Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 266 (9.2.1933)
- Date
- 1933-02-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 266 — 6. Februar IMS DIB STIMME SeTfcf Warum verlangen alle weil ln Geschmack und Qualität unübertroffen sind 1 werden unter streng orthodoxer Aufsicht des sran omnn nam mn hergestellt Die MazzoHh werden aus feinstem AV-li! erzenst! Seit vielen Jahren genießen die «Schmidl- Mazzoth» das beste Renommee und .werden von allen bevorzugt Auf die Extraquaütät meiner Fabrikate «Marti Svhnmil N. B. auf Mazzoth, Grieß und Faru' wird besonders aufmerksam gemacht waie: n. brqdetzhv 2.. Leopoldsgasse 43 und in allen besserem einschlägigen Geschäften erhältlich Telephon-Nummern A-46-1-90. A-60-2-63 und A-41-9-52 Unser Recht auf Arbeit (Zur Frage der jüdischen Arbeitsvermittlung) Unter dieser Devise wurde in jüngster Zeit in Deutschland eine Aktion durchgeführt, die eine Intensivierung der Tätigkeit der jüdischen Arbeitsnachweise zum Zwecke hatte. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der deutschen Juden haben ach nämlich angesichts der um sich greifenden allgemeinen Krise, verschärft durch eine beispiellose Judenhetze, auf allen Gebieten des Wirtschaftslebens derart katastrophal gestaltet, daß als einziger Ausweg noch die Proklamierung der Selbsthilfe, übrigblieb. Bei uns in Oesterreich liegen die Verhältnisse bekanntlich keinesfalls günstiger. Auch hier, wo neun Zehntel der gesamten jüdischen Bevölkerung der Republik in Wien konzentriert sind, hat sich unter dem Einfluß aggressiver antisemitischer Methoden letzthin sine Stimmung geltend gemacht, die ein blitzartiges Licht auf die herrschenden Zustände unseres ökonomischen Lebens werfen. Allmählich, aber immer mehr um sich greifend, vollzieht sich vor unseren Augen ein Prozeß der Hinausdrängung jüdischer Menschen aus den von ihnen innegehabten Wirtschafts- Positionen. Der Kampf gegen die jüdische Kaufmannschaft, der offene Boykott jüdischer Gewerbetreibender findet seine — fast möchte man sagen — natürliche Fortsetzung gegen jüdische Arbeitnehmer verschiedener Art. Dieser kalte Pogrom gegen jüdische Existenzen weist nicht weniger Brutalität und zielbewußte Folgerichtigkeit auf als jede andere, mit Raffinement oder offener Gewalttätigkeit in Erscheinung treten de^Form des Judenhasses. Wenn auch von vorneherein zugegeben werden muß, daß eine Beseitigung der ungeheuer anwachsenden jüdischen Not als Folge der trostlosen allgemeinen Wirtschaftsverhältnisse gewiß nicht möglich ist, so ist es doch einleuchtend, daß in gewisem Maße jene erhöhten jüdischen Elendserscheinungen, die sich aus der besonderen Stellung der Juden ergeben und eine eigenartige jüdische Arbeit»- und Erwerbslosigkeit im Gefolge haben, zumindest gemildert werden können. Dem gesteigerten Existenzkampf der Kaufleute und Gewerbetreibenden müßte durch Erleichterung der Kreditbeschaffung und Zuweisung von Arbeitsaufträgen, den jüdischen Arbeitnehmern durch Vermittlung von Arbeitsplätzen geholfen werden. Wir haben leider keine zuverlässigen statistischen Daten über den Umfang und die berufliche Gliederung der jüdischen Erwerbs- und Arbeitslosigkeit in Wien. Nur aus der Tatsache, daß wir ein stetes Anwachsen derjenigen feststellen, die auf die öffentliche jüdische Wohlfahrtspflege angewiesen sind, diese notgedrungen schließlich in Anspruch nehmen, kann man sich ein ungefähres Bild von dem Niedergang der arbeitsfähigen jüdischen Bevölkerung in Wien machen. F a s t 25 Prozent der Juden Wiens sind heute in der Fürsorge der israelitischen Kultusgemeinde als Befürsorgte in verschiedener Form verzeichnet. Die Lage der jüdischen Arbeitslosen ist in der Mehrzahl der Fälle ungleich schlechter als die der anderen. Wegen der eigenartigen beruflichen Gliederung der Juden haben viele Arbeits- und Erwerbslose nicht einmal Anspruch auf die staatliche Arbeitslosenunterstützung. Während die nichtjüdische Bevölkerung zum großen Teil in der Landwirtschaft, ht der Industrie, aber auch im Staats- oder Kommunaldienst ihre Erwerbsmöglichkeit findet, bleibt für (Me Juden nur ein enger Ausschnitt der Privatwirtschaft übrig. Und auch hier machen sich Tendenzen geltend, die eine systematische Ausschaltung jüdischer Arbeitskräfte zum Ziele haben. Im Bankgewerbe, ebenso wie in den verschiedenen großen Handels-Gesellschaften, selbst dort, wo Juden noch führende Stellungen innehaben und wo der Aufschwung jüdischem Unternehmergeist zu verdanken ist, werden in erster Linie jüdische Beamte und Angestellte aufs Pflaster gesetzt. Zu den Seltenheiten gehört es wohl,, daß ein Jude bei einem nichtjüdischen Unternehmer Beschäftigung findet. Wenn nun auch jüdische Arbeitgeber selbst die jüdischen Arbeitsuchenden nicht berücksichtigen, dann bleibt das Heer der letzteren ohne irgend welche Aussicht, jemals in den lebendigen Wirtschaftsorganismus eingegliedert zu werden. Es müssen demnach afle Anstrengungen gemacht werden, um die Frage der Arbeitsvermittlung unter Ausnützung der noch vorhandenen Möglichkeiten in richtiger und rationeller Weise zu behandeln. Schon seit längerer Zeit wurden diesbezügliche Vorarbeiten in Angriff genommen. Nunmehr dürfte im Rahmen der neueingeleiteten Aufbauarbeiten der Wiener Kultusgemeinde die Möglichkeit gegeben sein, an die Durchführung heranzutreten. Kurz zusammengefaßt, handelt es sich um folgende, in der allernächsten Zeit durchzuführende Aufgaben: 1. Veranstaltung einer Enquete über die wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden, insbesondere auf dem Ge- . biete des Arbeitsmarktes und über die Möglichkeiten einer großzügigen Aktion zugunsten der jüdischen Erwerbs¬ und Arbeitslosen durch Beistellung von Arbeitsgelegenheiten und Erwerbsbeschaffung. 2. Feststellung der genauen Zahl und der Arten der jüdischen Erwerbs- und Arbeitslosen. 3. Schaffung eines den gegenwärtigen Aufgaben gewachsenen paritätischen Arbeitsvermittlungsbüros durch Zentralisierung aller auf diesem Gebiete bereits wirkenden Stellen (Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, Schomre, Schabbos, Hakoah, jüdischer Angestelltenverband «Emunah» etc.) und Ausbau dieser Tätigkeit. Durch entsprechende Aufklärung der breiten Oeffentlichkeit und systematische Erfassung sowohl der Arbeitgeber Brie der Arbeitsuchenden wird unzweifelhaft die heute noch als fast unabwendbar scheinende Notlage wenigstens teilweise beseitigt werden können. Auf diese Weise würde ein wichtiger Zweig jüdisch-sozialer Hilfstätigkeit in Aktion ge- Vor den Wahlen in die Kultusgemeinde verschrieb sich Herr Obermedizinalrat Dr. H a a s e, Kultusvorsteher und führendes Mitglied der «Union», aus London Miß Montagu und ließ sich und anderen Unionisten eine Vorlesung über «Liberales Judentum» halten. Die bei diesem Vortrage anwesenden Zionisten gaben der Versammlung ein erhebendes Bild: Sie sangen 'die Tilcwah. Die Union erschrak. Vor den Wahlen so etwas! Herr Dr. Haase verschwand in der Versenkung und wurde nicht mehr kandidiert. Aber nach der Wahl, da ist es etwas anderes. Da rechnet man wieder mit der Dummheit und Vergeßlichkeit der Wähler und wieder ertönt die Werbetrommei für Reformgottesdienst mit Schallplatten. Der Unionist Doktor Haase, bei dessen Namensnennung die Union während der Wahlkampagne sich an das Motto hielt: «Mein Name ist Haase, ich weiß von nichts», trat wieder in Aktion und berief die konstituierende Sitzung des «Vereines für fortschrittlich-religiöses Judentum» ein. Offenbar, um der religiösen Reform Rechnung zu tragen, fand die konstituierende Generalversammlung der neuen Frommen in einem Kaffeehause so zwischen zwei Bridgepartien statt. Und es erschienen etliche 30 Personen, darunter natürlich auch Herr Regierungsrat Dr. Lenk. Weiß der Kuckuck, fanden die Herrschaften, daß Kaffeehaus und Religion nicht zusammenpassen oder hat Reformjuidentum mit Religion nichts zu tun — es wurde beschlossen, den Namen des religiösen Vereines abzuändern. Das geschah auf eine sehr originelle Art. Die Versammlung, die ztisammengekommen war, um eine religiöse Vereinigung zu gründen, beschloß, aus dem Titel der neuen.-Firma ein Wort wegzulassen, das Wort «religiös». So heißt nun die liberale Wiener Synagoge: «Verein für fortschrittliches Judentum». Recht so! Wozu Religion? Fort mit dem alten Plunder! So weit, so schlecht! Es kommt aber noch schlechter. Herr Dr. Haase und seine Schäfchen dürfen vielleicht solche Kapriolen schlagen. Mitglied des neuen Vereines ist auch der Inspektor des Religionsunterrichtes der Israelitischen Kultusgemeinde, Herr Studienrat Professor Dr. Heinrich Redisch, und — das schlägt dem Faß den Boden aus — ließ sich zum Vorstandsmitglied wählen. Der Inspektor des Religionsunterrichtes der Kultusgemeinde wird Vorstandsmitglied eines angeblich religiösen Vereines, der es ablehnt, das Wort «religiös» in seiner offiziellen Bezeichnung zu führen. Es kommt aber noch schlechter! Dieser liberale Reformverein mit Weglassung der Religion hat einen seltsamen Bundesgenossen — die Agudas Jisroel. Orthodoxe und Reformisraeliten ziehen an einem Strang. Sie haben den frommen Wunsch, die Kultusgemeinde zu sprengen. Den Ortho- Die wirklich billige Schubqudlc finden Sie bei »DA-HO« (Inh. David Horowitz) Wien 1L, 7 aborstraße Nr. 11b Ecke Gredlerstraße 31 Qualittitsivare zu äußer«* billigen Preisen. Bei Berufung auf die »Summe« S P» ozetti Rabatt setzt, ausgebaut und im Zusammenhang damit auch dem Problem der Berufsberatung nähergetreten werden können. Dr. Nahum Blauer doxen ist sie zu wenig koscher, den Liberalen vielleicht zu koscher und beide eint der Haß gegen die Zionisten. So muß auch der neue Verein für fortschrittliches Judentum, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe, genau wie die Sctoiffschul, zu ihrem größten Verdruß feststellen, daß das Kultusgemeinde-Gesetz vom Jahre 1890 in jedem Sprengel nur eine Kultusgemeinde gestattet. Auch unter Vorsitz des Unionisten Haase wurde darüber bewegliche Klage geführt, daß der neue Verein mit der aus dem Titel fortgeschrittenen, also verschwundenen Religion, der religiösen Aufsicht der Kultus-1 gemeinde untersteht. Und Herr Jgnaz Kuranda, der Referent des Abends, gab - der Hoffnung Ausdruck, daß es möglich sein werde, so wie in Preußen im Jahre 1874, das Gesetz zu ändern und so die Kultusgemeinde zu sprengen. Und diesem Verein gehört Herr Dr. Redisch als Vorstandsmitglied an! Diesem Manne ist der Religionsunterricht unserer Kinder in Wien anvertraut! Herr Dr. Redisch, Angestellter der Kultusgemeinde, arbeitet in einer Vereinigung, mit, deren offen ei »gestandenes Ziel es ist, die Kultusgemeinde’ und damit unsere einzige öffentlich-rechtliche Institution zu sprengen. Die schon vor den Wahlen unliebsam bemerkte Tätigkeit des Herrn Dr. Redisch für die Reformsynagoge scheint für ihn ein Herzensbedürfnis zu sein. In Herzenssachen wollen wir nicht Richter sein. Wir wollen hoffen, daß Herr Dr. Redisch dem Drange seines Herzens folgen und sich ganz der liberalen Trennungssynagoge widmen wird. Die «Union» aber, die einmal mit der Agudah, dann mit den werktätigen Sozialisten «durch dick und dünn» geht, möge Farbe bekennen. Das sollte ihr doch nicht schwer fallen, hat sie doch schon so oft die Farbe gewechselt. Prominente Unionisten gründen eine liberale Reformsynagoge, mit dem ausgesprochenen Wunsch, die Gemeinde zu spalten. Da geht es nicht an, auf die Dauer zu sagen: «Mein Name ist Haase, ich weiß von nichts». J o s c h u a h. Nationalsozialisten tragen einen Juden zu Grabe Berlin. Aus Wigandsthal im Isergebirge weiß das «Israelitische Familienblatt» den folgenden Vorfall zu melden: Dort starb der allseits beliebte jüdische Kaufmann Emil Singer, dessen bereits vom Vater übernommenes Geschäft schon im 100. Jahr hier besteht. Zu seiner Beerdigung kamen Hunderte von Trauergästen aus Bad Flinsberg, Görlitz, Muskau, sogar vom hohen Iserkamm und der nahen Tschechoslowakei. Von den Schützen wurde der Verewigte zur letzten Ruhe gebracht, die Träger waren sogar meist eingeschriebene Mitglieder der NSDAP! Rabbiner Dr. Krakauer (Görlitz) wies auf das Unsinnige konfessioneller Verhetzung hin, denn Emil Singer s. A. war stets ein guter Deutscher und Jude. Nach weiteren Ansprachen fand eine Trauerparade der Schützenkompagnien mit ihren Fahnen statt. Gefängnisstrafen für Angriffe auf die Jüdische Kolonie In Zakopane Krakau. Vor dem Gericht in Nowytarg hatten sich sechs antisemitische Huligans wegen Ueberfalls auf die landwirtschaftliche Kolonie jüdischer Studenten in Zakopane, bei welchem die Fenster des Koloniehauses eingeschlagen und 20 Kolonisten mißhandelt und verletzt wurden, zu verantworten. Der Anführer, ein Student der Bergakademie, wurdtf. zu sechs Monaten Gefängnis, die übrigen Angeklagten zu fß zwei und einem Monat Gefängnis verurteilt „Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts** oder die Sovgen des Herrn Professors Redisch v