Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 270 (9.3.1933)
- Date
- 1933-03-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Wf. *70-ft. Mir* TMS m STIMME Seif« 7 PURIN 5695 Das Purtimplel!*) Das Wort PurimspW bezeichnet eine Art Theatervorstellung, welche bis vor nicht langer Zeit am Purimfest bei den Juden üblich war. Wie die christlichen Fastnachtspiele hat auch das Purimspiel den heidnischen Brauch der Maskenfeste zum Vorläufer. Am Purim und dem folgenden Tage (Schuschanpurim) zogen verkleidete Gruppen durch die jüdischen Gassen von Haus zu Haus, von Familie zu Familie und brachten biblische und weltliche Szenen zur Aufführung. Ehe wir auf die Besprechung des eigentlichen Gegenstandes eingehen, müssen wir folgende Frage aufwerfen: Wie kommt es, daß das Purimspie! zu einem so allgemeinen, fast könnte man sagen, heiligen Brauch geworden Ist? Wie kommt es, daß die Rabbiner, die damaligen Führer des jüdischen Volkes, diesem Brauche nicht entgegentraten, sondern umgekehrt, ihn billigten? Ist doch jede Annahme und Nachahmung fremdvölkischer Sitten und Gebräuche von den heiligen Schriften auf das strengste verboten! Ich glaube die Ursache hiefür in folgendem gefunden zu haben: Purim ist das Fest, an weichem die Juden ihre wunderbare Rettung aus der Oefahr völliger Vernichtung feiern. Daher wird dieses Fest, obgleich ein nachbiblisches, an welchem das Verrichten von Arbeiten nicht verboten ist, durch die taimudische Verordnung als hohes Freudenfest erklärt, bei welchem sogar der sonst verpönte Alkohoigenuß aJs besonderer Ausdruck der Festesfreude vorgeschrieben ist. Allein schon in den frühesten Zeiten wurde den Juden diese Freude vergällt Denn vier Wochen nach Purim feiert man das Pessachfest, zwar das Fest der Befreiung aus der Knechtschaft Aegyptens, aber auch das Fest, welches Anlaß zur Rituaimordlegende und damit zu Verfolgungen und Pogromen bot. Bange Sorgen erfüllten also die Juden schon lange vor Pessach und ließen auch am Purim keine rechte Freude aufkommen. Um nun mindestens für dieses Fest die trüben Gedanken zu bannen und eine ausgelassene Fröhlichkeit möglich zu machen, dürften die Rabbiner des frühesten Mittelalters die Maskeraden, wenngleich sie Nachahmung eines fremden Brauches sind, anfangs stillschweigend geduldet und später erlaubt zu haben. Daher das alte Sprichwort: «Purim ist alles erlaubt». Und immer galt der erste Besuch der Purimspieler dem Stadtrabbiner. Wo und wann die Purimspiele entstanden sind, weiß man nicht, da die spärlichen Berichte, die wir von ihnen haben, von ihnen schon als von etwas Vorhandenem sprechen. Doch dürfte meiner Ansicht nach die Wiege der ersten Purimspiele in den Jeschiwok zu suchen sein, wo sie in hebräischer Sprache verfaßt wurden. Zu dieser Annahme veranlaßt mich der Umstand, daß sich in den heutigen Fassungen der biblischen Spiele sehr viele hebräische Sätze finden, die sogleich ins Jiddische übersetzt sind. Ferner finden sich hierin Anspielungen auf Talmudkommentare und dergleichen. Als diese Spiele sich verbreiteten und Leute aus dem Volke ihre Aufführung Übernahmen, ergab sich die Notwendigkeit, sie ins jüdische zu übersetzen, was wahrscheinlich durch Batchanim (eine Art jüdischer Improvisatoren) geschah. Die Fassungen der biblischen Spiele, wie sie heute noch im Osten bekannt sind, stammen ungefähr aus dem Ende des achtzehnten bezw. Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. Das erste Purimspie! war unstreitig das als Achaschwerosspiel bekannte: denn ihm liegt die Purimgeschichte zugrunde. Bald darauf folgten: Josef Goliath, Opferung Isaaks, König Saul, Chana und Penina und Mosche-Rabenu. Gegen die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts entstanden weltliche Spiele. Als Ergebnis der Haskalahbewegung, des Strebens nach allgemein weltlicher Bildung ist das «ChassidimspieU zu betrachten. Er behandelt den Streit zwischen den konservativen und den fortschrittlichen Juden um den Vorzug. Seine Entstehung fällt etwa in die dreißiger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, doch hat es im Laufe der Zeit verschiedene Umwandlungen erfahren. Das «Räuberspiel» entstand ungefähr zwischen 1820 und 1830, wahrscheinlich in Galizien. Schon 1845 — wie mir alte Leute erzählten — war es in ganz Galizien bekannt. Es kann vor 1820 nicht entstanden sein, da es das Lied aus dem vierten Akt von SchiHers Räubern enthält und um 1820 fing man in Galizien erst an Schiller zu lesen. Das zuletzt entstandene ist das «Rinaldospiel». Es behandelt die Erzählung von dem italienischen Räuberhauptmann Rinaldo Rinaldini und ist etwa in der Zeit zwischen 1886—1890 entstanden. 1890 erfühlte man mir von ihm, zehn Jahre später wohnte ich seiner Aufführung bei. Vor 1886 kann es unmöglich entstanden sein, da de Musik, welche aus deutschen, polnischen und ukrainischen Melodien zusammengesetzt ist, als Einleitung den Marsch «Wien bleibt Wien» von Johann Schrammel hat, welche Komposition vor dieser Zeit im Osten nicht bekannt way. Man darf sich unter dem Punmspiel keineswegs ein Drama vorstellen. 6« tat vielmehr ein Singspiel an miniature, I denn eine solch« Aufführung dauerte ohne Kürzung höch- 1 stens vierzig Minuten. Alljährlich traten ln den Städten des Ostens Gruppen von jungen Leuten zusammen (natürlich nur männlichen Geschlechtes) und studierten schon im Winter ein Spiel ein, welches sie dann zu Purim in den Wohnungen aller besseren Familien der Stadt zum besten gaben. Am folgenden Tage (Schuschanpurim) besuchte man entweder die Familien, zu denen man tagsvorher aus Zeitmangel nicht hatte gehen können, oder man mietete einen Wagen und fuhr in die umliegenden Dörfer zu den Gutspächtern und Randaren, bei denen man freundliche Aufnahme, gute Bezahlung, und was die Hauptsache ist, köstliche Bewirtung fand. Alte Männer, weiche in ihrer Jugend selbst an solchen Spielen teilgenommen hatten, erzählten mir, daß häufig einige Wochen vor Purim jeden Samstag abends die Grurpen in einem Oasthaus zusammenkamen und, wie es im Volksmund heißt, «das Spie! machten», daß aber die Spieler in den Kleinstädten oft in die Offiziers- und Beamtenkasinos gingen, wo sie ihre Kunstleistungen oft mehrmals wiederholen mußten und von ihren arischen Zuschauern reichliches Lob in Worten und in klingender Münze ernteten. Es versteht sich von selbst, daß es keine Dekorationen gab, auch traten die Personen, welche momentan nicht aktiv waren, nur einige Schritte zurück, mußten sie doch im Chor mitsingen, oder die einzelnen Gesänge durch textlose Phrasen als eine Art Orchester begleiten, sowie Vor-, Nach- und Zwischenspiele ausführen 1 Auch die Kostüme waren primitiv. Vor dem Gesicht hatten sie eine aus Packpapier selbst erzeugte mit Buntpapier überzogene oder mit Rötel bemalte Maske, auf dem Kopf einen ebensolchen Hut. Könige trugen Kronen aus Goldpapier. Sonst trugen die jüdischen Personen. Kaftane, die Krieger Waffenröcke, ln den weltlichen Spielen waren alle jüdischen Personen modern europäisch gekleidet. Die nötigen Waffen fertigte meistens ein geschicktes Mitglied aus Blech oder Holz an. Die weiblichen Rollen wurden natürlich von Männern dargestellt. Und die Kleidung? Wenn es sich um eine alte fromme Jüdin handelte, wurde das Kostüm von Mutter oder Großmutter entlehnt; brauchte man aber Kleidung und Schmuck für eine moderne Dame, wie zum Beisliel die Tirolerin im Räuberspiel (Abklatsch der Amalia) oder für «Rosetta, die Geliebte Rinaldinis», dann war man auf eine der Schwestern oder sonst ein der Truppe gewogenes Mädchen angewiesen, welche gerne mit Korsett, Bluse, Armband, Gürtel zum Gelingen der guten Sache beitrug. Das Geld, das die Truppe mit dem Purimspiel verdient hatte, wurde unter die Mitglieder gleichmäßig aufgeteilt. Die Bedürftigen verwendeten es für sich, jedoch nur einigermaßen Bemittelte spendeten es für einen wohltätigen Zweck, Nie aber ließ der edle Spender seinen Namen bekanntgeben. Man darf nicht annehmen, daß sich in einer Stadt nur eine Truppe bildete, also nur ein Spiel «gemacht» wurde» Es gab deren auch in einem kleinen Orte zwei und mehr, doch verständigten sich die Gesellschaften untereinander* damit nicht zwei Gruppen das gleiche Spiel einstudieren. Auch bestand keinerlei Konkurrenz oder gar Feindseligkeit zwischen den Vereinigungen. Außer den bereits erwähnten Spielen, deren Wortlaut niedergelegt war und von denen einige um die Mitte de« 19. Jahrhunderts in Wilna und l.en iiLrg in Druck erschiene« sind, gab es noch andere, die wir mit dem Namen «improvi* sierte Spiele» bezeichnen wollen. Es existierte nämlich nuf der Titel, Sprach'.' und Gesänge wurden jeweilig erfunden oder verfaßt. So wurde zum Beispiel die «Bauernhochzeit» in Kronpoien anders dargestellt als in Westgalizien, und hl Ostgalizien gab es wieder eine andere Fassung. Es kam eben auf Sitten und Bräuche in den verschiedenen Gegenden an, und da man sich hier meistens der Landessprache be* diente, so mußten die Bauern Westpolens polnisch, die in Ostgaiizien ukrainisch, in Rußland russisch und in Rumänien rumänisch sprechen. So waren auch die Kosrtüme de» verschiedenen Ländern angepaßt, und die Musik, resp. die Gesänge dem Liederschatz des in Betracht kommenden Volkes'entnommen. Natürlich mußte in einem solchen Spiele auch ein Jude Vorkommen, der als angesehene beliebte Person im Dorfe stets eine vermittelnde und beratende Rollt spielte. Uebrigens wurden auch jüdische Hochzeiten mit darauffolgender, nie zustande kommender Scheidung improvisiert, wobei der Heiratsvermittler (Schadchen) und der «Purimraw» drollige Figuren abgaben. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die ersten Komödien mit Gesang und Tanz, welche Abraham Goldfaden, der Begründer des jüdischen Theaters, für seine erste Bühne ln Jassy schrieb, die improvisierten Spiele zum Vorbilde hatten, und Finkeisteins «Josef» ist eine Ausweitung des gleichnamigen Purimspiels. Die Musik besteht aus einstimmigen Gesängen. Selbst die Chöre sind einstimmig, höchstens daß jemand eine zweite Stimme hinein improvisierte. Bei den biblischen Stücken sind es Synagogalmelodien oder der Singsang, wie er im Cheder beim BibeUernen üblich ist. Alle biblischen Spiele haben einen und denselben Schlußchor. Die weltlichen Spiele haben als Musik ein Mischmasch von jüdischen* polnischen und ukrainischen, großrussischen und rumänischen Liedern und deutschen Märschen und Tänzen. Sie sind eben zu einer Zeit entstanden, da die Juden unter «sich bilden», sich assimilieren verstanden, gleichviel, an welches Volk. So äußerte sich denn dieses Bestreben im Osten durch die Annahme fremder Melodien, in der sich die Verfasser der weltlichen Spiele «Batchanim» und «Klesmarim* nicht genug tun konnten. Nachum Zwi Ehrlich. fiuKUn&CStil' *) Dieser Aufsatz stammt von einem blinden Musiker nd Komponisten, iAnm. d, Red.} « Bevor wir uns mit den verschiedenen lokalen Purimfeiern befassen, wollen wir ein blutiges Ereignis erwähnen, dessen Anlaß eine seltsame Purimfeier im Jahre 1191 war. fn Bray, ln der Champagne, hatte ein Vasall des Königs von Frankreich einen Juden ermordet. Daraufhin erhielten die Juden von Bray von der Gräfin der Champagne das Recht, den Mörder hinzurichten. Es war gerade Purim. Und da kamen die Juden von Bray auf die verrückte Idee, einen Pupmumzug zu arrangieren, bei welchem der Delinquent die Rolle Hamans spielen mußte. Es kam zu einer Revolte der christlichen Bevölkerung, die in der Maskerade eine Verhöhnung des Christentums erblickte, standen doch die christlichen Ostern vor der Türe. Der König von Frankreich schickte Soldaten nach Bray, die Juden wurden verhaftet und über achtzig Juden wurden am 18. März 1191 lebend verbrannt. Eine der ältesten lokalen Purimfelem' tat der Purim in Carpentras. Der historische Hintergrund ist nicht ganz klar. Offenbar batten meuternde Truppen — es war am 24. November 1512 — mit der Plünderung des Ghettos, Carriöre genannt, begonnen. Im Augenblicke höchster Not wurde die Rübe wieder hergestellt. Zur Erinnerung an diese Errettung wurde ein Purimfest eingesetzt, das durch Festlichkeiten und einen besonderen Gottesdienst feierlich begangen wurde. Am 16. Jänner 1600 wurde in V e r o n a aus einem uns heute ganz paradox anmutenden Anlasse ein lokales Purimfest eingesetzt. Die Juden in Verona hatten zerstreut in der Stadt gewohnt. Dem Zuge der Zeit entsprechend wurde ihn«n gegen Ende des 16. Jahrhunderts ein Stadtteil in der Nähe der «Piazza Erbe» ata Ghetto zugewiesen. Am 16. Jänner 1600 war die Uebersledlung der Juden ins Ohetto beendet Am gleichen Tage wurde die Synagoge eingeweiht. Der .Tag nun, an dem die Juden ins Ghetto eingespenrt wurden, wurde als Purim eingesetzt. Offenbar fühlten sid» die Juden von nun an hinter den Ghettomauem sicherer als früher in der Stadt. Der Veroneser Purim wurde alljährlich mit Umzügen und einem Gottesdienst gefeiert. Erst zur Zeit der französischen Revolution wurde diese Purimfeier einge« stellt. Die chonologisch nächste lokale Purimfeier fährt mm in die Stadt Frankfurt. Am 22. August 1614 stürmte Vinzenz F e 11 m i 1 c h das Ghetto und plünderte es. Viele Juden kamen ums Leben. Die Juden mußten auf Geheiß de« Fettmilch die Stadt verlassen. Fettmilch beherrschte, di« Stadt. Endlich schritt der Kaiser ein und am 10. März 1616 (20. Adar) wurde Vinzenz Fettmilch gehängt. Die Juden erhielten die Erlaubnis zur Rückkehr. (Neue Stetigkeit vom1 3. Jänner 1617.) Zur Erinnerung an die blutigen Verfolgung gen durch Vinzenz Fettmilch wurde ein lokales Purimfest unter dem Namen Purim Vinzenz eingeführt und am 20. Adar jährlich gefeiert. in südliche Breiten führt uns Purim Scheriff nach Tripolis. Der Bey von Tunis belagerte die Stadt Tripolis und drohte, er werde die ganze Bewohnerschaft niedermetzeln lassen. Im kritischesten Moment brach aber unter den Belagerern die Pest aus und sie traten am 20. Jänner 1705 den Rückzug an. Tripolis war befreit. Zur Erinnerung an diese Befreiung wurde unter dem Namen Purim S c h e r i ff ein lokales Purimfest eingesetzt, das noch immer festlich begangen wird. Ein eigenartiger Vorfall, der einen tiefen Einblick in di« Seele des Ghettojuden gewährt, gab in Avignon Anlaß zu einem lokalen Purimfest, ln der Nacht des 28. Schewat 5517 (17. und 18. Februar 1757) ging ein biederer Bürger durch das Ghetto. In der Nähe der Synagoge stolperte er und fiel mit dem Kopfe voran in einen Brunnen. Im letzten Momente gelang es ihm, Halt zu finden und »ich sn fetfrate&