Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 263 (19.1.1933)
- Date
- 1933-01-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 3 Nr. 263 — 19. Jänner t93S_PIE STIMME Leben toi Tel-Awiw Von Walte» Frankel Adolf Böhm - ein Sechs iger Er kam zu uns aus einem völlig assimilierten Milieu, gepackt vom einzigartigen Schicksal unseres Volkes und von dem Versuch einer Lösung des Juden- Problems durch den Zionismus. Ich sah ihn zum erstenmaie, als er während der Kultuswahlen unter Herzt in einer Wflhlerversammlung voller Begeisterung und Ueberzeugung ausrief: «Wir müssen die Ferister in der Kuttusstube einschlagen, damit frische Luft und jugendlicher Geist einströme.» Er kam zu uns als Ganzer und als solcher gab er sich seither unserem Volke und unserer Bewegung hin. Er mußte unser Land mit eigenen Augen sehen und nahm alles in sich auf, was sich auf das Land und seine Entwicklung bezieht — und wurde bald einer der besten Kenner aller Kolonisationsprobleme. Er begann ernstlich, hebräisch zu lernen, bis er die Sprache erlernte — nur Wenige im Zionismus taten es ihm nach. Er hatte feste Ueberzeugungen und Meinungen über unsere Probleme, aber als ehrlicher Demokrat bezieht er sich zu den Ueberzeugungen anderer voller Toleranz. Eine kurze Zeit hindurch schloß er sich einer Fraktion an (dem Hapoel- Hazair), um dann wieder allgemeiner Zionist zu werden: er wollte sich die Freiheit des Handelns wahren. Als wahrhaft sozial denkender, fühlender und handelnder Mensch und als gründlicher Kenner aller Wirtschaftsfragen stellte er sich sehr bald in den Dienst des Keren Kajemeth und gehört zu den wenigen Menschen, die mit dem Keren Kajemeth beinahe identifiziert werden. Wiewohl er keiner Fraktion angehört, keine politischen Parteistellungen inne hat, so wird auf seine Stimme gehört; sie ist gewichtig, weil sie ernst, sachlich und von großer Verantwortung getragen ist Er hat keine Feinde, überall, ln allen zionistischen und auch nichtzionistischen Lagern, begegnet man ihm mit Hochachtung und Liebe. Es ist nur natürlich, daß er als Schiedsrichter angerufen wird, wenn in unserer Bewegung das Urteil einer unvoreingenommenen Persönlichkeit erforderlich wird. (Z. B. im Konflikt Zion. Landesorganisation Westgalizien—Haschomer Hazair.) Daß er seine Pflicht erfüllt, ohne darnach zu fragen, ob er Anerkennung finden wird oder nicht, erscheint selbstverständlich. So schuf er die Zeitschrift «Palästina», resp. führte er die seinerzeit begründete fort, ohne anfangs viel Anklang zu finden. Er schuf so ein wahres Zentralorgan für den Aufbau Palästinas, das heute jeder, der sich für unser nationales Werk ernstlich interessiert, absolut lesen muß. Auch hier bewährte er alle seine glänzenden Eigenschaften; Sein Arbeitseifer wächst mit den Jahren, denn er versteht es glänzend, Ordnung und System in seine Arbeit hineinzutragen. Sein Bestreben ist es, das Judentum auf die breite Heerstraße der Weltkultur herauszuführen. Er sieht im Judentum nicht nur ein Volk schlechthin, sondern ein großes Kulturvolk, das ln der Welt des Geistes und des Fortschrittes was zu sagen hat. Deshalb hat er es übernommen, neben seiner bisherigen Arbeit mit Hilfe von einflußreichen jüdischen Kreisen, die er für seine Idee gewonnen hat, eine große jüdische Revue herauszugeben, durch welche das zionistische Judentum seine Meinung zu den großen Problemen unserer Zeit äußern wird. Was sollen wir dem zionistischen Pionier, der jeder Ehrung — soweit sie nicht mit Leistungen für unser nationales Werk verbunden ist — peinlichst aus dem Wege geht, zu seinem 60; Geburtstag wünschen? Gott möge ihn noch lange in seiner heutigen Jugendlichkeit erhalten, damit er — was ihm das Teuerste ist im Leben — mit allen seinen großen Gaben unserem Volke dienen kann. Dr. Chaim Tartakower. Glückwunsch an Adolf Böhm Das Zionistische Landeskomitee übermittelt auf diesem Wege dem um unsere Bewegung so verdienstvollen Führer Adolf Böhm zu seinem 60. Geburtstage die allerherzlichsten Glückwünsche. Dbp.-Tag in Palästina Der 8. Jänner, auf den der 60. Geburtstag des großen hebräischen Dichters Chaim Nachman Bialik fiel, wurde von der palästinensischen Judenheit als Festtag begangen. Im ganzen Lande wurden Bialik-Kundgebungen abgehalten, in Tel-Awiw, der Stadt Bialiks, fand im überfüllten Theater eine Feier statt, zu der die Einlaßkarten viele Tage vorher ausverkauft waren, so daß hunderte Bialik-Verehrer keinen Einlaß finden konnten. Die hebräischen Zeitungen erschienen am 8. Jänner als Bialik-Festnummern, sie brachten neben Würdigungen Bialiks Proben aus seinen Werken. Die Vereinigung hebräischer Schriftsteller hat eine Bialik-Marke herausgegeben, deren Ertrag für Kulturzwecke verwendet werden soll Dem Dichter sind viele hunderte Glückwunschtelegramme und Briefe aus Palästina und dem gesamten Auslande zugegangen. Nun sind es bald zehn Monate her, daß ich ins Land kam und zum Juden wurde. Man kann wohl auch im Ausland Jude sein, dem Bekenntnis nach — vielleicht auch der Nation — aber wirklich jüdisch leben — in allein seinen Werken und nach allen seinen Gefühlen, das kann man nur in Erez Israel — und nirgends kommt dieses rein jüdische Leben so klar zum Ausdruck, wie in der rein jüdischen Stadt Tel-Awiw. Ein Fest nach dem anderen ist nun vorbei gegangen und bei jedem fühlte ich aufs neue, wie leer und inhaltslos unsere Feste im Auslande waren, gegen die wunderbaren, lebenserfüllten jüdischen Feste im Lande. Ich sah den Karnevaltaumel des Purimfestes und bewunderte die Hingabe der Menschen an die heilige Freude. Ich sah Greise mit Kindern in den Straßen tanzen und es war nicht einmal, daß man auch mich in die fröhlichen Kreise der Tanzenden hineinzog. — Es währte nicht lange, da kam das Pessachfest mit seinen ernsten Zeremonien, die an die Knechtschaft in Aegypten gemahnen, und mit den fröhlichen Singabenden, die an die Befreiung unseres Volkes erinnern. Dort im Auslande war alles so ferne, so fremd — hier war es Erlebnis — tiefe Wahrheit. Ich gedenke meines ersten Sederabends im palästinensischen Familienkreise. Es war so natürlich und selbstverständlich, wenn das jüngste Kind dem Vater die Fragen der Hagadah vorlegte und wenn der Vater das Kind auf seinen Schoß nahm und ihm den Sinn des Abends erklärte. Es war nur bald der große Unterschied zwischen drüben und hier bewußt — es war die Sprache. Die uralte hebräische Sprache, die wir drüben bloß lasen, als sinnfremde tote Laute in unsere Ohren aufnahmen, sie ist hier Leben — Muttersprache des fragenden Kindes und deshalb lebt das Pessachfest in Erez Istael und wird zum unvergleichlichen Erlebnis auch dem, der es in dieser Weise miterlebte. — Ich folgte dem Zug der Kinder, die am Schawuothfeste ihre Gaben dem Nationalfonds brachten. Ich war tief bewegt von dem Ernst der Fünfjährigen, die nichts hatten als Blumen oder Früchte und diese mit Gesang durch die Straßen trugen, damit auch die Aelteren angeregt werden würden, nach ihrem Teil zu geben. Ich erlebte die weihevollen Tage von Rosch-haschanah und Jom-hakipur und die selige Freude am Simchath-Torahfeste. Ich sah vieles und jedes Fest, das ich hier erlebte, prägte sich mir tief ins Herz ein — wie ein wirkliches, unvergeßliches Fest. Alles was ich drüben erlebte, waren Namen, Bräuche — inhaltslose Tage und alles, was ich hier sah — war für mich ein Wunder. Den tiefsten Eindruck aber von allen jüdischen Festen Bei Sdmlic-AbralMniovUz II., Taborslrafte SS hat der Inventurverkauf bereits begonnen 1 Es gelangen die letzten Modelle in der bekannt guten Qualität zu fabelhaft billigen Preisen zum Verkauf, da wir im Frühjahr umbauen. und überhaupt mein schönstes nationales Erlebnis gab mir das Chanukahfest von Tel-Awiw. Schon um vier Uhr nachmittags gab es in der Alenbystraße in der Nähe der großen Synagoge eine große Bewegung. Auf den Gehsteigen und auf den Baikonen der Häuser stauten sich die Menschen und die Polizisten lenkten den Autöbusverkehr durch eine Nebenstraße ab. Die Vorderfront des gewaltigen Bethauses war mit grünem Reisig und mit blauweißen Tüchern festlich dekoriert. Eine Rednertribüne war errichtet worden und einige Mechaniker probierten die eben montierten Lautsprecher aus, wodurch die Menge der Neugierigen nur noch mehr angezogen wurde. Um halb fünf Uhr nachmittags begann das große Schauspiel. Von allen Richtungen und durch alle Straßen kamen endlose Züge von Schulkindern. Jede Schule mit ihrer Fahne, mit allen ihren Lehrern, die Schüler in Uniformen und festlich mit Abzeichen und Blumen geschmückt. Einige Schulen marschierten mit eigenen Musikkapellen, andere bloß mit Trommlern und Trompeten. Erst sammelten sich die Volks- und Bürgerschulen, dann die Fach- und Handelsschulen, die verschiedenen Gymnasien, die technische Hochschule und gleichzeitig kamen ganze Kompagnien von Pfadfindern mit Wimpeln und Flötisten, uniformierte Makkabiordner per Rad, Musikkapellen der Feuerwehr und der Arbeiterklubs und viele, viele Menschen. Ueber 10.000 Schulkinder nahmen rund um die Synagoge Aufstellung und warteten der Feier. Die Dächer der benachbarten Häuser hatten sich dicht mit Menschen gefüllt und die jüdische Polizei, die in Paradeuniform erschienen war, hatte alle Mühe den Verkehr der Volksmassen zu ordnen. Um fünf Uhr nachmittags ertönte vom Dach des Tempels ein Fanfarensignal und von der Vorderfront schoß eine Strahlen werfende Rakete hoch in die Lüfte. Es war vollkommen dunkel geworden und David Almagor, der Führer Sei AopfWmersett, rfieumaiifcfyen und gichtischen Beschwerden wirkt Togal rasch und sicher. Laut notarieller Bestätigung anerkennen über 6000 Aerzte, darunter viele bedeutende Professoren, die hervorragende Wirkung des Togal. In allen Apotheken. Preis S 2.40* der Makkabi Tel-Awiw, trat vor das Mikrophon und verkündete den Beginn. Auf einer Balustrade erschien der Oberkantor Rawitz mit seinem Chor und zündete die Lichter der Menorah unter dem herrlichen Klang seiner wunderbaren Stimme an. Lautlos hörten die vielen tausend Kinder die Brachah. Als Rawitz die letzte Kerze entzündete, erstrahlte auf dem Kuppeldach der Synagoge eine drei Meter hohe elektrische Menorah, von allen Seiten sprühten Raketen und Flammenwerfer in die Luft und ließen den Himmel in allen Farben erstrahlen. Inzwischen zündeten die Kinder ihre Fackeln und Kerzen an, die Musikkapellen intonierten «Maos zur» — die S' •ichöre fielen ein und ein Meer von hunderttausend! rn erhellte die Straßen der jüdischen Stadt. Tageshell kutiiiete das Feuer der Fackeln — wie ein neues Chanukah- Wunder Auf der Rednertribüne standen die Großen unseres Volkes: Nachum Sokolov, Diesengof, Motzkin, Newmann, Farbstein, Rabbi Usiel, der greise Arbeiterführer und Dichter Rabinowitz und viele andere. Zu den Füßen der Tribüne standen jüdische Matrosen in ihrer schmucken Tracht und versahen die Ordnung. Wohin das Auge blickte — jüdische Arbeit — jüdische Menschen — jüdisches Leben — jüdische Freude: Wirsind ein Volk!... Lehrer Gutmann sprach als Erster zu den Kindern. Bewegt — ergriffen — begeistert und begeisternd und dennoch — einfach und schlicht. Sie lauschten seinen Worten und hangen an seinen Lippen. So muß Jehuda Makkabi zu den Seinen gesprochen haben. Es war die heilige Weihe des großen Wunders unserer Geschichte, die wir hier aufs neue erlebten: «Traget Friede und seid gesegnet im Namen eurer Lehrerl — Seid gesegnet mit dem Segen dieses Festes — mit dem Licht, das uns durch Generationen den Weg durch den finsteren Golus wies — den Weg nach vorwärts — den Weg zum Sieg. Ein großes Wunder half unseren Ahnen. Möge es geschehen, daß wir nun das Wunder besiegen, daß wir unabhängig von Wundern unsere Wege wandeln — daß wir selbst das Wunder werden — das wieder geeinte, gesundete Volk im eigenen Lande. Chanukah — Fest des Lichtes — Fest des Sieges. Seid ihr das Licht — seid ihr der Sieg — vorwärts Israel!» Mit diesen Worten schloß der Lehrer seine Rede zu den Schülern, die ihm zujubelten lind ihre Lichter gen Himmel hielten. Dann trat Bürgermeister Diesengof zum Mikrophon und auch er hob die Bedeutung des Tages hervor und beglückwünschte Kinder und Große zu diesem herrlichen Erlebnis. Unter atemloser Stille betrat Nachum Sokölow das Podium und erhob seine Stimme: «Teure Kinder!» begann er, «lasset uns hier des toten Knaben David Jakobi gdenken, den4 die Ackerschollen von Nahalal bedecken.*) Wir werden dieses Land von Wilden und Kindermördern rein machen, so wie die Makkabäer unseren Tempel von allen Götzen und Unreinem reinigten. Meine Stimme ruft nicht zur Rache, aber zum Mut und zur Tapferkeit! Unser Ziel — das Ziel der Hasmonäer — es sei nicht nur Fest — es sei auch Arbeit — Tat! An Euch, teure Kinder hängen wir das Höchste und Heiligste — die Zukunft unseres Volkes und unseres Landes Erez Israel. Ihr werdet groß werden und das Werk eurer Väter fortsetzen, das Werk der Chaluzim, die unserem Volke das Licht gebracht — die Freiheit — die Auferstehung. Als Junge seid wie Juda Hamakabi und als gereifte Männer seid wie Mattatjahu der Hohepriester! Gedenket immer, daß Palästina ein Land der Gesetzgebung ist, ein Land der Gerechtigkeit, der Liebe und Barmherzigkeit — ein Land, in dem Frevel und Untat keinen Platz haben. Hier stehen wir beisammen — alt und jung und so feiern wir und so leben wir und so wollen wir nach unserem Ziele streben!» Die Kapellen intonierten die «Hatikwah» — ein Meer von Fahnen senkte ach — ein Chor von 20.000 Kehlen ertönte ln die flammende Nacht. — Auf den Baikonen, auf den Gartenmauern, auf den Dächern, auf den Tempelstufen und am weiten Platz ringsum — überall erklang die Hymne des jüdischen Volkes — die große Hoffnung Hatikwah... Dann — ein Trommelwirbel — Trompetensignale —■• Marschlieder erklingen und das Schauspiel ist zu Ende. Die Kinder ziehen durch eine kilometerlange lebendige Menschenmauer zu ihren Schulgebäuden, wo interne Chanukahfeiern stattfanden. Die Straße bot ein ungewohntes Bdd — Bewegung — Leben und Licht. — Worte sind nur Worte. Aneinandergereihte tote Buchstaben. Sie vermögen nur einen Teil dessen wiederzugeben, was das Auge geschaut, das Ohr gehört und das Hers empfunden hat. Wenn diese Worte euch erreicht haben — ist auch in Tel-Awiw der Festrausch verrauscht, der Sang verklungen und der graue Alltag vergeht in Arbeit. Dann müget ihr diese Worte empfangen als eine kleine Botschaft von» Licht, als ein Zeichen vom Leben in Tel-Awiw. — *) Am Vorabend des Chanukahfestes wurde der junge David Jakobi in Nahalal durch einen Bombenwurf von arabischer Hand getötet und dessen Vater verwundet. Ein prompt wirkendes schmerzstillendes Mittel ist, wie über 6000 notariell beglaubigte Aerztegutachten beweisen, Togal. Beschwerden in den Gelenken und Gliedern, gichtische und rheumatische Beschwerden, Kopfschmerzen werden nach vorliegenden Urteilen mit TogaltaWetten mit glänzendem Erfolg bekämpft, Togal ist in jeder Apotheke m haben, 4