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Die Stimme · 1933-01-26 · Heft 264 (26.1.1933) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 264 (26.1.1933)
Date
1933-01-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seift 6 DIE STIMME Nr. 264 — 26. Jänner 1933 in Erez. Petach-Tikwah und Rischon i’Zion, Rosz-Pinah und Sichron Jakob sind große Werke der jüdischen Jugend. Dank den Jugendführern kam auch die von Plnsker ein berufene Kattowitzer Konferenz zustande, di« erste Vorläuferin de« Herzfschen Kongresses. Die glorreichste Karte fn der Geschichte unserer Jugendbewegung bildet jedoch zweifellos die Herzl-Epoche. Unter persönlicher Führung Herzls, ja auch ein volles Jahrzehnt nach seinem Tode bis zum Weltkatastrophenjahr 1914, war die jüdische Jugend als unerschrockene Trägerin des zionistischen Gedankens tät'g, den sie auch weit in der ganzen Welt einbürgerte. Die zionistische lugend hat damals ihren bedeutenden and unbestrittenen Anteil am Aufbau unserer Organisation, an der Stärkung unserer Parteifonds, an der jüdisch-nationalen, politischen Tätigkeit in der Gahith und an den Fortschritten der zionistischen Realarbeit in Palästina gehabt. Mit dem Ausbruch des Krieges begann jedoch das Ende dieser ruhmvollen, jugendlichen «Sturm- und Drangperiode». Die alten «Odessaer», die ersten «Bukowiner» und die Lemberger «Hnschachar»-Grilnder sind mit dem Jahre 1914 unfreiwillig weit über ihre Landesgrenzen als Flüchtlinge verstreut worden. Auch viele andere Zentren des zionistischen Lebens, akademische Couleurverbindungen, Toynbehallen etc. erlahmten vollständig im b!ut;gen Kriegschaos. Dieses in der Geschichte der Menschheit unheilvollste Jahr 1914 brachte auch unserer Jugendbewegung den ersten Rückschlag. Im gigantischen Völkerringen, in dieser Hölle auf Erden, haben wir einen bedeutenden Teil unserer Jugend verloren. Erhängt an zerrissenen Drahtverhauen, erschlagen durch Steine in felsigen Bergen, ertrunken in tückischen Sümpfen, niedergemetzelt in erbitterndsten Sturmangriffen, hat unsere Jugend auf weiten Schlachtfeldern, von Wolhynien bis Verdun, vom San bis zur Piave, heldenmütig ihr Leben gelassen. Diejenigen jungen Zionisten, denen dieses grausame Schicksal nicht geschrieben war, irrten, seelisch gebrochen, noch lange herum, bis sie von ihren zerfetzten, schwarz-gelben Regimentsstandarten zur alten blau-weißen Zionsfahne heimgefunden haben. Sie konnten jedoch in unserer, durch den Weltkrieg geschwächten Organisation ihre exaltierte, zionistische Vorkriegsromantik leider nicht mehr finden. Die glühende Liebe zu Zion, ein Testament mehrerer Generationen, war im Erlöschen, die Jugendvisionen und glorreichen Geister der auf Adlerffügeln getragenen «Bilukämpfer» waren entschwunden, die weltdurchdringende Herzl-Parole «Wir sind ein Volk, ein Volk» verstummte in den zerrissenen Per-Gynt-Seelen dieser unglücklichen Kriegsgeneration. Diese Schattenmenschen sind leider, mit winzigen Ausnahmen, in Apathie und Dekadentismus, rm harten Existenzkampf und grauen Alltag der Nachkriegszeit untergegangen. Inzwischen wuchs eme neue Generation heran. Durch die Verkündung der Balfour-Deklaration, die wie eine Offenbarung wirkte, berauscht — begann unser Nach- Irriegszuwachs den Zionismus als eine geschichtliche Notwendigkeit und einzige Lösung der Juden frage zu betrachten. Pogrome und wirtschaftliche Judenboykotte in Polen, Ungarn und Rumänien bekräftigten bei diesen jungen Menschen ihre Liebe zu Zion. Die barbarischen Sowjetverfolgungen und Drosselung unseres Glaubens, verbunden mit Tempelschändungen m Rußland, und Massenmorde Petijuras in der Ukraine brachten uns tausende Jugendliche, die bei uns Schutz und Erlösung suchten. Da sich gleichzeitig bedeutende Fortschritte in unserer praktischen Palästinaarbeit einstellten und die wirtschaftlichen Verhältnisse sich dort günstig gestalteten, setzte eme starke Chaluz- und Alijah-Bewegung ein. Tausende Jugendliche wanderten nach Erez aus. Wir glaubten schon wieder am besten Wege zu sein, da kam plötzl ch, mutatis mutandis wie im Jahre 1914, der zweite Rückschlag m unserer schon politisch überhitzten Jugendbewegung. Er beschränkte sich jedoch diesmal glücklicherweise nur auf die Galuth. Erez wirkte bereits schon zu stark auf die Gemüter unserer Pioniere, um selbe wankend zu machen. Wie immer geartete Zersetzungstendenzen und Assimilationsgetüste fanden dort keinen Nährboden. Die Galuthjugend begann jedoch eigentümlicherweise und aus ganz merkwürdigen Gründen, in ihrer geistigen Unentschlossenheit sich politisch umzuschichten. Einerseits, wie erwähnt, strömten unserer Organisation scharenweise Jugendliche zu, anderseits konnten wir leider, trotz dieser scheinbar erfreulichen Hochflut, mit unserem Nachwuchs nicht ernst rechnen. In den allerletzten Jahren hat sich das politische Credo der Jugend zweifellos stabilisierter erwiesen, auf jeden Fall ist die Zahl der jungen Zion:sten beträchtlich gestiegen. Die ständig wachsende Aktivität der zionistischen Vereine, der vielen Blauweiß-Verbände und anderer Jugendorganisationen Ist eine allseits fest gestellte Tatsache. Daher Ist Professor Brodetslcy im Irrtum, indem er in seinem Wiener Vortrage behauptete, daß wir seit Jahren keinen beträchtlichen Nachwuchs bekommen. Die systematischen Judenhetzen und wüsten Schlägereien sn den j Mittel- und Hochschulen, das blitzartige Anschwellen der nationalsozialistischen Judenvernichtungswelle, die schändliche Seuche der Hitlerischen Rassenlehre, kalte, wirtschaftliche und politische Pogrome der S. A.-Banden und aus alldem resultierende gesellschaftliche und soziale Haltlosigkeit und Ohnmacht des Galuthjünglings treiben noch heute die jüngste Jüdische Generation in unsere Reihen. Das erwachende Deutschland rief auch das Erwachen des jüdischen Nationalitätsgefühls und Selbstbewußtseins bei der bis jetzt indifferenten Jugend hervor. Parallel mit der erweckten Volkszugehörigkeit stellte sich auch das Interesse für den Zionismus ein. Der Zionismus ist modern und salonfähig geworden, die b'snun politisch nicht orientierte Jugend begann mit Stolz sich zum Judentum zu bekennen, und merkwürdigerweise ist der verhängnisvolle Fraktionsgeist, unsere parteipolitische Zersplitterung und Selbstzerfleischung, unserer Jugend sogar bequem geworden. Sie hat in unserem Lager eine große Auswahl an verschiedenartigen Parteirichtungen mit allen ihren Enken, rechten oder Mittel-Flügeln und somit viel politischen Eifer gefunden. Sie nützt auch von den sich ihr bietenden vielen Gelegenheiten jede aus, um sich politisch auszutoben. Fähnchen verschiedenartiger jüdischer Ges'nnung flattern leidenschaftlich, sehr oft auch in einer und derselben Familie. Die «Frommen» polemisieren mit den «Atheisten», die «Bürgerlichen» mit den «Proletarierführern», die «Regierenden» mit den «Revisoren» und noch viele andere bemühen sich, um nur «werktätig» zu sein, in einem sind sich jedoch alle vollkommen einig: jeder beteuert, daß er mindestens hundertprozentiger Jude Ist. Wiewohl die Jugend in der Herzl-Epoche lange noch nicht so stürmisch ihr Judentum deklarierte, bezweifelt niemand von uns die Ehrlichkeit dieser sich selbst nur aufreibenden jugendlichen Anschauungen. Die Quellen dieses Salonzionismus strömen zweifellos vom Herzen der Jugend aus, bleiben jedoch nur an ihren Lippen haften. Den Geist der Jugend befruchten sie leider nicht. Unsere jetzige Jugend fst wohl in der Geschichte unserer Bewegung orientiert, jedoch noch nicht vollkommen zionistisch ausgebildet. Der ehrliche Gefüh!szioni3tnus gemeinsam mit dem stolzen Lippenzionismus können eventuell noch unter gewissen Umständen als kleineres Uebel gewertet werden, reichen jedoch lange nicht aus, einer Welt von unseren Feinden so dringenden geistigen Widerstand zu leisten. Ohne judaistisches Wissen gibt es keinen echten, bewußten Voll Zionismus. Unsere Jugend kränkelt schon lange an richtiger und genauerer Vorbildung und wirklicher Fähigkeit, ihre nationalen Aufgaben zu erfüllen. Es ist daher unsere heiligste Pflicht, die Jugend für die zionistische Schulbank zu interessieren und sie dort laut durchgedachtem und ausgearbeitetem Lehrplan zu erziehen. Es ist unsere Pflicht, ihr dort ln Form von Seminaren, Zwangskursen, öffentlichen Diskussionen etc. das nötige judaistische Wissen beizubringen. Aus ihren Re:hen Führertalente herauszuholen und selbe so auszubilden, daß sie organisatorisch, agitatorisch, journalistisch Seine Eminenz der Herr Bischof von Linz, Josef Maria Gföllner, hat einen Hirtenbrief erlassen und den Nationalsozialismus vom katholischen Standpunkt aus verdammt. Es ist noch nicht, solange her, da liebäugelten die Christlichsozialen mit den Nazis. Seitdem aber die christlichsoziale Jugend das Hakenkreuz dem Rosenkranz vorzog, ging die Freundschaft in Brüche. Jetzt heißt es, daß die Zugehörigkeit zur Fahne Hitlers mit wahrem Katholizismus unvereinbar ist. So weit, so gut, denkt sich der Linzer Bischof. Aber, denkt er weitert was nützen die schönsten Zitate der Kirchenväter und Päpste gegenüber dem zugkräftigen Rassenantisemitismus Hitlers? Da erfindet er rasch einen neuen Antisemitismus, der da heißt: «Ethischer ode r geistige r Antisemltism u s%; und der Linzer Bischof meint: «Will der Nationalsozialismus nur diesen geistigen und ethischen Antisemitismus in sein Programm aufnehmen, so ist er durch nichts daran gehindert.* Wirklich rührend! «Lieber Hitler», heißt das, zieh schenke Dir mein geistiges Kind, den ethischen vulgo geistigen Antisemitismus, gratis und franko.» Hitler kann ruhig das Präsent annehmen, es könnte auf seinem Mist gewachsen sein. Definiert doch der Herr Bischof seine Oeistesfrucht wie folgt: zln früheren Zeiten hat man, namentlich ln italienischen Stödten, der jüdischen Bevölkerung ein eigenes Wohngebiet, ein sogenanntes Ghetto, angewiesen, um Jüdischen Geist and Einfluß tunlichst tu bannen; die moderne Zeit braucht zwar die Juden nicht des Landes zu verweisen, sollte aber in der Gesetzgebung und Verum! administrativ uns mit der Zeit ablösen können — ist unsere dringendste Aufgabe. Das Lehrmaterial ist zwar umfangreich, es müssen jedoch alle Gegenstände rationell berücksichtigt wetden. In erster Reihe de drei wichtigsten: 1. Die hebräische Sprache und ihr Beherrschen in Wort und Schrift samt Pflege der alten und jungen Literatur. 2. Die jüdisehe Geschichte (Grätz, Beck, Kayserlfng, Dubnow etc.). 3. Geschichte der zionistischen Bewegung. Neben diesen bedeutendsten Hauptgegenständen müssen als gleichwertige Pflichtfächer gepflegt werden: 1. Die Geschichte und Entwicklung unserer Realarbeit in Erez (Kolonienstand, Kolonisationssysteme, Industrialisierungsmethoden, Schul- und Sanitätswesen). 2. Landwirtschaftslehre. 3. Geographie Palästinas. 4. Geschichte der jüdischen Kunst, Literatut und Philosophie (Malerei, Bildhauerei, Dichtkunst, Musik und exakte Wissenschaften). 5. Jüdische Folkloristik, Oekonomie und Soziologie. Als wichtige Spezialfächer müssen behandelt werden: 1. Vorbereitung des jüdischen jungen Menschen zum Chaluz. 2. Die physische Entwicklung unserer Jugend, also Pflege sämtlicher Sportarten. In deser nur skizzenweise gezeichneten Richtung muß die Heranbildung der Jüdischen Jugend zum Zionismus vor sich gehen. Die politisierende Jugend kann sich nur durch die Pflege des jüdischen Wissens jüdisch ausleben und damit ihre persönliche, seelische Erlösung erringen. Durch inneres Freiheitsgefühl des Einzelindividuums führt der Weg zur seelischen Volkserlösung. Die Jugend fordert von uns heute, ihr Möglichkeiten zu bieten, dem Zionismus nicht nur als minderwertige Mitläufer zu dienen, sondern auch zu künftigen Erziehern kommender Generationen von uns herangebildet zu werden Es ist unsere Pfl:cht, auch die bis heutf in unseren Reihen noch nicht organisierte Jugend restlos zu erfassen, sie in den festen Organisationsrahmen zu bringen und sie somit vor dem Abgrund der Apathie oder vor dem Assimflationggift und Götzend'enst bei anderen Parteien noch rechtzeitig zu retten. Es ist unsere Pflicht, der Jugend die historische Bedeutung ihrer naf'nnalen Mission vor Augen zu führen, um sie für unsere Organisation, für das ganze Leben zu gewinnen. Wir müssen und wollen dieses Sofortprogramm in eine Tat umschmieden, damit die nationale Erziehung unserer Jugend in richtige Bahnen gelenkt wird. waltung^incn starken Damm auf richten gegen all den. geistigen Unrat und die unsittliche Schlammflut, die vorwiegend vom Judentum aus die Welt zu überschwemmen drohen.* Hitler und Gföllner Schulter an Schulter. Sie richten Dämme auf gegen das Judentum und verlängert Entrechtung der Juden durch Gesetz und Verwaltung praxis. Während Hitler aber bedingungslos Juden frißt, tut es der Linzer Bischof nur einerseits, soweit «der Jüdische internationale Weltgeiste mit seinen «zynischen. Tendenzen die christliche Volksseele bis ins innerste, vergiftete. Andererseits aber, gilt das nicht ganz Daheißt es plötzlich: «Das jüdische Volk nur wegen seiner. Abstammung verachten, hassen und verfolgen, isi unmenschlich und unchristlich; solche Pogrome hui die Kirche stets verurteilte, ja, man höre und staunel Aus Linz kommt eine wunderbare Entdeckung: «... Dabei sei rückhaltlos zugegeben, daß es auchimfudentumedleCharakteregibt.% Wir sind überzeugt: Es wtrd unter den Wiener Juden Kreaturen geben, die sich geschmeichelt fühlen und sich sagen werden: Mit den edlen Charakteren hat er uns gemeint. Geistiger Unrat und unsittliche Schlammflut? Ach, das sind die anderen Juden.» Das ist d i e Sörte Menschen, denen man ins Gesicht spuckt und sie behaupten, es habe geregnet. Traurig, aber wahr! Solange es solche «edle Charakter ex gibt, hat Gföllner recht. Wenn der Klingelbeutel bei den nächsten Wählen umgehen wird, utit den chrlstllchsozialen Wahlfonds zu fällen, werden die «edlen Charaktere» stolz in die Brieftasche greifen. Und der kalte Pogrom, die wirtschaftliche Vernichtung der Juden Oesterreichs wird ruhig weiter gehen. Auch dem blödesten Auge wird nun klar sein, was ans bevorsteht. Ob Hitler oder Oföltner, es ist einerlei. Wir gehen herrlichen Zelten entgegen: Dem geistigen und ethischen Antisemitismus. Tarn. oit Waroilriffl rauch und «erlös Kurzfriutlce Wechselkredlta Wien» ll.» TabQnCriSi Nr« i, Mns* 43* mittwocH, l fa&totoK m, duMaNtai $ dU a&rU. £*£*%*. ahtfauffti&ktMg d§k ÖJi tänim /l ms ***** fvapagoKdA täek koa iaify Uvin, tnutik äanUi (SrCfS iamfaibeki 6» «wavaufcif» vaJkatdtduHgäLnue, K dd&tKgaw tB fj&a/fai6dUt 6, tä, 6t, 43/JtaAtfdU» . pUglamgaua); tonnt bKOUif itaf4in4^i ktontnau*. 2B, tdkälS 20 „Geistiger Unrat und unsittiufke fefkiammflut“ Zum Xinzer Hirtenbrief 1 1

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