Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1933-02-02 · Heft 265 (2.2.1933) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 265 (2.2.1933)
Date
1933-02-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3054015-3054020--3354-3058862
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

.. Nr. 265 — 2. Februar 1933 DIE STIMME Seife T Sitzung de* Kultusvovsiandes Wir erhalten von Rechtsanwalt Dr. Friedrich Welt die folgende Zuschrift: An den verantwortlichen Schriftleiter «Der Stimme», Herrn Dr. Sigmund Finkeistein Wien, I., Kärntnerstraße 23. Unter Hinweis auf § 23 des Preßgesetzes ersuche ich als in /. ausgewiesener Bevollmächtigter meines Klienten Herr.». Dr. Josef Lfiwy um Aufnahme nachstehender Berichtigung: «Sie schreiben in Ihrem Blatte vom 19. Jänner I. J. in inrem Berichte über die Sitzung des Kultusvorstandes, Seite 7, 1. Absatz: «Daß sich der Vertreter des «Mterachi» aus Gründen seiner religiösen Weltanschauung gegen das Fräuenwahlrecht aussprach, konnte natürlich nicht überraschen; daß aber auch die «Werktätigen» durch ihren Sprecher religiöse Bedenken gegen das Frauenwahlrecht aussprachen, b.tdete immerhin eine Pikanterie der denkwürdigen Sitzung.» Unwahr ist, daß sich die «Werktätigen» aus religiösen Bedenken gegen das Frauenwahlrecht ausgesprochen haben; wahr ist vielmehr, daß über das Frauenwahlrecht überhaupt nicht vom religiösen- Standpunkte gesprochen wurde.» Hochachtungsvoll Dr. Friedrich Welt. Wir bringen die vorstehende . Berichtigung des Herrn D r. L ö w y, obgleich wir nach dem Preßgesetz zu deren Aufnahme aus mehrfachen Gründen nicht verpflichtet wären. Denn darüber, ob das erste Auftreten der Werktätigen im Kultusvorstand eine Pikanterie bildete oder nicht, kann sich jeder sein freies Urteil bilden, und Herr Dr. LÖwy wird die Kritik an seinem Verhalten als öffentlicher Mandatar — wenigstens mit Hilfe des Preßgesetzes — auf die Dauer nicht verhindern können. Wir haben volles Verständnis für die kitzlige Situation, in die speziell Herr Dr. Löwy bei der Wahlrechtsdebatte geriet. Ist doch Herr Dr. Löwy jener Werktätige, den zu Beginn des Wahlkampfes Herr . Dr. Ornstein den Wählern als tief religiösen Juden vorstellte, den die orthodoxe Schönlaternschul in Anerkennung seiner religiösen Haltung zu ihrem Vizepräsidenten gewählt hat und zugleich der Führer und Sprecher einer angeblich sozialistischen Gruppe, die programmäßig für das allgemeine gleiche und direkte Wahlrecht aller Gemeindeangehörigen ohne Unterschied des Geschlechtes einzutreten verpflichtet wäre. Sich aus diesem Gewissenskonflikt durch preß- Im bis aufs letzte Plätzchen gefüllten Festsaal des Hotel Continental fand Montag, den 30. Jänner, eine vom BundjüdischerFrontsoldaten einberufene Massenprotestversammlung statt, -die in s c h ä r f s t e r F o r m gegen die judenhetzeri- - sehen Enunziationen des letzten Hirtenbriefes des Linzer Bischofs Stellung nahm. Bundesführer Generalmajor Emil Sommer eröffnete die Versammlung mit folgender Ansprache: In dieser schweren Zeit, da die würgende Wirtschaftskrise, der Kampf aller gegen alle auf den Höhepunkt gestiegen ist, mußten wir das traurige Schauspiel erleben, daß von einer Stelle, die berufen ist, das Wort d«r Nächstenliebe, der Milde und des Erbarmens zu predigen, ein Hetzruf in die ohnehin aufgeregten und zu Haß und Verfolgung geneigten Volksmassen geworfen wurde. Der «Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs» weist diese Pauschalverdächtigungen der Juden zurück und wird es nicht dulden, daß auf dem Rücken des Judentums der Kampf nichtjüdischer Parteien ausgetragen werde. Das Mitglied des Bundesvorstandes Robert Pollitzer führte u. a. aus: Wir vom «Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs» haben auf keinerlei politische Bedenken Rücksicht zu nehmen, wer immer unsere Ehre antastet ist gegen uns. Wir haben nicht nur die Legitimation, sondern auch unseren Gefallenen gegenüber die Pflicht, diesen Standpunkt zu vertreten. Vom Schulbuben bis zum Bischof von Linz hinauf glaubt jeder seine Schuhe an uns abstreifen zu dürfen. Sie bewegen sich auf der Linie des geringsten Widerstandes. Wenn wir aber einig sind, werden alle ihre Versuche zuschanden werden. Regierungsrat Dr. L e n k sagte: Ini Hirtenbrief wird die Gesamtheit des Judentums als Urheber des Bolschewismus und Führer des Sozialismus und des Mammonismus bezichtigt. Wir kennen nur Juden. Wir werden uns zu wehren wissen, denn wir sind stärker als wir glauben. .Wir sind stark, wenn wir zum wirklichen Urquell des Judentums zurückfmden. Zum Schluß wurde einstimmig eine Jenny Körner Paul Eisenhammer empfehlen sich als Verlobte , St. Pölten Wien irri Jinner 1933 gesetzliche Berichtigung heraushelfen zu wollen, ist jedenfalls sehr originell. Wir fürchten nur, daß Herr Dr. Löwy damit nicht viel Glück haben wird. Man kann zwar, wie es Herr Dr. Löwy in einem anderen Falle versucht, angeblich nicht abgegebene Unterschriften zurückziehen, aber nicht in der Oeffentlichkeit gemachte Aeußerungen ungeschehen machen. Auch scheint Herr Dr. Löwy bei seiner Berichtigung daran vergessen zu haben, daß über die Sitzungen des Kultusvorstandes amtliche Protokolle geführt werden, aus denen wir die nachstehenden Aeußerungen aus der Rede des Herrn Dr. Löwy festhalten, damit unsere Leser sich ein Bild darüber machen können, was aus der Berichtigung dieses Herrn Kultusvorstehers für wahr zu halten ist. Herr Dr. Löwy bezeichnete den Antrag auf Einräumung der Wahlberechtigung an die Frauen als einen Schönheitsfehler der Vorlage, der bereits von dem Vertreter des Misrachi hervorgehoben wurde. Bezüglich des passiven Wahlrechtes der Frauen wäre es doch besser gewesen, die Frage in den Ausschuß zu verlegen und Gutachten einzuholen. Es entspreche nicht den parlamentarischen Gepflogenheiten, dem Wahlreformausschuß eine bindende Marschroute zu geben. Der gestellte Antrag trage die Merkmale der Hast und sei eilfertig eingebracht worden. Deshalb beantrage er, daß aus dem Dringlichkeitsantrag der Absatz b) (der die Wählbarkeit der Frauen zum Gegenstände hat) aus der Vorlage zu entfallen habe. Ueber Antrag des Herrn Dr. Löwy wurde über den vorerwähnten Absatz b), betreffend die Wahlberechtigung der Frauen, gesondert abgestimmt. Herr Dr. Löwy und seine werktätigen Parteigenossen stimmten gegen diesen Teil der Vorlage. Man muß wirklich staunen, woher Herr Dr. Löwy den Mut hat zu behaupten, daß über das Frauenwahlrecht überhaupt nicht vom religiösen Standpunkt gesprochen wurde und daß religiöse Bedenken gegen das Frauenwahlrecht von dem Sprecher der Werktätigen nicht erhoben wurden. An welche Gutachten hat Herr Dr. Löwy gedacht? An ein Gutachten des Rabbinates oder an ein Gutachten der sozialdemokratischen Partei? Wir können Herrn Dr. Löwy nur anraten, bei der von ihm verkündeten Politik von «Dick und Dünn» sich immer vorher zu überlegen, ob er «Dick» mit der Schönlaternschul, oder «Dünn» mit den Sozialdemokraten gehen will oder umgekehrt. Resolution gefaßt, in der es u. a. heißt: Die am 30. Jänner 1933 im Festsaale des Hotel «Continental» in Wien tagende Versammlung des «Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs» gibt ihrer tiefsten Entrüstung Ausdruck über die ungeheuerlichen Anklagen und Beschimpfungen, welche in dem letzten Hirtenbrief des Bisohofs von Linz gegen die Gesamtheit des Judentums erhoben werden. Die jüdische Bevölkerung verwahrt sich entschieden dagegen, daß durch derartige Enunziationen, aus denen trotz aller Bemäntelungen krasser Antisemitismus spricht, noch neuer Zündstoff in die durch Not, Elend und Parteihader ohnehin erregte Bevölkerung getragen wird. Der «Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs», dessen Mitglieder im Krieg ihre Pflicht dem alten Vaterlande gegenüber voll und ganz erfüllt haben und dessen Mitglieder ihre Pflichten auch gegenüber dem neuen Oesterreich als loyale Staatsbürger getreu erfüllen, gibt seiner t i'e f s t e n Empörung darüber Ausdruck, daß von so hoher kirchlicher Stelle statt Liebe — Haß und Verachtung gepredigt wird und fordert die gesamte Bevölkerung auf, Verhetzungen — von wo immer sie auch kommen mögen — kein Gehör zu schenket und alle Kräfte zu vereinigen, um für eine bessere Zukunft Oesterreichs zu arbeiten. WienevPolixei wird von Nazis gereinigt Auf Anordnung des Polizeipräsidenten Dr. Brandl wurde eine von der Wiener nationalsozialistischen Parteiorganisierte Versammlung nationalsozialistisch gesinnter Polizeibeamter aufgelöst. Polizeipräsident Dr. Brandl veröffentlichte kürzlich in der «Reichspost» eine scharfe Warnung an jene Polizisten, die sich nationalsozialistisch betätigen, und kündigte ihre Entlassung aus dem Polizeidienst an. In einer Partei, schreibt Brandl, die Gewaltakte gegen Staatsbürger billigt und entschuldigt, hat kein Polizist etwas zu suchen. Die Polizei werde es nicht weiter dulden, daß die Nationalsozialisten jeden Polizeibeamten, der seine Pflicht gegenüber allen Staatsbürgern gleichmäßig erfüllt, als «Judenpolizisten» abtun. Dr. Brandl schließt: «Hände weg von der Polizei! Es gibt keine «jüdische» und keine «arische» Polizei. Jeder Polizist hat beschworene Pflichten, die er zu erfüllen hat.» AUSLANDSCHAU Amerika Jeschiwoth-HilfsakHon der Standard Oll Company in New-Vork New York. Die Standard Oil Company in New York führt zwecks Schaffung eures Fonds zur Erhaltung der Jeschiwoth und Talmud Thora-Schulen von Groß-New York eine Stempelsteuer auf alle Produkte, die für Jahrzeit- Lampen und Betlrauswachskerzen gebraucht werden, ein. Die Steuer beträgt für jede Jahrzeit-Lampe 2 Cent und für Kerzen und Pakete je nach Größe 1 bis 10 Cent. Der gesamte Steuerertrag wird zur Erhaltung der Jeschiwoth und Talmud T h o r a - S c h u 1 e n verwendet. &ut$arien Das bulgarisch-jüdische Konsistorium gibt den IV. Band der „Geschichte der Juden im türkischen Reiche" heraus. Sofia. Aus Anlaß des 70, Geburtstages des in Sofia lebenden hervorragenden sephardischen Historikers Salomon Awram Rozanes', Verfassers des Monumentalwerkes tGeschichte der Juden im türkischen Reiche» (Diwre Jeme Israel Betogarma), bildete das Zentralkonsistorium der jüdischen Gemeinden Bulgariens ein Komitee zur feierlich :n Begehung des Geburtstages Rozane1 und zur Herausgabe des im Manuskript bereits fertiggestellten IV. Bandes seines hebräisch geschriebenen Geschichtswerkes. Die bisher erschienenen drei Bände des Werkes sind gänzlich vergriffen und sollen in zweiter, verbesserter Auflage neu herausgegeben werden. Rozanes ist in der Gelehrtenwelt auch durch sein Werk «Phylologia Hebraea» bekannt geworden. SronfoeicA Coty will nicht Antisemit sein Straßburg. Der Pariser Korrespondent der in Straßburg erscheinenden «La Tribüne Jutve» hatte eine Unterredung mit Francois Coty, dem bekannten Parfümfabrikamten und Inhaber der Tageszeitung «Ami du Peuple», auch Direktor des «Figaro», über seine Haltung gegenüber dem Antisemitismus. Als Ergebnis der Unterredung richtete Coty ein Schreiben an den Korrespondenten, in dem er u. a. erklärt: «Ich kenne nichts und will nichts kennen, was mit Antisemitismus zusammenhängt, d. h, mit Voreingenommenheit und Feindseligkeit gegen die Juden, sei sie rassischer, religiöser oder politischer Natur. Würde ich den Antisemitismus nicht schon auf Grund meines Charakters und meiner Ueberzeugung ablehnen, meine wirtschaftliche und industrielle Tätigkeit hätten mich schon dem antisemitischen Vorurteil ferngehalten. Wie darf man mir Antisemitismus nachsagen, wo ich doch zahlreiche jüdische Mitarbeiter auf sehr wichtigen Posten in meinen industriellen, kommerziellen und Presseunternehmumgen beschäftige?»; : Mailand . -ot Jahrestagung der Holländischen Zionisten Amsterdam. In Utrecht fand vor kurzem die 33. Jahrestagung der holländischen zionistischen Vereinigung bei Anwesenheit vieler Delegierter aus ganz Holland statt. Herr F. Bernstein, Rotterdam, hielt dem vor einigen Tagen verstorbenen Dr. Adolf Friedemann einen Nachruf und trat in seinem politischen Expose für eine aktive Politik zur Verwirklichung des Palästinamandats ein. \ehemia de L i e m e, der sein Amt als Schatzmeister de Vereinigung niederlegte, sprach über die Organisierung des Jüdischen Nationalheims in Palästina und kam zu dem Schlüsse, daß die Basis für eine aktive zionistische Politik hinsichtlich des Palästinamandates nur die Idee eines vereinigten Cis- und Transjordaniens sein kann Eine längere Diskussion entspann sich über die Frage, ob Mitglieder der zionistischen Organisation die von der Sowjetregierung in Biro-Bidschan in Angriff genommene Massm’colonisierung von Juden bejahen bzw. fördern könnten. Es wurde eine Resolution angenommen, nach der es den Mitgliedern der holländischen zionistischen Vereinigung verboten sei, eine andere Kolonisation als die des jüdischen Volkes in Palästina zu propagieren. F. Bernstein wurde zum Vorsitzenden der Vereinigung, ebenso die bisherigen Mitglieder des Rates, wiedcrgewählt. Zum Schatzmeister der Vereinigung wurde an Stelle von Nehemia de Lieme M. J. Simons, Haag, gewählt. Spanien Die jüdischen Schulen in Tanger und die spanische Regierung Madrid. Die spanische Regierung unterbreitete dem Parlament eine Vorlage, betreffend Unterstützung der jüdischen Schulen in Tanger, Nordafrika. Der Deputierte Gomez Roji sprach gegen die Vorlage und wies darauf hin, daß gemäß der Verfassung an keinerlei religiöse Schulen Staatssubsidien gegeben werden dürfen. Der Unterrichts minister de los Rios setzte sich warm für die Bewilligung der Subsidie an die jüdischen Schulen in Tanger e i n, in denen, wie er sagte, spanische Tradition intensiver gepflegt wird als m irgendeiner anderen Gemeinschaft spanischer Emigranten. Obwohl dem Betrage nach geringer, sei diese Subsidie der politischen Wirkung nach der den spanischen Institutionen in Jerusalem gewährten Subsidie gleichzustellen. Wandverhleldunä en Kamin«, 0«fl«n, ■*«■•«•« Bad «• nofllastf runden Budezlnbener und alle in da« Fach eliisehlRR’gen Arbeiten und Rep.^.tureu Franz HaftCeh Hainermeis er Wien, III., Landstraße Hauptstraße U7 Telephon l’ 13-0-71 Oeneralver retung der Fürst Esterbaxy.chen StOlMf ■ TOtttfifCIlfflMk .. .«nimii, ui— Gegen den Linzer Hirtenbrief Große Massenprotestversämmlung de* Bunde* Jüdischer Frontsoldaten Zionlsien! Leset und verbreitet »Die Stimme“!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.