Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 271 (16.3.1933)
- Date
- 1933-03-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 271 — 16. Man 1933 DIB STIMME SM t KUNST UND WISSEN Bulla«« der „Summe" DIR 17. MJKKZ 1343 Am!7. M3rz 1933 jährt sich zum fünfundachtzigsten- «dal der Begräbnistag der Revolutionsopfer des 13. März 1848. Es war ein Freitag. Siebzehn Särge in siebzehn Leichenwagen fuhren zum Schmelzer Friedhof außerhalb der Mariahilfer Linie. Voran schritt die Geistlichkeit und die Vertreter der Bürgerschaft und ihnen folgten in einem unübersehbaren Zuge die Bürger- und Nationalgarden und die Bevölkerung Wiens. Unter den 17 Revolutionshelden, die so XV Grabe geleitet wurden, befanden sich auch zwei Juden, der Techniker Carl Heinrich Spitzer und der Webergeselle Bernhard Hirschmann. Oberkantor S u 1 z e r sang am offenen Massengrabe und der Prediger Isaak Noah Manheimer hielt eine Trauerrede, die wert ist, wieder in Erinnerung gerufen zu werden. Sie lautete: «Als Diener des göttlichen Wortes trete ich hier an dieses Grab, um das Gebet zu sprechen für das Seelenheil unserer dahingeschiedenen Brüder, die gefallen sind Im Kampfe für ihr Vaterland. Gott, mein Gott, Du bist es, der Geist und Herz prüfet und erforschet. Wenn der gerecht ist, der in dem Glauben an Dein unwandelbares Recht auf Erden, aus innerem Herzenstriebe und Drange mit Leib und Seele einsteht für das, was des Menschen Köstlichstes auf Erden ist, für Wahrheit, Freiheit, Recht und Würde, wenn der gerecht ist, der den Geist und die Kraft, die von Dir uns sind gegeben, will geschirmt wissen in Macht und Geltung, so sind die, für die ich in dieser Stunde bete, so sind sie alle, die mit ihnen in einem Grabe ruhen, gestorben «den Tod des Gerechten». Sie haben ihren Lohn darin, denn es ist das höchste Gut, um das wir zu beten baben: «Leben in Treu und Glauben — sterben den Tod des Gerechten». Sie haben dem Vaterlande mit ihrem Blut und Leben einen Sieg errungen, den die Weltgeschichte in Ihren Jahrbüchern verewigt. Und Gott, Du weißt es, wäre die Sache, für die sie gekämpft und geblutet In dieser Stunde nicht die siegende, wäre sie die unterliegende gewesen, und ich stünde da an ihrem Grabe, ich hätte ein Gleiches gesprochen, Herr, ein Gleiches vor Dir, im Angesichte der Menschen. So bete ich für sie und ihre christlichen Brüder, denn aie sind uns alle und sind meinem Herzen einer wie der andere wert und teuer, es sind Menschenseelen, geschaffen in Deinem Ebenbilde, und Gleichnisse, die Deinen Namen geheiligt auf Erden; so bete ich für sie mit aller Kraft meiner Seele* um eine lichte Himmelsstätte in Deinem Gottesreich. Möge Euer Verdienst vor Euch hergehen, die Herrlichkeit Gottes Euch empfangen 1 Das sei der Segen Gottes, den ich spreche Uber Euch, Ihr habt geheiligt den Namen Eures Gottes, Ihr habt den einst so glorreichen Namen Israel für Euren Teil gerettet von dem, was ihm die Welt Schmähliches angehängt. Ihr habt Euch gezeigt und bewährt als Sprößlinge aus dem heldenmütigen Stamme, aus dem Ehud und Simson, Gideon, Jephta, David und Jonathan und die ritterlichen, glorreichen Makkabäer entsprungen und entsprossen sind. Gehet hin in Frieden, geht ein zur ewigen Ruhe! Möge Euer Name vor Gott angesch'rieben stehen zum ewigen Gedächtnis unter denen, die ihn ehren und seinen Namen heiligen, wie er in unseren Herzen angeschrieben steht 1 Möge Gott Eure Seelen empfangen in seiner göttlichen Huld und Milde, wie wir sie ihm anvertrauen und übergeben, in dessen Hand der Oeist ist alles Fleisches und die Seele alles Lebens — geheiligt sei sein Name! Und noch ein Gebet zu Dir, Vater im Himmel, bevor dieses Grab sich schließt. Der eine war seines Vaters einzig Kind, sein Letztes, seines Herzens Trost und Freude. Sende ihm den Trost aus Deinem Himmelreiche, daß an dem Tage, der mit allen seinen Schrecken und Grauen als ein Ehrentag und Freudentag in unseren Herzen angeschrieben steht, keine blutige Erinnerung hafte, und uns allen den Trost, daß aus diesen Gräbern ein neues Leben sprießt! AmenI Es sei mir noch ein Wort vergönnt an meine christlichen Brüder. Ihr habt gewollt, daß die toten Juden da mit Euch ruhen in Eurer, in einer Erde! Vergönnt nun aber auch denen, die den gleichen Kampf gekämpft und den schwereren, daß sie mit Euch leben auf einer Erde, frei und unbekümmert wie Ihr. Ich habe mir selbst angelobt, daß ich fortan keine Bitte, keine Klage mehr erhebe um meines Stammes Recht. Aber ich bin es mir und ihnen schuldig, daß ich das Wort, das sich mir auf die Lippen drängt, nicht verschließe in meinem Herzen. Ich rede nicht für mich. Mein Lebensweg ist abgeschlossen, geht abwärts und seinem Ende zu. Aber die mit Euch gerungen um das Licht der Wissenschaft und Ihre Befähigung bewährt, die mit Euch gekämpft den hiutogeii Kampf und ihren Freimut und ihre Seelenstärke erprobt, die werden morgen, falls sie für ihren Fleiß das Gebiet, darauf sie ihre Tüchtigkeit beweisen könnten, verlangen sollten, zurückgewiesen und auf das Leben b.ngewiesen werden, daß nun seit vielen Jahren und Jahrhunderten unser trauriges, aber unverschuldetes Geschick auf Erden ist. ihr seid die freien Männer! Gott weiß es, keiner unter Euch fühlt es inniger und wärmer, wie viel die Errungenschaft der hingeschiedenen Tage gilt, nehmet auch uns auf als freie Männer, und Gottes Segen über Euchl Ich segne Euch alle die Tausende nah und fern, im Namen Gottes des Allmächtigen! AmenI» Der Eindruck der Rede Manheimers war ungeheuer stark. Das «Freiheitsalbum zur Erinnerung an den 13., 14. und 15. März 1848», das noch im gleichen Jahr erschien, sagt über Manheimer: «Einen vorzüglichen Eindruck machte die Rede des Herrn Manheimer am Grabe, welches auch die zwei für Recht und Freiheit gefallenen Juden In brüderlicher Eintracht aufgeimmmen, mit den übrigen Opfern der gerechten Sache.» Die Revolutionsliteratur des Jahres 1848 zählt zahlreiche Juden in ihren Barden. Zahlreiche jüdische Dichter haben auch das Begräbnis am 17. März 1848 in ihren Gedichten besungen. So schrieb z. B. Ludwig August Frankl in einem Gedichte «Die Universität», dem die Fußnote beigesetzt Ist: «Während des Wachstehens geschrieben». «Und wendet Ihr Euch zu den bleichen Gefallenen Freiheitsopfern — seht! Es war nach dem Sieg der österreichischen Truppen an der Piave! Ein ganzes Heer gefangener Italiener wurde ln das Lager eingeliefert. Ein Stab von Dolmetschern und Schreibern, unter der Führung eines Oberleutnants, war mit der «Uebemahme» beschäftigt. Ein Italiener nach dem anderen wurde über den Hergang seiner Gefangennahme, über die Lage der italienischen Armee, seines Truppenkörpers, und die Stimmung im Lande ausgefragt. Das Material war für die Kundschafterabteilung außerordentlich wertvoll gewesen. Die Gefangenen wurden gründlich untersucht. Was man aber bei ihnen fand, erwies sich als belanglos. Es war nicht möglich, ihnen Geheimnisse, die ihrem Vaterland schaden konnten, zu entlocken. Plötzlich leuchtete das Antlitz des kommandierenden Offiziers auf: bei zwei Kriegsgefangenen wurden, in wasserdichtes Leinen eingehüllt, Papiere entdeckt. Die Schrift war unkenntlich, nicht zu entziffern; wohl irgendeine Geheimschrift. Kein Zweifel: Spionageoffiziere, als einfache Soldaten verkleidet. Die beiden Italiener wurden von den übrigen Gefangenen abgesondert und unter verstärkte Bewachung gestellt. Ein Leutnant lief zum Lagerkommando und berichtete mit fliegendem Atem von dem großartigen Fang. Der Oberst erschien in Begleitung einiger Offiziere auf dem Uebernahmsplatz. Einer dieser Offiziere, ein Jude, erkennte wohl hebräische Schriftzeichen, hatte aber vom Inhalt keine Ahnung. Ich wurde geholt und stellte auf den ersten Bück fest, daß es sich um Oebete handelte. Als der Lagerkommandant über den Inhalt informiert wurde, meinte er: «Wahrlich, es sind Beweise tiefer Gottergebenheit». Seine Augen wurden feucht. Die beiden Italiener hießen: Leon Spidchino, Sohn des Synagogendieners in Rom, und Mordechai Sabbati Veroli, ein Schneider aus Milano. Die Texte dieser Schriftstücke, die ich hier in deutscher Uebersetzung folgen lasse, dürften meines Erachtens für den Kriegshistoriker von Interesse sein. L Roma, 3. September 1917. Unlvtrftite IsraeHüca dl Roma Ufficio Rabbinico Es wird bekanntgegeben, daß Jehuda, Sohn des Mordechai Spidchino, Jude ist und unserer heiligen Gemeinde entstammt Dieses Zeugnis wird ihm zu dem Behufe ausgefolgt, damit unsere Brüder und Söhne Israels, insbesondere aber jene, die sich mit der Lehre und dem Wohltätigkeitsdienste befassen, jederzeit, da er hilfsbedürftig sein wird, sich seiner annehmen. Geschehen zu Rom; die Stadt Gottes möge erbauet werden, 16. Elul des Jahres 5677. II. Rabbino Maggiore, Dr. HAngeloSacerdotL Bezahlt hat mit den ersten Leichen Die Universität.» Und M. G. Saphir schrieb: «So öffnet die Erde und senkt sie hinab, Wir wollen die Zahl nicht erheben, Sie liegen als Eins ln dem rühmlichen Qrab, Sie standen als Eins auch im Leben! Sie fochten als Eins und sie fielen dafür, Sie zogen v e r e i nt in Ihr Himmelsquartier. Die Fahne gesenkt und die Trommel gedämpft! Bei Fuß die Flint’ und Muskete/ Und wer für die Freiheit gesprochen, gekämpft, Der knie nun nieder und bete: O, wohnet im Frieden und wandelt im Licht, Wo Lorbeer und Palme die Krone Euch flichth Ein anderer, längst verschollener Dichter, Isidor Busch, schrieb über das Begräbnis der Freiheitsopfer noch am 17. März 1848: «Und der nur verdienet der Freiheit Glück, Der gerne es teilet mit allen. Drum Brüder, wenn Ihr nun kehret zurück — Denkt — daß auch ein Jude gefallen.» Fünfundachtzig Jahre sind in der Geschichte eine kurze Zeit. Die Juden der Märzrevolution glaubten, daß für sie die Morgenröte der ewigen Freiheit und Gleichberechtigung angebrochen sei, eine bittere Enttäuschung! Was würden die jüdischen Revolutionsopfer des Jahres 1848 sagen, würden sie heute auferstehen? Was könnte Ludwig August Frankl heute Uber die Unirersität singen? 11. O, Herr aller Welten und aller Kreatur, der cue nentn prüft und die Gedanken der Menschenkinder kennt!- Dir ist offenbar und bekannt, daß ich nicht aus Feindschaft und bösem Herzen in den Krieg gegangen bin, vielmehr, um meine heilige Pflicht gegen mein Vaterland zu erfüllen, das für Ehre und Recht, für die Freiheit seiner unter fremder Herrschaft ächzenden Söhne den Kampf führt. Daher, o Gott, rechne es mir nicht als Sünde an* wenn ich gezwungen wäre, gegen Deine Geschöpfe die Waffe zu erheben. Sieh, ich tue es nicht aus freiem Willen. Aus der Tiefe rufe ich Dich, o Gott, vernimm die Worte Deines Knechtes, erhöre sein Gebet! Du bist mein Fels und meine Burg. Allmächtiger, dem ich vertraue, verlaß mich nicht und entferne Dich nicht von mir in der Stunde der Bedrängnis! Verleih mir, o Gott, Deine Hilfe und Deinen Schutz, Deine Rechte aber möge mich aufrichten. Behüte mich vor allem Bösen, rette mich von allen Todesgefahren und lasse mich nicht in die Hände des Feindes fallen. Solltest Du aber bestimmt haben, daß ich im Kriege sterben soll, so nehme ich das schon heute mit Demut und Ergebung in Deinen heiligen Willen an. Und es möge wohlgefällig sein von Dir, barmherziger und sanftmütiger Herr, daß mein Tod meine Sühne sein soll, daß Du mir alle meine Sünden vergibst, wie ich auch meinen Feinden vergebe und jenen, die meinen Tod verursachen werden. O Gott, Deiner Hand vertraue ich meinen Geist, Du mögest in Deiner großen Barmherzigkeit meine Seele von der Hölle erlösen und sie zum ewigen Leben bringen. O Gott, schütze und segne mein teueres Vaterland, erhebe es in Ehren. Laß, o Gott, unter den Menschen Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit wahen, daß das Reich Gottes bald aufgerichtet werde. Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige Ist einzig. HL Allmächtiger Oott, Herr der Geister, in Deiner Hand ist die Seele jedes Lebenden und der Geist alles menschlichen Fleisches. Würdig möge in Deinen Augen die Seele Deines Sklaven Mordechaj, Sohn des Urban o, sein. Hüte und rette ihn vor aller Angst und Furchtsamkeit, gib ihm Kraft und schenke ihm die Gnade« daß er vor den Feinden gerettet werde, wenn sie ihn umringen. O Gott, sei ihm Stütze und Hort! Rette ihn vom Tode in seinen blutjungen Lebensjahren, schütze ihn vor bösen Krankheiten, vor Seuchen, vor Gefangenschaft, Hunger und Durst und allen schlechten Zufällen und sonstigen Gefahren des Krieges. Es möge sich an ihm bewahrheiten das Wort der Schrift: «Aber dich will ich erretten zur selbigen Zeit, spricht Gott, and dich selbst CkImi&iuhqcii aus einem Von (UUkJün (Siegel)