Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 269 (2.3.1933)
- Date
- 1933-03-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sefft § DTE STIMME Nf. 269 — 2. MSn 193$ 2tt* „Stimme" ä&e\ oi£ics m*e. *» Lion Feachtwanger Gast Frau Roosevefta New York. Die Literary Guild gab zu Ehren Lion Feucfitwangers, der von einer erfolgreichen Vortragsreihe durch ganz Amerika nach New York zurückgekehrt ist, ein Bankett, das zu einem großen gesellschaftlichen Ereignis wurde, Feuchtwanger saß neben Frau Roosevelt, der Gattin des Präsidenten, die ihn zu einem Besuch in Washington einlud. «Jüdische Aerzte sind Volks- und Menschenfreunde» Bukarest In der rumänischen Kammer richteten die Anhänger des radikal-antisemitischen Professor Cuza verleumderische Angriffe gegen die jüdischen Aerzte, denen sie vorwarfen, daß sie das «rumänische Volk vergiften». Unter großer Spannung des Hauses ergriff der Minister für Volksgesundheit loanitzescu das Wort zu einer Erwiderung, in der er feststetlte, daß die jüdischen Aerzte sich durchaus volks- und menschenfreundlich betätigen. Unter starkem Beifall der Mehrheit der Deputierten erinnerte Minister loanitzescu an den jüdischen Arzt Dörfer, der vor kurzem eine hohe Auszeichnung deswegen erhielt, weil er zur Rettung von zahlreichen nichtjüdischen Kranken nicht weniger als 45mal sein eigenes Blut zur Transfusion hergab. ln Ergänzung der Mitteilung des Ministers erinnerte der jüdische Deputierte Michael Landau daran, daß es ein jüdischer Arzt war, der das Leben von Cuzas Tochter, das in akuter Weise gefährdet war, durch entschlossenes Eingreifen gerettet hat. Der Gerer Rebbe in Geldnot Warschau. Es ist ein besonderes Kulturdokument, das jetzt der Gerer Rebbe veröffentlicht hat Er ist in Not geraten und fordert von seinen Anhängern Beiträge. Er hat Tausende von Anhängern, die für ihn alles hergeben würden, er gebietet über große Betriebe und Geschäfte und mit Verwunderung kann man ermessen, wie groß die Not in Polen ist, wenn selbst er, der mächtigste unter allen Chassidimrabbis, am Ende seiner Kräfte ist. Sein Holzhandel floriert nicht mehr, seine Buchverlage verkaufen nichts, selbst der Verkauf seiner Bücher in Warschau und New York bringt nichts mehr ein. Sein Haushalt fordert aber je länger je größere Mittel. Sein Bethaus und sein «Hof» verschlingen viel Geld; die Wahlen in den Sejm haben den Rest verbraucht. Noch hat er Einkünfte aus Häusern in Jaffa, die ihm gehören, aber dies reicht bei weitem nicht aus, um den Cjeldbedarf zu decken. So wird er vielleicht ähnlich dem «^eterspfennfg» eine ständige Abgabe einführen müssen, .während er bisher von seinen Anhängern keine Gebühren erhob. Streik ln der Talmud-Thora-Schüfe (Die Lehrer der Talmud-Thora-Schule in Montreal sind in Streik getreten, weil sie seit fünf Monaten ihren Gehalt nicht erhielten. Dadurch bleiben 1500 S:hliler der Talmud- Thora-Schulen ohne Unterricht. Die Lehrer an den jüdischen Schulen haben einen eintägigen Sympathiestreik beschlossen. Menschenraub in CharWn Charbin. Drei russische Banditen versuchten, den bekannten Charbiner jüdischen Bürger Sinowi Rosin auf offener Straße mittels eines bereitstehenden Autos zu entführen. Rosin, von seinem Leibwächter unterstützt, setzte sich erfolgreich zur Wehr. Der am vergangenen Jom Kippur beim Verlassen der Synagoge entführte Jizchak Seherin, Sohn des Inhabers der Asiatik Transport-Gesellschaft, ist gegen ein Lösegeld von 50.000 Dollar freigegeben worden. Er wurde die ganze Zeit in einem Erdloch verborgen gehalten und fst dort zu einem Skelett abgemagert und fast des Augenlichts beraubt. Sein Zustand ist äußerst bedenklich. Zum dreJundvterzlgstenmal vertagt Der Prozeß gegen die zwei Gendarmen, die den Poale- Zlonisten Samson Bronstein in Jedenitz in grausamster Weise folterten, um ihn zu dem falschen Geständnis zu bewegen, er sei Kommunist, wurde «aus technischen Gründen» zum drelundvlerzigstenmal vertagt. Die Verhandlung hätte bereits im Juli des vergangenen Jahres stattfinden sollen. Vpm Orden Bnel Brlss Berlin. Am 12. Februar waren 50 Jahre verflossen, daß in Deutschland die erste Bnei-Briss-Loge gegründet wurde. Das Jubiläum wurde von der deutschen Ordensleitung in Berlin festlich begangen. Der Orden zählt heute in Deutschland 100 Logen mit 13.000 Mitgliedern. Ordenspräsidenten waren in Deutschland Julius Fenchel, Dr. Maretzkl, Doktor Timendörfer und jetzt Rabbiner Dr. Baeck. W4sndv«HrV**4Bfclu*ft0 <ev» Komin«, OoVon. Httvtfo Bodi «•noflotfr <M>4 ta Am F*eh •lnifth1*K,ir»n Arb*t<«n und Raparttatea Franz Haf iteH Bainermeis er WUn, in, I.*Adfitri8« H*upt»tr*ß* 11T TtUphnn f IVO-TT •naislvwipalaac im fttrat MuUumSm SlBbO-laaw«*taMl ÜUSLANDSCHAU! (Belgien ülerca-Kajeiiietlf Woehe In Belgien Schaffung einer belgisch-jüdischen Kolonie ln Palästina Antwerpen. Die Keren-Kajemeth-Kommission für belgische Juden hat eine Keren-Kajemeth-Woche proklamiert, in deren Verlauf in fast allen größeren Orten Belgiens Werbeveranstaltungen für den Keren Kajemeth stattfinden werden. Ziel der Aktion ist die Aufbringung der Fonds zum Ankauf von Boden für die Kolonie «Kfar Inhalt* in Palästina zur Erinnerung an den verstorbenen Führer der belgischen Zionisten Jean (Jonah) Fischer. Brüsseler Universität feiert das Andenken eines jüdischen Gelehrten r« 11. März, halb 9 Uhr abends Hotel Stadt Wien Cestenetdk Das österreichische Naziorgan wegen Verleumdung des Judentums verurteilt Brüssel. Anläßlich der Einweihung des Neubaues des Botanischen Instituts der Brüsseler Universität, das den Namen des jüdischen Gelehrten Leon Erera trät, fand in der Universität eine Feier statt, bei der mehrere gelehrte Redner das Werk des verstorbenen großen jüdischen Botanikers Leon Erera würdigten, der vor 30 Jahren das Botanische Institut an der Universität eingerichtet hat. {Deutschland Die Berliner jüdische Gemeinde für die Hinterbliebenen der Exploslons* katastrophe von Neunkirchen Berlin. Der Vorstand der Berliner Jüd'schen Gemeinde hat an den Magistrat von Neunkirchen (Saar) ein herzlich gehaltenes Beileidsschreiben gerichtet. Außerdem hat die Gemeinde für d»e Hinterbliebenen der Katastrophe und zum Wiederaufbau der zerstörten Gebäude einen Betrag von 1000 Mark dem Magistrat von Nemikirchen überwiesen. Wie es dem jüdischen Kaufmann Karl Helft in Eislehen erging Berlin. Der Chefredakteur des «Vorwärts» Friedrich Stampfer, der sich nach Eisleben begab, um die blutigen Vorgänge, die sich dort abspielten, persönlich zu untersuchen, meldet seiner Zeitung über den Fall des jüdischen Kaufmannes Karl Helft: «ln der Augenklinik des Dr. Mücke liegt der Kaufmann Karl Helft, ein Mann, der im wirtschaftlichen Leben der Stadt eine angesehene Stellung einnimmt, aber nichtsdestoweniger ein aufrechter Republikaner ist. Am letzten Donnerstagabend ging er allein über den Marktplatz, als etwa 30 Nationalsozialisten über ihn herfielen. Sir warfen ihn zu Boden und traten ihm mit den Stiefelabsätzen ins Gesicht. Der ganze Körper ist mit Verletzungen bedeckt Die schlimmste ist die am linken Auge: Riß der Hornhaut. Der Arzt hofft jedoch, die Sehkraft erhalten zu können.» instand Chief Rabbi Dr. Hertz 20 Jahre Ober* rabbiner des britischest Kelches London. Chief Rabbi Dr. Joseph Hermann Hertz begeht in diesem Monat das 20jährige Jubiläum als Oberrebbijier des britischen Reiches (Chief Rabbi of the United Hebrew Congregations of the British Emp?re). Er wurde am 25. Sentember 1872 zu Rebrin in der heutigen Tschechoslowakei als Sohn des Rabbiners Simeon Hertz geboren, kam in jugendlichem Alter nach den Vereinigten Staaten, wo er Rabbinerämter bekleidete, ging dann nach Johannisburg (Südafrika), wo er die jüdische Gemeindevertretung organisierte und als Professor der Philosophie am «Transvaal-University-College» fungierte. Am 16. Februar 1913 wurde er als Nachfolger von Dr. Hermann Adler zum Chief Rabbi des britischen Reiches gewählt. An den Verhandlungen, betreffend die Balfour- Deklaration, war er maßgebend beteiligt Er ist ein hervorragender Kanzelredner und Schriftsteller und veröffentlichte eine Reihe grundlegender Schriften über das Judentum. Im Gesamtleben der englischen Juden nimmt er eine maßgebende Stellung ein. Sranhretch Für Reorganisation des sephardischen Judentums Paris. Im Tempel der Rue Saint-Lazare hielt im Rahmen einer großen Veranstaltung der allgemeinen sephardischen Konföderation Professor O u a l i d einen großnngelegten Vortrag über die Reorganisation des sephardischen Judentums, die er aus sozialen, h'storischen, ästhetischen und religiösen Gründen erstrebt. Professor Oualid, der bekannte Soziologe der Pariser Rechtsfakultät, schlug die Begründung einer Kommission vor, deren Aufgabe es sein sollte. Recherchen in den vatikanischen und spanischen Bibliotheken vorzunehmen, um ein Studieninstitut zu schaffen, das das soziale und geistige Leben der spanischen Juden untersuchen und die Resultate dieser Arbeiten publizieren solle. Jtatien Prof. Cassutos* Antrittsvorlesung au der römischen Universität Rom. Prof. Umberto Cass u t o, der zum Verwalter des Lehrstuhles für hebräische Sprache und semitische Linguistik an der Universität Rom ernannt wurde, hielt seine Antrittsvorlesung über das Thema «Die epische Poesie in der alten hebräischen Literatur». Der Vorlesung wohnten zahlreiche Professoren der Universität und Vertreter der Jüdischen Gemeinde mit Rabbiner Prof. Angelo Sacerdoti an der Spitze bei. Prof. Caesuto ist einer der hervorragendsten jüdischen Historiker Italiens. Sein Werk über die Geschichte der Jaden in Florenz in der Renaissance erhielt einen Preis der italienischen Akademie der Wissenschaften. Prof. Cassuto behielt auch nach seiner Ernennung zum Professor an der römische» Universität sein Amt als Oberrabiner von Florenz. Unter seiner Redaktion wird der jüdische TcH der neuen großen «Enciclopedia Itafena» bearbeitet Ein fttdiscfier Schriftsteller literarischer Preisträger Italiens Rom. Der diesjährige Preis für das beste italienische literarische Werk, die sogenannte «Premio Fracchia», wurde dem jungen italienisch-jüdischen Schriftsteller Arturo L o r i a verliehen. Die offiziöse römische Zeitung «La Tribuna» widmet der Tatsache der Preisverieihung an Lorta einen Leitartikel, in dem Loria als ein originelle* und vielversprechendes Talent des italienischen Schrifttums gewertet wird. Wien. Der Presserichter des Wiener Strafgerichtes verurteilte den Redakteur des Organs der österreichischen Nationalsozialisten, «Deutschösterreichische Tageszeitung», wegen Beleidigung und Verleumdung der jüdischen Religionsgesellschaft zu einer Geldstrafe von 300 Schilling, im Nichteinbringungsfalle zu 6 Tagen Gefängnis. Inkriminiert war aus einem Artikel u. a. folgender Satz: Nach Talmud und Schulchan* Aruch ist sexueller Mißbrauch von Kindern den Juden erlaubt.» Der als Sachverständiger gehörte jüdische Gelehrt* Dr. A. Kaminka führte aus, nirgendwo ini jüdischen Schrifttum sei eine Stelle zu finden, aus der eine solche Schlußfolgerung gezogen werden könnte. Der Verteidiger des Angeklagten ttlhrte aus, die inkrimlniertc Stelle wende sich nicht gegen die jüdische Religion, sondern gegen die Juden al* Rasse. Dabei wies der Verteidiger auf «Ritualmordgerüchte» hin. Der Richter wies diese Ausreden zurück und fällte da* oben erwähnte Urteil. Solen Katastrophale Not unter den jüdischen Studierenden in Warschau Warschau. Eine Illustration für die Verarmung der jüdischen Bevölkerung Polens ist die Tatsache, daß sogar die Mehrheit derjenigen jüdischen Studierenden, denen es gelungen ist, in die Universität atifgenommen zu werden, nicht in der Lage sind, die Hochschulgebühren zu zahlen und deshalb zu den Examina nicht zugelassen wird. Die jüdischen akademischen Verbände intervenierten zugunsten dieser Zurückgewiesenen bei den Rektoraten und dem Volksbildungsministerium, bisher aber ohne jeden Erfolg. Hunderte jüdische Studierende in Warschau hungern buchstäblich, und oft kommt es vor, daß jüdische junge Leute während der Vorlesungen und Uebungen vor Erschöpfung durch Hunger zusammenbrechen. Die Studenten-DarJehenskassa ist nicht mehr m der Lage, die an sie gestellten Ansprüche zu erfüllen. {Rußland Die Quote der jüdischen Neusiedler io Biro-Bidschan für 1933 von 25000 auf 17*000 herabgesetzt Moskau. Wie der Vorsitzende des Stadtsowjets vo» Biro-Bidschan, Michael Raschkes, dem J. T. A.-Vertrcter mifteilte, ist die Quote der im Verlauf des Jahres 1933 ln Biro- Bitschan seßliaft zu machenden Juden von 25.000 auf 17.000 Seelen herabgesetzt worden. Ein jüdischer Ingenieur haut das schnellste Flugzeug Europas Moskau. Der jüdische Ingenieur Neumann, Professor für Flugzeugbau an dem Charkower Fluginstitut, hat einen neuartigen siebenmolorigen Aeroplan konstruiert, der die Strecke von Charkow nach Moskau in 2 Stunden 50 Minuten zurückgeiegt hat, also 260 km in der Stunde geflogen ist. Er ist somit das schnellste Flugzeug m Europa und das zweitschnellste in der Welt. Neumann hofft, di* Schnelligkeit noch zu erhöhen. Seine Konstruktion findet stärkstes Interesse in Luftfahrerkreisen der ganzen Welt Ssehe cho Slowakei Ein jüdischer Sender für Europa in der Tschechoslowakei Nachman Kahan aus Bustino (Tschechoslowakei) hat einen Plan ausgearbeitet, in der Tschechoslowakei einen jüdischen Sender aufzustellen, der für eine jüdische und auch nichtjüdische Hörerschaft in den europäischen Ländern Wissen um Juden und Judentum verbreiten soll. Als Sendematerial kommen in Frage jüdische Nachrichten, Vorträg* über Juden und Judentum, jüd sche Musik, Gottesdienste, Feiern u. a. m. Die Ausgaben des Senders sollen gedeckt werden aus Subventionen der Radio-Industrie (wofür sich jüdische Hörer verpflichten, ihren Bedarf bei dieser Industrie zu decken), aus Entschädigungen seitens anderer Sender für übernommenes Material usw. Herr Kahan versichert, daß sein Plan sowohl in den Kreisen der Funkindustrie als auch in jüd'schen Kreisen lebhaftem Interesse begegnet ist. Architekten-Verein, 27. März, 8 Uhr: Oskar Teilst sprich! Jlltflsdia Dldiiunaen Einige Presscstlmmen: «Selbstwehr»: Teller ist ein ausgezeichneter Sprecher, dem eine modulafcjonsfähige, tragende Stimme zu Gebote steht... Max Brod Im «Prager Tagblatt»: Das große Pogrotr jedicht Bialtks, unvergeßliche Verse, denen der erlebt:!' echte Vortrag Tellers all ihre Bitternis ohne den Versucl kompromißhafter Milderung entlockte ... '(Brunner Tagesbote»: ...ausgezeichnete Qualitäten . . '•»timmliche Dynamik... schöne Wortkultur... atembeklemmende Wirkung... «N. W. Journal»: Hervorragende Qualitäten als dramatischer Sprecher... «Montag»: Fein gewähltes Programm ... sprach Wort und Vers frei und vermochte mit tiefer Beseelung... große Wirkung zu erzielen. (Wahrheit»: In der Zeit unseres modernen Kunstbetriebes, n der die größte Reklame den größten Erfolg verbürgt und man fast rettungslos dem Dilettantismus in seinen mannigfachsten Formen ausgel'efert ist, bedeutet eine Erscheinung wie die Oskar Tellers geradezu eine Wohltat...