Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 265 (2.2.1933)
- Date
- 1933-02-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 265 — 2. Februar 1933 Die stimm e Seife 3 Ein imvetöffenllkhtei NOfdail-Brief Herr Dr. S. Horowitz stellt uns den fol- § enden Nordau-Br-ief, der an einen Wiener iesinnungsgenossen gerichtet ist, zum erstmaligen Abdruck freundlichst zur Verfügung. Red. Auf die Fragen, die Sie an mich richten, gebe ich bereitwilligst die nachstehenden Antworten: Ich werde mich immer bemühen, dem jüdischen Volke nach meinen Fähigkeiten, mit allen meinen Kräften, an jeder Stelle zu dienen, an die es mich durch seine rechtmäßigen Vertreter beruft. Mich hervorzudrängen, wichtig zu tun, mir Funktionen anzumaßen, ist nie meine Art gewesen und wird es nie sein. Auch während der Kriegsjahre hat man mich immer gefunden, wenn man mich gesucht hat. Ich darf mir das Zeugnis ausstellen, daß bei mehr als einer bedeutungsvollen Gelegenheit meine Bemühungen im Interesse des jüdischen Volkes oder mancher seiner Gruppen — der ottomanischen Juden in Frankreich und Italien, der jüdischen Opfer türkischer Soldateska in Palästina, der von Pogroms gemarterten Juden in Polen, der notleidenden jüdischen Kriegsflüchtlinge in Spanien, der als Bolschewikis denunzierten und bedrohten osteuropäischen Juden in Barcelona — für die ich im Verein mit dem hochverdienten Professor Yahuda eintrat, nicht ohne Nutzen gewesen sind. Allerdings haben weder Professor Yahuda noch ich die Gewohnheit und die Neigung, um unsere Arbeit ein Getöse zu vollführen. Wie ich über die Notwendigkeit der Einberufung eines zionistischen Weltkongresses denke, darüber gebe folgende Stelle der Botschaft Bescheid, die ich über Aufforderung der zionistischen Organisation für Amerika an deren Jahresversammlung in Chikago richtete, wo sie am 14. September vorgelesen wurde: «Es ist Zeit, daß die Stimme Israels gehört werde und nicht durch das Organ selbstbestellter, wenn auch noch so verdienstvoller Wortführer und Leiter, sondern durch den Mund regelrecht gewählter Vertreter, die einen förmlichen Auftrag von den Millionen unseres Volkes aufweisen können. Nur derartige bevollmächtige Abgeordnete können zur Welt mit der erforderlichen Autorität im Namen Israels sprechen, in dieser Zeit der triumphierenden Demokratie und der Selbstbestimmung großer und kleiner Völker. Die Einberufung eines Weltkongresses der jüdischen Nation ist deshalb eine drängende und unabweisbare Notwendigkeit,'und die amerikanischen Juden müssen diese Angelegenheit in ihre Hand nehmen. Bestimmen Sie die Bedingungen der Wahlen, die Zeit und den Ort der Zusammenkunft dieser Versammlung, die der Ausgangspunkt des neuen politischen Daseins des alten Volkes von Israel zu werden berufen ist.» Die einzigen Schwierigkeiten, die sich der Verwirklichung dieses Vorschlages entgegenstellen, sind einerseits die Hindernisse, welche die durch den Weltkrieg erschreckend verwilderten Regierungen und Verwaltungen aller Länder, der siegreichen, der besiegten und selbst der neutralen, mit ihren Paß- und Polizeischikanen gegen Bewegungsfreiheit Fremder aufrichten, anderseits die entsetzlichen Verhältnisse in Osteuropa, wo sechs Millionen unserer Brüder gegenwärtig die schwärzesten Tage der jüdischen Geschichtstragödie leben. Mit diesen Schwierigkeiten wird man natürlich rechnen müssen. Das Problem der Besiedlung Palästinas mit Millionen jüdischer Einwanderer kann nicht mit wenigen Worten abgetan werden; das liegt, denke ich, auf der Hand. Seine angemessene Behandlung ist nur in sehr langen Ausführungen möglich. Hier muß ich mich auf knappste Andeutungen beschränken. Nach der Festlegung des internationalen Status von Palästina, . die wir von der Pariser Friedenskonferenz verlangen und erwarten, ist die Bevölkerung Palästinas mit Juden, für uns die allerwichtigste Frage. Wenn wir dort nicht rasch eine Volksmehrheit werden, sind alle liebenswürdigen Worte, mit denen man uns das Land als «die Heimstätte des jüdischen Volkes» bezeichnet und preist, Wind und Schall ohne praktischen Wert und Bedeutung. Daß Palästina nicht sofort Millionen Juden reichlich ernähren kann, daß es für Ihre Aufnahme vorbereitet werden muß, ist richtig. Aber diese Vorbereitungsarbeit muß von Menschen, von uns getan werden, sie.erfordert Hunderttausende von Arbeitern aller Berufe, und wenn man vor ihnen die Grenzen Palästinas eigensinnig versperrt, so wird die Arbeit eben nie getan werden. Ich glaube, meine jüdischen Brüder zu kennen. Ich habe zu ihrer Anschlägigkeit, Tüchtigkeit, Zähigkeit und Arbeitsfreudigkeit genug Vertrauen, um ganz sicher zu sein, daß sie mit der größten Energie die Härten der Beatrijcbad Russisches Steinschwitzbad mit Besenbehandlung, neu errichtet Dampf-, Wannen-, Schwimm- und Heilbäder. Die Leser der «Stimme» erhalten an der Badekasse gegen Ueberreichung dieses Kupons (ausschneiden!) um nur einen Schilling ein russisches Schwitzbad mit Wäsche« — Gültig bis Ende Februar 1933- Anfänge überwinden, dem Boden rasch reiche Ernten abzwingen, für sich die>,nötigen Häuser und Straßen bauen, für Sicherheit, öffentliche Gesundheitspflege, Unterricht, Rechtsordnung sorgen, Industrien und Handel schaffen und sich in den neuen Verhältnissen ungesäumt zurechtfinden werden. Kleinmut und zaghafte Behutsamkeit sind sicherlich bequemer als schöpferisches Wagen, aber gerade dieses ist es, was der Augenblick gebieterisch von uns verlangt. Jarauz, den 10. Oktober 1919. D.r, Max Nordau. EUesev Ben-Jehuda (Zur 40. Wiederkehr reiner Todestage«) Don Mmon fitmii Tel-Ä«clir Schon zehn Jahre sind verflossen, seit Ben-Jehuda nicht mehr unter uns weilt, der so unzertrennlich zum inneren Bilde des neuen Erez-Israel gehörte, erst zehn Jahre, seit der Wiederbeleber der hebräischen Sprache nicht mehr wirkt, wo doch das nationale Idiom bereits so natürlich und wurzelhaft klingt, die Sprache des Kindes, der Straße und I der Dichtung. Hat dieses Wunderwerk ein Mensch vollbracht? Nun, vor Ben-Jehtida ’bestand' die historische Notwendigkeit, durch ihn kam die erste Verwirklichung und nach ihm bleibt die' Selbstverständlichkeit der nationalen Volkssprache. In seiner Autobiographie, die den bedeutsamen Namen trägt «Der Traum und seine Erfüllung*, wird uns diese einzigartige Pionierlaufbahn geschildert.*) EBeser Perelmann wurde am 5. März 1858 m einem weltverlorenen litauischen Städtchen bei Wüna geboren. Der traditionelle Erziehungsweg' führte den künftigen Erforscher und Wiederbeleber der Prophetensprache nach der Jescluwa, wo er das Glück hatte, in dem Leiter der Anstalt einen geheimen Bundesgenossen zu-finden, der ihm einen hebräischen «Robinson Crusoe* in die Hand drückte; unbeabsichtigterweise war Symbol und Prophezeiung in dieser Gabe. Das entscheidende Erlebnis kam ihm bei dem Ausbruch des bulganschen Aufstandes gegen die Türkei und dem russischen Feldzug. Hören wir die Worte Etisers selbst: «Der Sturmwind wehte vom Balkan her, . . . Und nun geschah es, in der Mitternacht Nachdem ich lange in den russischen Zeitungen gelesen und über die bulgarische Befreiung nachgedacht habe, blitzte es plötzKch vor meinen Augen auf, and mein Gedanke flog von den BalkjMpässen *u de* Jordan- Übergängen. Eine innere Stimme rief -mir verwundert zu: Und die Auferstehung Israels mit seiner Sprache in dem Lande der Väter, wo bleibt sie bei alledem? . . . Bald fühlte ich, daß es mehr als ein Traum war, und jedenfalls, daß er mich nie verfassen wird. Der Jude in mir gewann die Oberhand. Mein Los ist nunmehr entschieden. Mein Leben, meine Kräfte sind der Auferstehung Israels und seiner Sprache auf dem Boden der Väter geweiht». Die russische innerpolitischen Befreiungsbewegung vermochte den jungen Idealisten nicht in ihren Barn» z#i zwingen; sein «kleines, erbärmliches Völkchen», wie er es vor sich sah, ja viel schümmer und tragischer: sein stummes, des heimatlichen Sprachvermöge ns beraubtes Volk zog ihn an steh. Nun wurden die Lebenszufälle zu symboSsch schicksatevoHen Begebenheiten. BäW stoßt der Junge Perelmann auf den bekannten Roman «Daniel De ton da» von George EMiot und fühlt in sich den Entschluß reifen, ins Land der Väter ziu ziehen, wie es ja der Held der englischen SchriftsteSerin getan. Der Zwanzigjährige v eröffenWicht einen Artikel in der hebräischen Zeitschrift «Haschachar»: «Dre gewichtige Frage», in dem er 15 Jahre vor dem ersten Baseler-Kongreß und zwei Jahre vor der «Autoemanzipation» von Pisker, die zionistische Massenbewegung mit voller Deutfichkeit vorausahnte und die hebräische Volkssprache zur Rettung der nationalen Eigenart forderte. Die Tat folgte rasch auf den Beschluß. *) Hebräische Zeitschrift «Hatore n» (New York) Nr. 39, 41, 43 (1917/18). Vgl. meinen Artikel über Ben- Jehuda «Der Jude», 1923, Februar-Heft. Zwecks Gründung eines werden einige Interessenten mit Kapital gesucht. Zuschriften unter jQftoalßT a. d. Adm. dieser Zeitung DU wirklich billig« «cflllft» quelle finden Sie bei »Oä-HO« (Inh. David Horowitz) WUnlL^Taborstroß^Ni^Ub Ecke Gredlerstraße 31 QuaUiäHumem mu BuptwH MilI0«n Preisen. Bef Berufung auf die »Mmme« § Prosenf Rabatt Elieser ben Jehuda, der Hebräer, zieht nach Paris als Durchgangsstation auf dem Wanderweg nach der Urheimat. Dort wandte er sich an die «Alliance», um iin der Ackerbauschule Mikveh Israel zu arbeiten, und bekam eine Antwort, in der sic haufrichtiges Erstaunen über die Einfalt des Suchenden und wohlwollendes Mitleid mit seiner bedrängten Lage mischten: die Aufgabe der «Alföance» sei, Juden aus Palästina herauszuführen, um sie zu französischsprechenden Kulturmenschen zu machen, nicht aber neue Menschen dahin, und gar noch aus Paris, zu schicken! Die Reise verzögert« sich durch einen KrankheitsanfaV, an den sich das schöne Erlebnis der ersten hebräischen Unterhaltung knüpfte; auf den benachbarten Krankenbetten, mit dem ersten Jerusalemer, dien er traf — dem bekannten Herausgeber der Palästina-Jahrbücher L ti n z. Und schon batte das Emeuerungswerk an der Sprache begonnen. Das erste von Ben Jehuda geschaffene Neuwort war eben «MiIon» — Wörterbuch. Er brauchte diese Vokabel dringend und in der Bibel fand er sie nicht, auch nicht im Talmud. So nahm er die uralte Wurzel und hatte ein modernes Wort ins Leben gerufen. Eföeser Ben Jebuda ließ sich in Jerusalem nieder und bleibt ganze 36 Jahre im unermüdlicher schrrftsteöieriischer, wissenschaftlich-philologischer Arbeit tätig. Durch die unerwünschte Pause des Weltkrieges in die Ferne verbannt, kehrte er mit dem ersten Passe des «palästinensischen Staatsbürgers» nach Hause zurück, um noch dfie Mandatsunterzeidiroun.g zu erleben. Doch das Riesenwerk des «Hebräischen Wörterbuches», von dem fünf Bände zu seinen Lebzeiten und zwei weitere aus dem Nachlaß erschienen sind, war ihm zu vollenden nicht vergönnt. . Elieser Ben Jehuda war der erste lebende Hebräer, für dten die Sprache bewußt seine. einzige, die natürlich^, genauer: die durch einen leidenschaftlichen Willen zur Natwr gewordene Ausdrucksmöglicbkeit war. Es genügte ihm nicht, in der Gelehrtenstube zu schreiben. Das. Wort mußte leben, im Herzen zittern, von den Lippen klingen, flüsternd, schreiend, redend. Die Früheren konnten gemächlich in der biblischen Bilderpracht schwelgen. Jetzt hieß es: verstanden werden, und da mußten Bezeichnungen auch für Küchengeräte und Automobilteile geprägt, verarbeitet werden. Der hebräische Kindergarten von heute ist das ewige Denkmal für das Werk des Einzelnen, des Einzigen, der das stummgewordene Volk sprechen und singen ließ. Aus Judos Ahnensaal Ja der Aera liberaler Hochblüte wurde unser biederer Volks- und Glaubensgenosse Max Springer in Rudolfsheim durch Erzeugung von Spiritus und Preßhefe hochgetrieben und brachte es zum vielfachen Millionär samt adäquater Freiherrnwürde. Er legte sich in der Tivolistraße ein parkumschmücktes Palais an, das mit dem nahen Schönbrunn wetteifern konnte; aber als guter Jude sorgte er auch für sein Seelheil, indem er nahe der Stätte seiner Arbeit ein jüdisches Knabenwaisenhaus errichtete. Doch auch in diesem Baronat zeigte das Geld rasch seine entjudende Kraft. Von den drei Söhnen wurden die beiden jüngeren: Hermann und Alfred von ihrer schrankenlosen Noblesse folgerichtig dem Katholizismus zugeführt; sie starben früh — ohne legitime Nachkommen — und ruhen am Wiener Zentralfriedhof in der jüdischen Familiengruft aus. Der älteste Sohn, Freiherr Gustav Ludwig, blieb bei Industrie und Judentum. Er hinterließ eine einzige Tochter Marie Cäcilie, in deren Hand sich das Riesenvermögen des Hauses Springer vereinte. Marie nahm zum ersten Mann den Baron Eugen Fould, Sproß jener ausgetauften jüdischen Familie, weiche schon dem Kaiser Napoleon III. einen Finanzminister gestellt hatte. Seither lebt sie in Paris, und der Tivoli steht — gleich dem anderen Herrschersitz: Schönbrunn ■— nun verlassen da. Von ihren vier Kindern heiratete Helene den katholischen Juden und vordem königlich-spanischen Attachi Propper. Bisnun war es eine normale Marranengeschichte; {früsbertoaltungen «ga?- 9 nl 91»1 1 s h v » n m«r»alttiB|»«sMvlacR aut Sorfftfiffe oftne iebtoebe Stofen, eöeutueü «no »In« Sinncetctbnii« oAcr ttnnM>fuui|. 9er« fnie i m UL. MsoflktfccrtfOe £ät|« S — iVh ÜWliUttKlmjIti SL $tii, I. ftitmetg. 11 Ztl R 214.30