Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 270 (9.3.1933)
- Date
- 1933-03-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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feite 9 ME STIMME Nr. 270 — 0. Mflrz 1033 MIRJAM KORALOWA die weltberühmte, jüdisch-amerikanische Soubrette, gastiert ab Freitag, den 10. Märs 1933, in den JÜDISCHEN KDNSTLERSPIEIEN II., Praterstraße 34, Tel. R 40-0-94, in Dieses Ereignis wurde nun in Avignon durch Generationen festlich begangen. Denn die Juden von Avignon argumentierten so: Wäre der Mann in den Brunnen gefallen und ertrunken, dann hätte es geheißen, die Juden hätten ihn ermordet. Die Folge wäre ein Pogrom gewesen. Diese kleine Geschichte beleuchtet grell die fragwürdige Situation unserer Ahnen im Ghetto. Eine Legende rankt sich um Purim E d o m, ein Purimfest, das noch jetzt in Algier gefeiert wird, im Jahre 1775 belagerte eine spanische Flotte unter Kommando des Iren O’Reilly die Stadt. Da schlugen — so erzählt die Sage — aus den Gräbern der Rabbiner Isaak ben Scheschet und Salomon Duran Flammen empor. Das war schon einmal bei einer Belagerung im Jahre 1541 geschehen. Die toten Rabbiner beteiligten sich so an der Verteidigung der Stadt. Die Spanier zogen am 7. August 1775 ab und die Juden von Algier setzten diesen Tag als Purim Edom ein. Einem Elementarereignis verdankt Purim d e 1 Fuoco in Padua seine Entstehung. Am 29. Mai 1795, vier Tage nach dem Pessachfest des Jahres 5555, brach im Ghetto ein Feuer aus, das in den engen Gassen mit rasender Geschwindigkeit um sich griff. Viele fromme Juden flüchteten in die Synagoge und flehten um Errettung. Unter Mithilfe der christlichen Bevölkerung gelang es, den Brand tu löschen. Und seit damals wurde Purim del Fuoco Jahr für Jahr am 11. Siwan begangen. In der Nähe von Adrianopel liegt die befestigte Stadt Gunveldjina. Briganten griffen am 15. Oktober 1786 die Stadt an, wurden aber zurückgeworfen. Die Juden wurden des Einverständnisses mit den Räubern bezichtigt Es gelang den Juden, ihre Unschuld zu beweisen. Zur Erinnerung wurde ein lokales Purimfest eingesetzt. Es heißt Purim de los Ladrones (Räuber-Purim) und wird bis auf den heutigen Tag am 22. Cheschwan begangen. Das jüngste uns bekannte lokale Purimfest geht auf den 19. November 1804 zurück. An diesem Tage (15. Kislew 5565) flog in Wilna der Pulverturm in die Luft. Mehrere Häuser stürzten ein und viele Menschenleben waren zu beklagen. Auch das Haus des berühmten Gelehrten Abraham Danzig, des Autors der Werke «Chaijje Adam» und «Chockmat Adam», wurde beschädigt und er und seine ganze Familie verwundet. Zur Erinnerung daran setzte er ein Purimfahren immer am 15. Kislew durch Bewirtung von Talmudfest, Pulverturm-Purim, ein, das von seinen Nachjüngern und Beschenkung von Armen gefeiert wurde. E «Da-Ho»-Schuhe sind anerkannt wegen ihrer besten Qualität, guten Paßform und billigen Preisen. Erhältlich Schuhniederlage David Horowifz, II., Taborstraße 11 b, Ecke Gredlerstraße 31- Aus dem Zyklus: Palästinensische Romanzen! Pionierinnen*) Sie schlafen zusammen in einem Zelt Auf dem Boden von Lehm und von Sand Sie haben nichts auf der ganzen Welt Als von Leinen die flatternde Wand. Unter heißem Chamslri**), der von Wilsten her weht, Die wie Ocker so gelb und so rot. Unter Nächten, so btau wie ein tiefes Gebet, Unter Sternen, so flammenumloht. Sie haben nichts als ein kleines Geviert, Ganz dürftig bedeckt nur mit Grün — Wo dennoch, sowie es Frühling wird, Zitronen und Mandeln blühn. Ein fiebriges Flimmern liegt schwül in der Luft, Wo der Pflug weich in Lehmboden greift — Und dennoch weht bald aus den Gärten der Duft, Drin süß die Orange reift. Dann werden sie nicht mehr, die Vier, so wie heut, Auf Straßen, schlohweiß und bestaubt, Das kostbare Naß, das den Boden erneut, Herschleppen auf Schultern und Haupt. Dann werden sie nicht mehr bis fern in die Stadt Für Taglohn gehn und Quartier, Von Tee und Tomaten ward keine }e satt— Und dennoch schaffen die Vier. Sie schaffen in Abend- und Morgengraun, Sie jäten — sie nähen ihr Hemd — Sie sorgen wie Männer und träumen wie Frau'n, Denen Lied auch und Liebe nicht fremd. Vier Mädel im Zelt dort am Wüstenrand, Von Fieber und Hunger gerafft, Und dennoch — dennoch — im eigenen Land, Vier Schöpfer aus eigener Kraft. Martha Hofmann. *) Am 21. d. M. findet im Kleinen Musikvereinssaal ein Rezitationsabend statt, bei dem Maria Luise Cavallar Schöpfungen der feinsinnigen Dichterin vortragen wird. (Anm. d. Red.) **) Chamsin Wüstenwind. „i$tÜMhuz" iiSutK ötßßas Ein jüdisch-archäologischer Fund von hohem Seltenheitswert Bukarest. Bei einem Erdrutsch an der Grenze der Gemeinden Candesti und Gemenea (Departement Dambovitza, mittlere Walachei) wurde in einer Tiefe von 20 Metern eine Bronzemünze freigelegt, die auf der Vorderseite einen Moseskopf mit der hebräischen Inschrift «Mosche», auf der Rückseite einen hebräischen Wortlaut des Gebotes «Dn sollst keine fremden Götter haben neben mir» trägt. Die Müdne mißt 35 Millimeter im Durchmesser und erreicht an den höchsten Stellen des Reliefs eine Stärke von 8 Millimeter« Wie der durch seine Forschungen auf dem Gebiete der rumänisch-jüdischen Geschichte bekannte Bukarester Gelehrte Dr. M. A. Halevy festgestellt hat, handelt es sich um einen Fund von hohem Seltenheitswert. Es ist außer der eben gefundenen Münze nur noch ein zweites völlig gleiches Exemplar bekannt, das vom verstorbenen Gründer der Jerusalemer Kunstgewerbeschule «Bezalel» Prof. Boris Schatz seinerzeit in Bulgarien entdeckt und dem Bezalel-Museum einverleibt wurde. Die Münze gehört zu jener Kategorie von Bildmünzen, die im Mittelalter und in der Zeit des Humanismus zu magisch-kabbalistischen Zwecken hergestellt wurden. Ein deutsch-jüdisches Ehepaar fährt im Sportmotorboot nach Palästina Jerusalem, ln Tel-Awiw sind in diesen Tagen der Wassersportler W. Großmann, ein deutscher Jude, und seine Frau eingetroffen, die den ganzen Weg von Deutschland nach Palästina auf dem Wasser mittels eines Sportmotorbootes zurückgelegt haben. Sie legten fast den ganzen Donaulauf zurück, durchquerten dann das Schwarze Meer und das Aegäische Meer und fuhren durch die Dardanellen Zionistisches Landes- Uomiiee für Oesterreich - IDIZO Samstag, den SB. Mär* *933,3 Uhr abends, Konxevthaus (Ul, Lothringerstraße 20) GESELLSCHaFTSÜBEKD Mitwirkend: Irene v. Zitahy, Irene Seidner, S. Stuckari, Dario Medina, S. Udlers bevg, die Komponisten Richard Fatt und Waldemar Gibiseh # lanzmusik: Isy Geiger Karten erhältlich: Landeskomitee, L, Karntnerstraße 28, und Konzerthaus Feuilleton Der Gasofen Aus dem Jiddischen von Dr. Ilona Noomi Löwy. Das war kein gewöhnlicher Gasofen, dessen Geschichte ich hier erzählen will, das war ein ganz ungewöhnlicher sogar. Er stand in einem Raum, der zu einem «Amt» gehörte, war also, wenn man’s genau nimmt, höchstselbst «amtlich», ein «amtlicher Gasofen» sozusagen. Und außerdem war er ein Rosche, ein fürchterlicher Rosche. Ihr glaubt es nicht? Nun, ihr werdet ja sehen. Und wenn ihr fragt, weshalb man einen Rosche m einem jüdischen Amt duldet, so sage ich euch: «Seht ihr, das ist auch eine der Strafen Gottes für sein halsstarriges Volk, daß es so vieles Leid sich selbst zufügen muß.» Doch zurück zu unserem Ofen. Bevor er aufgestellt wurde, mußten viele Akten beschrieben und ein halbes Dutzend Kommissionen abgehalten werden, wie sich das für eine amtüche Sache geziemt. Schließlich legte man frische Rohre für das Gas und Abzugsrohre für die Abgase und dann wurde er endlich eines Tages feierlich aufgestellt, «montiert» nennt man das, und der Benützung übergeben. Da stand er nun, ein frisch auflackierter, alter, schwarzer Kasten und sah voll Risches aus seiner Ecke in das Zimmer hinein: «Noch nicht genug für Juden gearbeitet bisher?! Noch einmal und wiederum für Juden brennen, heizen, wärmen?! Na, ihr werdet schon sehen, was daraus wird?» dachte er wütend und höhnisch. Und es wurde so: Er brannte mit seinen ein bißchen schmalen, schwindsüchtigen Flämmchen, er brannte, herzte, wärmte und tat noch um etwas mehr: er stank; er stank fürchterlich, es war nicht zum Aushalten. Man mußte also das zuständige Fachamt verständigen, das mit Arbeit sehr überhäuft war — wie denn auch nicht — und endlich nach .Wochen dazu kam, einen Installateur zu schicken. Der untersuchte, machte Bericht, kam noch einmal, untersuchte wieder, machte einen zweiten Bericht —. Darüber verging der halbe Winter. I« der zweiten Hilft« des Wintern wurde ununterbrochen repariert Einmal erschien ein Arbeiter, klopfte, feite, hämmerte, ein paar Tage später kam ein zweiter, dann ein dritter, und dann endlich hatte Gott Erbarmen mit den armen Juden in dem Amt, er ließ — Sommer werden. Der Ofen versank in seinen Sommerschlaf oder tat wohl nur so, denn in Wirklichkeit dachte und grübelte er die ganze Zeit nach über neue Freveltaten gegen Gottes auserwähltes Volk. Im Sommer, nachdem man das zuständige Fachamt bestürmt und beschworen hatte, den Ofen doch jetzt gründlich reparieren zu lassen, kam dann noch einmal der Installateur mit einem ganzen Stab von Arbeitern, die sich wochenlang mit dem Ofen beschäftigten. Aber der, der grinste nur. Er wußte schon, sie werden ihm nichts anhaben. Der zweite Winter kam. Der Ofen mußte wieder in Gebrauch genommen werden. Er brannte, heizte, wärmte und — stank, stank mehr als je, stank viel, viel mehr als im vorigen Winter. Alles bekam Kopfschmerzen, Uebelkeiten, Schwindel. Es half nichts, man mußte wieder das Fachamt verständigen und das schickte wieder einen Installateur. Es wurde untersucht und spekuliert und spekuliert und untersucht, und schließlich fand ein ganz besonders kluger Mann, daß das Abzugsrohr nicht in den richtigen, sondern in den falschen Kamin ging. Das wurde also in Ordnung gebracht und dann war auch der halbe Winter vorüber. Nun brannte der Ofen, heizte, wärmte und — stank weiter. Man mußte immer das Fenster offen hallen, war auf der einen Seite gebraten, auf der anderen Seite fror man, hatte Rheuma, Schnupfen, Halsweh — aber «alles besser», dachten sich die armen Leutchen in dem Zimmer mit ihrem einfachen Laienverstand, «Rheuma, Schnupfen, Halsweh können bald wieder gut werden, wenn Gott will, aber wenn man einmal auf dem „Beth Olam“ draußen liegt, muß man schon warten bis zuin jüngsten Tag, bis Gott alle Toten auf erstehen läßt, und das kann vielleicht etwas länger dauern.» So verging der zweite Winter — der Sommer kam. Der Ofen blieb weiter und ungeschoren. Das zuständige Fachanit wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben, das war jetzt böse mit ihm. Und wieder war der hebe Winter da mit Schnee tuid Eis und Frost und was eben dazu gehört. Und der Ofen brannte, heizte, wärmte und — stank. Natürlich, was denn sonst? Das alte Ringelspiel begann: Fachamt, Installateur, Installateur, Fachamt, ein Arbeiter, zwei Arbeiter, drei Arbeiter — nichts half. Da kam eines schönen Tages die Gaskontrolle, warf einen Blick auf den Ofen, schnupperte mit der Nase und sperrte den Ofen ab, der plötzlich ganz jämmerlich und geduckt aussali. «Muß sofort gerichtet werden, ist im höchsten Grade lebensgefährlich, Abzugsrohr viel zu kurz und viel zu eng, — Das ganze Zimmer ist ja voll mit Abgasen! Das habt ihr jetzt zwei Jahre lang ausgehalten? Ihr seid von guten Eltern!» — Ja, wie denn auch nicht! S’chuss Owauss hat den Juden noch immer beigestanden in ihren Leiden. Der Auftrag der Gaskontrolle wurde natürlich ausgeführt. Es kam ein längeres Abzugsrohr, ein breiteres Abzugsrohr. Der Maurer kam, der Rauchfangkehrer kam. Der Ofen wurde abmontiert und aufmontiert und wieder abmontiert uind wieder aufmontiert und endlich hieß es: «So, nun sind wir fertig.» Der Ofen ließ alles mit sich geschehen. Zuerst war er wohl wütend, aber dann fing er an zu grinsen and grinste täglich mehr und mehr. Der Ofen wurde in Betrieb gesetzt. Und er brannte, heizte, wärmte und stank einen ganzen langen Tag — nicht. Und dann, was glaubt ihr, tat der Rosche? Dann spuckte er Gas. Ganz einfach Gas. Da waren immer ein paar Flämmchen, die nicht brennen wollten, wenn man auch noch so sehr mit allen verfügbaren Taschentüchern winkte und wehte, und da waren immer andere Flämmchen, die schließlich mit großer Mühe doch Feuer fingen, aber sofort erloschen, wenn sich irgend etwas im Zimmer bewegte, und das Gas strömte lustig in den Raum. Und wieder: Fachamt, Installateur, Installateur, Facbamit. Schließlich hieß es: «Der Ofen bekommt ein neues Brennrohr.» Daraufhin wurde er abmontiert, in die Werkstatt gebracht und stand dort viele, viele Tage. Er war’s zufrieden, der Rosche. «Sollen die Juden nur frieren.» dachte er. Endlich kam er aber doch wieder, stand wieder in seiner Ecke, brannte, heizte, wärmte und — o Wunder Gottes! —. stank