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Die Stimme · 1933-02-02 · Heft 265 (2.2.1933) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 265 (2.2.1933)
Date
1933-02-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Kr. 265 — 2. Februar 1933 DTE STTMMB BeKe 5 KUNST UND WISSE Beilage der „Stimme" m Vom Karmel nach Tvras Von Edwin Herbert Samuel*) Von meinem Fenster am Karmel aus genoß ich die würzige Luft, duftend nach Tyamin und Rosmarin, und blickte hinab auf Haifa. Das Meer war blau wie Tinte ln der kalten Novembersonne, nur ab und zu belebt von Fischersegeln. Um acht Uhr holte mich das Auto. Wir glitten die Straße hinab, vorbei an den Gräbern von Baba Ulla und Abbas Effendi Abdu’l Baba, seinem Schüler. Persischer Flieder wuchert um ihre Gräber. Haifa ist für eine so junge Stadt sehr lebendig. Schwere Fuhrwerke, mit Zement beladen, halten uns auf, Kamele schleppen Weizen, Pferde tragen Holz und Esel bringen Petroleumkannen. Kaum haben wir das Industriezentrum mit seinen Werkstätten und Fabriken verlassen, befinden wir uns schon anr Strand, der in einem majestätischen Bogen zehn Meilen lang nach Akko führt. Solange die Bahn nicht fertig ist, bildet der Strand die einzige Verbindung mit Syrien. Zweimal im Tage glätten ihn die Meereswogen und er ist nie staubig. In der Nähe Haifas treffen wir Frauen. Sie stehen knietief im Wasser und sammeln Tang. Wir treffen Fischer, sie ziehen die schweren Netze ans Land. Dann wird es still. Kleine Krabben spielen im Sande und flüchten vor unserem’ Auto ins Meer. Eine salzige Brise streichelt uns. Landeinwärts blicken wir in eine Wildnis von Dünen, hie und da mit Gras bedeckt. Einsam ragen einzelne Palmen. Das ganze Land, das wir mit unserem Auto durchrasen, gehört nun dem jüdischen Nationalfonds. Da, wo jetzt noch die Moskitos summen, werden sich bald freundliche Gärten ausbreiten und Obstbäume Schatten spenden. Wir erreichen den gewundenen Kischon und fahren landeinwärts durch weichen Sand. Hie und da kommen wir an knochigen Kühen vorbei, die träge Wiederkäuen. Ratternd fährt unser Auto über die losen Planken einer Brücke. Für eine Weile fahren wir längs einer Düne über so etwas wie eine Straße. In der Nacht fegt der Wind einige Tonnen Sand auf die Straße, tagsüber bläst er ihn wieder zurück auf die Düne. Meile auf Meile legen wir zurück und immer deutlicher sehen wir die Mauern von Akko. Die Stadt Akko ist die entthronte Fürstin unter den Städten. Sie wurde öfters belagert als irgendeine andere Stadt, denn wer sie besitzt, der hat den Schlüssel zu Paläsina. Während der zwei Jahrhunderte des Lateinischen Königreiches war sie die Hafenstadt der Könige von Jerusalem und die Stärke der Johannesritter und Templer. Napoleon und Sidney Smith kämpften um sie. Unter den Türken war sie die Hauptstadt der Provinz. Vom Süden her bieten Akkos Mauern einen prächtigen Anblick. Hoch ragen hinter den Mauern die Häuser, deren Fenster wie Augen in einem bleichem Antlitz funkeln. Unser Auto rattert hinauf zum Stadttor, wo sich die Endstation der Weinen Bahn befindet, die Ak’'o mit Haifa verbindet. Außerhalb der Mauern sehen wir einen vernachlässigten mohammedanischen Friedhof, unter dessen Bäumen Bettler schlafen. Innerhalb der Mauern herrscht Leben. Die Buden sind angefüllt mit Obst und Gemüse: Eierfrüchte, Zwiebel, halbreife Orangen und Tomaten, pyramidenförmig geordnet. Es ist Markttag und die engen Straßen sind voll Bäuerinnen und Bauern. Nahe der Moschee bleiben wir in der Menge stecken. Die hohen Zypressen des Hofes der Moschee geben angenehme Kühle. Oben in der trutzigen Zitadelle sitzen die Sträflinge hinter vergitterten Fenstern. Die Haupstraße, die von Akko an die syrische Grenze führt; geht landeinwärts. Obwohl die Szenerie r. jht so schön ist, wie der Weg am Strande, gibt es doch viel interessantes zu sehen. Eine Zeitlang fahren wir längs einer alten römischen Wasserleitung, die noch heute Wasser nach Akko leitet. In hohen Bogen überspannt sie das Tal. Unaufhörlich tropft es von ihren mächtigen Flanken und die Sockel der Pfeiler sind von Moos bedeckt. Dann kommen wir bei der von der Regierung angelegten Farm vorbei, deren weiße Ställe in einer Oase grünender Bäume stehen. An der Straße steht eine Tafel mit Abbildungen von PfeTden, Ziegen und Hühnern, eine Art Anschauungsunterricht für die ungebildeten arabischen Bauern. Dann durchqueren wir eine große Heide. Ab und zu treffen wir auf Wegeinräumer, welche die Straße auslxssern. Wir kommen an einzelnen Orangengärten vorbei, die von hohen Kaktushecken umgeben sinn. Frauen und Kinder sind eben dabei, Kaktusfrüchte, die bei den Arabern als große Delikatesse •) Der Autor diese? Aufsatzes, der Sohn Sir Herbert Samuels, wurde vor kurzem ztun Überdistriktskommissar im Norden Palästinas ernannt. gelten, zu pflücken. Hiebei finden lange Stangen Verwendung, die an der Spitze einen Nagel tragen, mit dem die Früchte heruntergeholt werden. Plötzlich geraten wir in einen Tumult. Fellachen schreien und tanzen. Ihre Augen sind bemalt. Mädchen in rot und goldbestickten Kleidern. Kinder naschen Süßigkeiten. Hunde knabbern an Knochen. Hier wird eine arabische Hochzeit gefeiert. Die Braut ist zehn Jahre alt. Sie sitzt auf einem Baldachin und sieht sehr müde und erhitzt aus. Der Bräutigam ist zwölf Jahre alt. Er trägt einen Stock in der einen Hand. Die andere hat er mit einem Taschenuch umwunden. Er feuert die Männer an, die Arm in Arm, Schulter an Schulter tanzen. Nahe den schmutzigen Hütten, neben einem umgestürzten altrömischen Sarkophag steht ein zerlumptes Fordauto, das die Braut in ihr neues Heim bringen soll. Wir fahren weiter und bald sind wir in Rasel Nakura, der Grenze zwischen Syrien und Palästina. Zahlreiche Autos stehen herum und warten auf Zollabfertigung. Ein Zollwächter zieht eben aus einem Pyjama Zigaretten hervor und der englische Zollwächter hört unbewegt die Beteuerungen ihres Besitzers an, er habe — Ehrenwort! — ganz vergessen, die Zigaretten anzumelden. Andere Zollwächter sehen nach, wieviel Petroleum und Benzin die Autos mitführen. Zunächst finden wir keinen Unterschied zwischen Palästina und Syrien. Wir sehen die gleichen Hügel, die gleichen Bauern, die gleichen Pflüge. Nur langsam bemerken wir die Unterschiede. Die Telephonstationen sehen weniger solid aus. Die Meilensteine tragen arabische Schriftzeichen. Die Straßen sind vernachlässigt und es sind keine Wegeeinräumer zu sehen. Die syrischen Gendarmen sind zerlumpt und unrasiert. Nahe dem französischen Zollwachhaus sitzt ein französischer Geistlicher mit einem französischen Offizier unter einem Karobebaum. Ein Stück weiter finden wir ein kleines Kaffeehaus mit schattiger Terrasse. Von der Zimmerdecke III. Es ist bekannt, daß die orientalischen Juden, wie sehr sie sich im Laufe der Zeit an ihre Nachbarn in Sitten, Tracht und Kleidung auch angepaßt haben, sie dies niemals bezüglich ihrer Sprache taten. Wenn sie sich auch die Landessprache anelgneten — in diesem Falle kurdisch, persisch und arabisch —, so haben sie doch niemals ihre eigene Sprache aufgegeben. Im Gegensatz zum Westen haben sich die Juden des Orients nur bis zu einer gewissen Grenze assimiliert. Die westliche sprachliche Assimilation war zwar nicht vollkommen. Die Juden haben die fremden Sprachen für ihren Gebrauch verändert, haben ihr Eigenheiten der eigenen Sprache hinzugefügt. So das Jiddisch in Zentral- und Osteuropa, in Amerika und Südafrika, während die «türkischen» Juden das Jüdisch-Spanische (Spaniolische) als Muttersprache pflegten. Auf Korfu gibt es noch ein Jüdisch-Griechisch und in Persien und Turkestan das Idiom des Jüdisch- Persischen. Die Juden Kurdistans haben dagegen einen eigenen Sprachgebrauch. Sie sind tatsächlich die einzigen Juden, die den aramäischenDialekt, der «larschoir. hatargum» heißt, im täglichen Gebrauch noch heute verwenden. Diese Sprache entspricht vollkommen der aramäischen Bibelübersetzung, dem sogenannten Targum, sowie der Sprache eines Teiles des Babylonischen Talmuds und ist nur vermischt mit zahlreichen kurdischen, persischen, türkischen und arabischen Worten. Aramäisch war Jahrhunderte hindurch nicht nur die offizielle Sprache der babylonischen Juden, die sie tatsächlich als zweite «Muttersprache», respektive «heilige Sprache» benützten, was auch durch den Umstand, daß viele Gebete in dieser Sprache noch bestehen, bewiesen ist, sondern es war die Sprache des alten Orients im allgemeinen. Dm dieses einzigartige sprachliche Phänomen zu erklären, ist es wichtig zu sagen, daß die Ausdehnung des islamischen und arabischen Einflusses im siebenten Jahrhundert zu einer Verdrängung des Aramäischen bei den ♦) Siehe «Die Stimme» vom 29. Dezember 1932.) hängen große Büsch'ef grüner Bananen zum Reifen herab. Auf der Terrasse plätschert ein Springbrunnen. Wohlgenährte arabische Kaufleute verschlingen Unmengen von Seefischen, Ziegenkäse und Oliven. Der Wirt in einem1 gestreiften Nachthemd und Pantoffeln kann nicht genug rasch nachservieren. Vor dem Kaffeehaus hocken Treiber und schlürfen Mokka. In der Nähe kreischt ein Grammophon ein arabisches i.ied. Wir setzen unsere Reise nach Tyrus fort. Die Straß* beginnt zu steigen, wir verlassen die Küste, fahren längs tu*er Schluchten und sehen das Meer unter uns liegen Nackte arabische Kinder spielen in den Wellen. Hier oben ist es kühler. Seevögel schwirren um unser Auto. Die Straße ist in dre Klippen geschnitten und durch eine Brustwehr gesichert. Wir blicken hinab zu den steilen Felszacken. Die Straße wird eng und schwierig. Das ist die «Leiter nach Tyrus». Ueber diese Straße sind zahllose Armeen gezogen. Vom Norden her Sancherib, Alexander der Große und die Kreuzfahrer. Vom Süden her die Aegypter und Allenbys indische und australische Kavallerie. Nun fahren wir die andere Seite der «Leiter» hhiah mit kreischenden Bremsen und schleifenden Pneumatiks und <>ndlich sind wir wieder in der Ebene. Vor mir sehe ich Ty tis. Ich glaubte, ich würde eine große Levantestadt m;t Hafen, Palästen und Türmen sehen. Von hier aus schickte d'»ch König Hiram Zedernholz an König Salonio für den Ti udbau. Hier war die Heimat der wagemutigen Kaufleute, v Sie di« Welt mit dem berühmten Purpur von Tyrus versorgen und im Tauschverkehr hiefür Zinn aus dem nebeligen Cornwall und Spezereien aus Indien heimbrachten, Das waren die Wikinger des Südens. Sie verspotteten die Juden, diese Landratten, ihre Bücher und Propheten, ln ihrem Hafen wiegte sich ein Wald von Schiffsmasten. Was sehe ich aber? Nichts ist von der ganzen Herrlichkeit übriggeblieben. Der Hafen ist versandet. Hie und da ragen aus dem Sande die Stümpfe geborstener Marmorsäulen hervor. Keine Hauptstraße führt nah Tyrus. Armer König Hiram! Arme Phönizier! Euere Schiffe sind zugrunde gegangen, aber die jüdischen Propielen leben. Es gibt kern Mandat für ein phönizisches Nationalheim, es gibt auch keine Phönizier mehr. Arabern geführt hat. Nur in einem kleinen Teil des Ostens, in Kurdistan, hat sich das Aramäische erhalten, wo es aber hauptsächlich von den Juden gesprochen wird, doch auch christliche Kurden bedienen sich noch heute dieser Sprache. Die Letzteren nennen ihre Sprache, die hauptsächlich in Zacho und Umgebung, aber auch in Urmid, im persischen Kurdistan, gesprochen wird, «laschon hatargun» oder «laschun hagalut». Dadurch war eine Verständigung zwischen mir und den kurdischen Juden möglich, wenn alle anderen Möglichkeiten der Verständigung fehlten. IV. Nicht geringer interessant sind die Eigentümlichkeiten auf religiösem und sozialem Gebiet. Es ist zweifellos, daß die ■> Bergjuden ihre eigenen religiösen Formen geschaffen haben, die grundverschieden von denen sind, die die europäischen Juden bewahren. Die größte Zahl der Dörfer haben weder Schulen noch Synagogen oder Minjanim und ebenso ist das Vorhandensein eines Schoehet, Mohel und Dajan eine Seltenheit. Es gibt so etwas, wie ein «ambulantes Rabbinat», das von Zeit zu Zeit seine Besuche abstattet. Der einfache kurdische Jude ist ein völliger Ignorant in jüdischen Dingen. Mit Ausnahme der striktesten Einhaltung der Sabbatruhe, der die kurdischen Juden mit großer Hartnäckigkeit treu geblieben sind, haben sie nur eine Menge von Aberglauben erhalten. Der Ab e r g 1 a u b e, wie er sich bei den kurdischen Juden erhalten hat, ist schwer zu beschreiben. Es ist dies zwar eine allgemeine Erscheinung bei den Orientalen. Der Glaube an Dämonen, «shedim» und an den «bösen Blick» ist allgemein vorherrschend. Todes- und Unfälle werden den «shedim» zugeschrieben, denen eine bedeutende Macht über das tägliche Leben zugeschrieben wird. Der Gebrauch von Amuletts, Siiberketten usw., besonders bei den Geburtst Zierlichkeiten und der Glaube an Träume und ihre Einflüsse auf das tägliche Leben »t allgemein verbreitet. Der «Chochem» der Stadt, soferne ein solcher vorhanden ist, deutet nun diese Träume nach bestimmten Gesetzen, die vom Vater auf den Sohn überliefert werden. Diese Traumdeuter sind auch fallweise, besonders bei Frauen, Ersatz für «seelische» Aerzte. Unter den persischen, hebräischen und arabischen Schriften Uurdisfanische Juden*) Von Dr. Waller Flschal 18.März1933 G.K.S. 20Uh

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