Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 262 (12.1.1933)
- Date
- 1933-01-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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. Seite 4 Nr. 262 — 12. Jänner 1933 OIE STIMME Dieses tragische Dilemma eines anormalen Daseins erfaßte Bialik mit erschüttern.dei Wucht. Das Granen vor der Vergangenheit und doch eine kindliche Liebe zu ihren wunderbaren Schöpfungen, das Aufflammen eines gewaltigen Ringens in der Seele jedes einzelnen zwischen Tradition und Modernität, zwischen Realität und Scheinleben offenbart Biadk in einer Reihe großangelegter Gedichte, deren jedes ein Programm und eine Art Bilanz bedeutet, die wie ein Verzweiflungsschrei ganzer Jahrhunderte aufs tiefste erschüttern. Die Lehre und die Erhaltung des Jahaduth wird auch bei ihm zum Angelpunkt allen Streben« und Schnens. Wie er von der Jeschiwa ins brausende Leben hinausstürmt, um bald traurig und gramgebeugt «An der Schwelle des Beth Hamidrasch» das traurigste Reuebekenntnis des modernen Juden abzulegen; wie er mit überschäumender Wut unsere Ohnmacht brandmarkt und wie er in dem grandiosen Gedicht «Matmid» das erschütterndste Bild einer vergehenden Welt aufrollt — all dies mutet wie eine in sich geschlossene Weltanschauung eines Philosophen an. Was ist das jüdische Leben? fragt Achad Haam, und hämmert mit wuchtiger Ueberzeugungskraft aufs jüdische Gewissen mit dem Schlagworte: Hajahaduth. Wo ist das Volk, wo sind seine Führer? — ertönt der Ruf Bialiks —, und mit stürmischen, zürnenden und hinreißenden Worten rüttelt er die Seelen des Helotenvolkes auf. Wie bei Achad Haam das «Hajahaduth» zum Dogma eines Moralisten erwächst, so wird es bei Biaiik zum Wehgeschrei einer verzweifelten Dichterseele, die 0r. Olmim Tartakowev: Biattk und das Todesröcheln von Millionen verspürt. Während bei Achad Hnc.m die ganze Vergangenheit zum Werkzeug einer geradezu fatalistischen Vererbungstheorie herabsinkt, gewannt sie bei Bialik an Stärke und Glut und leuchtet in der Wehmut eines hoffnungslosen Geschlechtes auf. So werden beide, der Künstler und der Denker, zu Kündern und Deutern des Ringens und der Sehnsucht der erwachenden Judenseele. Nur daß sich die Logik des Evolutionisten in instinktives Ahnen eines Dichters verwandelt, der Groll eines Verkünders neuer Werte ln den Pathos eines prophetischen Geistes, und der trokkene, abweisende Stolz eines selbstbewußten Denkers in ein Martyrium einer ringenden Dichterseele. Achad Haam kämpft und überzeugt, Bialik versöhnt und lindert, der erste reißt rücksichtslos unsere Wunden auf, wirft althergebrachte Wahrheiten über den Haufen und stellt Programme auf, der zweite belehrt und begeistert, erschüttert und bezaubert, rüttelt auf und führt mit suggestiver Gewalt in die tiefsten Mysterien der Judenseele. Vom Leben geht der Philosoph aus und verwandelt sich unmerklich ln einen Schwärmer, von der Poesie geht der Dichter aus und greift tief ins blutwarme Leben der Gegenwart. So ergänzt der prophetische Geist Bialiks den doktrinären Gedankenmenschen und aus dem stahlharten Rhythmus beider Individualitäten reckt sich ein jauchzender Lebenswille, der die Gegensätze auszugleichen versucht, die Jahrtausende geschaffen. die Sprache ..jedermann bewundert den mächtigen ßprächkönner und -Schöpfer Biaiik. Man staunt über seine außerordentliche Fähigkeit, den leblos gewordenen Sprachskeletten der früheren Perioden neues Leben einzuhauchen. Immer hat man das Gefühl, seine sprachlichen Schöpfungen seien nicht die Frucht mühseliger Geistes- und Denkarbeit, sondern wahre Emanationen seines Genies, die wie von selbst hervorsprudelm. Wer jedoch einigermaßen hinter das Geheimnis dieser Kunst kommen will, dem wäre es zu empfehlen, Bialiks Essays zu lesen, die sich mit dem Problem der Sprache beschäftigen. ln erster Linie seinen Essay: «Giftuj we’chissuj baJaechon». , Wie verblüfft steht man da nicht nur vor dem Meister der Sprache, sondern mit anhaltendem Atem lauscht man da den wahren Offenbarungen des Schöpfers, dem es gelang, in die Geheimnisse der Sprache einzudringen. So z. B. seine Bemerkungen: «Ee gibt Worte — Berggipfel, und Worte — tiefe Abgründe... Es gibt Worte, die — seinerzeit Völker und Länder unterjocht, Könige von Ven Rabbiner Dr. A. Kamlnka Wie der Prinzessin n dt*: vc.i ihm bearbeiteten anmutigen Legende von den Drei und Vier im ihren Turm auf der einsamen Insel Nahrung durch einen Adler über ferne Meere gebracht wird, so ist dem geniaLn Dichter, ohne daß er jemals Hochschulstudien getrieben hätte, die wissenschaftliche Methode und das Verständnis für die Probleme der Altertumsforschung zugeflogen. Durch seine sprudelnden Ideen und sein kritisches Urteil ist er in die Lage gekommen, auf dem Gebiete der hebräischen Philologie, der Bjbelexegese, der talmudschen Literatur. ,— .und zwar nicht nur der Agada, sondern merkwürdigerweise auch der Halacha — sowie der synagogaten Dichtung nicht nur mitzuwirken, sondern den zünftigen Gelehrten manche wertvolle Anregung zu geben. . Di« unvergleichliche Beherrschung des hebräischen Sprachschatzes aller Epochen und ein feines Gefühl für Wortnuancen und Schattierungen der Diktion ermöglichten ihm grammatische und lexikalische Zusammenhänge zu entdecken, die den Sinn manches Satzes neu erschließen. Mehr als aus seinen Schriften hat man von ihm oft in gelegentlichen Gesprächen gelernt, in denen seine frappanten sprachlichen und kulturhistorischen Kombinationen neue Perspektiven für die Forschung eröffneten. Als Dichter, der zugleich Philologe ist, wurde er der berufene Herausgeber, kritischer Ordner und Interpret der hebräischen Dichtungen spanischer Epoche, Mose »bn Esras und besonders Salomo b e n G a b i r o 1 s. Bei der Herstellung des richtigen Textes ergänzt er nicht nur die Arbeiten von Luzzato, Dukes, Sachs, Harkavy, Brody u. a., sondern dringt oft als Erster m die Tiefe der Gedanken ein. «Alle Schriftsteller und Gelehrten — bemerkt er selbst — die mit konventionellen Redensarten von der Schönheit der hebräischen Dichtung der spanischen Periode reden, zeigen zumeist nur ihre Unwissenheit über den Gcganstand; die meisten haben gar keine richtige Vorstellung davon, welche nationale Errungenschaft diese Dichtung bedeute, welche gewaltigen neuen geistigen Strömungen durch sie hervor- . gerufen wurden.» Für diese mangelhafte Kenntnis der I ihren Thronen gestürzt, die Grundfesten von Himmel und Erde erschüttert haben.» Man beginnt die Anschauung der Bibel zu begreifen, daß Gott durch das Wort die Welt erschaffen hab-., und die des neuen Testaments: «Am Anfang war das Wort». Oder eine weitere Stelle: «Es gibt kein leichtes Wort m der Sprache, da6 nicht bei seiner Geburt eine furchtbare und mächtige seelische Offenbarung, ein großer und erhabener Sieg des Geistes war. , Als z. B. der erste Mensch vom ersten gehörten Donner erschüttert wurde... und als er auf sein Antlitz fiel von Schauer ergriffen... da drang aus seinem Munde von selbst — sagen wir als Nachahmung der Stimme der. Natur — eine Art wilden Lautes, eine Art Tierscjirei,. jiahe dem Buchstaben «Rr>, der in der Bezeichnung de.s Donners so vieler Sprachen wiederkehrt — hat nicht dieser wiMe Ruf große Erlösung seiner erschreckten Seele gebracht?» Oder folgendes: «Es ist ja ktar, daß uns die Sprache mit allen fhren Verzweigungen gar nicht in das innere Wesen der Dinge einführt, umgekehrt, sie errichtet vor wahren Bedeutung der dichterischen Schätze früherer Zeiten macht er die betrübende Tatsache verantwortlich, daß die westeuropäische wissenschaftliche Forschung, da sie sich fremder Sprachen und nloht des Hebräischen bediente, durch eine tiefe Kluft vom nationalen Leben der jüdischen Massen getrennt blieb. Höher noch als Gabirol und selbst als Jöhuda Halevy wird von Biaiik, auf Grund der in jüngster Zeit entdeckten und ihrer Bearbeitung noch harrenden Handschriften, Samuel Hanagid gestellt, zu dem er mit Bewunderung hinaufschaut als zu einem Helden und Dichter, dessen Persönlichkeit gerade unserer Generation viel näher steht als die durch ihre synagogialen Pijutim berühmt gewordenen Autoren. Es wäre vielleicht die beste Ehrung Bialiks zu seinem 60. Geburtstage, wenn man die Mittel zu seiner beabsichtigten Edition sämtlicher Schriften dieses noch so wenig gekannten Meisters aufbringen würde. Seine in mehreren Auflagen erschienene (mit 1. Ch. Rawjiitzlri redigierte) Sammlung der Agada, die zum erstenmal den gesamten taimudischen Sagenstoff nach modernen Gesichtspunkten ordnet, ist ein volkstümliches Werk, dient aber durch die Sichtung und Erläuterung zahlreicher Aussprüche zugleich der Wissenschaft, ebenso der im letzten Jahre von ihm begonnene kurzgefaßte Kommentar zur Miscfma, bei dessen Abfassung ihm seine Beobachtung der Landwirtschaft, der Bodenverhältnisse und Volkssitten in Palästina zustatten kamen. Den tiefen Sinn und den kulturhistorischen oder philosophischen Kern mancher halachischen Kontroverse im Talmud hat er ln seinen Essays und m Vorträgen dargelegt Sein lebendiger Anteil am gesamten geistigen Leben des Judentums ist ein so reger und fruchtbarer, daß die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin ihn mit vollem Rechte zu ihrem Ehrenmitglied ernannt hat und die jüdische Gelehrtenwelt allen Anlaß hat, ihn nicht nur als nationalen Dichter, sondern auch als einen ihrer eifrigsten Mitarbeiter an seinem 60, Geburtstage aufs herzlichste zu begrüßen und ihm ein noch langjähriges Wirken zur Bereicherung unserer Literatof zu. Wünsch«. Minen eine Scheidewand. Jenseits dieser Selieiüe »vinJ vermag der menschliche Geist niclu? als nur zu staunen. Es gibt keine Worte, es gibt keine sondern nur ewiges Staunen. Ein ewiges «Mah?» (Was) ist aiiif den Uppen eingefroren. In Wahrheit gibt es nicht einmal Raum für jenes «Was», das »n seiner Bedeutung bereits die Haffnuig auf eine Antwort enthält. Was gibt es dort? *B I i m a h — belom peh miledaber» (Schließe den Mund, um nicht zu sprechen). Und wenn trotzdem der Mensch zum Reden kaim und sich dabei beruhigte, so tat er dies aus seiner großen Angst, auch nur einen Moment mit jenem dunklen «Tohu», mit jenem «Blimah» (dem Nichts) von Angesicht zu Angesicht ohne Scheidewand zu bleiben.» Und führt uns der Dichter und Denker, der das Geheimnis der Sprache lüftet, nicht in das schauer- und grauenvolle, ewige, unlösbare Rätsel des Seins ein, wenn er uns lehrt: «Und in Wahrheit herrschen das Wissen und die Sprache nur — in den vier Ellen von Ort und Zeit, .^ur in ihrem Schatten wandelt der Mensch, und;: mehr er sich dem vermeimtllichen Licht vor ihm nähert, um so größer wird der Schatten hinter ihm. Und fürwahr jener Raum, der innerhalb der Grenzen jenes vermeintlichen Lichtes liegt— was bedeutet er schließlich gegenüber jener ewigen Finsternis, die noch bleibt und ewig bleiben wird — außerhalb? Und gerade jene ewige Finsternis, di« so viel Schrecken verbreitet — sie ist es ja, die seit Bestand der Welt das Herz der Menschen im gehe me,i arzieht und in ihm d«e Sehnsucht weckt, in sie für ein.' Weile einen Blick zu tun.» Biaiik dringt vom Aeußern der Sprache ins Innere der Welt ein. Wir begreifen, warum er der große Schöpfer der Sprache werden konnte. Er konnte es, wail er souverän da» Sprachgut der hebräischen Sprache aller Zeiten beherrscht, die durch sie siegreich errichteten und nachher zusammengebrochenen Welten kennt und weil er aufs tiefste begreift* daß die Sprache einen unversiegbaren Born der Menschheit bedeutet. Und well sie es ist, da stürzt sich der Dichter wie trunken in den Taumel der Sprachwelt, er berauscht sich an ihren Sohömheiten, die sie ihm offenbart, und reicht sie dann — uns Alltagsmenschen — als Kunstwerke hin, die wuder uns die Not des Lebens vergessen machen und beglücken. Laßt uns ihm danken und dem Geschick, daß es Ihn uns geschenkt hat. Vom Dichter zum Propheten Biaiik ist mehr als ein Dichter. Er stellt seltne Dichtkunst , in den pienst des Volkes und das erhebt1' Lhn zum Propheten und Lehrer seiner Generation, im Gegensatz zu anderen Künstlern nimmt Biaiik seit seiner ersten Jugend am Leben seines Volkes tätigen Anteil und verschmäht es nicht, oft in das Kampfgewühl des Alltags einzugreifen. Er war in den achtziger Jahren Anhänger der Chowewe-Zion-Bewegung, er ging mit Achad Haam den Weg des Kulturkampfes und machte auch die Phasen des politischen Zionismus mit. Auf diese Weise vereinigte er in sich die seltene Synthese eines erhabenen Künstlers und Volksführers., Nicht nur ästethischer Genuß an der Dichtung war ihm stets die Parole seines Schaffens. Seine Dichtung predigt, lehrt und geißelt..So dichteten auch Jesaia und Jeremias. Darin gerade offenbart sich die gewaltige Kraft Bialiks. Der Prophet bezwingt den Künstler. Beide ringen um die höchsten Güter des Judentums sowohl im Interesse des Volkes wie auch der Kunst Vom Propheten zum Lehrer Bialiks prophetische Sendung beginnt mit dem Jahre 1900 und erreicht ihren Höhepunkt im Jahre 1915. Die Pause, die nachher kam, galt der Sammlung und Reife; von einem Abbruch der Schaffenskraft konnte selbstverständlich keine Rede sein. Im Gegenteil. Der große Seher stieg nur von seiner tfröhe herab, schüttelte den Prophetenmantel ab und schlüpfte ln das Gewand eines Tagesarbeiters. Wie früher einmal der Prophet den Künstler, so bezwingt jetzt der Lehrer den Propheten. Er wird «Holzhauer». «Weshalb belagert ihr meine Wohnung, Worin liegt meine Sünde uno worin meine Kraft? Ich bin weder Dichter noch Prophet, Bin nur ein Holzhauer.» Damit beginnt die zweite Epoche in Bialiks Schaffen. Biaiik der Wissenschaftler, der Forscher, der Philosoph, der Herausgeber und Verleger beginnt seine historische Sendung. Er sammelt unsere zerstreuten geistigen Güter und verwirklicht auf diese Art seine Idee, den «Kinus», den er in seinen Essays als Ideal hingestellt hatte. Das Judentum wird sich nur durch seine kulturhistorischen Besitztümer erneuern können. Hiedurch wird es möglich sein, eine Grundlage für eine neue Epoche jüdischer Schaffensfreude auf2ubauen. * ßialik als Redner Biaiik im «Reden» wirkt manchmal viel mächtiger als Biaiik in «Schrift». Seine Reden erinnern an das «Thorasagen» des Rabbis. Dieselbe Verzückung, derselbe Pathos, das flammende Gesicht und geschlossene Augen. Bisnun hat Biaiik keinen Eckermann gefunden, der seine Worte der Welt errettet. Biaiik ist ein Redner von Gottes Gnaden und erreicht als solcher di« höchste Stute seines Künstlertums. M. U n g e r f e l d* Biaiik in seiner Beziehimq zur indischen Wissenschaft