwaltskanimer, an dessen Spitze Geheimer Justizrat Dr. Heilberg steht, hat seine Aemter niedergelegt Ein Minister, der Plünderer schützt Stettin. Reichsminister Göring sprach in einer Versammlung des pommerischen Landbundes. Er erklärte unter anderem: Wenn jetzt viele sagen, ich hätte in meiner Essen*. Rede das Signal gegeben zur Disziplinlosigkeit, ja sogar das Signal, plündern zu dürfen oder ähnliches mehr, so verwahre ich mich dagegen. Aber ich bin nicht so feige gewesen, abzurücken von dem, was sie getan haben, sondern ich habe es gutgeheißen. Herausziehung Jüdischer Richter aus der Strafrechts* pflege auch in Frankfurt Frankfurt a. M. Zur Ueberführung der jüdischen Richter aus der Strafrechtspflege ln die Zivilrechtspflege sind auch bei den Frankfurter Justizbehörden die erforderlichen Maßnahmen eingeleitet worden. Restauration Nagel (ehern. Hotel New York) letfzd II., PraNergNraOe 93 Telephon R-47-4-49 Düsseldorfer Oberbürgermeister verbietet Schächten Düsseldorf. Der Pressedienst der Stadt Düsseldorf teilt mit: Der Oberbürgermeister hat durch Verfügung vom heutigen Tage in Abänderung des § 12 der Betriebsordnung tat * den Städtischen Schlachthof vom 30. Jänner 1923 die Vornahme weiterer Schächtungen im Städtischen Schlachthof zu Düsseldorf untersagt. Zwischenfälle in Wiesbaden Wiesbaden. Der amtliche Polizeibericht besagt: In der Stadt ereigneten sich eine Reihe von bedauerlichen Zwischenfällen. Mehrere Trupps junger Leute durchzogen die Stadt, erzwangen die Schließung jüdischer Geschäfte und mißhandelten zum Teil die Geschäftsinhaber. Auch jüdisch aussehende Passanten wurden belästigt und zum Teil mißhandelt. Die Polizei sorgte durch erhöhten Streifendienst für Aufrechterhaltung der Ordnung. Die Kreisleitung der NSDAP, mißbilligt ebenfalls die Ausschrei-J tungen und hat ihrerseits Maßnahmen getroffen, daß Partefangehörige sich nicht daran beteiligen. Befreiungsdc^.kmal eines jüdischen Künstlers abgetragen Mainz. Das Mainzer Befreiungsdenkmal, die vom Bildhauer Benno Elkan geschaffene Riesenfigur eines erwachenden Weibes, wurde am 23. März vormittags gemäß Beschluß des Aeltestenrates der Stadtverordnetenversammlung von seinem Standort abtransportiert, nachdem es irf letzter Zeit Angriffen rechtsgerichteter Kreise ausgesetzt war. Flüchtltage aus Deutschland in Palästina Jerusalem.. Zahlreiche jüdische Familien aus Deutschland sind diese Woche in Palästina eingetroffen. Unter ihnen der gewesene Abgeordnete und preußische Staatssekretär Dr, Qskar Kohn. Warum Gesandter von Prittwitz demissionieren mußte Washington, per deutsche Gesandte in Washington, von P r i 11 w i t mußte sein, Amt niederlegen, weil er sich an dem von der Jüdischen Telegraphen-Agemur ln New’ York zu Ehren Lion Feuchtwangers veranstaletetn Bankett und an dem von den „Freunden der Hebräischen Universität* für Einstein gegebenen Ehrenabend teilgenommen hat Jugoslawien bietet deutschen Juden Asylrecht Aus Belgrad wird der «Stimm e» gemeldet: Die Herren Großrabbiner Dr. J. AI k a 1 a y, der Präsident des Jugoslawischen Gemeindebundes Dr. F. Pops und der P.äsldent des orthodoxen Gemeindebundes Direktor Hermann Deutsch sind heute beim Minister des Aeußern, Herrn Jeftitsch, ln Audienz erschienen, um für die in Deutschland verfolgten Juden das Niederlassungsrecht ln Jugoslawien zu erwirken. Minister Jeftitsch erwiderte spontan, daß Jugoslawien gerne bereit sei, die aus Deutschland flüchtenden Juden ohne jede Zahl- oder Zeltbeschränkung auf das gastlrcundschaftflehste aufzunehmen. Er versprach, ehestens die Weisungen an alle Konsulate in diesem Sinne zu erteilen. Tschechoslowakei bietet Flüchtlingen aus Deutschland ein Asyl Prag. Wie mitgeteilt wird, werden die tschechoslowakischen Behörden allen politischen Flüchtlingen aus Deutschland, die sich mit ordentlichen Legitimationspapieren ausweisen können, Asyl gewähren. Deutscher Konsul in Tel-Awiw hißt die HakenkreuzSlagge Große Empörung über diese Provokation und Verhöhnung der rein jüdischen Stadt Tel-Awiw. Trotz der Erklärung des deutschen Konsuls in Tel-Awlw, er werde eher auf sein Amt verzichten, als die Hakenkreuzflagge hissen, ist heute auf dem Konsulatsgebäude doch die Hakenkreuzflagge neben der schwarzweiß-roten Flagge aufgezogen worden. Auf dem Konsulatsgebäude in Jerusalem sind ebenfalls beide Flaggen gehißt. Eine große Gruppe in Palästina wohnender deutscher Bürger, Juden und Nichtjuden, haben ein Telegramm an den Reichspräsidenten Hindenburg abgeschickt, in welchem gegen diese Verhöhnung des jüdischen Nationalheims in Palästina protestiert wird. Unter der jüdischen Bevölkerung herrscht über diese Provokation furchtbare Empörung. Die Konsulatsgebäude werden von englischen und arabischen Polizeabteilungen streng bewacht. (Letzte Nachrichten aus Deutschland auf Beite 6 und 7)

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