Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 265 (2.2.1933)
- Date
- 1933-02-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seife 6 DIB STIMME Nr. 265 — 2. Februar IM habe ich viel Einfluß der Kabbala gefunden, besoirdres bei Taliunlnnem, Traumbüchern usw. Dieser Kontakt, den ich gewonnen, gab mir Einblick in die unglaubliche primitive Art des Lebens der kurdischen Juden. Es ist erstaunlich, wie sehr die kurdischen Juden den Kurdsn in Kleidung, Sitten und Haltung gleichen, wenn sie auch rassenmäßig von ihnen verschieden sein mögen. Die Kurden sind Arier und stammen angeblich von den Medern ab, aber selbst ein geübtes Auge kann den Unterschied zwischen beiden nicht finden Diese Assimilation hat sichtlich in einer Anzahl äußerlicher Erscheinungen des sozialen Lebens Phtz gegriffen, aber sie ist besonders bemerkenswert in ihrer Haltung gegenüber den Frauen. Im Gegensatz zu anderen Arabern Mesopotamines bringen die Kurden ihren Frauen einen weit größeren Respekt entgegen. Die Frau erfreut sich eines hohen Grades von Freiheit; sie geht in und außerhalb des Hauses unverschleiert. Die kurdische Frau ist wegen ihrer Keuschheit und Ehrsamkeit bekannt. Auch die jüdische Frau Kurdistans ist in einer freieren Situation, als ihre Schwester in Bagdad und Basra. V. Das primitive Leben der Juden Kurdistans Ist aus ihrer niedrigen sozialen Stellung erklärlich. Während die Juden Bagdads und Basras selbst zu Ministerposten gelangen können, manche von ihnen sind Millionäre, einflußreiche Aerzte, Advokaten und bedeutende Kaufleute, ebenso haben manche unter ihnen einen erheblichen Einfluß auf das öffentlich Lebens, sind die kurdischen Juden ökonomisch und sozial bedeutungslos und haben eine erschreckende Aehnlichkeit zu Parias, obgle ch sie nicht mehr Sklaven und Handelsgut der feudalen kurdischen Lords und Stammeshäuptlinge sind wie zur Zeit der Türkenherrschaft. Sie sind tatsächlich soziologisch auf einer sehr tiefen Stute und sind von jedem geschäftlichen und sozialen Leben völlig abgesondert. Sie machen die härteste und niedrigste Arbeit — wie Hausierer, zweitrangige Handelsleute, Träger, Färber, Gerber, Weber usw. — alle Berufe, die die Juden schon zur Zeit von Benjamin und Tudela ausgeübt haben. Sie haben in Ihren Händen fast ausschließlich die orientalische Schnapserzeugung und den Verkauf von Gewürz, Drogen und Heilpflanzen. Daß die Juden verachtet sind, ergibt sich aus vielerei sprachlichen Ausdrücken der Kurden ganz deutlich. Wie gefährdet die Lage der Juden Kurdistan« tagtäglich ist, trotz der Regierung des Irak und des Mandats (das inzwischen aufgehört hat, Anm. d. Uebersetzerfl), konnte ich in Rowandus feststellen, zufällig auf einem der schönsten Plätze des Hochlands, und zwar von dem Mund eines Polizeiinspektors selbst. Als die Nachrichten von den Unruhen in Palästina im August 1029 ankamen, die als ein Angriff der Juden auf die Araber ln der dortigen arabischen Presse dargestellt worden waren, wollten die Kurden, die stets auf die Araber und ihre Feinde ein wachsames Auge haben, sich dafür an ihren Juden rächen und es war große Anstrengung der Polizei und britischer Truppen notwendig, um die Kurden von Ueberfällen auf dl« jüdischen Häuser abzuhalten. In der letzten Minute wurde ein großes Massaker verhütet, und zwar nur durch die irakenglischen Truppne. Bei der bevorstehenden Aufhebung des englischen Mandats ist die Sicherung der jüdischen Minder* heit von großer Bedeutung. VI. Unter diesen Umständen ist es erklärlich, wenn die Juden in Kurdistan ßich nach einer raschen Befreiung vom «Galuth Ismael» und vom «Galuth Kurd» sennen und nach Zion zu* rflckkehren wollen. Die außerordentliche Herzlichkeit mit der ich von diesen so bescheidenen und einfachen Juden empfangen wurde, die Freude in den Augen dieser Menschen, als sie hörten, daß ich von der Heiligen Stadt käme, kann deutlich als ein Beweis dafür getten, wie sehr diese Juden mit Erez Israel verbunden sind. Augenblicklich leben etwa 400 kurdisch« Juden in Palästina, mehr als die Hälfte davon in einem eigenen Viertel in Ierusalem, der Rest in Tiberiu«, Saffet und Jaffa und auch in den galiläischen Kolonien. Dort arbeiten sie als Träger, Steirvklopfer usw. Ihre physischen Kräfte, Ausdauer und ganz außergewöhnliche Genügsamkeit machen «i« neben den Jemeniten zu einem sehr wichtigen Arbeite* element beim Aufbau Palästinas. (Aus dem Englischen übersetzt von Bruno Ra bin owitz.) Die Lage der Juden in Polen Der strenge Winter steigert Not und Verzweiflung unter den Juden Warschau. Der Winter mit seinen außerordentlich strengen Frösten und starken Schneefäüen hat Not und Elend unter der polnischen Judenheit in Stadt und Land zu einem kaum mehr erträglichen Maße gesteigert. Jn Warschau selbst sind tausende jüdische Familien ohne Nahrung und Heizmaterial. Unbeschreiblich ist das Elend der Kinder. In den Talmud-Thora-Schulen und in anderen jüdischen Elementarschulen ist es eine häufige Erscheinung, daß Kinder während des Unterrichtes vor Entkräftung durch Hunger in Ohnmacht fallen. Vom Hauptbureau der Gesellschaft für Gesundheitsschutz der Juden TOZ wird mitgeteilt, daß in Warschau täglich mindestens fünf bis sechs Ohnmachtsfälle von jüdischen Kindern fn den Schulklassen verzeichnet werden und daß in allen diesen Fällen Hunger als Ursache festgestellt wird. Die jüdischen Zeitungen verzeichnen die folgende Hungertragödie in einer jüdischen Familie; Der 18jährige Sohn Jenkel der Frau Sara Ender hatte nach mehrtägigem Hunger einen halben Laib Brot, den die Mutter für die gesamte mehrköpfige Familie nach Hause gebracht hatte, allein aufgegessen. Als dies bemerkt wurde, stürzten sich seine älteren und jüngeren Geschwister auf ihn, um ihn zu strafen. Jenkel flüchtete ohne Hut und Mantel aus dem Hause und kehrte nicht mehr zurück. Man befürchtet, daß er eine Verzweiflungstat begangen hat. Vor wenigen Tagen verzeichneten die Zeitungen einen Fall, wo eine Mutter ihre vier kleinen Kinder in einem Haustor des jüdischen Viertels ausgesetzt hat, Die Kinder waren vollkommen ausgehungert und vor Kälte erstarrt, sje weigerten sich aber, einer Weisung der Mutter folgend, dennoch, die Namen ihrer Eltern und ihre Wohnung anzugeben. Sie wurden in das ohnehin stark überfüllte jüdische Kinderasyl gebracht. Von ähnlichen Fällen wissen die Zeitungen täglich zu berichten. Die jüdischen Zeitungen greifen scharf das Straßenreinigungsarnt des Warschauer Magistrats an, das bei Anwerbung von Schneeschippern zur Reinigung der Straßen von den vielen tausenden jüdischen Arbeitsuchenden, die sich zum Schneeschippen eingestellt hatten, keinen einzigen in Arbeit genommen hat. Fortsetzung der Judendebatte lm polnischen Se]m Anklagen der jüdischen Deputierten und eine Antwort des Kultusministers In der heirtfgen Sitzung der Budgetkommission -de? polnischen Sejm erklärte der sozialistische Deputierte Szapinsky, die jüdischen weltlichen Schulen werden verfolgt, dagegen die Chedarim und die klerikalen Schulen begünstigt. Der national-jüdische Deputierte Dr. Sommerstein schilderte, welchen Schikanen das hebräische Schulwesen seitens der Behörden ausgesetzt Ist. Von den Schulverwaltungen angestellte Lehrer werden von der polnischen Schulbehörde nicht bestätigt; Schulen werden geschlossen unter dem Vorwand, daß die Schullokale den Erfordernissen der Hygiene nicht entsprechen. Polnische Inspektoren ergehen sich In Gegenwart der Schüler in höhnischen Auslassungen über das jüdische Palästinaideal. An den staatlichen Schulen ist der Unterricht in jüdischer Religion immer noch nicht geregelt. Juden werden an Staatsschulen als Lehrer nicht beschäftigt. Die ln Aussicht gestellte Autonomie der jüdischen Gemeinde wurde in keiner Welse verwirklicht. Die agudistischen Verwaltungen vieler Gemeinden gehen mit Hilfe der Woiwoden und Starosten gegen die andersgesinnte jüdische Bevölkerung vor. Die jüdische studierende Jugend leidet unsäglich unter dem gesetzlich nicht existierenden, aber praktisch um so schärfer angewandten Numerus clausus, sowie unter allerlei Schikanen. Die akademischen Behörden an den Universitäten haben sich der von ihren antisemitischen Kollegen angegriffenen jüdischen jungen Leute nicht angenommen, niemfind sorgt für die Sicherheit der jüdischen Studierdh$eji, die akademischen Behörden dulden es, daß die Hochschulen in Bollwerke des antisemitischen Faschismus umgewandelt werden. Dr. Sommerstein apostrophierte zum Schluß den anwesenden Kultusminister mit folgender Rede: Herr Minister! Sie als der höchste Beamte des öffentlichen Bildungswesens sind für das geistige und moralische Niveau der akademischen Jugend, der späteren Lehrer, Geistlichen und Beamten, verantwortlich. Für die jüdische Bevölkerung war der Beginn des jetzigen akademischen Jahres, der Monat November, ein «Monat des Losschlagens auf jüdische Köpfe, der bestialischen Vernichtung von jüdischem Hab und Gut». Einst war der Monat November der Monat des polnischen Freiheitskampfes, heute regiert im November der Knüppel und es herrscht die Losung: «Schlagt die Juden!» Wir fragen den Minister: Wird der Monat November 1932, in dem die jüdische Bevölkerung Lembergs so Furchtbares erlebte, der letzte sein in der Kette moralischer Schandtaten und geistiger Entartung? Hinter unserer Jugend steht die ganze jüdische Bevölkerung. Wir beugen uns nicht dem Terror und fordern, daß die Regierung ihre Pflicht erfüllt und unsere Ehre schützt. Der agudlstlsche Deputierte Mlnzberg trat der Behauptung Sommersteins, daß die Regierung das Schulwesen der Agudah favorisiert und die Agudah im Gemeindeleben unterstützt, entgegen und erklärte, auch das religiöse Schulwesen werde von den Behörden schikaniert. Den jüdischen Massen ist der Zutritt zum Bildungswesen versperrt. Hier herrscht nicht ein Numerus clausus, sondern Numerus nullus. Die schwere Lage des religiösen Schulwesens wird nicht nur zu einem Zusammenbruch der nationalrellgjösen Ideologie, sondern auch der staatlichen Ideologie führen. Die Regierung setzt in ihr Riesenbudget eine lächerlich geringe Summe für jüdische religiöse Bedürfnisse ein. Sie zieht nicht in Betracht, daß allein die Agudah 100.000 jüdische Jugendliche erzieht. Die Regierung läßt das jüdische Fachschulwesen ibgrunde gehen, obwohl die Produktjvierung der jüdischen Massen im Interesse des Staates läge. Kultusminister Jendzejewicz erwiderte auf dl« Ausführungen der jüdischen Redner: Ich verurteile kategorisch die antisemitischen Ausschreitungen, wie ich jeden brutalen Akt verurteile. Der heutige geistige Zustand in der akademischen Jugend beunruhigt mich sehr, ein Strom von Barbarei ergießt sich über die zivilisierte Welt. Ich werde die Zukunft Polens verteidigen gegen ein verwildertes Geschlecht, das auf eine tiefe Kulturstufe gesunken ist. Das neue Gesetz über die Universitäten wird eine Herrschaft des Blutes und des Messers in Zukunft unmöglich machen. * Fasttag tun Unäerttag der Not Krakm. Auf Anordnung der Rabbiner der jüdischen Gemeinde Krakau wurde der 26. Jänner (28. Tebeth, Jom Kippur Katan) als Tag des Fastens und der Fürbitte um Linderung der Wlrtsdiaftsnot begangen. In allen Synagogen wurden Gebete um Besserung der Wirtschaftslage ge* sprochen. Jlidit der JKörder — der ixmordete ist sehuld Als Resultat der antisemitischen Hochschulexzesse ln Lemberg wird der Verband dar jüdischen Philosophiestudenten aufgelöst Lemberg. (Eigenbericht.) Während der Lemberger antisemitischen Blutwoche im November v. J. haben bekanntlich die antisemitischen Studenten, die den Mob gegen die jüdischen Wohnviertel führten, die Hauptrolle gespielt. Keiner der Studentenvereine, die sich öffentlich an den Ausschreitungen gegen die Jüdische Einwohnerschaft beteiligten, wurde bisher von den akademischen Behörden zur Verantwortung gezogen, dagegen hat der akademische Senat der Lemberger Universität beschlossen, den Verband jüdischer Philosophie-Studenten, der dem Senat eine ln durchaus mäßigem Tone gehaltene Protestresolution gegen den antisemitischen Terror auf dem Boden der Universität überreicht hat, aufzulösen und gegen den Vorsitzenden und den Schriftführer des Verbandes ein Disziplinarverfahren einzuleiten. Eine vom Delegiertenrat der jüdischen akademischen Vereinigungen Lembergs einberufene Studentenversammlung, die zu diesem Senatsbeschluß Stellung nehmen sollte, wurde vom Starosta verboten. Der Vorsitzende der Senatskommission für Studentenorganisationen Heß die jüdischen Studentenvereine wissen, daß sie, falls sie offiziell ihrer Solidarität mit dem Philosophiestudentenverband Ausdruck geben sollten, Ihrer Rechte verlustig gehen werde. Das Zentralkomitee des Verbandes der jüdischen akademischen Vereine berät jetzt über eine Aktion zur Abwehr dieser gegen die jüdischen Studenten geplanten Freiheitsberaubung. Gesucht streng rituelle Köchln mit guten Referenzen, Vorzustellen täg Ich von 1 - 4 Uhr nachmittags. Reiß, XIU., Hauptstraße 22