Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 270 (9.3.1933)
- Date
- 1933-03-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite I DIE STIMME Nr. 270 — 9. März 1933 Ordentlicher Delegiertentag der österreichischen Zionisten Dr. Oskar Grünbaum zum Präsidenten des Zionistischen Landeskomitees wiedergewählt Im überfüllten Festsaal des Niederösterreichischen Gewerbevereines wurde Samstag, den 4. März, vom Präsidenten des Zionistischen Landeskomitees, Herrn Dr. Oskar Qriinbaum, in hebräischer Sprache der diesjährige ordentliche Delegiertentag des Zionistischen Landesverbandes für Oesterreich eröffnet. Herr Doktor Grünbaum begrüßte die Delegierten und Gäste, insbesondere Oberrabbiner Herrn Dr. David Feuchtwang, den Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde Herrn Dr. Desider Friedmann, den Abgeordneten des Prager Parlaments Herrn Dr. Angelo Gold mann, den Präsidentrdes Keren Kajemeth-Oesterreich Horm Adolf Böhm, ferner Herrn Dr. Egon Michael Zweig (Hauptbureau Jerusalem) und Herrn Dr, Fritz U11 m a n n (C. S. R.). In seiner Eröffnungsrede wies Dr. Grünbaum auf den ernsten Charakter der Zeit hin, in der dieser Delegiertentag Zusammentritt. «Das Judentum», führte er aus, «Hege wirtschaftlich am Boden. Rattaid Mutlosigkeit beherrschen heute weite Kreise des Judentums, die die Zeichen der Zeit nicht sehen und verstehen. Doch der Verzweiflung in der GaJuth auf der einen Seite stehen Aufblühen und Fortschritt in Palästina gegenüber. ■Wenn je die Erkenntnis von der einzigen Lösung der Judenfrage durch den Zionismus reif war, so ist dies heute der Faß. Aufgabe dieses Delegiertentages sei es daher, an dem Ausbau der zionistischen Organisation mitzuarfbeiten.-i Begrüßungen Es gelangt eine Reihe von Begrüßungsschreiben zur Verlesung. In ihrem Schreiben bedauert die Londoner Exekutive, weder den Präsidenten Sokolow noch die Herren Locker oder Brodetsky zum Delegiertentag der österreichischen Zionisten entsenden zu können. Den Beratungen des Delegiertentages wird größter Erfolg gewünscht. Im Schreiben des Weltverbandes der '"verneinen Zion^+en wird hervorgehoben, daß ’ - Verband der Allgemeinen Zionisten bereits eine neue Jugend besetze, die 35.000 Köpfe zählt. Der Allgemeine Zionismus habe im Dienste der Gesamtbewegung eine Mission vc» größter Tragweite zu erfüllen. Der Verband wünscht dem Delegiertentag der österreichischen Zionisten, daß er sich zu diieser Idee durchringe und dazu beitrage, den Verband der Allgemeinen T-nisten zu einem lebensfähigen Organismus zu gestalten. Begrüßungsschreiben langten ferner ein: Vom Vorsitzenden der zionistischen Vereinigung Deutschlands, Herrn Kurt Blumenfeld, vom Zionistischen Zentralverband für die Tschechoslowakische Republik, vom Verband der Zionistischen Organisation Ungarns, von der Exekutive der Zionistischen Organisation Westgaliziens und Schlesiens und von der Zionistischen Organisation Jugoslaviens. Stürmischer Beifall löste die nun folgende Wahl des Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde, des Herrn Dr. Desider Friedmann, zum Präsidenten des Delegiertentagig aus. Auf diese historisch bedeutsame Tatsache wurde sowohl von Dr. Grünbaum als auch von den anderen Referenten des Abends besonders hingewiesen. Präsident Dr. Friedmann damkte für die Wahl und u öffnete mit der B tte an die Delegierten, die Debatte so zu gestalten, daß sie zum Wohl und Gedeihen der Organisation und Gesamtbewegung führe, die meritorischen Verhandlungen. Ins Präsid.um wurden außerdem noch gewählt: Dr. Alfred L Ö w y, Prof Dr. Wilhelm Stein, Fra« Blanka Federn- Lrftschütz, zu Schriftführern Dr. Rudolf Glücklich und Prof. Dr. Leo Me n c z er. hn Namen der Tschechoslowakei begrüßt Dr. Fritz UI f m a n n den Delegiertentag und hebt hervor, wie sehr die tschechoslowakischen Zionisten in den letzten Wochen mit Stolz und Genugtuung auf den großen zionistischen Sieg ln Wien geblickt haben. Im Mittelpunkt des Eröffnungsabends standen die -wei Referate der Herren Adolf Böhm über «Die gegenwärtige Lage in Palästina» und des Abgeordneten Dr. Angelo G o l d s t e i n über «Das Judentum in der Weltkrise und der Zionismus». Diese zwei hochinteressanten Referate, die vom Delegiertentag und den Gästen mit größtem Beifall aufgenommen wunden, werden wir in der nächsten Nummer unseres Blattes wiedergeben. Mit der Wahl der Permanenzkommisoion, in die die Herren Direktor S. A11 m a n n, Walter Dukes, Ing. S. Ehrlich, Apotheker J. G r o ß, Frau Dr. Amalie Kantor, Dr. Meir Pais, Emil Nlmhäuser, Frau Tartakower, Frau Rebekka Weiner entsendet wurden, war die Tagesordnung des Eröffnungsabends des Delegiertentaues errr^mmmmmmmemmmmmBam^seasaaaaasssss^m^mmrsss Kommentierte Bibel Unversiegbare Lebenskräfte, Erwachsenen Fernunterricht, S 5.— monatlich, Leseproben gratis. Weiser, Exeget, Wien, Lederergasse 18. schöpft und diese vom Präsidenten Dr. Friedman» auf Sonntag vormittags vertagt. Referate Sonntag, den 5. März, J^IO Uhr vormittags, fanden die Beratungen des Delegiertentages im Chajes-Saal der Bezirkssektion Leopoldstadt ihre Fortsetzung. Präsident Doktor Friedmann eröffnet he Sitzu. g mit einem Nachruf für alle m der letzten Arbeitsperiode verstorbenen Gesinnungsgenossen. Der Vorsitzende gedenkt insbesondere der Gesinnungsgenossen Bezirksrat Norbert Rappaport, S'aegmund Wechsberg, Fräulein Reichsfeld, Hofrat Dr. Bernhard Fuchs, des Stellvertreters int Bundespressedienst. (Die Versammelten erheben sich von ihren Plätzen.) Die Vormittagssitzung war über Antrag Dr. Schtr.erlers auf Abänd.rung der Tagesordnung, ausschließlich den Referaten, gewidmet. Die einander trefflich ergänzenden Referate der Gesinnungsgenossen Dr. Tartakower über den «Stand der hebräischen Bewegung» und Dr. E. Rima11 über «Das Kulturproblem im Zionism u s», denen das Audite ’ nwt größtem Interesse folgte, bringen wir Raummangels erst in der nächsten Nummer. Referat Dr. Desider Frledtnann Dr. Friedmann bespricht die Bedeutung des Erfolges, den die Zionisten bei der Wahl am 4. Dezember 1932 errungen haben und durch den es ihnen gelungen ist, die in der Kultusgemeinde erbeingesessene Union aus dem Felde zu schlagen. Der Sieg ist uns zuteil geworden durch die Anspannung aller Energien und die außerordentliche Opferwüligkeit unserer Gesinnungsgenossen, nicht zuletzt durch das ausgezeichnete Funktionieren der ad hoc geschaffenen Wahlorganisation. Der Delegiertentag erfülle nur eine Pflicht der Dankbarkeit, wenn er die ausgezeichnete und hervorragende Tätigkeit des Vizepräsidenten Dr. Löwenherz, welchem die Bewegung zum großen Teil den Erfolg zu ver-* danken hat, würdige und anerkenne. Dr. Friedmann weist darauf hin, daß der neu gebildete Klub der zionistischen Mandatare die alte Tradition, die seit jeher in dieser Körperschaft bestand, beibehalten hat, daß in allen Fragen vollkommene Einmütigkeit bestehe und daß das Verhältnis der einzelnen zionistischen Gruppen »m Kultusvorstand erfreulicherweise sich immer inniger gestalte. Die Opposition der in die Minorität gedrängten Union sei eine außerordentlich scharfe, die Nachwirkungen des leidenschaftlich geführten Wahlkampfes seien im Verhältnis zwischen Mehrheit und Minorität in hohem Grade fühlbar. Nichtsdestoweniger sei es nach schwierigen Verhand- Referat Dr* Oskar Grünbaum Auf der Tagesordnung steht der Rechenschaftsbericht des Landeskomitees, leider nicht auch der Rechenschaftsbericht der einzelnen Sektionen. Das würde das Verantwortungsgefühl der Sektionen günstig beeinflussen. Das Landeskomitee arbeitet in der Oeffentlichkeit. Ich kann mich daher kurz fassen und mich mit den Mängeln unserer Organisation befassen. Der letzte Delegiertentag im November 1931 hat die Notwendigkeit erkannt, ein Finanzkomitee einzusetzen, welches mit der Aufbringung materieller Mittel betraut war. Wenn ich persönlich diesem Komitee einen Vorwurf machen kann, so ist es dieser, daß es nach Abschluß der Sammlungen die aufgebrachten Mittel ihrem Zwecke zugeführt hat, doch als das Geld schon gar geworden war, Ist dieses Komitee einfach von der Oberfläche verschwunden. Dazu hätte ich ein Finanzkomitee nicht gebraucht. Sie müssen sich Klarheit darüber verschaffen, daß das Landeskomitee ein großes Budget hat und den großen Aufgaben für den Aufbau der Organisation nicht so gerecht werden kann, als notwendig wäre. Ich glaube, es wird sich niemand finden, der der Meinung ist, daß wir die «Stimme» einstellen sollen. Die «Stimme» muß erhalten werden, sie ist unser wichtigstes Kampfmittel. Die «Stimme» hat ein Defizit und wir sind daran gegangen, es zu beheben. Um die Propaganda der «Stimme» haben sich In dankenswerter Welse Herr Direktor Epstein und Herr Dr. Briaker bemüht und es sind bereits schöne Erfolge zu verzeichnen. Es sind seit Jänner 1033 335 neue Abonnenten hinzugekommen. Wenn es uns gelingt, diese Zahl auf 1000 zu bringen, ist such das Problem der «Stimme» gelöst. Das Budget des Landeskomltees ist so klein, daß wir kaum mehr leisten können, als dis kärglichen Oehalte zu bezahlen und für die Bürospesen aufzukommen. Das Landes* komitee hat aber vor allem die Aufgabe, zionistische Prolungen gelungen, die Konstituierung des Kultusvorstandes reibungslos durchzuführen und den Zionist^vom programmatischen Standpunkt aus wichtige Stellen, so insbesondere die Obmannstelle der Kommission ftir Erziehungs- und Unterrichtswesen, zu sichern. Bei Besprechung der bisherigen Tätigkeit des Kultusvorstandes verweist der Referent auf die grundlegenden Beschlüsse wegen Aenderung des Wahlrechtes und die Inangriffnahme der Bildung eines jüdischen Gemeindebundes, Das Präsidium habe sofort nach seinem Amtsantritt die Bemühungen wegen des Bundesbeitrages wieder angenommen. Eine besondere Schwierigkeit biete der Umstand, daß bisher ein Durchführungsgesetz zu der verfassungsrechtliches Bestimmung, auf welche sich der Anspruch der jüdisches Gemeinschaft in Oesterreich gründe, nicht erlassen wurde. Der zustänriige Ressortminister habe sich dazu bereit erklärt, die Gesetzesvorlage bei der nächsten Gelegenheit einzubringen. Es werde notwendig sein, diese Angelegenheit mit allem Eifer und mit größter Aufmerksamkeit zu verfolgen. Dr. Friedmann bespricht hierauf in großen Zügen die in Vorbereitung befindliche Budgetvorlage, insbesondere die in Aussicht genommene Dotierung der auf den einzelnen Kontis auszuwerfenden Subventionsbeträge und gibt eine Darstellung der finanziellen Verhältnisse der Gemeinde, die sich infolge der kritischen wirtschaftlichen Verhältnisse außerordentlich bedrohlich gestaltet haben. Die Verantwortung, die die Zionisten ais Majorität im Kultusvorstand zu tragen habe, verpflichte sie, für die notwendigen Einnahmen Vorsorge zu treffen. Es sei die erste Sorge der zionistischen Mehrheit, die Gemeinde zu erhalten und sie vor einer Erschütterung des finanziellen Gleichgewichtes zu bewahren. Diese Pflicht müsse von den Gesinnungsgenossen verstanden und entsprechend gewürdigt werden. Man müsse verstehen, daß die Zionisten im Kultusvorstande nur in der Lage sein werden, schrittweise diejenigen Reformen durchzuführen, die in der Richtung ihres. Programms gelegen seien. Die Mandatare wollen keineswegs, wie es jetzt übliäi ist, auf Jahre abgesteckte Pläne äüfstellen, sondern werden von allem Anfang an bemüht sein, im Budget und in der Gemeindeverwaltung das zionistische Programm zur Verwirklichung zu bringen. Die Gegner haben den Wahlsieg der Zionisten als eine Episode bezeichnet. Wir wollen ihnen beweisen, daß wir imstande sind, den Erfolg dauernd festzuhalten, daß wir die Fähigkeit und die Kraft haben, die Gemeinde über die schwere Zeit, in der wir leben, hinüberzubringen. Hiebei rechnen wir auf die unentbehrliche Unterstützung all« Zionisten. paganda zu leisten. Wir haben zwei Broschüren: Rufeisen «Zionistische Ideologie» und Brodetsky «Probleme des allgemeinen Zionismus» herausgegeben. Wir werden wiederholt um weiteres Propagandamaterial angegangen, aber es ist keine Lektüre vorhanden, um Leute, die zu uns kommen, genau informieren zu können. Das Landeskomitee hat den Versuch gemacht, die Arbeit der Sektionen zu beeinflussen. Die Organisation hat hier einen schweren Mangel aufzuweisen. Die Sektionen waren sich selbst überlassen. Wir sind nur in oberflächlichem Kontakt mit ihnen gestanden. Es wird daher notwendig sein, daß bei den Sektionssitzungen alle 14 Tage ein Mitglied des Landeskomitees anwesend ist, um Anregungen zu geben und entgegenzuneh- PIBMM REDOUTE Veranstalter: Jüd. Hochschulausschuß J. A. Juristenverein Ort: Handetsmuseum Wien, 9., Berggasse Nr. 16 Beginn: Halb 9 Uhr abends Eintrittspreis S 3*- Samstag, 11. März 1933 Rechenschaftsbericht Uber die Tätigkeit des Zion. Landeskomitees