Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 268 (23.2.1933)
- Date
- 1933-02-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nf. »8 — 23. Februar 1033 DIB STIMME Seile 8 VON NEUEN BÜCHERN Ber Borochovs zionistische Sendung* *) Der Zionismus ist wie eine jede große, geschichtlich wirksame Idee eine komplexe geistige Erscheinung, vielfältig in ihrer Entstehung bedingt, von vielen Standpunkten her begründbar. In Theodor Herzis Werk klingen alle diese Elemente der zionistischen Idee an, dominierend aber ist im «Jüdenstaat» un-zweifelhaft die politische Auffassung der Judenfrage; das Fehlen einer staatlichen Organisation des jüdischen Volkes ist nach Herzis Auffassung die letzte Ursache der Judennot, die Wiederherstellung des jüdischen Staatswesens, die Umwandlung der Judenheit aus einem Objekt der Politik in ein Subjekt des weltpolitischen Kräftespiels war ihm der Weg der Erlösung. Es war die Funktion des «geistigen Zionismus» in der Gestattung der Lehren Achad Haams und Martin Bubers, den Zionismus als kulturgeschichtliche Notwendigkeit erfaßt zu haben; insbesondere für das Westjudentum ist diese Begründung des Zionismus bedeutungsvoll geworden, da sie durch ihren Ausgangspunkt, die Behauptung einer spezifischjüdischen Geistesart, eine individualistische Struktur aufwies und so dem vom jüdischen Volkskörper isolierten Westjuden entgegenkam. Die geschichtliche Bedeutung Ber Borochovs — dessen wesentlichste Geistesarbeit nunmehr auch dem. deutschen Leser dank des Erscheinens der von Mendel Singer besorgten Ausgabe seiner ausgewählten Schriften zugänglich geworden ist — besteht nun darin, daß er neben die politische und kulturelle Konzeption des Zionismus die sozialökonomische gestellt hat. Ber Borochov ist Marxist und erkennt als solcher, daß neben die machtpolitischen und kulturellen Motive einer Bewegung das wirtschaftliche Motiv treten müsse, soll diese zu einer geschichtlichen Kraft im wahren Sinne des Wortes, zu einer Massenbewegung werden. Im Gegensatz zu Herzl, der durch und durch voluntaristisch gerichtet war — «wenn ihr nur wollt, ist es kein Märchen» ist sein persönlichstes Wort — ist Borochov Vertreter des modernen Evolutionismus, der vor der zu setzenden Tat die Frage stellt, ob sie mit den gegebenen Entwicklungstendenzen übereinstimmt, andernfalls er sie ln das Reich der Utopie verweist. Wie man auch zu dieser Einstellung weltanschaulich stehen mag, man wird zugeben müssen, daß sie für den Großteil der jüdischen und nichtjüdischen Menschen der Gegenwart charakteristisch ist; man wird daher dem Versuch, den Zionismus als Ziel- *) Ber Borochov: «Sozialismus und Zionismus. Ausgewählte Schriften, herausgegeben von Mendel Singer. 393 Seiten. Wien 1932. Lion Feuchtwanger: Der jüdische Krieg Das ist die Geschichte von dem Falle Jerusalems und der Zerstörung des Tempels durch die Legionen Roms unter Führung des Titus, Sohn des Vespasian, geschehen am 9. Ab des Jahres 3830, und auf ihrem Hintergründe das Bildnis des Juden Josef Ben Mathias, Priester der ersten Reihe aus Jerusalem, später genannt Josephus Flavius und Geschichtsschreiber des römischen Krieges gegen J däa, dessen Zeuge bis zum Ende er war Mit eindringlicher Einfühlung wird uns der eigentümliche und qualvolle Zwiespalt seiner Seele enthüllt, der Leidensweg und die Verdammnis des Mannes, der nach seinem Aufstande gegen die Römer und trotzigster Abwehr gegen diese dann als Gefangener den Weg zu ihnen fand, zum römischen Bürgertum und Namen und offizieller Chronist des von römischer Politik diktierten Vernichtungsfeldzuges gegen Judäa wurde, dessen letzte Brandfackel der herodianische Tempel war. Wurde er Weltbürger oder — Verräter? War es nur Vernunft, klarer Tatsachensinn, der ihn im Aufstand des Simon Bar Giora verblendeten nationalen Wahnwitz sehen ließ, oder die geänderte Einstellung eines Mannes, der in Rom, der Stätte seines Aufstiegs, geneigt war der römischen Staatsräson Recht zu geben? Feuchtwanger gibt uns in seinem Werk eine seelische Ehrenrettung des Josephus, die überzeugt. Da er während des römischen Triumphes über das bezwungene Judäa bei dem Anblick des in Ketten geführten Jüdischen Feldherm verzweifelt aufstöhnt, gilt ihm unser Mitleid. Unser Verstand gibt in dieser Stunde seiner Voraussicht, seiner Versöhnungspolitik Recht. Das unvernünftige Herz ist bei jenen, die sich bis zuletzt nicht ergaben. Mit den heutigen Augen gesehen, ist es eine Tragödie seelischer Abkehr, Tragödie des aus seinem ererbten und einheitlichen Fühlen entwurzelten, m einen fremden Kulturbereich verpflanzten jüdischen Menschen. Auch seines Ehrgeizes und Aufstiegs, Tragödie der Karriere. Ihren Gegenpol hat sie in der Gestalt der schönen, herrlich schreitenden Bere- 'nike, jüdischen Prinzessin aus dem Geschlecht der Hasmonäer und Geliebten des Titus, Triumphator über ihr Land, Von dem sie um die ihr versprochene Rettung des Tempels betrogen wirdL punkt der Entwicklung der sozialökonomischen jüdischen Wirklichkeit aufzuzeigen, vom Standpunkt der zionistischen Theorie und Praxis die größte Bedeutung zubilligen müssen. Tiefe und grundlegende Einsichten in das jüdische Wirtschaftsleben sind es, die uns Borochov auf seinem Wege, den Zionismus aus dem ökonomischen Alltagsbedürfnis der jüdischen Massen abzuleiten, eröffnet. Von tiefstem Mißverständnis seines Werkes zeugt die Meinung, Borochov sei nur der Theoretiker des proletarischen Zionismus gewesen; es ist vielmehr sein geschichtliches Verdienst, endgültig den Beweis dafür erbracht zu haben, daß der Zionismus den Interessen aller Klassen des jüdischen Volkes entspricht, mit Ausnahme der Großbourgeosie, die bei keinem Volke mit der nationalen Produktion und dem nationalen Markt verbunden ist. Die Lage dieser schmalen Schichte des jüdischen Großbürgertums bildet den sozialen Nährboden des politischen Assimilantentums, das die Richtung, in welche die jüdische Dynamik, die nationale Konkurrenz, vor allem die jüdische Geschichte lenkt, nicht erkennen will: nicht Auflösung, sondern Konsolidierung des jüdischen Volkstums ist das Ziel der Entwicklung des jüdischsozialen Lebens. Für die überwiegende Mehrheit des jüdischen Volkes, für das jüdische Kleinbürgertum, für die sich proletarisierenden Massen und für das jüdische Proletariat ist der Zionismus der Weg, den diese Klassen gehen müssen, sofern sie den vitalsten Notwendigkeiten ihres Klassenschicksals gerecht werden wollen. Die Grundursache der Not des jüdischen Kleinbürgertums sind die engen Grenzen, die seiner Produktivierung in den Ländern jüdischer Massensiedlung gesteckt sind. Elementar, fast automatisch haben die jüdischen Massen den Weg gefunden, der zu ihrer Eingliederung in den Wirtschaftsprozeß führt: die Emigration. Die Ergebnisse der epochalen jüdischen Wanderung nach Nordamerika zeigen aber, daß nicht jede Emigration zur Lösung der ökonomischen Judenfrage führt. Es ist nicht nur der mit der jüdischen Einwanderung wachsende Wirtschaftsantisemitismus, der die großkapitalistischen Staaten auf die Dauer zu ungeeigneten Einwanderungsländem macht. Hier können die jüdischen Massen ihr ökonomisches Lebensziel, aus ihren Luftberufen in die ersten Stadien des Wirtschaftsprozesses einzudringen, nicht verwirklichen, diesem zentralen Bedürfnis des jüdischen Kleinbürgertums kommt der Zionismus mit seinem Bestreben entgegen, die jüdische Wanderung in ein Land zu lenken, wo die Juden in kurzer Zeit die ersten Produktionsstadien besetzen können. Auch die Schauplätze der fünf Bücher des Romans sind Rom, Galiläa, Cäsarea, Alexandrien und Jerusalem. Doch trotz des Reichtums der Aktion, der Anzahl der agierenden Figuren handelt es sich um keinen geschichtlichen Roman im herkömmlichen Sinn. Kaiser Nero ist kaum angedeutet, seine Gemahlin Poppäa tritt nur in der Begegnung mit dem jüdischen Schauspieler Demetrius Liban uns näher, auch Vespasian und Titus werden mehr psychologisch geschildert und durchleuchtet als plastisch und dramatisch vorgeführt, wie es historische Romanciers gerne zu tun pflegen. Während bei diesen der Prunk der Szenerie, die Spannung der Fabel das eigentlich Historische verkleidet, erscheint es hier am stärksten sichtbar. Dieses Werk ist mehr Bericht als Fiktion. Es hat nicht den Ehrgeiz künstlich verschlungene Schicksale von Einzelpersonen zu gestalten, sondern ein Gemälde der Geschichte selbst aufzurollen. Der Aufputz an episodischer Schilderung, an Erfindung und Ausmalung von Einzelheiten tritt gegen die Ereignisse selbst, die der Aktion den Hintergrund geben, völlig zurück. Es ist, als wäre des Dichters Ehrfurcht und Ergriffenheit vor jener Wirklichkeit des jüdischen Volksschicksales, die wiederzugeben er unternimmt, zu groß, als daß er nicht bestrebt wäre jene selbst vor uns erstehen zu lassen und nur zu versuchen sie unserem Verständnis so gut wie möglich näherzubringen. Kühn und neu zugleich ist die Art, in welcher er dies bewirkt. Während andere Autoren bestrebt sind, den Leser möglichst in den Geist jener Zeit, die sie schildern, ihre Kultur und Lebensgewohnheiten, ihren Alltag und ihr Tagewerk in deren ganzen, uns fremd und ungewohnt erscheinenden Art hinein zu versetzen und deshalb ihre Schilderungen möglichst historisch und archäologisch untermalen, versucht Feuchtwanger diesen Kontakt mit der Vergangenheit auf eine gerade entgegengesetzte Art herzustellen. Statt den Leser der Zeit, bringt er diese dem Leser nahe, und zwar so, daß er für sie möglichst die Terminologie von heute gebraucht. Er spricht von ihr in den uns heute geläufigen und vertrauten Ausdrücken, die der heutigen Technik, Politik, Wirtschaft usw. entnommen sind. Er spricht von Doktoren, Studenten und Seminaren der Theologie, von Soldaten, Offizieren, Generälen und Feldmarschällen, von Kultuspräsidenten, Ministern, Fabrikanten und Spediteuren und ebenso vom Korso, von Boulevards, Lage der jüdischen Arbeiterschaft zeigt wesentliche Abweichungen von der normalen Klassenlage der Arbeiterschaft der Wirtsvölker. Die unbefriedigenden Ergebnisse des Klassenkampfes des jüdischen Proletariats erklärt BoroCbov mit seiner typischen Berufsgliederung, denn die jüdischen Arbeiter sind fast ausschließlich bei der Produktion von Konsumgütern beschäftigt, sie stehen außerhalb der Urstadien des Produktionsprozesses. Der Weg des jüdischen Proletariats zum Sozialismus führt über die Umgestaltung seiner Berufsstruktur, Uber seine Eingliederung in die entscheidenden Produktionszweige, ein Ziel, das nur durch die Schaffung des jüdischen Wirtschaftskörpers in Palästina realisiert werden kann. So ist denn der Zionismus im Lichte der Borochovschen Theorie «das logische Ergebnis der hundertjährigen ökonomischen Umwandlung der jüdischen Massen», der Weg des jüdischen Kleinbürgertums zur Umgestaltung seiner Klassenlage, von der aus es erst einen vollwertigen Kampf um den Sozialismus führen kann. Das vorliegende Werk gibt uns aber mehr als die oben nur ganz allgemein referierte Grundkonzeption der Borochovschen zionistischen Theorie. Es ist dem Herausgeber Mendel Singer dank seiner profunden Kenntnis der Borochovschen Lebensarbeit gelungen, die charakteristischesten Arbeiten Borochovs aus den verschiedenen Epochen seines nur allzu kurzen Lebens auszuwählen und uns den Einblick in die innere Entwicklung des Poafe-Zionismus zu ermöglichen, die zur Intensivierung der ursprünglich abgelehnten Teilnahme an der praktischen Palästinaarbeit geführt hat. Für den deutschen Leser sind insbesondere die Arbeiten zur Geschichte der jüdischen Arbeiterbewegung wichtig, dazu gehören auch die hier veröffentlichten Aufsätze Ben Zwis, Kapiansfcys und Hers über Borochovs Persönlichkeit, denn die Geschichte seines Lebens ist die Geschichte des jüdischen Sozialismus in seiner heroischen Epoche Mendel Singer hat mit der Herausgabe dieses Buches dem deutschen Judentum den Weg zum klassischen Werte des zionistischen Sozialismus eröffnet. Zur richtigen Zeit: denn wenn vor 25 Jahren, als Borochov seine Theorie schuf, diese eine Abstraktion der Verhältnisse im Osten war, heute bewährt sie sich auch in Mitteleuropa und den Vereinigten Staaten: die Angleichung der wirtschaftlichen Lage des Westjudentums an die des Ostjudentums, die wachsende Verdrängung des jüdischen Mittelstandes aus seinen Positionen, macht uns zur Aufnahme der Borochovschen Lehren reif. Jeder zionistische Leser wird durch die Lektüre. <les Werkes. die zionistische Aufgabe neu sehen, er wird^us ihr in seinem zionistischen Glauben gefestigter hervorgehen. Sinnvoller als durch die Edition der Borochovschen Arbeiten konnte die zionistisch-sozialistische Bewegung ihr fünfundzwanzigjähriges Jubiläum nicht feiern! Dr. Max Pilzer. Villen, Porträts, Parfüms, Lorgnons und Konfekt. Er schminkt durch dieses Vokabular die ferne Zeit von außen wie in die unsere um. Die Distanz ist überbrückt, der Hauch von Seltsamkeit und Fremdheit, der für uns jeder vergangenen Epoche anhaftet, abgestreift und sie selbst ins nüchterne Licht der Jetztzeit getaucht. Und gerade deshalb empfinden wir sie plötzlich wie die unsere. Dies um so mehr, als der Autor bestrebt ist, alle wirkenden Ursachen der Ereignisse klar vor uns bloßzulegen. Er enthüllt die verschiedenen politischen und militärischen Aspirationen, die persönlichen Eifersüchteleien und Intrigen, die treibenden wirtschaftlichen und sozialen Faktoren, durchleuchtet unerbittlich Menschen und Zustände. Stellenweise wirkt das Buch wie ein strategisches, wirtschaftliches oder politisches Kolleg über jene Zeit, ihre Menschen und Aktionen. Dazu gesellt sich der Stil, der sachlich, fast trocken, zuweilen skeptisch, ja ironisch wirkt. Er bleibt immer gemessen, fast sparsam. Aber unter der Kühle des Chronisten, seiner Knappheit und Beherrschung spüren wir immer des Autors schlagendes Herz... Unter jenen Bildern, die unauslöschlich haften, wie Libans Besuch bei den drei jüdischen Priestern im Kerker, Josefs Audienz bei Poppäa, die Schilderung des Tempelinnern, die Bestattung des Simon Bar Giora, bleibt als Höhepunkt eines: Josefs Oespräch mit dem Weisen Jochanan Ben Sakkai, Hilleis Schüler, der gleich daran geht, an Stelle des zerstörten Tempels einen solch***> des Geistes, das in Seelen zu verankernde Gesetz, die das Leben fassende und heiligende Idee als einen unsichtbaren und unzerstörbaren Tempel aufzurichten. Dieser Tempel besteht Er hat das Rom der Cäsaren und andere Sinnbilder zeitlicher Macht überdauert. Er sah sie entstehen und schwinden, Blasen, welche aufsteigen und platzen. Er wird auch jene überdauern, weiche das Heute aufwirft... Der Dichter selbst weist auf ihn hin, da er da« Finale der Zerstörung von der lichten Gestalt Jochanans und der geistigen Saat, die er in Jabne auszustreuen gedenkt, überstrahlt. Daß er dieses Ewige im Judentum gerade in der Düsterheit dieser Zeit vor uns aufieuchten läßt und unsere Herzen und Seelen mit der Größe seiner Vision bannt, darin liegt die Tat und da« Verdienst des großen jüdischen Gestalters Lion Feuchtwanger. Dr. Victor E. Ford««.