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Die Stimme · 1933-03-02 · Heft 269 (2.3.1933) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 269 (2.3.1933)
Date
1933-03-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Sette? DIE STIMME Nr. 269 — 2. März 1933 «Das Gebot der Stunde — Juden raus», oder, wenn in manchen Straften Juden überfallen und mißhandelt werden, Oder wenn jüdische Geschäftsinhaber morgens am Eingang angebrachte Zettel vorfinden, die den Juden zur sofortigen Räumung des Geschäftes auffordern. Ein besonderes Kapitel in der haßerfüllten Wahlpropaganda bietet das Schlagwort «Judenregierung». «Deutschland wird von Juden regiert», heißt es Überall, und ei wird damit natürlich auf die blinden Masseninstinkf? gewirkt. Es ist aber bezeichnend, daß in den 19 Nachkriegskabinetten des Deutschen Reiches mit etwa 250 Reichsministern bloß fünf Minister jüdischer Abkunft waren. Auch die Länderregierungen haben keinen jüdischen Minister mehr, und der letzte, afn 31. Juli 1932 gewählte und am 12. September 1932 wieder aufgelöste Reichstag, der 608 Abgeordnete zählte, hatte einen Juden, u. zw. den Ehrenbürger der Stadt Berlin, den SPD-Abgeordneten Hugo Helmann. Die weiteren 12 Abgeordneten waren jüdischer Abatammung und bezeichneten sich als konfessionslos, religionslos, oder dissidentisch. Hingegen darf hier bemerkt werden, daß der deutschnationale Abgeordnete Quaatz von einer jüdischen Mutter stammt. Auch der am 24. April 1932 gewAhlte Preußische Landtag war fast judenrein. Unter den 423 Abgeordneten waren 2 Juden und 2 jüdischer Abstammung, ln den anderen Landesparlamenten befinden sich fast gar keine Juden. Unter den 12 Überpräsidenten, 35 Regierungspräsidenten und Uber 400 Landrflten in Preußen befand sich bis zur «Reinigung» im Sommer 1932 kein einziger Jude. Weder die Hauptverwaltung der Deutschen Reichsbahn, noch das Direktorium der Reichsbank, weder die Bank für Industrieobligationen, noch die Preußische Staatsbank, oder die Golddiskontobank weist eine jüdische Persönlichkeit auf. Die alten anderen Märchen, «Die Juden haben die Revolution gemacht», «Die Juden beherrschen das Weltkapital*, «das „jüdische Leihkapital” vermehrt sich ohne Arbeit, es ist raffendes und nicht schaffendes Kapital», wurden geistiges Eigentum jedes Gassenjungen, der als Retter der «erwachten Nation» heute auftritt. Auf diese sichtbaren Erscheinungen des vergifteten Lebens reagieren die Juden ruhig und würdevoll. Das jüdische Leben fließt weiter, jüdische Versammlungen werden weiter abgehalten und aktuelle jüdische Probleme werden nach wie vor erörtert. Der Optimismus als unentbehrliche Kraftquelle für jede fruchtbare Arbeit verläßt den Juden auch In den Zeiten der stärksten Gefahr nicht, aber er gibt lieh auch der leichtfertigen Selbsttäuschung nicht hin. Die Frage einer gründlichen Revision der den Ostjuden zuteil gewordenen Einbürgerungen wurde in allerletzter Zeit wieder angeschnitten. Die Einbürgerung von Ostjuden bildete schon in den letzten zwei Jahren Gegenstand der Beratungen im Reichsrate und Innenministerium. Schon Im Februar 1931 hat sich der Reichsrat mit großer Mehrheit grundsätzlich zu der Auffassungsbekannt, daß in den nächsten Jahren eine besonders strenge und zurückhaltende Behandlung der Einbürgerungsanträge erforderlich ist, und der Einbürgerung in der Regel ein Inlandsaufenthalt von 20 Jahren vorangehen soll. In der Reichshauptstadt z. B. befanden sich in den Jahren 1928, 1929 und 1930 unter 1092, 1284 und 1887 Gesuchsstellern, die das Polizeipräsidium Berlin einbürgern wollte, 313, 515 und 699 Ostjuden, Im Jahre 1931 sind von 1028 Gesuchsstellern 290 Ostjuden eingebürgert worden, das Jahr 1932 weist kaum einige Einbürgerungen auf. ln der ganzen «Ostjudenfrage» zeigt sich eine große Menge gordischer Knoten, deren Lösung mehr wie problematisch ist* Zum bevorstehenden Delegievieniag Der diesjährige Delegiertentag des Zionistischen Landesverbandes für Oesterreich tritt unter außerordentlichen Verhältnissen zusammen. Wir sind Zeugen eines Vernichtungsfeldzuges gegen das Judentum in Deutschland und niemand kann sagen, was uns in Oesterreich bevorsteht. In allen Ländern der Welt liegt das Judentum wirtschaftlich am Boden. Das Toben des Antisemitismus versetzt zaghafte Gemüter in Schrecken. In dumpfer Verzagtheit warten große Massen des jüdischen Volkes auf Erlösung, unfähig, sich aufzuraffen, unfähig, einen produktiven Gedanken zu fassen. Bitter rächt sich in diesen schwarzen Tagen die Politik des liberalen Judentums an seinen betörten Anhängern. Durch Jahrzehnte hat man das Judentum zu einer schamhaft verborgen gehaltenen Angelegenheit degradiert, die nur an den hohen Feiertagen, bei Hochzeiten und Begräbnissen und in der Kultusstube in die Erscheinung trat. Sonst war man Freisinniger, Liberaler, Deutschnationaler, Sozialist, je nach Epoche und Geschmack. Antisemitismus war für diese Menschen eine sterbende, in unsere hohe Kultur nicht mehr passende, anachronistische Erscheinung. Zionismus galt als eine utopistische Angelegenheit von Narren. Und nun hat Wirtschaftsnot und Nationalsozialismus diese «Israeliten» aufgeschreckt, die Trägheit ihres jüdischen Herzens hat einen Stoß erlitten, entsetzt blicken sie in eine graue, trostlose und unerbittliche Wirklichkeit. So wenden wieder viele, zaghaft noch, aber Immer zahlreicher, ihren suchenden Blick weg von fremden Idealen, sie begraben trügerische Hoffnungen und kehren zurück zum Judentum. Wir sind Zeugen dafür, wie ein prophetisches Wort Theodor Herzls zur Erfüllung reift: «Zionismus ist die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland.» Nun erwächst aber uns Zionisten eine ungeheure 'Aufgabe. Wir sind dazu ausersehen, unseren bisher Irregeleiteten jüdischen Brüdern Führer zu sein, sie davon zu überzeugen, daß nur der Zionismus die Judenfrage lösen kann und daß Palästina der archimedische Punkt des Judentums ist, ohne Rücksicht darauf, ob die Wirtschaft Palästinas gerade blüht oder nicht. Es wäre aber ungerecht, sich vor der Tatsache zu verschließen, daß erst jetzt auch viele Zionisten nach jahrelangem Fernbleiben daran gehen, den Weg zur Organisation wieder zu finden. Das sind Menschen, Eie sich enttäuscht oder verbittert von uns zurückgezogen haben, die das Dornengestrüpp des Parteinaders haßten, die an der Erfüllungsmögllchkeit des Zionismus zweifelten, weil sie eine falsche oder gar keine zionistische Erziehung genossen hatten, und weil das Herableiern von Phrasen und Parteischlagworten sie schließlich anekelte. Dann gibt es andere Zionisten, die zwar ihren materiellen Verpflichtungen der Organisation gegenüber nachkommen, im übrigen aber jeder zionistischen Betätigung ängstlich aus dem Wege gehen. Sie beruhigen ihr zionistisches Gewissen mit einigen nicht zu tiefen Griffen in ihre Börse. Diese Menschen wiederum der Organisation dienstbar zu machen, bildet ein ernstes Problem, an dessen Lösung seitens einiger Bezirkssektionen bereits ernsthaft herangegangen wird. Der Delegiertentag unserer Organisation ist ernster Arbeit gewidmet. Er wird sich dem Problem der Peripherie-Zionisten zuwenden müssen, gleichzeitig aber auch anderen Problemen der Organisation. Vieles ist verbesserungsfähig, vieles muß neu geschaffen werden. Ein besonderes Kapitel bildet z. B. die z i o n istische Erfassung der Menschen im Alter von etwa 18 bis 30 Jahren. Den Kinderschuhen entwachsen, finden diese Menschen in den Bezirkssektionen nicht immer den richtigen Kontakt zu den Aelteren. Hier liegt ein wichtiges Organisationsproblem. Machen wir doch die Erfahrung, daß das leider so große Kontingent der Abtrünnigen sich hauptsächlich auf die Altersstufen von 18 bis 30 Jahren erstreckt. Es müssen daher alle Anstrengungen gemacht werden, diese Altersklassen in solchen Organisationsformen zu erfassen, die diesen jungen | Menschen entsprechen. Die Möglichkeit bietet sich durch Angliederung entsprechender «Klubs» an die bestehenden Bezirksorganisationen. Es sei hier auf das Gedeihen des Klubs «Erez Israel», welcher der Bezirkssektion Leopoldstadt eingegliedert ist, hingewiesen. Ein derartiger Versuch wird übrigens detzeit von der Bezirkssektion VI/VII gemacht. Voraussetzung für das Gelingen derartiger Piäne ist allerdings die Schaffung entsprechender Heime. Ein weiteres brennendes Problem ist das der Jugend. Das Landeskomitee wurde von unseren zionistischen «Gegnern» systematisch schlecht gemacht. Trotzdem sind wir dank unserer unablässigen Arbeit heute so weit, daß wir uns auf einen starken Stock Jugendlicher stützen können, die uns treue Gefolgschaft leisten. Wir müssen aber leider fest¬ Bei Kopfstimmen, iheumatlschen und gichtischen Beschwerden wirken Togal-Tabletten rasch und sicher. Wenn Tausende von Aerzten dieses Mittel verordnen, können auch Sie es vertrauensvoll kaufen. In allen Apotheken des In- und Auslandes. Preis S 2.40. stellen, daß es Jugendgruppen gibt, die uns zwar nur bedingungsweise Gefolgschaft leisten wollen, dafür aber den Anspruch erheben, von uns bedingungslos gefördert zu werden. Auch dieses Problem muß rasch gelöst werden. Ein erfreuliches Moment unserer Jugendbewegung besteht darin, daß die Hebraisierung systematisch betrieben wird, und daß auch ein Teil der allgemein-zionistischen Jugend Hachscharah betreibt und schon eine Reihe unserer Jugendlichen mit Chaluz-Zertifikaten beteilt werden konnte. Ein brennendes Problem bleibt es jedoch, der Jugend entsprechende Heime zu besorgen. Das Fehlen eines Jüdischen Volkshauses bedeutet einen schweren Mangel!ni Leben der Organisation. Mehr denn je ist das Volkshaus in dieser schweren Zeit ein Gebot der Stunde. Es wäre damit ein ständiger Treffpunkt für das zionistische Wien geschaffen und viel Geld für Saalmieten usw. könnte erübrigt werden. Das Postulat: «Schaffungeinesjüdisehen Volkshauses» darf aus der Diskussion nicht mehr verschwinden. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Es ist unsere Schuld, daß wir in schwerer Zeit schaffen müssen, was in der sogenannten guten Zeit leider verabsäumt wurde. Unsere organisatorischen Aufgaben sind schwer, die Mängel unserer Organisation ebenfalls. Trotz allem haben wir bei den Kultusgemeindewahlen gesiegt. Das legt uns in organisatorischer Hinsicht schwere Verpflichtungen auf. Es hat sich zwar gezeigt, daß unsere Bezirksorganisationen wertvolle Kader sind, sie müssen aber ausgebaut und vermehrt werden. Seit unserem Siege haben sich in den Bezirken Hietzing, Währing und Döbling neue Sektionen etabliert. An die Erfassung des 9. Bezirkes muß energisch herangegangen werden. Was Organisation und Begeisterung vermag, hat bei den Wahlen die Sektion Prater bewiesen. UnserSieg bei den nächsten Wahlen in die jüdische Gemeinde muß das selbstverständi liehe Ergebnis einer mächtigen zionistischen Organisation in Wien sein. Wir müssen aus unseren Fehlern und Unterlassungsünden lernen. Darauf muß der Delegiertentag seine Beratungen konzentrieren. Wir müssen zielbewußt an die Erfassung der Jungen und Alten herangehen. Zionismus ist keine Knopflochangelegenheit. Das Abzeichen macht noch nicht den Zionisten. Zionismus ist Weltanschauung, ist das Ergebnis der aus den soziologisch richtig erfaßten Grundlagen unseres Volkes gezogenen Schlußfolgerungen auf allen Gebieten des menschlichen Lebens. Zionistische Erziehung muß daher die Erkenntnis .der sozialen u n d der geistigen Komponenten des Judentums vermitteln. In dieser aufgewühlten Zeit, in der die seelische Bereitschaft bei den meisten Juden vorhanden ist, können Agitationserfolge erzielt werden, wie nie zuvor! Unsere Arbeit zur Verbesserung und Stärkung der Organisation darf vor den P oblemenderWeltorganisation nicht haltmachen. Wir müssen dem grotesken Zustand zu Leibe rücken, daß die Zionistische Exekutive sozusagen im luftleeren Raun, kämpft; denn das Getriebe zankender Gruppen und Grüppchen verdient nicht den Namen Weltorganisation. Die brennendste Frage ist die der o r g a n i s a t o r i s c h e n Stellung der Revisionisten. Wir möchten wünschen, daß die Heilung aus dem revisionistischen Lager selbst kommt. Die Heilung muß aber radikal sein. Besser ein schmerzhafter Schnitt, als dieses!agsame, aber sichere Sterben der Weltorganisation. Die Geschichte des Zionismus kennt eine Kattow i t z e r Konferenz, von der mächtige und gute Impulse ausgingen. In Kattowitz wird demnächst die revisionistische Weltkonferenz stattfinden. Wir wollen hoffen, daß sie die Beschlüsse von Calais und Wien radikal revidiert, und daß in Kattowitz ein trauriges Kapitel zionistischer Verirrung sein Ende fmJet. «Zurück zur Organisation'» sollte der Kampfruf aller zionistischen Parteien, nicht nur der Revisionisten sein. Träger dieser Forderung müssen allen voran die Allgemeinen Zionisten sein, die, wie wir in Oesterreich, seit vielen Jahren die Landesorganisationen und damit die Weltorganisation halten. Wir müssen klar erkennen, daß wir ein kostbares Gut erhalten und vermehrt haben. Der Zionistische Landesverband in Oesterreich ist auch zahlenmäßig stärker als alle anderen zionistischen Gruppen in Oesterreich zusammen. Gerade aber, weil wir die Träger der Zionistischen Weltorganisation in Oesterreich sind, weil wir die Majorität der österreichischen Zionisten sind, obliegt uns die zionistische Pflicht, d i e Sondergruppen aufzufordern, sich dem Landesverband anzuschließen. Die Tore unserer Organisation stehen jedermann offen. Wir haben aber kein Verständnis für eine Krähwlnkelpolltlk, die sich austobt in kleinlichen Zänkereien, persönlichen Animositäten und Intrigen. Noch weniger haben wir Anlaß, uns Bedingungen Zur Komplettierung des Chajes-Waldes fehlen noch 972 Bäume! Aäfck Juden Wiens! Stiftet Bäume und Gärten im „C HAJES-WALDE“ <

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