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Die Stimme · 1933-03-09 · Heft 270 (9.3.1933) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 270 (9.3.1933)
Date
1933-03-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nf. 270 — 0. März 1033 DTE STIMM« Seite f Dia Organisation dar Osffudan m Deutschland) Von Dr. Israel Taubes, Berlin (Abgeordneter des PreuBIsehen Landesverbandes jüdischer Gemeinden) Im 16. Jahrhundert begann der Westen in Bordeaux, dien Osten bildeten die heutigen rein westlichen Städte wie Frankfurt a. M., Metz, Berlin, Magdeburg, Breslau usw. Seif dem 16. Jahrhundert bildete Bordeaux den Sammelpunkt der Flüchtlinge aus Spanien und Portugal, die als reiche Marannen im Laufe der späteren Jahrzehnte wieder Juden geworden sind und blühende jüdische Gemeinden dort begründeten, ln Polen herrschten nicht immer geordnete Verhältnisse, wirtschaftliche und politische Wirren waren stets auf der Tagesordnung und zwangen etwa im 18. Jahrhundert die deutschen Juden, nicht immer nach Polen, sondern nach dem «Westen.» zu gehen. Dort waren die deutschen Juden aus Berlin, Breslau, Frankfurt, Metz usw. «die Ostjuden». Diese Bezeichnung galt bei den dortigen portugiesisch-spanischen Juden als etwas Minderwertiges. Di# tost jüdischen» Aschkenasim waren gesellschaftlich von den «Westjudenx boykottiert und hatten mehr Verfolgungen seitens der eigenen Brüder als seitens der christlichen Bevölkerung zu ertragen. «Sie brandmarkten von vornherein alle fremden Juden nichtportugiesischen Ursprungs als Landstreicher und Bettler, die ihnen, den Reichen, xur Last fielen. Sie verleumdeten dieselben, daß sie durchwegs ein ehrloses, befrügerisches Gewerbe betrieben und nahmen solchergestalt die Bürgerschaft und die Behörden gegen sie ein» (Grätr). Die bodenständigen «Westjuden» fürchteten, daß durch das Hereinströmen der armen Brüder aus dem «Osten» (d. i. aus Berlin, Metz oder Frankfurt) ihre eigene Situation im Lahde sich verschlimmert, sie hatten Angst vor der Vermehrung von Juden und glaubten in ihrem Schrecken, sie könnten in den Augen der nichtjüdischen Umwelt auch als Ostjuden gewertet werden. Aehnfich gestalteten sich die Verhältnisse in Amerika in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als deutsche Juden aus Deutschland und Oesterreich nach Amerika auswanderten, da haben sie dort reiche spanische, portugiesische, holländische und französische Juden bereits vorgefunden, die noch Mitte des 17. Jahrhunderts nach Amerika gekommen waren. Auch dieser Juden bemächtigte sich in der ersten Zeit ein Angstgefühl vor ihren armen Brüdern aus dem Osten, auch sie hatten das Gefühl der Unsicherheit. Wenn ein portugiesischer Jude eine deutsche Jüdin heiratete, so trauerte die ganze Familie, sie saß «Schiwa», der Betreffende wurde von den Seinen verstoßen. Die portugiesischen Juden nannten die deutschen Juden «tedescos», welche Bezeichnung dem heutigen «Polack* gleichkommt. Zur Charakteristik der ganzen damaligen Einstellung darf erwähnt werden, daß ein portugiesischer Grande 10.000 Dollar den deutschen Juden in Amerika schenkte, damit sie sich eine Synagoge bauen. Er begründete diese hochherzige Spende damit, daß die aschkenasische Aussprache mit der sephardischen oder spaniolischen sich nicht vereinen läßt, de facto aber wollte er mit dem «ostjüdischen Pöbel» keine Gemeinschaft haben 1 Angst hatten die reichen Granden vor den deutschen Juden, die auf einmal auch da sind, auch dieselbe Kunst verstehen, auch Hausierer werden und auch ihr «Päckel» auf dem Rücken tragen können. Waren denn die Lehmanns, Seligmanns, Wormsers keine Hausierer? Aber bald stand vor den Türen der reichen Seligmanns der armselige galizisch-polnische, russisch-jüdische Hausierer und klopfte. Auch sie sind da, auch sie verstehen diese Kunst. Die Emigration war Ja nicht geregelt, jüdische Massen fragen nicht nach Niederlassungsmöglichkeiten, sie ließen sich nicht von Vernunf-tsgründen einer planlosen Wanderung leiten, sie gingen in die weite Welt, begleitet von dem unverbesserlichen Optimismus, dem gemeinsamen Hunger und dem Glauben an das gute jüdische Herz. Einen ähnlichen Prozeß machen die Ostjuden in Deutschland durch. Es wäre aber ungerecht und den geschichtlichen Tatsachen widersprechend, wollte man die große Bedeutung des deutschen Judentums verkennen. Die moderne Wissenschaft des Judentums ist zum größten Teil eine Schöpfung deutscher Juden. Die hohe allgemeine Kultur, der stark ausgeprägte Organisationssinn, die geistige Disziplin, die bd vielen aufgeklärten deutschen Juden bestehende Hauptaufgabe, tieferes, gegenseitiges Verständnis herbeizuführen, bewirken, daß diese Vorzüge allmählich die Kluft zwischen Ost und West zu mildern suchen und daß die mit gewisser Verachtung benannten «Polacken» sowie *) Diese Ausführungen unseres gesch. Mitarbeiters gewinnen infolge der Entwicklung der Dinge in Deutschland in letzter Zeit erhöhte Aktualität. AUSLÄNDISCHE fflODEHEUHEITEII?N DETAIL Seide Wolle Samte fötss, FRANZ MAU, I.COIICORDIAPL 5 n —.■in i immmmmmmmmmmmmmmm die mit unsinniger Geringschätzung benannten «Jeckes» vom Geiste der gegenseitigen Verantwortlichkeit schon mit Rücksicht auf die äußeren Umstände, die für Juden stets eine latente Gefahr bedeuten, getragen werden. Viel wichtiger erscheint jetzt die Entwicklung der Ost- Juden selbst in Deutschland. Verschieden war das Menschenmateriaf, das nach Deutschland gekommen war, und verschieden gestaltete sich auch hier das Leben der Ostjuden. Es kamen vor dem Kriege Ostjuden, die, vom Wissensdrang getrieben, in große Kulturzentren fluteten; es kamen aber auch solche, die den Boden unter den Füßen verloren hatten, ohne Zweckbewußtsein, ohne inneren Glauben an sich selbst. Die weiten Kreise der nach Deutschland verschlagenen Ostjuden, die während und nach dem Kriege kommen mußten, brachten mehr jüdisches Gefühl und Lebendigkeit der jüdischen Volkskultur mit sich. Es erfolgte die stärkere Konsolidierung der jüdischen Kräfte und die intensivere Entfaltung jüdischer Werte. In Preußen befanden sich 1925 über 76.000 jüdische .Ausländer auf eine jüdische Gesamtbevölkerung von 404.000, d. L 18 Prozent. Es ist anzunehmen, daß im Deutschen Reich sich die Zahl der jüdischen Ausländer auf etwa 100.000 beläuft, d. i. 17 bis 18 Prozent der jüdischen Cjesamtbevölkerung (564.000) in Deutschland. Im Jahre 1900 waren in Deutschland über 41.000 jüdische Ausländer, was 7 Prozent ausmachte; im Jahre 1910 erreichte die Zahl der jüdischen Ausländer in Deutschland etwa 60.000 Seelen. Die Zahl der ausländischen Juden war also in den letzten zwanzig Jahren im Wachsen begriffen. Ueber 80 Prozent sämtlicher jüdischer Ausländer Preußens im Jahre 1925 stammen aus ostpreußischen Ländern. Polnische Staatsangehörige unter ihnen waren 46 Prozent, sowjetrussische und staatenlose fast 19 Prozent, österreichische über 12 Prozent, tschechoslowakische fast 5 Prozent. Die jüdischen Ausländer sind in noch höherem Maße als die deutschen Juden in den Großstädten konzentriert. In den zehn größten jüdischen Gemeinden Preußens leben 82 Prozent der jüdischen Ausländer. In Berlin selbst leben fast 44.000 jüdische Ausländer — über 25 Prozent der jüdischen Gesamtbevölkerung Berlins und über 57 Prozent der Gesamtzahl jüdischer Ausländer Preußens. Der überwiegende Teil der Ostjuden hat hier endlich den richtigen Sinn der Organisation erfaßt und hat im Jahre 1920 den «Reichsverband ostjüdischer Organisationen in Deutschland» in Berlin begründet, dem heute etwa 20.003 Mitglieder in etwa 100 Vereinen im ganzen Reich angehören. Schwer war der Weg, der zur Organisierung der Ostjuden in Deutschland führte. Die mehr mystisch gerichteten polnischen Juden, die zum Rationalismus und zur Aufklärung neigenden litauischen sowie die ideenreichen und unternehmungslustigen russischen Juden, die vielen Kaufleute und Händler, Handwerker und Studenten, Reisende und Makler, diese Masse ostjüdischer Menschen unterliegen stets dem Einflüsse der Außenwelt und wären außerhalb einer jüdischen Kontrolle lebend untergegangen, wenn der starke Zusammenschluß positiver Werte nicht geschaffen hätte, ln diesem Zusammenhänge soll nicht unerwähnt bleiben, daß wir noch immer Einzelpersonen haben, die, um den eigenen Ehrgeiz zu befriedigen (das sogenannte «Benkeldnwesen»), durch separatistischen Tendenzen gemeinsame Aktionen schädigen und zur Stärkung des Ansehens keineswegs beitragen. Der ostjüdische Verband, aus der Not der Zeit geboren, mußte im Laufe der Jahre seine Tendenzen und Aufgaben erweitern. Als überparteiischer jüdischer Verband strebt er durch Wahrung der religiösen, rechtlichen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Interessen die Gesundung und Weiterentwicklung des jüdischen Lebens in allen Beziehungen an. Es mußte bei Beibehaltung des heute anders gearteten sozialen Problems auch geistigen und psychischen Momenten Rechnung getragen werden. Bei Ausschaltung jeder parteipolitischen Tendenz schwebt ostjüdischen Organisationen in Deutschland stets vor: Wie schützt man Ostjuden in Deutschland vor der Gefahr der Assimilation, wie erhält man Jüdischkeit im Judentum, wie vermengt man westliche Kulturwerte unter Beibehaltung jüdischer Originalität, wie schafft und stärkt man wirtschaftliche Positionen, wie verschafft man Ostjuden Recht und Ansehen bei der jüdischen und nichtjüdischen Umwelt, wie weckt man bei Ostjuden Interesse für allgemeine jüdische Probleme, wie erhält man Ostjuden als belebenden und befruchtenden Teil des Gesamtjudentums, wie sollen Ostjuden ein maßgebender Faktor im öffentlichen jüdischen Leben bleiben? Die Tätigkeit des Verbandes ist eine sehr umfangreiche und läßt sich im Rahmen lediglich eines sozialen und rechtlichen Programms nicht verwirklichen. Der Verband müßte zu einem rein mechanischen, einflußlosen Apparat degradiert werden, wollte er sich lediglich auf diese zwei Arbeitsgebiete beschränken; er mußte daher eine umfassende, intensive Kulturarbeit in die Wege leiten. An der Spitze des Verband*.:-, f‘"ht die auf der alljährlich sUUüiwteuden Reichskonferenz gewählte Reichsexeku¬ WEINEINKAUF ist Vertrauenssache Verlangen Sie ausdrücklich: PALÄSTINA-UJEINE PROPR ARON.ROT« SCHILD Zusendung von Preislisten über Wunsch durch den autor. Vertreter: GUSTAV WIEDER Wien, IV., Rainergasse 31, Telephon U 42-4-84 tive mit ihrem Präsidenten. Die Reichsorganisation ist geteilt in vier Gruppenverbände mit ebenso viel Generalsekretariaten. Die wirtschaftliche Krisis hat auch die Tätigkeit des Verbandes stark beeinträchtigt. Eine entsprechende Aufklärungsarbeit wurde seitens der Reichsexekutive im!n- und Ausland eingeleitet. Gesellschaftsabend der Wlzo und des zionistischen Landeskomitees Wie bereits bekannt ist, veranstaltet das zionistische Landeskomitee von Oesterreich und die Wizo am Samstag, den 18. d. M., in den Konzerthaussälen einen großen Gesellschaftsabend. Diese Veranstaltung verspricht, in den zionistischen and jüdischen Kreisen ein gesellschaftliches Ereignis zu werden. Namhafte Persönlichkeiten des zionistischen und jüdischen Lebens und jüdische Künstler aus der Theater- und Filmweit werden an diesem Abend anwesend sein. Nachstehende bekannte jüdische Künstler werden das Programm für diesen Abend bestreiten, und zwar die bekannte Künstlerin Frau Irene v. Z i 1 a h y (Theater an der Wien), begleitet vom Komponisten Waldemar G i bisch, Frau Irene Seid ne r, die bekannte Klaviervirtuosin Fräulein S. S t u c k a r t, der bestbekannte Sänger Dario Medina sowie die Gesangskünstlerin Frau S. Adlersberg. Einleitend zu diesem Abend wird ein Prolog, verfaßt von Gg. Dr. Egon Zweig, Jerusalem, von Dr. Oskar Teller vorgetragen. Der bekannte Komponist Richard Fall dirigiert zum erstenmal den «Hatikwah-Marsch», welcher von Gg. Harry Leskovitsch bearbeitet wurde. Die Conference für diesen Abend werden namhafte Künstler bestreiten, wobei zum erstenmal jeder Künstler und jede Künstlerin von einem bekannten Ansager conferiert wird. An die Vorträge schließt sich der Tanz an, zu welchem die verstärkte Kapelle (18 Mann) des bekannten Kapellmeisters Isy Geiger verpflichtet wurde. Das Tanzarrangement hat in liebenswürdiger Weise Tanzmeister Fred E r d s t e i n übernommen. Den Damen und Herren, die sich dem Tanze nicht widmen wollen, wird die Möglichkeit gegeben, im «Berliner Saal» bei Bridgespiel im Kreis ihrer Bekannten die Zeit angenehm zu verbringen. Zahlreiche Ueberraschungen sind vorgesorgt und steht dem Publikum ein koscheres Büfett zur Verfügung. Um allen Schichten der jüdischen Bevölkerung die Möglichkeit zu geben, diese Veranstaltung zu besuchen, sind die Preise der Karten zeitgemäß gehalten. Karten sind erhältlich: Zionistische Büros, 1., Kärntnerstraße 28, Tel. R 27-4-86; Parfümerie Rauch, L, Rotenturmstraße 21, Tel. U 25-6-80; Zionistische Sektion Leopold* stadt, II., Praterstraße 13, Tel. 44-3-45; Bücherstube Rath, 11., Taborstraße 20 a, Tel. R 43-1-58; Wizo, IX., Nußdorferstraße 42, Tel. A 16-0-44; ferner in allen Sektionen und bef allen Vorstands- und Komiteemitgliedern. Die wirklich billige SchuhgueIle finden Sie bei »DA-HO 1%. (Inh David Horowitz) Vj/ienlL^hibor\tra$e Nr. Uh Ecke Gredlerslraße 31 Qualitätsware zu iiufkeeti einigen Preisen. Bei Berufung auf die »Stimme« S Prosen! Babott

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