Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 269 (2.3.1933)
- Date
- 1933-03-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 269 — 2. März 1933 DIE STIMME s«f?e s 4 KUNST UND WISSEN Beilage der „Sftmme" Niehel de Moitfaiqnes Mutter Za seinem 400. Gebmlsfaa Von Ptof. Di. Wilhelm Stein Man darf wohl den 400. Geburtstag des ersten bedeutenden französischen Denkers nicht voröbergehen lassen, ohne wieder in Erinnerung zu bringen, daß dieser Michel de Montaigne der Sohn einer jüdischen Mutter ist. Zwei Generationen der Eyquems, wie die Familie Montaignes eigentlich heißt, hatten sich bereits als tüchtige Geschäftsleute in Bordeaux bewährt, gleich erfolgreich im Handel wie im Bankwesen, als Piere Eyquem, der Vater des Philosophen, aus der Art schlug, indem er als Soldat nach Italien zog, um ganz im Stile der damaligen französischen adeligen Jugend dieses Jahrhunderts an den wechselvollen Kriegen zwischen Habsburgem und Bourbonen teilzunehmen. Bei seiner Rückkehr aus Italien heiratete er Antoinette de Louppes oder Lopes, die mit höchster Wahrscheinlichkeit einer nach Südfrankreich eingewanderten Marranenfamilie angchörte. Der letzte und unwiderlegbare Beweis für die jüdische Abkunft dieser Einwanderer kann allerdings kaum je erbracht werden, weil sie auch in ihrer neuen Heimat nicht zum Judentum zurückkehren durften, sondern sich lediglich vor der Inquisition dorthin geflüchtet hatten; aber Namen, Beruf und Lebensweise und lang gepflegte Familienbeziehungen lassen uns das Fehlen von Dokumenten und Aktenstücken nicht weiter bedauern. Uebrigens bringt Malvezin, der Historiker der Juden in Bordeaux, Stimmen von Zeitgenossen Montaignes, die seinen ketzerischen Skeptizismus mit seiner jüdischen Herkunft begründen. Auch daß der Philosoph in seinen «Essays» niemals über seine Mutter spricht, mit der er das ganze Leben in enger Beziehung star.d und die ihn sogar überlebte, hat z. B. der bekannte französische Literaturhistoriker Lanson damit erklären wollen, daß er sich ihrer jüdischen Abstammung schämte. Wahrscheinlicher ist, daß seine ganze Denkweise, die durchaus männlich, oft sogar frauenfeindlich ist, ihm keinen Anlaß zu einer solchen Erwähnung bot; recht unfranzösisch ist ja seine Mißachtung der Liebe als der alles überwindenden Leidenschaft; nur die Freundschaft findet Platz in seiner Gedankenwelt in seinem Leben. Jedenfalls ist das religiöse Bekenntnis der Mutter bis heute von der Forschung nicht festgestellt worden. Möglich, daß Madame de Montaigne Protestantin, bezw. Hugenottin war und daß sie auch versuchte, ihre Kinder für diesen Glauben zu gewinnen,’ denn ein Bruder und eine Schwester des Philosophen bekannten sich zur neuen Lehre. Und er selbst hat mindestens in seiner Jugend mit der Reformation sympathisiert, wenn er auch in seiner späteren Abgeklärtheit nicht verstehen konnte, daß man für religiöse Ueberzeugungen so große Opfer bringen konnte, wie sie die blutigen Hugenottenkriege verlangten. Für Montaignes Mutter gilt vielleicht auch, was er einmal über Zwangsbekehrte sagt, daß zwar die erste Generation die Grausamkeit des Gewissenszwanges nur mit Abscheu und Wut ertragen mag, die Kinder es aber mit der neuen Religion meist schon ganz ehrlich meinen. Denn das Testament der neunzigjährigen Dame ist erfüllt von tiefster Frömmigkeit und Demut, die zu ihrem sonst recht selbstsicheren, fast selbstgefälligen Wesen im krassem Widerspruch stehen. Sie rühmt sich;n diesem Testament, daß es vor allem ihr Verdienst sei, daß die Familie der Montaignes an Reichtum, Ansehen und Verbreitung so sehr zugenommen habe, da ihr Gatte als Bürgermeister von Bordeaux von den endlosen Kämpfen zwischen Stadt und König dauernd in Anspruch genommen war. Da wir aber sonst über den Charakter dieser Marranentochter recht wenig wissen, ist es schwer zu untersuchen, was ihr berühmter Sohn von ihr ererbt hat, wogegen die häufigen, oft recht ausführlichen Erwähnungen des Vaters, dessen Leben uns außerdem bis in Einzelheiten bekannt ist, den Biographen und Kennern Montaignes Gelegenheit zu geben, die Gemeinsamkeiten zwischen Vater und Sohn aufzuzeigen. Und doch ist man versucht, eine Parallele zu ziehen zwischen Montaigne, dem bedeutendsten Skeptiker der Franzosen, und Marcel Proust, dem genialen Dichter der Dekadence, dessen Mutter gleichfalls Jüdin war. „Wir jungen Juden“ von Karl Lieblich, Zonen-Verlag, Stuttgart. Neues Judentum einer neuen jüdischen Jugend. Aufgebaut auf philosophisch-messianisch-reformistischer Basis. «W i r jungen Juden», meint ein neuer Stern auf dem jüdisch-literarischen Himmel Deutschlands, sehen Judentum und die Welt nach unserer Art und wollen ein eigenes, ein neues Judentum schaffen. Die Form zu diesen Betrachtungen gaben drei Reden. Gehalten an Freunde. Ueber die Probleme der jüdischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die bilderreiche, neue Formen schöpfende Sprache der «Reden an die jüdische Nation» ist von einem Sturm innerer Begeisterung erfüllt. Die philosophischen, psychologischen und manchmal auch sehr materiellen Auseinandersetzungen mit den Dingen, die waren, sind und sein werden, sollen den Leser einmalig und endgültig überrennen. Fast geschieht dies. Man kommt nicht zum Atmen. Aber gerade die von den überschäumenden Worten ausgehende Suggestion ist zu betont, als daß sie wirksam sein kann. Man reibt sich bald die Augen und ist ernüchtert. Lieblich, ein Dichter von Format, wagt sich an die letzten Dinge jüdischer Politik. Er widmet sein Buch Simon Dubnow, um historischer Beurteilung teilhaftig zu werden. Der Grundzug seiner neuen Jugendbewegung im deutschen Judentum ist von der Erkenntnis erfüllt, daß das jüdische Volk der Gruppe der weisen Völker angehört. Im Gegensatz zu den klugen. Das verpflichtet, meint Lieblich. Daher versteht Lieblich das jüdische Volks- und Stammesbewußtsein. Anerkennt die daraus zu ziehende Konsequenz des Minderheitenschutzes, damit die Juden sich national rein erhalten und ausleben können. Die Juden sollen das Gürtelvolk der Erde sein. Ueberall zu Hause und überall anerkannt. Religiös müssen neue Wege gesucht und gegangen werden. Die alten, überlebten Formen, für die er keinen Inhalt sieht, sollen beiseite geschoben und durch neue, nicht näher bezeichnete, ersetzt werden. Sein Ersatz für die bisherige jüdisch-religiöse Form ist die — Wahrhaftigkeit. Dieser göttlichen Erkenntnis will er und seine Freunde leben. So das Judentum für ewige Zeiten «allüberall» erhalten. Zionismus: er hat den jüdischen Menschen viel gegeben. Selbstachtung, Selbsterkenntnis, nationalen Stolz — damit genug! Palästina, Zion ist nur Notbehelf. Palästinawanderung ist für Lieblich: sinnloser Auszug nach einer englischen Kolonie. Alles in allem: ein interessant geschriebenes**Buch eines geistig hochstehenden — Phantasten. Erfüllt von Liebe zu vielen jüdischen Werten und doch nicht wurzelnd in jüdischem Geist. Mehr Wille, Enthusiasmus als Kraft, Ven» ständnis für die «wahrhafte» jüdische Seele. Ein Versuch, mit dem Problem der religiösen Formen fertig zu werden. Ein Bemühen, der «entjudeten» jüdischen Welt einen neuert jüdisch-religiösen Inhalt zu geben, der den Nationalismus als Voraussetzung hat, aber neue Wege gehen will. Daß der neue Bund Lieblichs viele Anhänger finden wird, glauben wir nicht, aber wir sehen auch keine Bereicherung der «Lösung» der Judenfrage. Mit neuem Messianismus ist in dieser Aera wohl wenig anzufangen... Bruno Rabinowltz. Wachtel- Ausstellung Aus Anlaß der diesjährigen Makkabiade in Zakopane fand hier eine Ausstellung der neuesten Werke des bekannten Malers Wilhelm Wachtel statt. Die Ausstellung brachte ausschließlich Bilder aus dem neuen Palästina. Neben den charakteristischen Landschaften war es vor allem der eigenartige Menschentypus des Pioniers, der den Künstler anzog. Wachtel zeigt uns interessante Porträtstudien junger Mädchen und junger Männer, typisch jüdische Köpfe, den Bück in die Ferne, in die Zukunft gerichtet, den Körper in das einfache Gewand des Chaluz gehüllt. Besonders fesselnd sind die Gruppenszenen,. Burschen und Mädchen auf der Wanderung, laut singend oder wild entrückt die Horrah tanzend oder abends beim Feuerschein träumend. Ueber all diesen Bildern liegt das Licht Palästinas, die goldbraunen Strahlen der Sonne über den goldbraunen Gesichtern der Menschen. Wachtel, der dem jüdischen Leben und Erleben nachspürt, wo es am intensivsten ist, findet, nach den Ghettobildern seiner Frühzeit, die Verwirklichung seiner künstlerischen Sehnsucht in der malerischen Erfassung der neuen Menschen auf alter Erde. Dr. Henriette Lichtenstein. Konzertdbend Am 9. Februar d, J. hatte man im Konzerthaus wieder Gelegenheit, das blendende Zusammenspiel zweier Pianistinnen Edith und Relly Fiedler auf zwei Klavieren zu bewundern. Zu ihnen gesellte sich der Sänger Hans Beiter, der durch seine, mit kultivierter Stimme gebrachten Vorträge sich einen Separaterfolg sicherte. Last but not least entzückte Konzertmeister Prof. Josef Z i m b 1 e r, der mehrere Stücke, u. a. das Violinkonzert von Vieuxtemps, spielte, die zahlreiche Zuhörerschaft. Wieder einmal konnte man die reiche Musikalität und die brillante Technik dieses Geigenvirtuosen bewundern, die in all seinen Vorträgen zum Ausdruck kam. Es gab für alle Künstler dieses Abends starken Beifall. D. N. M. Gelber: Eine mißglückte Judenstaatsgründung im Midjangebiet (Ein Kolonisationsversuch Paul Friedmanns ln den Jahren 1891/1893) (Nach unbekannten Archivmaterialien) (Fortsetzung)*) Als Satisfaktion für die Verzögerung der Investitur verlangte Muatar Pascha wenigstens die Demission des ägyptischen Ministeriums, welche Forderung aber der Khedive als einen Eingriff in die autonome Verwaltung unter Protest abgelehnt hatte. Es bleibt somit, wie der österreichisch-ungarische Generalkonsul in Kairo, Freiher v. Heidler-Egeregg, wenn auch ironisch, aber doch richtig bemerkt, „eine originelle historische Tatsache, daß diese kleine Territorialumwälzung an der afrikanisch-asiatischen Küste durch die an die Operette streifende Judenexpedition des Herrn P. Friedmann hervorgerufen wurde, ohne welcher der für beide Seiten nicht wesentlich belastende Status quo vermutlich unbeanstandet weiter bestanden hätte». Kapitel IV. Trauriger Epilog. Während über Friedmanns indirekte Veranlassung In Konstantinopel und Kairo eine diplomatische Fehde ausgetragen wurde, saß ihr unschuldiger Initiator mit •einen Getreuen im Zeltlager von Scherm-el,moje ln der Siehe «Die Stimme» Nr, 256 vom 15, Dezember 1932. Zuversicht, er werde doch sein Kolonisationswerk bald in Angriff nehmen können. Als die türkische Besatzung in Dubbah erschien, war es bereits jedermann, nur Friedmann nicht, klar, daß sein Schicksal besiegelt ist. Friedmann war noch immer optimistisch gestammt. Er fuhr sogar mit drei Juden und einigen Beduinen- Scheiks nach Dubbah, wo er, wie er selbst in einem Briefe an einen Wiener Freund mitteilt, „ in voller Phantasie-Uniform, mit einem goldenen Gürtel, mit dem Revolver an der Seite» die Türken besuchte und den dortigen ägyptischen Behörden mitteilte, daß er nach Kairo gehe und dort erwirken werde, daß die türkischen Truppen entfernt werden. Schon in Suez erfährt er, daß der englische Major Frith mit 25 Mann die Türken aus Dubbah entfernen soll. Er kann daher prahlerisch erklären, daß diese Mission «mir zugeschrieben (wird) und ich werde für den Retter des Vaterlandes gelten. Im Grunde genommen, haben die Leute auch recht, ohne mich hätte man die Sachen wohl gehen lassen». Als die Türken ohne Befehl ihres Chefs Dubbah nicht räumen wollten, will Friedmann sogar mit seinen Leuten gegen die Türken losziehen, weil ihm dies bei den Beduinen großes Ansehen bringen würde. Noch am 4. Februar 1892 ist er überzeugt, daß die Türken in 14 Tagen von Dubbah wegziehen werden, aber schon am 11. Februar gesteht er selbst ein, daß sein Unternehmen gescheitert ist und er es daher völlig aufgeben muß. Als Schuldige bezeichnet er aber nicht das Abenteuerhafte an seinem Unternehmen, sondern seine jüdischen Teilnehmer, .weil «meine Juden Angst (haben) und nicht mehr bleiben (wollen). Nachdem sie zuerst vom Lande entzückt waren, fürchten sie sich vor den paar Türken in Dubbah und vor den Beduinen, die ihnen auf einmal höchst gefährlich erscheinen.» Auch die Getreuesten ersuchen ihn, die Expedition aufzugeben und sie vereinbarungsgemäß über Suez nach England oder Wien zurückzubefördern. Da er sie nicht halten kann, läßt er sie ziehen. Nur Baron Seebach, Dr. Fürst, Dr. Landsmann und die Unteroffiziere bleiben bei ihm. Er engagiert 25 Sudanesen als Bewachungsmannschaft und will trotz der bisherigen Mißerfolge und des Verlustes von 100.000 Gulden von seinem Kolonisationsprojekt nicht lassen, denn «es wäre eine Schande für die Juden, wenn mein Unternehmen so zugrunde ginge». Er fordert ln Briefen seine Freunde auf, daß die europäischen Juden 5000 bis 6000 Pfund jährlich für sein Unternehmen aufbringen, damit er «die Judenkolonie zur Ehrenrettung der Juden» ins Werk setzen könne. Sollten sie aber diese Förderung verweigern, dann wolle er die «Sache definitiv aufgeben». Es sollte aber der zweite Fall eintreten. Söine Teilnehmer sorgten dafür, daß in der Oeffentlichkeit das Scheitern seines Unternehmens des breiten erörtert wurde. Schon nach ihrer Rückkehr nach Kairo stellten sie Friedmann vor das deutsche Konsulargericht, über Veranlassung des russischen Diplomaten Agentew, unter einer Anklage des Mordes (wegen des Todes von Roßnowttsch). Wohl unterlag seine Freisprechung keinen! Zweifel, aber schon die Behandlung dieses Falle« mußte ihm Abbruch tun. (Fortsetzung folgt.)