Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 264 (26.1.1933)
- Date
- 1933-01-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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ttf. 264 — 28. Jifltier 1933 DTE STIMME 6eHt t KUNST UND WISSEN Beilage du „summe" Pcv Talmud als Von S. Trabes, Wlra Anläßlich der neuerdings von antisemltteoher, hauptsächlich von nationalsozialistischer Seite erhobenen Anwürfe gegen den Talmud, erscheint dieser Aufsatz von besonderer Aktualität. Die Red. Kaum jemals ist ein literarisches Werk bis zu diesem Grade verkannt und mißdeutet worden, wie es. mit dem Talmud geschehen ist, dieser grandiosesten Schöpfung des jüdischen Volkes. Daß der Talmud so häufig den Gegenstand der heftigsten Angriffe und einer fast fanafischen Feindschaft v<- nichtjüdischer Seite bildet,*) ist eine Tatsache, die nicht weiter wundemehmen darf, zumal ihre Voraussetzungen schon längst erkannt sind. Diese Anfeindungen decken sich Im Wesen mit der dem Judentum von den Völkern entgegengebrachten Abneigung, sie sind ein Te-Iausdruck der allgemeinen antisemitischen Mentalität, die sich Sozusagen normalerweise auch auf dieses Standardwerk jüdischen Schrifttums erstreckt. Geradeso aber, wie der streitbare Antisemitismus in seinen Mitteln durchaus nicht wählerisch ist, wo es gilt, den Juden und dem Judentum eins auszuwischen, ebenso ist der Talmud, dieser schrifttümliche Niederschlag urjüdischen Geistes, diese literarische Verkörperung der jüdisch-sittlichen Idee, dieses schriftstellerische Wunderwerk, an dem buchstäblich ein ganzes Volk schöpferisch mittätig war,**) von gegnerischer Seite wahllos und kritiklos abgeschätat oder — was noch häufiger geschah — in ausgesprochen böswilliger und verleumderischer Weise ausgelegt und zitiert worden. Diese Umstände, an sich traurig genug, bilden aber nur eines der vielen Kapitel »m großen Roman des Antisemitismus,, der uns hier nicht weiter beschäftigen soll. Trauriger und beschämender ist es jedoch, daß m gewissen jüdischen Kreisen selbst, und. zwar vornehmlich in solchen, die vpm Talmud eine nur sehr entfernte oder auch gaT keine Atmung besitzen, eine Anschauung geltend geworden ist, die dem Talmud und seiner fortdauernden Bedeutung als lebendiger Quelle, als geistiger Grundlage echt jüdischer Weltanschauung und Lebeneentwicktung höohst abträglich erscheint, ja ihm sogar gefährlich zu werden vermag. Wir denken hiebei an jene landläufige, aber höchst Oberflächliche Art von Abschätzung, für welche der sagenhafte Talmud nur gleichbedeutend ist m?t Haarspaltung und Spiegelfechterei, an jene leichtfertige Denk- und Redeweise, für welche «Talmudist» ein Schimpfwort bedeutet, «talmudistisch» nur ein Synonym für «spitzfindig» und «sophistisch» ist und. derzufolge das ganze gewaltige Gebäude talmudischer Weisheit nicht anders erscheint, denn als ein cinzger großer «jüdischer Dreh». Dieser nur allzu verbreiteten, auf bedauerlicher Haflbbi&tuog fußenden Anschauung stellt sich der Talmud gleichsam als ein umfangreiches Gesetzbuch dar, eine Art barocker Kodex, aagefüMt mit einer Unmenge von Recht- Sprüchen und Entscheidungen, juristischen Pfiffigkeiten und Jüdvokatorischen Kunststückchen, aus denen im jeweiligen ReqhtsfaB eben mit Hilfe der gewissen «talmudiseheri Spitzfindigkeit» für den Inkulpaten sich stets irgendein Hintertürchen herausfindien lassen müsse. Die Darstellung dieser lächerlichen und schimpflichen Aburteilung eines gigantischen Werkes ist nun keineswegs übertrieben; sie dürfte vielmehr eine Verstärkung erfahren, wenn man bedenkt, daß jene banale Abschätzung, wie jede solche, die auf Halbbildung beruht, einen gewissen entfernten Abklatsch von Wahrhaftigkeit enthält, wodurch sie dann natürlich nur noch schädlicher und gemeingefährlicher zu wirken befähigt ist. Eine haUbe Wahrheit ist eben schlimmer ais eine gatroS Lüge. Es wird nämlich hier .eine der vornehmsten Eigenschaften, ja das eigentliche Charakteristikum des Talmud, nämMch sein Charakter als vielseitiges, k o m p i 1 a t.o-, riS’eh-lehrhaftes Werk fälschlich umgedeutet zu einem Gesetzes ko d ex von angeblich allzu elastischer. Natur und einem sehr zweideutigen, wenn nicht gar vieldeutigen, auf alle Fälle aber höchst fragwürdigen Charakter. Dies aber ist nur die halbe Wahrheit. Denn es ist zwar wahr, daß der Talmud w seinem *) Doch muß betont werden, daß er auch vollste Anerkennung von christlicher Seite gefunden hat, insbesondere wo es sich um echte Talmudkenner handelt. **) Etwa 2000 Namenspersonen sind im Talmud nacngezählt worden. memmpmmmmmmammammammsmmmmmmmamamaam Gescfzesquelle grundlegenden Teil, der Misch na, Gesetzeskodex ist; es ist aber falsch, anzunehmen, daß der Ge m a r a, also jenem Teil, der die weitläufige Diskussion und Auslegung der Miechna enthält, die Bedeutung eines Gesetzbuches beizulegen ist. WoHte man dies annebmen, so würde man tatsächlich darauf verfallen, daß aus dem Talmud für den gleichen Rechtsfall oder, emen sonstigen Verhantflungsgegenstand die einander widersprechendsten «Gesetzesentscheidungen» herauszuholen sind, wodurch also der zweideutige, moralisch und juristisch fragwürdige Charakter dieses Werkes erwiesen wäre. Allein, die Gemara ist ja, wie gesagt, nur die Interpretation der Mischna und es muß jedem einleuchten, daß Interpreten und Diskutanten verschiedener Meinung sein können. Gleicherweise würde man ja etwa beim Studium der «Entscheidungen des Obersten Gerichtshofes» irgendeines europäischen Staates, die sich im Laufe von Jahrzehnten zu schweren Folianten türmen, auf einander widersprechende Entscheidungen stoßen müssen, was doch eine höchst natürliche und einleuchtende Erscheinung ist Denn dem urteilenden Richter steht wohl das «Gesetzbuch» als Grundlage zur Verfügung (in unserem Falle etwa die Mischna), der Richterspruch erfolgt aber nicht laut dem starren Buchstaben des Gesetzes, sondern im Geiste ’ der Gesetzgebung. Dieser Geist der Gesetze ist aber wandelbar und findet eben seinen jeweiligen Ausdruck in Gesetzesnovellen, in oberstgerichtlichen Entscheidungen (in unserem Falle etwa die Gemara), welch letztere wiederum ihre Wandlungen erfahren unter dem Einfluß des Wandels der Zeiten und Sitten, des Standes der Wissenschaften, dter öffentlichen und politischen Lage, mit einem Wort, des Wandels der jeweiligen Anschauungen und Verhältnisse. Bedenkt.man nun, daß die abschließende Redaktion des Talm-ud etwa um die Mitte des 6. Jahrhunderts n. Ch. erfolgte und der schriftliche Niederschlag einer tradierten mündlichen .Auslegung bildet, die sich auf mehr als ein Jahrtausend erstreckt, so werden die offen zugegebenen, ganz bewußt gesammelten und angeführten Widersprüche in der Interpretation und Diskussion nur allzu verständlich. So sagt Lazarus G o 1 d s c h m i d t in der Einleitung zu der Erstausgabe seines epochalen Uebersetzungs- Werkes des babylonischen Talmud: «Der Talmud ist kein von einer Person bzw. einer Korporation abgefaßtes Werk, ja nicht einmal ein ln einer Zeitepoche vollständig abgeschlossenes Ganzes, es ist vielmehr eine Kompilation von vielen mündlich und schriftlich überlieferten Thematen, die auf eine Rede von vielen Jahrhunderten entfallen. So findet also die verdächtige Weitläufigkeit und die geschmähte Elastizität des Talmud ihre einfache und natürliche Erklärung; ja diese Eigenschaften machen gerade seine einzigartige Bedeutung und seinen ewigen Wert für das jüdische Volk a>us. ln dieser Form der nicht dezisiv, nicht dogmatisch abgeschlossenen Behandlung von Rechts-, Lebens- und Geistesfragen jeder Art liegt sogar der essentielle Ausdruck, fast möchte man sagen, der Inhalt jüdischer Weltanschauung. Daß nicht e 1 n starrer Grundsatz zum Prokrustesbett des Lebens, der stets wechselnden Lebenslagen gemacht wird, sondern daß aus der Menge der Grundsätze, aus der Fülle der Erkenntnis, aus der Tiefe der Einsicht, dem tiefen Meere des Talmud, das jeweilige Urteil geschöpft wird, das ist ja gerade die echt jüdische Einstellung dem Leben gegenüber, die Einstellung eines gesunden, seines sittlichen Gefühles sich bewußten Realismus, der bei aller Strenge in der Handhabung der Gesetze doch den Primat des Lebens anerkennt. . So ist der Talmud in seiner praktischen Anwendung nicht so sehr Kodex als vielmehr Quelle des Gesetzes, Schule der Gesebzeslehre, wie ja auch alle Bezeichnungen für den tatmudischen Stoff diese Auffassung des Talmuds als eines grandiosen Lehrgebäudes deutlich zum Ausdruck bringen. Es bedeutet Mischna — das Gelehrte, Gemara — das Gelernte und Talmud - das Studium schlechthin. Gestützt auf das heilige Fünfbuch; cüs auf ein unerriiekbares Fundament, als auf ein ewiges Absolutum, mit dem er sich in .ständiger und inniger Beziehung weiß, ist es der Geist des Talmud, seine besondere Art sittlich zu denken, zu fühlen und zu werten, die seine eigentliche Bedeutung ausmacht, und nicht der einzelne Fall, den er zur Behandlung bringt. Es erfolgt daher auch die talroudische Rechtsprechung int praktischen Fall aus der Machtvollkommenheit des befugten Richters, der sich auf den Talmud nur stützt, d. h. der aus der Fülle der einander oft wider* sprechenden Entscheidungen jene zu seinem Urteüssprud» erwählt, die dem gegebenen individuellen Fall und seiner eigenen, richterlichen Einsicht entspricht. So heißt es auch schon in der Bibel, 5. Buch Moses, Kap. 17, Abs. 8 und 9: «Wenn dir eine Sache unbekannt ist für den Rechts» spruch zwischen Blut und Blut, zwischen Recht und Reclrt; zwischen Schaden und Schaden, von den Streitsachen in deinen Städten; begib dich zu den Priestern aus dem Stamme Levi oder zu dem Richter, der in jenen T a g e n s e i n wird, und frr>?e nach, daß dir künden den Ausspruch dos Rechts.» Das lebendige, sittliche Gefühl, genährt aus seinem steten Zusammenhang mit der Thora, dem Born des Gesetzes, entwicht 1t UnJ \ •;'{ dii.vii das Studium des Tafmud, der Unterweisung im Gesetze und geläutert am lebendig sprudelnden Quell der Entwicklung, bürgt dem jüdischen Menschen, dem jüdischen Richter für eine Handhabung der Gesetze im Sinne des Absoluten, im Sime Gottes. Wahrlich unbegreiflich erscheint es daher, wie man bei solchem Sachverhalt eine frivole Relativieruag der Moral von seiten des Talmud angeblich ableiten zu können rer* meinte. Denn der Fall, daß über eine bestimmte Rechtsod>* sonstige Frage zwei oder gar mehrere Meinungen bestehen, oder daß zu verschiedenen Zeiten verschiedene sittliche Wertungen vorgenommen werden, also der gewisse Fall, der bei unseren materialistischen Zeitgenossen unvermeidlich jenes sattsam bekannte Augurenlächeln hervorzürufen pflegt, weil sie aus dem Umstand des V/ a n d e 1 s der sittlichen und juristischen Wertungen auch schon gleich eine völlige Entwertung aller Moral und Gesetzlichkeit a-blei-ten zu können vermeinen, dieser scheinbar bedrückende Umstand findet gerade Lm Talmud seine umfassende und befriedigende Lösung. Denn nicht so sehr, was gut oder böse ist, lehrt uns der Talmud, sondern daß überhaupt aKes und jedes, von dem Verhalten ganzer Völker bis auf die scheinbar nichttigsten Handlungen im alltäglichen Leben, entweder gut od e r b ö s e i.s t, darin, in dieser eingewurzelt in Kraft zur s-it fliehen Unterscheidung liegt.die großartige Bedeutung des •Talmud. Daß er gleichsam die ganze Welt, mit Sittlichkeit durchtränkt und sie dadurch vor allem-in eine bestimmte Ordnung bringt (die sechs Hauptabteilungen heißen auch Sedurim-Ordnungen), darin liegt sein gewaltiger aufbauender Wert. Aus diesem .Grund auch ist es falsch, den Talmud als antiquiert zu bezeichnen, wie es sogar von sehr gelehrter Seite schön geschehen ist. In seiner Anspruchslosigkeit, in. seiner, jeder Rechthaberei fernen Bescheidenheit des Geistes, in seiner Bereitwilligkeit, sich den jeweiligen Stadien der Entwicklung •■rgvben anzupassen und allen .nd'vidi’Mhn Erscheinungen gerecht zu werden. Hegt die Bürgschaft für seine ewige Jugend. gausdertoaltungen •8 * t i. b dj l u 0 »ob Den»«llttngnii>ltä«ii au$ $otfif)fifte ofine iefiuetie Stofen, eötntueü ead> ob»e Claoerleibono ober Wano h»««. gebe 1 „ III» bboolbeftorifcbe ©Sb« »u 8 — 12% «eaUlätnthan.tlei (Br- ÜS. ^ais, 1. ftiemerg. 13 2*1. R 21*ä*3(l ■V DIE GESPROCHENE Zeitung der Zionistischen Bezirkssektion Leopoldstadt» II., Praterstraße 13. Leitartikel: Dr. Z. F. Finkeistein Was ist die gesprochene Zeitung? Wir laden Euer Wohlgeboren zu dem am Montag, den 30. Jänner 1933, 8 Uhr abends, im Helme, FL, Praterstraße 13, stattfindenden Abend der «Gesprochenen Zeitung» höflichst ein. Palästina-Nachrichten: Dr. Egon Michael Zweig Zu Nordaus 10. Todestag. Aktuelles: Prof. Arthur Freud Die Lage in Palästina. Weltkrise lm Judentum* Feuilleton: Ueberraschung.