Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 266 (9.2.1933)
- Date
- 1933-02-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 9» — 9. Februar 1933 DIE STIMME «ms KUNST UND WISSEN M&üjo&iifest daK ßaune. Ur* Samuel Rappaporf: Chamischa Aisn Chamischa As6arl Welch Erinnerungen aus froher f Jugendzeit werden im Herzen eines in der Tradition der Väter aufgewachsenen Ostjuden bei Nennung dieses Wortes wach. Mitten im rauhen, eiskalten Winter ein heiterer Sonnenstrahl von jenseits des Meeres, aus Erez Israel, das uns durch die Thora gut bekannt war, fast noch mehr als das Land, in dem wir geboren sind. Ein warmer Gruß aus jenem weiten Lande, nach welchem unsere kindliche Seele sich so sehr gesehnt und daß wir in unseren Träumen so oft gesehen haben. Die Kotei Maarawi, die Gräber der Väter, wie die Sagen Erez Israels, die stolzen, in den Hunmel ragenden Palmen Jerichos, die Feigen, Mandeln, Bockshorn und Weihstöcke, die in den Gefilden der Berge Judas prangen, blühen, duften und reifen, hatte unsere kindliche Seele geschaut. Nun sahen wir die alten Köstlichkeiten, die — wie uns die Thora erzählt — Vater Jakob aus Kanaan seinem königlichen Sohne geschickt, heute, am Chamischa Asear, vor uns mit unseren leiblichen Augen. Wie sollte unsere Brust sich nicht freudig heben und unser Herz lachen? Schon am Morgen des Chamischa Assar sah und sieht man noch heute in den von Juden bewohnten Straßen, wie aus dem Boden gestampfte, mit Datteln, Feigen, Bockshorn und Nüssen beladene Stände, an denen «Chamischusser» mit lauter Stimme feiigeboten wird. Auch Obst- und viele Lebensmittel- und Zuckerwarengeschäfte sind mit großen, frischen Tafeln versehen, auf denen angezeigt wird, daß hier «Qhamischusser» zu haben sei. Der Vofksmund nämlich hat die vulgäre Bezeichnung des Tages auf die Fruchtmischung, die heute sozusagen traditionell gegessen wird, übertragen. So tragen Tag und die betreffende Fruchtmischung denselben Namen, nämlich «Chamischusser». Wohl gibt es kaum ein jüdisches Haus Im Osten, in welchem sich nicht groß und klein, jung und alt am heutigen Tage am Chamischusser gütlich täte. Auch im armen Hause, wo mitunter das Brot karg zugemessen ist, darf es am Chamischusser arl «Chamischusser» nicht fehlen. Selbst Familien, die sonst nicht streng auf rituellen Brauch achten — an dieser Tradition wird keineswegs gerüttelt, und wollten sie vergessen, werden sie von der Jugend stürmisch daran erinnert. Für uns Chederjünger hatte überdies der «Chamischassar» noch einen ganz besonderen Reiz. Abgesehen von der historisch-traditionellen Bedeutung des Tages — worüber noch weiter unten die Rede sein wird — und der Freude an den vielen köstlichen Baumfrüchten des Morgenlandes, mit denen wir von Eltern, Großeltern, Onkels und Tanten beschenkt wurden, waren wir auch an diesem Tage ganz vom Chederbesuche frei. Obzwar unser gewissenhafter, lehrbeflissentr Melamed Miene machte, dem Thorastudium keinen großen Abbruch zu tun und uns bloß den Nachmittag frei zu geben, belvarrten wir doch, wir, die sonst Folgsamen und Lernfreudigen, darauf, diesen schönen und so gewichtigen Tag ganz vom Cheder befreit zu sein. Der gute Rabbi sah ein und erfüllte unser gerechtes Begehren, so daß wir uns vom frühen Morgen bis zum späten Abend den Wonnen des Chamischassar widmen konnten. Glücklich und freudevoll sagten wir die traditionell gebotenen Brochot vor und nach dem Genuß der vielartigen Früchte, in welchen Brochot wir Gott segneten ob der Baumfrüchte und ganz besonders der Früchte «des lieblichen, guten und weiten Landes, das Er begnadet und unseren Vätern vereinte, daß wir seine Frucht genießen». Die Freudigkeit des Tages barg jedoch für uns Kinder auch einen gewissen Emst. Ist doch der Obamischassar in seinem eigentlichen Wesen, nach Angabe des Talmud, der Rösch Haschanah Leilanoth, d. h. das Neujahr der Fruchtbäume. Roech Haschanah fet doch für uns Menschen der «furchtbare» Tag des himmlischen Gerichtes, ein Tag, an welchem über unser Geschick, Leben und Tod entschieden Wird. Wir Menschen beten an unserem Rosch Haschanah inbrünstig um günstiges Urteil für das kommende Jahr. Auch den Fruchtbäumen dürfte ihr Rosch Haschanah m ihrer Art von hohem Emst und für kommendes Schicksal entscheidend sein. Wie schön und interessant wäre es, an diesem Tage Fruchtbäume zu sehen. Würde man an Ihnen eine Rosch Hagchanah-Stimmung merken können? In der .Stadt waren wohl Fruchtbäume kaum zu finden. Ein kleiner, enger Freundeskreis, unternahmen wir daher den Weg nach außerhalb der Stadtgrenze, wo wir einen großen, dicht mit Fruchtbäumep bestockten Garten wußten. Mitten ist eisiger Kälte, in tiefem Schnee stampfend, schritten wir fettige, bis wir an das gewünschte Ziel gelangten. Wie ge- . bannt blieben wir da stehen vom sonderbar eigenartigen ■ Adfalicfc, der skh uns bot, tief ergriffen» In Weiß, wie I unsere Väter am Jom Kippur in Kittel, standen sie, die Fruchtbäume, da. Durch einen leisen Wind, der durch ihre Zweige strich, bewegt, vernahm man ein leises, fast flüsterndes Rauschen. Wir wußten, was dies bedeutet. Die Bäume beten. Ein stilles, inbrünstiges Gebet in der Sprache der Bäume, die zu verstehen nur König Salomo gegeben war. Auch in unserem Lande, in Erez Israel, beten heute die Fruchtbäume um Leben und Rettung vom Hieb der fallenden Axt, vor Trockenheit, für Fruchtsegen und Rückkehr ihres wahren Besitzers Israel aus den Ländern der Zerstreuung. Auch tragen sie am heutigen Tage keine weißen Kittel wie ihre Brüder im Norden, da auch die Juden in Erez Israel am Jom Kippur in keinen Kittel gehüllt vor Gott erscheinen. Mit dem Bewußtsein, einen tieferen Einblick in die Bedeutung des Chamischassar, in das innere beseelte Leben der Fruchtbäume gewonnen zu haben, kehrten wir in gehobener Stimmung erst nach Anbruch der Nacht nach Hause zurück. Mit vollem Verständnis genossen wir erst jetzt unsere Früchte und mit doppelter Andacht sagten wir unsere Brachot aller Fruchtbäume und insbesondere jener Bäume im Lande unserer Väter gedenkend und sie segnend. Unser heutiger traditioneller «Chamischassar» ist eigentlich an sich eine Reminiszenz an ein aitjüdisches Bauernfest, dessen ursprüngliche Bedeutung jedoch dem von seinem Heimatboden verjagten, in die Zerstreuung gegangenen Volke verloren gegangen und bloß in der Halachah Spuren hinterlassen hat. «Chamischassar» ist eine vulgär korrumpierte Bezeichnung für das hebräische «Chamischah Assar» (bischwat), d. h. der 15. Tag im Monat Schwat, der Tag, der im Talmud als Neujahr der Fruchtbäume bestimmt wird. Dieser Termin gilt in der Halachah sozusagen als Stichwort für die in der nächsten Ernte zur Verzehntung (maasser) kommenden Baumfrüchte. Der fünfzehnte Schwat fällt um die Zeit nach der Wintersonnenwende, in der in Erez Israel die kalte Periode der starken Regengüsse schon vorüber ist, der Boden schon genügend mit Feuchtigkeit gesättigt, die Säfte in den Bäumen zu treiben beginnen und eine warme Sonne die Vegetation zu neuem Leben weckt. An diesem Tage, d. i. am 15. Schwat, pflegte man im alten Erez Israel mit dem Pflanzen der Fruchtbäume zu beginnen, was im ganzen Lande feierlich begangen wurde. So wurde der 15. Schwat zu einem volkstümlichen, freudigen Naturfest. Der Jude hat seit altersher ein inniges, liebevolles Verständnis für den Fruchtbaum und seinen Segen. In der Bibel wird der Mensch einem Fruchtbaume verglichen und dessen Fällung strenge verboten. Der Talmud milderte zwar dieses Verbot, gestattete jedoch die Fällung eines Fruchtbaumes nur in bestimmten, für den Menschen besonders nützlichen Umständen. Nach einem agadischen Ausspruch soll der Fruchtbaum sogar beseelt sein: wie der Wehruf der Seele des Menschen, da sie den Körper verläßt, so dringt auch der Schrei des Fruchtbaumes, wenn er unter dem Hieb der Axt fällt, von einem Ende der Welt bis zum zweiten, nur daß unser menschliches Ohr diese Stimmen nicht zu hören vermag. Aus Anlaß freudiger Ereignisse, wie z. B. bei Geburt eines Kindes, pflegte man in Erez einen Fruchtbaum zu pflanzen. R. Jehuda Hanassi hat, um seiner Freude ob der wunderbaren Errettung des jüdischen Volkes nachdrücklichsten Ausdruck zu verleihen, am Purimtage einen Fruchtbaum gepflanzt. So dürfte auch zur Zeit des alten Israel, als «jeder unter seinem eigenen Weinstock und seinem eigenen Feigenbaum saß», der 15. Schwat, an dem man alljährlich mit dem Pflanzen der Fruchtbäume begann, ein — wenn auch profaner — allgemein gefeierter froher Festtag gewesen sein. Nach Verlust des heimatlichen Bodens und dem Beginn der Nacht der Zerstreuung ging die ursprüngliche Bedeutung und das Wesen des 15. Schwat dem Gedächtnis des Volkes allmählich verloren. Im Talmud bloß erhielt sich eine Erinnerung an den 15. Schwat in der halachischen Diskussion und Entscheidung, betreffend der Verzehrung der Baumfrüchte. Eine bloße Reminiszenz scheint im Bewußtsein des Volkes doch fortgelebt zu haben. Eine viel spätere Tradition verlangt, daß der 15. Schwat wie die anderen besonderen Tage behandelt werde, an welchen jede öffentliche Trauer vermieden und im synagogalen Ritus, im Gegensatz zu den gewöhnlichen Wochentagen, das übliche Bußgebet nicht gesagt werde. Wahrscheinlich war es auch in manchen Ländern, vermutlich im Orient, alter Brauch, an diesem Tage Baumfrüchte, die in Erez Israel gedeihen, zu essen, doch haben wir hierüber in der älteren Literatur keine genauen Berichte. Erst das 16. Jahrhundert kennt schon diesen Brauch als überall und allgemein verbreitet. Die jüngere Kabalah, wie die Kabalah überhaupt, die in ihrer mystisch-schwärmerischen Weise warme, seelische Beziehung zu Erez Israel aufrecht erhielt, legt viel Gewicht auf den Genuß von Baumfrüchten am 15. Schwat und es ist, wie ich meine, ihrem Einfluß zu verdanken, daß dieser Brauch allgemeine Verbreitung und quasi als Tradition Anerkennung gefunden hat. Ein hervorragender und viel studierter Kabbalist aus dem 17. Jahrhundert verlangt, daß unter den Früchten, die am 15. Schwat genossen werden, die Nuß nicht fehlen darf, da die Nuß insbesondere in vieiartiger Weise Israel symbolisiere bzw. ihm gleiche, wie viele Aussprüche im Talmud und Midrasch beweisen. Im Orient und ganz vorzüglich in Jerusalem begehen, einem älteren Brauch gemäß, die dortigen Sfardim d:. n 15. Schwat besonders feierlich. Schon am vorhergehenden Abend sammeln sich in den Lehrhäusern die Rabbiner, Gelehrten und Vornehmen der Gemeinde zu frohem Beisammensein. Viele Fruchtsorten, natürlich vom Boden Erez Israels, werden in großen Mengen bereitgestellt. Unter Absingung von für diesen Tag gedichteten Liedern und Hymnen sowie «Lernen» von Abschnitten aus Bibel, Talmud und Sohar, die über Früchte und Rosch Haschanah handeln, v/erden die verschiedenartigen Baumfrüchte der Reihe nach genossen. Vor einer jeden Frucht wird besonders gesungen und «gelernt». Dies Gelage wird bis zum Morgenanbruch hinausgezogen. Diese Lieder, Hymnen sind mit spaniolischer Uebersetzung mit den betreffenden Abschnitten aus Bibel, Talmud und Sohar gesammelt und zusammen in einem besonderen Bande unter dem Titel «Pri Ez Hadar» gedruckt. LITERARISCHE UMSCHAU Anti-AnthTatsachen zur Judenfrage 7. erweiterte und bearbeitete Auflage, 29.-32. Tausend. Herausgegeben und verlegt vom Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. E. V. Berlin (Philo-Verlag). Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (ein Pendent zu unserer «nichtnationalen» Union) läßt nunmehr den «Anti-Antii» in 7. Auflage erscheinen. Liest man die erste Seite, so merkt man die Absicht und wird verstimmt. «Zehn Minuten Diskussionsrede! Ein Vorschlag» heißt es da. Und was nun folgt, erinnert an die «Schmierer» aus der Mittelschule, die heimlich benutzten Uebersetzungen der lateinischen Klassiker: Einpaukerei ohne eigenes Wissen. So erklärt der Centralverein hier seinen Anhängern, was sie in einer Diskussionsrede mit einem Nationalsozialisten zu sagen härten. Also: Apologetik in der Westentasche, z. B.: «Ich bin in Deutschland geboren. Die Gräber meiner Vorfahren sind in deutscher Erde.. . . Meine Muttersprache ist die deutsche. Ich kann keine andere Sprache sprechen; Hebräisch ist für mich eine Gebetsprache wie das Lateinische für die Katholiken . . .» An einer anderen Stelle wiederum (Seite 10 b) heißt es: «Wo das Deutschtum um sein Lebensrecht kämpft, in Oberschlesien, Böhmen, Mähren, der Tschechoslowakei, in Ost- und Westpreußen, stehen sie restlos auf selten des Deutschtums.» Abgesehen davon, daß der «Anti-Anti» nicht zu wissen scheintt daß Böhmen und Mähren zur Tschechoslowakei gehören, berichtet er falsch. Ein großer Teil der Juden der Tschechoslowakei bekennt sich offen zur jüdischen Nation und hat seine jüdischnationalen Abgeordneten im Prager Parlament, ein anderer Teil der Juden, die Tschecho-Juden, gebärdet sich so tschechischnational, wie sich der Centralverein und seine Anhänger deutschnational gebäiden. ln dieser Tonart geht es weiter. So sprechen Menschen, die nichts gelernt und nichts vergessen haben, die ihre höchste Seligkeit empfanden, wenn sie königlich-preußische Leutnants wurden und die Ueberdeutschen spielten. Heute stehen sie ratlos im nationalsozialistischen Hexenkessel und stammeln hach Schuljungenart: «Bitte, ich war es nicht!» Sie verteidigen sich gegen ungerechte Angriffe, erzählen uns, was die Juden für die deutsche Geisteswissenschaft getan haben, was die Juden im Weltkrieg an der deutschen Front geleistet haben u. dgl. m. Sie sind unbelehrbar und nicht fähig, einen konstruktiven Plan für den Aufbau des zerschmetterten Judentums in Deutschland zu fassen. So ist es nicht verwunderlich, daß «Anti-Anti» uns «Tatsachen zur Judenfrage» bringt, ohne den Zionismus auch nur mit einem Worte zu erwähnen. Das charakterisiert «Anti-Anti» am besten. Abgesehen davon darf «Anti-Anti» für sich ein Verdienst in Anspruch nehmen. Mit einigem Fleiß simi in 78 Abschnitten Probleme behandelt, z. B. Eid im Judentum, Jüdischer Marxismus, Politik, Parteien und Juden (hier fehlt natürlich jeder Hm weis aut die zionistisch« Bewegung m Deutschland)*