Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 264 (26.1.1933)
- Date
- 1933-01-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 DIE STIMME Nr. 264 — 26. Jänner 1933 £toyd George David Lloyd George, dessen 70. Geburtstag loeben in England gefeiert wird, ist in eigentümlicher und unlöslicher Weise mit der Geschichte des jüdischen Volkes verbunden: er war der Primeminister des Kabinetts, das im Jahre 1917 die Balfour-Deklaration erließ, durch welche dem jüdischen Volk Englands Hilfe bei der Errichtung des Jüdischen Nationalheims in Palästina verheißen wurde. Dieser Akt ist nicht nur der Anfang der modernen Entwicklung in Palästina, sondern er war auch die erste offizielle Anerkennung einer Großmacht für die jüdischen Ansprüche auf ein nationJ’es Zentrum und damit die Erhebung des bis dahin nur propagandistisch betätigten politischen Zionismus in den Bereich der Weltpolitik. Lloyd George hat später selbst in einer Rede einmal erklärt, wieso ihm der Zionismus sofort einleuchtete. Schon als Kind, so sagte er, hat er die Geschichte des jüdischen Volkes genauer studiert als die des britischen. Er ist in genauester Kenntnis der Bibel aufgewachsen, kennt jeden Ort in Palästina, die Gestalten der jüdischen Geschichte sind ihm eng vertraut; ohne weiteres vermochte er in seinem Bewußtsein eine Brücke über die Jahrtausende zu schlagen. Die jüdischen Bestrebungen der Gegenwart erschienen ihm als selbstverständliche Fortsetzung einer hociiberühmten Vergangenheit, deren Schöpfungen und Wirkungen jahrhundertelang die Menschheit erzogen haben. Lloyd George hat sich mit ganzer Ueberzeugung für die zionistische Idee eingesetzt und einmal öffentlich ausgesprochen, er fühle sich Dr. Weizmann zu tiefem Dank verpflichtet dafür, daß er ihn zum Zionismus bekehrt hat. Die ganze wechselnde Entwicklung der Nachkriegspolitik in Palästina hat Lloyd George mit größter Aufmerksamkeit verfolgt, und stets hatte die jüdische Sache an ihm einen aufrichtigen Helfer und treuen Verfechter. Nach der Konferenz von San Remo, 1920, sagte er zu Dr. Weizmann die berühmt gewordenen Worte: «Jetzt habt Ihr Euren Start, es ist Eure Sache, das Beste daraus zu machen.» Auch nachdem er die Regierung verlassen hat, ist er immer wieder für den Zionismus hervorgetreten, in den wechselvollen Kampfjahren nach den Unruhen 1929 hat er häufig der antizionistischen Richtung der englischen Politik Widerstand geleistet. Wollte man Lloyd Georges Verdienste um den Zionismus darstellen, wollte man seine zur Palästina-Politik gehaltenen Reden und geschriebenen Aufsätze registrieren, so müßte man den hier verfügbaren Raum überschreiten. Der Dank der zionistischen Bewegung wurde fclöyd George vor etwa zwei Jahren ausgesprochen, als im Rahmen einer großen Feier in London die Errichtung einer Lloyd George-Kolonie im Emek Jesreel, die den Namen «Kfar David» führt, proklamiert wurde. Auch bei dieser Gelegenheit hat Lloyd George sich zu den Prinzipien der Balfour-Deklaration erneut bekannt und die Erwartung Ausgesprochen, daß die Erneuerung jüdischer Volkskultur in Palästina nicht nur für Palästina, sondern für alle Länder, nicht nur für die Kinder Israels, sondern für alle Menschenkinder, Großes bedeuten wird. Lloyd George ist eine der eigenartigsten und umstrittensten Gestalten dei englischen Politik. Augenblicklich ist er aus der Vorderlinie des politischen Lebens verdrängt, aber niemand wagt zu sagen, ob seine politische Karriere nicht noch einmal eine überraschende Wendung nehmen wird. Das jüdische Volk und die zionistische Bewegung werden ihm ihre Dankbarkeit bewahren, und die öffentliche Meinung des Zionismus schließt sich der großen Zahl der Gratuianten zu seinem 70 ('.ci ...-Sfag an. Jewish Agency beglückwünscht Lord George zu seinem 70* Geburtstage London, In Abwesenheit des Präsidenten der Jewish Ag:<ncy Nahum S o k o I o w sandte Dr. Selig Brodetsky, Leiter des Politischen Departements der Jewish Agency in London, an den g;oßen Freund des Jüdischen Nationalhe'ms in Palästina, Lloyd George, aus Anlaß seines 70. Geburtstages ein Glückwunschschreiben, das u. a. lautet: Indem ich Ihnen im Namen der J.wish Agency zu Ihrem 70 Geburtstag die wärmsten Wün.-che für die Zukunft übermittle, bin ich mir bewußf nicht allein für die Zionisten, sondern auch für die Juden in der ganzen Welt zu sprechen, die Ihnen von ganzem Herzen noch viele Jahre fruchtbringende Arbeit im Interesse des Fortschrittes wünschen. Als Zionisten gedenken wir besonders Ihrer nie versagenden Sympathie und Ihres stets bereten Verständnisses für unsere Ziele, feiner Ihrer mutigen Befürwortung der Sache Palästinas in Zeiten, wo eine solche Befürwortung noch unpopulär ur.d undankbar war. Oft wurde davon gesprochen, wie sehr das jüd sche Volk es bedauert, seinen Freunden und Förderern ke’ne Ehren und Auszeichnungen verleihne zu können. Im Bewußtsein dieses Mangels hoffen wir dennoch, daß Sie an Ihrem 70 Geburtstag mit Genugtuung daran denken werden, daß der Name, den S e auf anderen — und bedeutenderen Feldern berühmt gemacht haben, eng mit palästinens:schem Bockn verbunden ist: In dem kleinen Dorfe «Ramat David* leben Juden und Jüdinnen unter der Sonne des Heiligen Landes and in der Freiheit ihres Nationalheims. fthn>ersteJlussihreitun&en antisemitiseher Studenten in txernowitM Einen Tag lang tobt der antisemitische Mob ln den Straßen — Euer* gische Jüdische Gegenwehr - Mehrere Verletzte Czer.towitz, 20. Jänner. Czernowitz (Cernauti), die Hauptstadt der neurumänischen Provinz Bukowina mit einer jüdischen Bevölkerung von mehr als 50.000 (bei einer Gesamtbevölkerung von 140.000) j Seelen, war am Donnerstag, den 19. Jänner, von morj gens bis abends Schauplatz schwerer Kämpfe zwischen Cuzastudenten, die die jüdische Bevölkerung terrorisieren wollten, und jüdischen Studenten, die sich den antisemitischen Angreifern entgegenstellten. Anlaß zu den Ausschreitungen der Cuzisten gab ein Prozeß gegen neun junge Juden, die sich angeblich I kommunistischer Propaganda schuldig machten. Unter den Angeklagten befand sich auch die junge Studentin Polia Vaschcautzianu, genannt Natascha, die in der Untersuchungshaft grausamsten Folterungen ausgesetzt war. Dem Verlauf und dem Ausgang des Prozesses sah man in ganz Rumänien schon darum mit gespanntestem imeresse entgegen, weil man hoffte, daß die unbeschreiblichen Folterungen des I Kommunismus verdächtiger Jugendlicher, deren Aufdeckung seinerzeit stärkstes Aufsehen erregte und im ganzen Lande ungeheure Empörung auslöste, zur Sprache kommen werden. Schon kurz nach Beginn des Prozesses versuchten nationalsozialistische Studenten, Anhänger des Antisemitenführers Cuza, in Massen gewaltsam in den Gerichtssaal einzudringen, um das Gericht zu terrorisieren und gegen die angeklagten jungen Juden einzunehmen. Polizei, unterstützt von Gendarmerie, drängte die Studenten zurück. Alt dann bekannt wurde, daß der Prozeß auf den 26. Jänner vertagt wurde, formierten sich die antisemitischen Studenten zu einem Monstrezug, der durch das Zentrum der Stadt in die Richtung der Universität und des jüdischen Nationalhauses zog. Auf dem Wege wurden jüdische Passanten überfallen und niedergeschlagen. Der von den Cuzastudenten ausgeübte antisemitische Terror wurde unerträglich. Jüdische Studenten stellten sich zum Schutze der angegriffenen Juden den Angreifern entgegen, um sie an weiteren Terrorakten zu verhindern. Es kam zu einem schweren Zusammenstoß zwischen cuzistischen und jüdischen Studenten, wobei sich die beiden streitenden Parteien mit Ziegesteinen und Holzstöcken bewarfen. Es gab auf beiden Seiten eine Anzahl Verletzte. Das jüdische Mitglied des Stadtrates, Dr. Rosenzweig, der zwischen den Parteien zu vermitteln versuchte, wurde ebenfalls erheblich verletzt. Nach einer kurzen Ruhepause erneuerten sich die Zusammenstöße, als die antisemitischen Studenten vor den Redaktionen «Vorwärts» (sozialistisch) und «Czernowitzer Morgenblatt» (fortschrittlich) demonstrierten und wiederum jüdische Passanten niederschlugen. Auch hier leisteten jüdische Studenten>und andere junge Juden energische Gegenwehr. Es gab aut beiden Seiten Verletzte. Schwer verletzt wurden zwei Cuzastudenten und der jüdische Beamte Hasenfratz. Erst spät am Abend trat Ruhe ein.!Die Juden und das polnische Heer Antwort Rosmarins an den antisemitischen Generalstabsoberst- Kriegsminister General Skladhowsky lehnt es ab, Juden von Heeres• Heferungen auszuschließen Warschau, 20. Jänner. Die vor einigen Tagen,im polnischen Sejm mit einer Erklärung des Innenministers P i e r a ck i über die Schuld, der Nationaldemokraten an den Lerhberger Geschehnissen eröfnete Judendebatte fand in der heutigen Sitzung der Budgetkommission des poInK sehen Sejm ihre Fortsetzung. Der jüdische Deputierte Dr. Rosmarin antwortete auf die Forderung des nationaldemokratischen Deputierten und früheren Geneiaistabsobersten Arzyszewski, bei Vergebung von Heereslieferungen Angebote von Juden vollkommen unberücksichtigt zu lassen, weil es den Juden zuzuträuen ist, daß sie im Kriegsfälle auch die feindlichen Heere beliefern. Die Nationaldemokratie, sagte Dr. Rosmarin, scheint angesichts der fortschreitenden Krise am Ende ihres Lateins zu. sein: als einziges Mittel zur Rettung aus der Krise empfiehlt sie die vollkommene Hinausstoßung der Juden. Oberst Arzyszewski empfiehlt die Ausschließung der Juden von Heereslieferungen, obwohl er als gewesener Generalstabsoberst genau weiß, daß die jüdischen Lieferanten sehr gute Ware zu billigsten Preisen liefern und sich mit einem sehr minimalen Verdienst begnügen. Aber Arzyszewski will ein Protektionssystem einführen, das dem-Staat teuer zu stehen kommen wird, und dazu sind ihm die Juden im Wege. In wenig taktvoller Weise malt er dabei das Gespenst einer feindlichen Okkupation an die Wand. Oberst Arzyszewski bläst in das Horn Adolf Hitlers, wenn er den Massen einreden will, daß die Juden an allem schuld sind und daß nach Beseitigung der Juden Polen aufblühen werde. Aber Polen wird nicht-durch Protektion, und Korruption, sondern durch die freie Entfaltung aller seiner Wirtschaftskräfte aufblühen.. . Seit einer Reihe von Jahren fordern wir Juden das Recht auf Arbeit Man hat uns die Möglichkeit, ein Staatsamt zu bekleidai, genommen, man hat uns aus den staatlichen Fabriken ebenso wie aus den unter staatlichem Einfluß stehenden privaten Fabriken und aus den Staatsbanken hinausgestoßen. Wi r tragenauf unseren Schulternden Hauptteil der Steuerlast. Man hat uns den Handel und das Hand-; werk, die von der Krise am meisten betroffen sind, als einzige Domäne gelassen. Die Not unter . : den jüdischen Massen nimmt erschreckende Formen an. Das ‘ genügt dem Obersten Arzyszewski noch nicht. Er weiß zwar genau, daß die Hinausstoßung der Juden aus dem Wirtschaftsleben die Staatskrisis nicht erleichtern, sondern noch verschärfen wird, aber die Parteilosung und das Parteiititefrssfe-- wiegen bei ihm mehr als das Interesse für Polen. Die jüdischen Heereslieferanten erfüllen die ihnen'übertragene Aufgabe mustergültig, darüber kann am besten das Kriegsministerium Auskunft geben. Kriegsminister General Skladkowsky erklärte, die polnische Heeresverwaltung ziehe jene Heeres^. lieferanten vor, die am billigsten und am. besten liefern. Damit, sagte er, sei der Streit zwischen den Deputierten Arzyszewski und Rosmarin für ihn erledigt HB Zehnlausenden Juden droht Ausweisung aus JHoskau, Äeningwad und tharhow Moskau, 20. Jänner. Am 20. Jänner begann die Ausgabe von Pässen für die Einwohnerschaft der drei größten Städte der Sowjetunion: Moskau, Leningrad und Charkow. In einer Zone von 100 Kilometern um Moskau und Leningrad und 50 Kilometern um Charkow muß jede über 16 Jahre alte Person bis spätestens 15. April d. J. im Besitze eines Passes sein. Außer den Bureaus der großen Fabriken wurden in Moskau 400 spezielle Bureaus zur Prüfung der Dokumente der um Pässe Ansuchenden eingerichtet. Zur Erhaltung eines Passes ist unter anderem die Vorlage eines Zeugnisses des Unternehmens, in dem der Paßanwärter beschäftigt ist, notwendig; «unerwünschte Elemente» werden keine Pässe erhalten und gezwungen werden, binnen zehn Tagen ihren Aufenthalt auf Orte außerhalb der genannten Zonen zu verlegen. Man nimmt allgemein an, daß mehrere Hunderttausende Einwohner Moskaus, Leningrads und Charkows als «gewesene Kulaken», «verdächtige Elemente», «Händler» und «Lischenzes» diese Städte werden verlassen müssen, auch wenn sie bei ihren Kindern leben, die in die Arbeitsfront bereits eingereiht sind. Man befürchtet, daß jüdische Einwohner als frühere Händler und Lischenzes zu Zehntausenden die genannten drei Städte werden verlassen müssen. In den Kreisen dieser Großstadteinwohner herrscht Sorge und Verzweiflung.