Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 272 (23.3.1933)
- Date
- 1933-03-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 272 — 23. MSrz 1933 DIB STIMME Seite 5 äCahxLe\&eAic&jte, dek ,j£ihune/ Warschauer Brief Von unserem Korrespondenten Die letzten Monate brachten im zionistischen Leben der polnischen Metropole eine grundlegende Aenderung. Der Schwerpunkt der Tätigkeit wurde in das Palästinaamt verlegt, welches vof. zahlreichen Interessenten wörtlich und bildlich belagert wird. In den Kreisen der jüdischen Notabein hat der Gedanke an Palästina und palästinensische geschäftliche Unternehmungen tiefe Wurzeln gefaßt. Ein deutlicher Bev'eis hiefür ist die immer wachsende Zahl der Mitglieder der palästinensisch-polnischen Handelskammer, welche bereits ein eigenes Fachorgan besitzt und sich in Regierungskreisen einer gewissen Autorität zu erfreuen beginnt. Die polnisch-palästinensische Handelskammer sammelt eifrig die vorhandenen Materialien zum Studium der Wirtschaftsfragen in Palästina und trägt dazu bei, konkrete Wirtschaftsprojekte auf ein reales statistisches Material zu basieren. Im Verbände der polnisch-ausländischen Handelskammern, sowie in der Zentraleinfuhr-Kommission des polnischen Handelsministeriums, kämpfen die Wortführer unserer Handelskammer um Geltung und Anerkennung der legitimen Wünsche der palästinensischen Wirtschaftskreise bei Feststellung der Einfuhrkontingente u. dgl. Der Strom der jüdischen Touristen und Emigranten nach Palästina ist im Wachsen begriffen; alle möglichen Transportarten werden benutzt, die großen Dampfer sind auf Wochen hinaus voll belegt. Vielfach wird der Landweg benützt Man fährt nach Palästina per Schiff, Motorboot, Eisenbahn, Lastauto etc. Alle diese Beförderungsmittel genügen aber nicht dem Expansionsbedürfnis und vor allem der Notwendigkeit einer raschen und zweckmäßigen Verbindung zwischen Warschau und Tel-Awiw, sowohl in bezug auf Beförderung von Handelsreisenden als auch insbesondere für den Post-, Brief- und Paketverkehr. Der Verwaltungsrat der polnisch-palästinensischen Handelskammer, Dr. H. Szoszkies, hat daher die Initiative ergriffen, den Luftverkehr zwischen Polen und Palästina, via Lemberg, Czernowitz, Galatz, Bukarest, Sofia, Saloniki, zu organisieren. Dieses Projekt beweist am besten die Aktualität der polnisch-palästinensischen Wirtschaftsbeziehungen. Wiewohl der Luftweg nicht mehr als zirka 20 Stunden in Anspruch nehmen würde, muß man mit der Notwendigkeit der Einschaltung von zwei Nachtstationen in Bukarest und Saloniki rechnen. Man wird sohin das Warschauer Flugfeld Dienstag morgens verlassen, um Donnerstag mittags in Palästina landen zu können. Die Realisierung des obigen Projektes, welches namentlich für die Beschleunigung der Korrespondenzzustellung ungeheuer wichtig wäre, liegt durchaus im Bereiche der Möglichkeit und seine Realisierung durch die polnische Luftflotte unter Mithilfe der Postverwaltungen der beteiligten Länder, steht unmittelbar bevor. Im Rahmen der polnisch-palästinensischen Handelskammer ist auch ein Wirtschaftskomitee, bestehend aus hervorragenden jüdischen Männern der polnischen Wirtschaft, nach dem Beispiel ähnlicher Körperschaften in New York und London, gegründet worden. Die Konstituierung dieses Komitees ist in Anwesenheit des Finanzreferenten der Jewish Agency, Dr. Werner Senator, Jerusalem, erfolgt. Die polnische Postsparkasse eröffnet demnächst eine eigene Filiale in Tel-Awiw, welche der Leitung unseres bewährten Gesinnungsgenossen Dr. Leon Tanenbaum, Drohobycz, unterstellt wird. Bekanntlich hat Dr. Tannenbaum als Präsident der Kultusgemeinde und Vizebürgermeister seiner Heimatstadt jahrelang ersprießlich gewirkt und übersiedelt jetzt als Vertrauensmann des Postsparkassenamtes nach Palästina. Nur sofern sich das zionistische Parteileben auf Palästina konzentriert, sind erfreuliche Resultate zu melden und wahre Lichtpunkte zu registrieren. Alles übrige ist grau in grau. Das schwere Schicksal der deutschen Juden wird in Polen tief empfunden. Die kluge politische Rede Dr. Weizmanns auf dem Bankett der englischen Parlamentarier wurde aufrichtig bewundernd anerkannt. Prof. Weizmann hat die große Tradition eines Montefiore (Damaskus), Disraeli, Lord Melchett, würdig fortgesetzt. Die oppositionelle allpolnische, antisemitische Presse bringt alarmierende Nachrichten, daß einzelne jüdische Familien aus Deutschland die polnische Grenze überschritten hätten, während der polnische Botschafter in Berlin, Doktor Alfred Wysocki, sich im Aufträge seiner Regierung der verfolgten Juden aus Polen in Deutschland warm annehme. In Anbetracht der Judennot in Deutschland verblaßt naturgemäß die Bedeutung der laufenden Parteifragen. Der Führer der radikalen Zionisten, Abg. Grünbaum, ist nach einem halbjährigen Aufenthalt in Paris zurückgekehrt. Die Weltorganisation der radikalen Zionisten in Warschau hat ihre Tagung abgeualten. Zu dem Hauptproblem der Konferenz gehörte die Stellungnahme zum Revisionistischen Weltverband. Die Vertreter der radikalen Zionisten in Deutschland und der Cechoslovakei nahmen einen versöhnlichen Kompromißstandpunkt ein, während eine Gruppe mit Grtinbaum an der Spitze, sich ausdrücklich für die Ausstoßung der Revisionisten aus der zionistischen Gesamtpartei ausgesprochen hat. In Polen werden angeblich die radikalen Zionisten bei den Kongreßwahlen auf einer gemeinsamen Liste des Zentralkomitees der zionistischen Organisation kandidieren. Die politische Atmosphäre in Rumänien ist gegenwärtig trotz Belagerungszustand nicht allzusehr gespannt, da sich die Maßnahmen des Ausnahmszustandes in erster Linie gegen den Kommunismus richten, der in den letzten Monaten eine große Propagandatätigkeit innerhalb der Arbeiterschaft in den einzelnen Industriezentren entfaltete. Die Regierung mußte sich entschließen, Maßnahmen zu ergreifen, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Versammlungstätigkeit der Zionisten ist nicht gestört. Die Regierung weiß genau, daß Zionismus mit Kommunismus gar keine Beziehungen hat. Im jüdisch-parlamentarischen Leben wird gegenwärtig eine verhältnismäßig friedliche Politik getrieben. Die Regierung der National-Zaranisten (Bauernpartei) ist trotz aller ihrer Mängel, die demokratischeste Regierung und Partei Rumäniens. Sie duldete nicht die Uebergriffe der Cuzisten in der Kammer; als sich letzthin einzelne Cuzistenführer an jüdischen Abgeordneten vergriffen, schritt sie energisch ein, indem sie den betreffenden Deputierten für dreißig Sitzungen aus der Kammer ausschloß. Es fehlte auch nicht an Erklärungen von der Ministerbank aus, welche das Vorgehen der Cuzisten und ihr Programm verurteilten und die Gleichheit aller Bürger Rumäniens betonten. Dies kam besonders zum Ausdrucke in den einzelnen Deklarationen des Kammerpräsidenten, Stephan Ciceo Popp, welcher den Cuzismus entschieden ablehnte und offen das Wort für die Juden ergriff, welche' er als treue und loyale Staatsbürger bezeichnete, die im Kriege für das Vaterland große Opfer gebracht haben. Diese günstige Atmosphäre in der Kammer ermöglichte es, daß der Jüdische Klub zu den einzelnen Gesetzen in würdiger Form Stellung nahm und die Forderungen der Juden genau präzisierte. In erster Linie gilt es, endlich einmal das Staatsbürgerschaftsgesetz in dem Sinne umzuändern, daß es die Möglichkeit gibt, ungefähr 50.000 Juden restlos zu naturalisieren. Seit fast 10 Jahren kämpft die jüdisch-parlamentarische Partei in verschiedener Form für die Aenderung des Staatsbürgerschaftsgesetzes, um die restlose Einbürgerung der rumänischen Juden durchzuführen, Dies ist bis heute nicht gelungen. Zwar hat der gegenwärtige Justizmimster Mihaj Popovici ein neues Gesetz im Zusammenhänge mit der Staatsbürgerschaft eingebracht, welches aber die Lösung der Frage nicht bringt, vielmehr bloß denjenigen Juden und Nichtjuden, welche allen gesetzlichen Bestimmungen nachzukommen in der Lage sind und seinerzeit den Einreichungstermin verpaßten, jetzt wieder Gelegenheit gibt, um die Staatsbürgerschaft anzusuchen. Eine Methode, die sicherlich nicht im Einklänge mit den Bestimmungen des Minderheitsgesetzes steht. Die Jüdische Reichspartei wird aber keine Gelegenheit versäumen, um dieses Problem abermals in der Kammer zur Sprache zu bringen und so lange für dasselbe zu kämpfen, bis der letzte Jude in Rumänien seine Staatsbürgerschaft erlangt haben wird. Auch in bezug auf das Minderheits-Ministerium soll hier ein Wort gesagt werden. Die Regierung Jorga, welche im Jahre 1931 ans Ruder kam, hat in Rumänien ein Unterstaatssekretariat für Minderheiten geschaffen und auf diese Weise zum Ausdruck gebracht, daß sie gewillt sei, im Einvernehmen mit den Minderheiten deren nationalen und kulturellen Forderungen zu erfüllen. Es wurde ein Minderheitler ins Ministerium berufen, ohne daß er ein festumschriebenes, gesetzlich geregeltes Programm hatte. Es war bloß ein Anfang und hatte in erster Linie den Zweck, einen Kontakt zwischen den Minderheiten und der Regierung zu schaffen. Es war beabsichtigt, gesetzliche Normen zu schaffen, welche diesem Ministerium auch einen Inhalt geben sollten. Als die Regierung Jorga von der ersten Reg'erung Vajda abgelöst wurde, behielt man das Minderheitsministerium bei, wobei wieder einmal Dr. Brandseh, ein Angehöriger der deutschen Minderheit, mit der Leitung dieses Ministeriums betraut wurde. Nach dem Sturze Vajdas kam Maniu ans Ruder, der Chef derselben nationalzaranistischen Partei, welcher das Minderheitsministerium auflöste. Dies rief einen Sturm bei den Minderheiten hervor. Es dauerte nicht lange, und die Regierung Maniu machte der gegenwärtigen Regierung Vajda wieder Platz, welcher abermals das Minderheitsministerium ins Leben rief, es aber von einem Rumänen der Geburt nach, besetzen ließ. Dies konnte selbstverständlich die Vertreter der Minderheiten nicht befriedigen. Alle parlamentarischen Gruppen waren sich darüber einig, daß die Minderheiten Im Lichte der tristen Verhältnisse in Warschau, der größten Kultusgemeinde Europas, erscheint der wohlverdiente Siegeseinzug der Wiener Zionisten in die Seitenstättengasse als ein nachahmenswertes, wichtiges und erfreuliches Zeitzeichen. Dr. Arnold Fried mann Warschau, im März 1933. nur ein Minister, der a.us ihren Reihen entnommen wird, im Rate der Krone vertreten kann. Auch die Jüdische Partei hegte die Hoffnung, einmal durch einen höheren Beamten in diesem Ministerium vertreten zu sein, da sie die zweitstärkste Minderheit nach der ungarischen in Rumänien ist. Selbstverständlich wird dieses Problem den Jüdischen Parlamentsklub in der nächsten Parlamentssession befassen. Eine zweite Kardinalfrage der jüdischen Politik in Rumänien bildet das hebräische und jüdische Schulwesen im Lande. In ganz Rumänien, speziell in Bessarabien gibt es ein großes Netz jüdischer Volks- und Mittelschulen, welche das Oeffentlichkeitsrecht haben, sich aber infolge des starken wirtschaftlichen Niederganges der Juden Rumäniens sich allein nicht erhalten können und auf Regierungssubventionen angewiesen sind. Diese bleiben in der letzten Zeit aus, weil die Regierung selbst mit großen Schwierigkeiten bei der Aequilibrierung des Budgets kämpft. Die Subvention, die für den jüdischen Kultus und für das jüdische Schulwesen im vergangenen Jahre von seiten der Regierung gegeben wurde, ist so minimal, daß es besser gewesen wäre, dieselbe von vornherein nicht anzunehmen, weil sie in gar keinem Einklang mit der Steuerkraft der jüdischen Bevölkerung und mit ihrer Kopfzahl steht. Wichtig ist noch die Frage des Kultusgemeinde-Statutes, welches auf Grund eines Vorschlages des jüdischen Gemeindekongresses, der einzuberufen ist, von der Regierung herausgegeben werden soll. Was gegenwärtig besteht, ist bloß ein Rahmengesetz, das aber noch lange die Frage der jüdischen Volksgememde nicht löst Die jüdische Politik wird sich mit diesem Problem ernstlich befassen müssen und die Regierung förmlich zwingen, endlich einmal dieses Statut herauszugeben und die jüdische Gemeindeautonomie auf diese Weise restlos zu sichern. Alle diese Fragen werden dem Kongreß der Jüdischen Reichspartei, der schon im Laufe der nächsten Wochen einberufen werden wird, beschäftigen und die verantwortlichen jüdischen Politiker werden ihre besondere Aufmerksamkeit der Realisierung dieser brennenden Probleme für die Juden Rumäniens widmen. Im Zusammenhang mit diesem jüdischen Reichs-Kongreß wird auch der Kongreß der jüdischen Gemeinden tagen, um endlich einmal Beschlüsse zu fassen, die für die Regierung authentisch und maßgebend sein werden, um das lang erwartete Kultusgemeindestatut für die Juden Großrumäniens herauszugeben. Die Arbeit der Jüdischen Redchspartei wird dadurch erschwert, daß neben derselben sich die Union der rumänischen Juden das Recht anmaßt, auf eigene Faust jüdische Politik zu machen und eigene Wege zu gehen. Dies muß ein für allemal aufhören. Es kann keine doppelte Repräsentanz der rumänischen Judenschaft gegenüber der Regierung existieren. Es wäre nichts dagegen einzuwenden, wenn sich einmal die Führer der Union der rumänischen Juden eines besseren belehren lassen würden. Sie sollte in den wichtigsten jüdischen Fragen gemeinsam mit der Jüdischen Reichspartei, die als die legale Vertreterin der rumänischen Juden in den gesetzgebenden Körperschaften sitzt, gehen, um der Regierung keine Gelegenheit zu geben, die Fragen der Staatsbürgerschaft, der Subvention der jüdischen Gemeinden und der Regelung des Kultusgemeindestatuts in ihrem Sinne zu lösen mit der Motivierung, daß es zwei jüdische Repräsentanzen gebe, welche verschiedene Forderungen aufstellen. Im übrigen werden die Vertreter der Union rumänischer Juden sicherlich in Anbetracht der Ereignisse, die sich jetzt in Deutschland abspielen, zur Erkenntnis gelangen, daß ih«> Politik eine verfehlte sei, daß man auf die Dauer den rumänischen Parteien nicht nachlaufen kann und daß man nicht die letzte Karte aut die Gunst und das Wohlwollen der rumänischen Parteien setzen darf. Die gegenwärtige und zukünftige Politik der rumänischen Juden kann nur auf dem Wege der jüdischen Reichspolitik gemacht werden, wenn man will, daß die Juden Rumäniens als eine ethnische Minderheit gelten sollen, welche eigene nationale und kulturelle Interessen neben Staatsinteressen haben. Die restlose Emanzipation der rumänischen Judenschaft führt nur auf dem Wege der nationalen Politik zu einem glücklichen Ende. Infolge Fülle aktuellen Materials entfällt die dieswöchige «Kunst- und Wissen-Beilage». Die Red. Nächste Aufgaben dev iiidischen Potiiik in Rumänien Von unserem ßuharester M* R.- Korrespondenten