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Die Stimme · 1933-01-12 · Heft 262 (12.1.1933) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 262 (12.1.1933)
Date
1933-01-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 262 — 12. Jänner 1936 DIE STIMME Seite 5 Bin Gespräch mH Ch. N. Bloüh Der Dichter Uber Abrlisfumjsiraqe und praktische Friedensarbeit Von Dr. Jakob Rosanlhal Der Wiener Aufenthalt BI a I i k s im Vorjahre wurde für alle, die mit dem Dichter in Berohrung kamen, au unvergeßlichem Erlebnis, ln Gesprächen und in Vorträgen offenbarte sich der starke Zauber dieser ungewöhnlichen Dichterpersönlichkeit. Die damals in Genf abgehaltene Abrüstungskonferenz nahm unser Redakteur Dr. Jakob R o s e n t h a I wahr, um den Dichter Uber diesen Punkt zu befragen. Die bei diesem Gespräch entwickelten Gedanken des Dichters seien, wiewohl der unmittelbare Anlaß hiezu fehlt, wegen ihres hohen pazifistischen Gehaltes, der großen geistigen Klarheit und jenes Ethos, die Bialik so auszeichnen, hier wiedergegeben. Von Interesse ist auch die bei dieser Gelegenheit vom Dichter geäußerte Ansicht Uber den schöpferischen Jüdischen Genius in fremder Kultur. Die Redaktion. In vornehmer Stille liegt die zu beiden Seiten von ViHengärten umrandete Krottenbachstraße im Döblinger Cottage. Nur selten wird hier die Ruhe durch das Hupen einzelner Privatautomobile unterbrochen. Die letzten acht Tage freilich ging es in der stillen Straße etwas lebhafter zu. Denn in einer der reizenden Villen, die hier stehen, wohnte während seines Wiener Aufenthaltes der hebräische Dichter Ch. N. B1 a 11 k. Ein bekannter Wiener Großindustrieller hatte sie ihm bereitwilligst zur Verfügung gestellt. Hier empfängt mich der Dichter. Eine noch jugendliche Gestalt von gedrungenem and kräftigem Bau, das Antlitz eines russischen Waldjuden, helle, kluge Augen, in denen es bisweilen schalkhaft blitzt, eine mächtige, vom Strahl der Unsterblichkeit umgltthte Stirn, kennzeichnen die äußere Erscheinung, kluge Einfachheit und sympathische Bescheidenheit das Wesen des Dichters Biallk. Unser Gespräch kommt rasch in Fluß. Da der Dichter bei all den Gelegenheiten, da er als Redner aüftrat, das Problem der geistigen Krise des Judentums von heute in erschöpfender Welse bereits behandelt hatte, galt meine erste Frage den allgemeinen Eindrücken, die er von der geistigen Situation Europas mitnimmt. «Meiner bescheidenen Meinung nach* *, begann der Dichter, «bereiten sich in Europa schon für die nächsten Monate mannigfache Aenderungen politischer und wirtschaftlicher Natur vor. Denn die geistige, politische und ökonomische Situation Europas, wie sie gegenwärtig ist, dieses heillose Durcheinander, das Europa beherrscht und es aus den Fugen zu bringen droht, kann ohne nachhaltigen Schaden für seine Kultur unmöglich fortgesetzt werden. Vielleicht werden sich politische Aenderungen schon im Gefolge der Jetzt beginnenden, großen Abrüstungskonferenz ergeben. Auch die Juden müssen für diesen Tag vorbereitet sein, um im gegebenen Augenblick ihre Frage, die ihre Bedeutung als Weltfrage auch heute nicht eingebüßt hat, vor das Forum der Welt bringen zu können. Sonst könnte leicht diese historische Stunde ungenützt vorübergehen. Es ist aber notwendig, die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Verschlechterung der jüdischen Situation im gesamten Weltbild in ökonomischer und politischer Beziehung zu lenken. Freilich, um die Abrüstungskonferenz, die für das Sein oder Nichtsein Europas von größter Bedeutung sein kann, zu einer machtvollen Tat werden zu lassen, bedarf es der Vereinigung aller geistigen Menschen, der Bildung einer Phalanx gegenüber jenen Teilen der europäischen Völker, die als Adepten von antipaziflstischen Tendenzen auftreten. Die Abrüstungskonferenz muß ein reales Resultat zeitigen. Ihre Arbeiten müssen unter dem Drucke aller moralischen Kräfte, über die die Welt heute noch verfügt, stehen« Gelehrte und Forscher, ■ Entdecker und Erfinder müssen ihre Proteststimmen dagegen erheben, daß die Produkte ihres schöpferischen Geistes, ihre Erfindungen für Kriegszwecke ausgenützt werden. Eine besondere’ Rolle Und Pflicht fällt hier den Arbeitervertretem, den Sozialisten aller Länder, zu. Sie müssen nicht nur in Worten und Programmen, sondern auch durch Täten ihr pazifistisches Banner weithin leuchten lassen. Sie müssen dafür sorgen, daß die Arbeitermassen in den Munitionsfabriken, in den Stätten, wo Kriegsmaterial erzeugt und verarbeitet wird, ihre ArbeitswUligkelt ejrt- : stellen, daß s i e nicht willens sind, Kriegsmaterial zu schaffen. " v Sie werden bei solchen Streiks der Unterstützung überwältigender Teile der Völker gewiß sein. Man müsse es den herrschenden Faktoren begreiflich machen, daß die Milliarden, di-e heute von allen Staaten der Welt für Kriegszwecke verausgabt werden, wirtschaftlichen Zwecken zugeführt, das heute herrschende Elend von Millionen Menschen, die von der Geisel der Arbeitslosigkeit heimgesucht sind, mit einem Schlage beseitigen könnten. Es gibt genügend Sümpfe, die trockengelegt, noch genügend Wüsten, die urbar gemacht, genügend Landstrecken, die der Erschließung menschlicher Arbeit und Fleißes harren. Die ganze Natur bietet noch unendlich viele Arbeitsgelegenheiten für die Menschen. Als eines der brennendsten Probleme unserer Gegenwart ist das Problem der Jugend, der heranwachsenden Generation, zu bezeichnen, um dessen Lösung sich die Staatslenker noch bemühen müßten. Die Jugend leidet am meisten darunter, daß sie keine Arbeit hat. «Ueberall» sagt der Dichter, «wohin mich meine Europareise geführt, war der Aufschrei der Jugend derselbe: Wohin?» — Für die Jugend müssen neue Arbeitsgebiete erschlossen werden. Denn sonst droht gerade von dieser Seite die Gefahr, daß die ungeheuren brachliegenden Energien in Verbitterung Umschlagen und eine Vergiftung der ganzen Atmosphäre nach sich ziehen würden. Was die jüdische Jugend anbetrifft, muß ihr die Möglichkeit einer konstruktiven Arbeit im jüdischen Lande gegeben werden. «Und sehen Sie,» fährt der Dichter fort, «ln Palästina, in unserem Palästina, in diesem kleinen Landstreifen an der Küste des Mittelländischen Meeres wird praktische, größte Friedensarbeit gemacht. Zum ersten Mal ln der Geschichte des Menschheitsgeschleohtes geschieht es, daß Menschen in kultureller und friedlicher Arbeit um die Möglichkeit ihrer Existenz ringen. Das, was sich heute in Palästina vollzieht, beruht auf keinem Zwang eines äußeren Willens. Auch die neuen wirtschaftlichsozialen Gebilde dort, die Ausfluß kollektivistischen Geistes sind, beruhen keineswegs auf irgend einem von außen kommenden Zwang, sondern sind auch ausschließlich Produkte eigenen Willens.» r Vielleicht wird, wie schon einmal in de*' Weltgeschichte, als die Abendlandkultur geboren wurde, wieder einmal Palästina das Muster und lehrende Beispiel für die Welt und für die ganze Menschheit werden. «Denn von Zion wird das Heil kommenunddasWortGottesausJerusale m.» In seinem Wiener Vortrag hatte Bialik das assimilierte Judentum des Westens angeklagt, daß es Infolge des Aufgebens der hebräischen Sprache und des vollständigen Aufgehens ln den fremden Kulturen, zwischen sich und dem schöpferischen Genius ihres Volkes eine eiserne Wand errichtet habe. Ich lenkte nun unser Gespräch auf dieses Thema seines Vortrages. Auf meine Frage, ob denn wirklich alle außerhalb des Judentums schöpferisch wirkenden jüdische** Geister als. für dasselbe verloren zu betrachten seien, erwiderte Bialik: «An der Literatur Europas haben ja* viele Juden schöpferischen Anteil genommen. Aber leider, da ihre Werke in fremder Sprache entstanden, wurden sie nie auf das Konto der Juden, sondern auf das der Wirtsvölker, in deren Sprache sie schufen, gebucht. Es sei hier nur an Namen, wie Schnitzler, Wassermann, Stefan Zweig und Werfel erinnert. In Palästina sind wir daher auch bemüht, die Werke dieser Männer, ln denen sich der jüdische Genius offenbart, durch klassische Uebersetzungen dem hebräischen Schrifttum einzuverleiben.» Blick in die Dichterseele Von David Rothblum Klar zur Abfahrt steht der Zug langgestreckt in der Hafte. Bialik kehrt in die Heimat zurück. Die unvergeßlichen Tage seines Wiener Aufenthaltes sind zu Ende. Die Freunde nehmen von ihm Abschied, sprechen dankbare, bewegte Worte, küssen ihm die Hand. Bahnbeamte schwingen Lampen, der Dichter besteigt das Koupee. Er tritt ans Fenster, reicht nochmals dien Begleitern die Rechte und dankt wiederholt für den gastfreundlichen Empfang. Ein Pfiff. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Wir gehen alle hart an dem Abteil, an dessen offenem Fenster Bialiks Gestalt unbeweglich stand, nach. Da fiel das grefte Licht einer Laterne auf sein Gesicht. Wir wurden gewahr, daß er weinte. Tränen roHten über seine blassen Wangen... Man singt techesaknah. Der Zug beschleunigt seine Geschwindigkeit. Ein rotes Licht winkt ersterbend Bialiks Besuch in Wien wird eine Erinnerung. # Morgengrauen nach dem Bankett der Histadruth Iwrith. Bialik ist über die Ehrung gerührt und erfreut. Er sitzt in gehobener Stimmung kn Hause eines Freundes, Tee schlürfend und von seiner Jugend erzählend. Da fällt sein Blick auf die eisblumenbedeokte Fensterscheibe. Sie erinnert ihn aif ein weit zurückliegendes Erlebnis. Er fabuliert: Als ich etwa 17jährig, um Mitternacht im Beth-Hamidrasch mutterseelenallein Uber einem Talmudfolianten saß, klopfte es am Fenster. Ich erschrak. Es klopfte wieder. Ich öffnete zögernd und ein Jude schwang sich Uber die Brüstung und stieg ein. Sein Bart war ein Eisklumpen, Er schloß das Fenster, fegte sein Bündel ab, stellte sich in «men Winkel und vernichtete ein Gebet. Icfh lernte laut weiter. Plötzlich stand er hinter mir und lernte mit. Er stellte Fragen über meine Schulter hinweg und ich antwortete. BaW verschlangen sich Reden und Gegenreden, Deutungen ergänzten einander, Ansicht stieß auf Ansicht, aäes «n traditionellen Singsang. Der Abschnitt war zu Ende. Der Fremde fragte nach meinem Namm., Mein Großvater war ihm bekannt, er war sein Schulkamerad kn Che der. «Berichte deinem Großvater,» sagte er, «daß du diese Nacht mit seinem Spielgenossen Kopd gelernt hast Mich wird er nie sehen, denn ich wandere mit Gott Sage ihm, Kopei, sein Jugendfreund, läßt ihn grüßen. Kopei, der das Gelübde, Israels Gatuth zu versinnbildlichen, erfüllt und seit Jahren auf der Wanderung ist. Ich schlafe nicht zwei Näohte am selben Ort. Denn auch Gott hat keine Rast seit der Zerstörung seines Tempels in Zion. Ich wandere mit Gott» * Wir begleiten den Dichter »ach Hause. Ein scharfer Wind weht durch die Straßen. Im Osten wird es heHer. Des Dichters Augen erhaschen den bläulichen Streifen am Firmament, der den Morgen kündet. Bialik bleibt einen Augenblick gebannt 6tehen. Er sagt: «Wissen Sie, manchmal kann man gar vieles am Hirn? me! sehen. Es gibt Momente, in denen sich der Hhnme» dem Menschenauge eröffnet. Als ich einmal bei angebrochener Morgenröte nach einer Nacht mtthseligm Tal.nudstudiums durch einen Wald ins Elternhaus ging, zog sich ein purpurroter Streifen längs meines Weges Ober meinem Kopfe hin. Es waT wie ein Singen Ober mit. Da ahnte ich: Jetzt erlebe ich, was im Midrasch geschrieben steht: Gott begibt sich, in Talith und Tefilimm angetan, zum Morgenbesuch in das Paradies und die Sterne stehen Spalter und empfangen ihn mit Gesang. * Bialik sprach über die Dichtkunst Er wird nie allein, wenn er schafft. Die Worte umgeben ihn, als wären sie lebende Wesen. Sie bedrängen ihn. Stürmen auf ihn ein und bitten um Aufnahme, um Erlösung. Sie preisen sich an. Die einen weisen hin auf ihre Pracht und Schönheit. Die anderen auf ihren Reichtum und alten Adel und noch andere auf Klang und Farbe. Sie erscheinen in bunten Gewändern, in Feiertagstracht. Sie reden gleichzeitig, überbieten sich an Schmeichelei. Er winkt ab. Denn in der Ecke verschämt, bescheiden, steht mit gesenktem, keuschem Blick ein gar armes Wörtiein. Er streckt nach ihm seinen Arm aus und erlöst es. Es ist wahr, manch armes Wort hat er reich gemacht und beglückt. Die nach ihm kamen fanden die Schätze bereits vor und bildeten sich ein, sie hätten sde entdeckt. * «Gottes Barmherzigkeit über unser Volk» ist ein Ausspruch, den Bialik auffällig oft wiederholt. Im jiddischlitauischen Idiom, mit einem schweren Seufzer eingeleitet, innig wie ein Gebet ausgestoßen, so klingt der Satz wehmütig und bedrückend. Der Dichter hat vieles Unheil im Osten Europas gesehen, auf das er immer wieder zu sprechen kommt. Denn er ist so wurzelhaft untrennbar, so organisch mit dem Volksmenschen verbunden, wie ein Baum mit der Erde. Jeder Schmerz am nationalen Organismus teilt sich ihm mit. Oft schweigt er und seufzt. Dann scheint sein Geist in Rußland, Polen oder sonst in einem Lande zu weilen, wo sich harte Schicksale an Juden erfüllen. Er ist immer bei seinen Brüdern im Wachen und Träumen. * Seine Gegenwart wirkt aufrichtend, erhebend und beglückend. Seme Rede fesselt und berauscht. Seine Erzählungen sind voller Poesie. Oft wirken die Sätze wie geschliffene Epigramme. Er kann Menschen auf seine Schwingen laden und sie hoch, hoch in unendliche Femen entrücken. Wer ihm zu folgen vermag, kann einen Blick in den Himmel tun. Oder ist es nur ein Blick in die Dichterseele? Er wird in diesen Tagen in ganz Israel gefeiert. Mit Recht, Denn von ihm gilt das Wort der französischen Akademie. Wir hätten seinem Ruhm nie gefehlt, wohl aber er dem unserigen. Zionisten! Leset und verbreitet „Die Stimme“!

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