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Die Stimme · 1933-01-12 · Heft 262 (12.1.1933) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 262 (12.1.1933)
Date
1933-01-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 262 — 12. Jänner 1933 DIE STIMME Seite 3 Ch. N. Staffle - Bialik, der Jüdische Mensch Von Dr. David Feuchfwan« Hatte ich mir Bialik, bevor ich ihn persönlich in unmittelbarstem Verkehr kennen und lieben lernte, seit langer Zeit in meinen geistigen Besitz aufgenommen, so schloß ich diesen wundervollen Mann eben seit der persönlichen Begegnung, tief in mein jüdisches Herz. Unvergeßlich bleiben diese herrlichen, warmen, gegefühl- und geistdurchdrungenen Stunden. Er, der jugendlich entflammte, begnadete Dichter voll Lyrik, Phantasie und Gestaltungskraft; der funkelnde, sprühende Geist; der grundgelehrte Denker, hob mich, wie jeden, der seiner Nähe teilhaftig wurde, hinweg über Alltag und Lebensmühsal, trug mich auf weitgebreiteten Schwingen empor in die Höhen menschlich-jüdischer Ideale. Berückend und bezaubernd diese kindlich-reine große Seele; erquickend und erfrischend diese sich stets verjüngende Frohnatur. Hinreißend das historische Pathos, die glühend-heiße Liebe zum jüdischen Volk und Land, dieses Leiden am jüdischen Schicksal, dieser felsenfeste Glaube an Israels Größe und Zukunft. Das ganze Leben eine «Megillath ha-Esch» ein «Buch des Feuers», unstillbare Sehnsucht nach Vereinigung mit Ewig-Göttlichem, Schönem, Erhabenem. Ein Apostel reinster Menschlichkeit, gesogen aus den tiefsten Wurzeln jüdischen Wesens. Und all dies beruhend auf allumfassender Verwachsung und Verbundenheit mit dem ganzen, gewaltigen geistig-kulturellen, sittlichreligiösen Erbgut jüdischer Ueberlieferung, verarbeitet im Schmelztiegel eigenen Erlebens, geformt vom künstlerischen Ingenieum zii einer typisch-jüdischen Persönlichkeit. So wurde der poeta laureatus des jetzt lebenden jüdischen Volkes zugleich Lehrer und Meister seines Geschlechts, Warner und Wächter. In ihm verkörpert sich die unendliche Fülle der Aggadah mit dem tiefen, versittlichenden, veredelnden, erzieherischen Geist der Halacha, die ihm gerechterweise als ein integrierender Teil jüdischen Wesens erscheinen. Dieser Ueberzeugung verleiht er Ausdruck in «Halacha we- Aggada». — Sie kommt aber auch in jedem Gespräche zum Durchbruch, das;man mit Bialik führt. Die unsterblichen Gestalten der jüdischen biblischen Antike sind ihm lebendige Gestalten; aus den verborgensten Winkeln unserer ganzen hebräischen Literatur holt er seine Motive; nichts davon ist ihm Vergangenheit, alles Gegenwart; nichts Wesentliches archivalisches Gut, sondern lebendige Kraft. So atmet, spricht und wirkt aus Bialik der jüdische Mensch kat exochen. Es ist sein großer Schmerz, seine große Sorge, daß diese vollkommene Durchblutung des jüdischen Volkskörpers mit jüdischem Geist und Fluidum in der Galuth geschwächt, amalgamiert, verdünnt werden muß, wenn nicht die Rettung der jüdischen Seele aus der Umklammerung fremden Kulturguts durch den einzigartigen Geist der hebräischen, der uns heiligen Sprache, erfolgt. Ist das etwa nur hartnäckige Einseitigkeit, beschränkte Ueberhebung, weltbildungsfeindlicher Eigensinn? Oder ist es nicht vielmehr so, daß das durch alle Länder gehetzte, über alle Kontinente zerstreute jüdische Volk, das in allen Sprachen denkt, betet, fühlt, das Erbgut seiner Ahnen allmählich vergißt, verliert? Vergessen, verlieren muß im reißenden Strom trennender Vielfältigkeit und Zerrissenheit, für die auch die Glaubenseinheit, wenn sie vorhanden wäre, kein genügend schützender Damm ist. Ist der jüdische Typus, der jüdische Mensch, in voller Kristallisation denkbar und möglich, wenn er aus einem Laugengemisch vielartigster Kulturzuflüsse sich bilden soll? Weit entfernt sind wir, zu behaupten, daß es jemals eine absolute jüdische Reinkultur auch in klassischen Zeiten gegeben habe. Im Hauptstrom aber floß jüdisches Gewässer, in das sicherlich zahllose größere und kleinere Flüsse mündeten, und über das ebenso zahllose Brücken nach allen Seiten führten. In der großen Kultur-Synthese, die das jüdische Volk darstellt, behielt jedoch das Jüdische, dank der hebräischen Sprache als Ausdrucksform unseres Glaubens und Denkens, seine erhaltende Kraft, seine schöpferische Energie. Die tiefen, klaren Quellen dieser Kräfte, dieser Energien dürfen nicht versiegen. — Es ist unstreitig eine schwer erfüllbare Forderung, gleichzeitig auf dem Boden einiger Kulturen und Zivilisationen zu stehen, ohne sich dem ureigensten Erdreich, in dem man fußt, zu entfremden. Als treue Bürger verschiedensprachiger Staaten bekennen wir uns je und je zur Sprache dieser Staaten und Völker. Es ist aber unsere durch Schicksal und Geschichte auferlegte und selbstübernommene Pflicht, die Sprache der jüdischen Seele zu kennen, die Sprache nicht nur des Glaubens und Gebets, sondern der Kultur und Literatur des jüdischen Volkes und schließlich die Sprache, die in täglicher Gegenwart und Wirklichkeit zu neuem Leben erwacht. Der «jüdische Mensch» kann nur auf diesem Wege und mit diesen Mitteln erhalten bleiben; als vollwertiger Mann und Jude. Weder kann uns die vielgerühmte europäische, noch auch die amerikanische, oder eine der asiatischen Kulturen Ersatz fürjudentum sein. Allzuviel Wesensfremdes, Feindliches gehört zu deren Grundbesitz. Was in ihnen der Menschheit dient, die Geistesbildung hebt, die Versittlichung vertieft, wir nahmen und nehmen es begeistert in uns auf. Wir wollen aber «Jüdische Menschen» bleiben. Bialik, der jüdische Mensch, sicherlich noch nicht in seiner reinsten Vollendung, sei uns an dem Tage gegrüßt, an dem er das sechzigste Lebensjahr erreicht. — Er beugt sich in Verehrung und Demut vor dem Geiste und den Geistern unserer großen Ver- Von X. V. Flnhclsteln «Al Praschat drachim». Am Scheidewege, auf dem sich das gegenwärtige Judentum befindet, wird eine tiefe und weitausgreifende Revision aller unserer Werte und Ueberlieferungen zur brennenden Notwendigkeit. Worin besteht der Sinn des sozialen Lebens? Wo ist sein Ursprung und wo sein Endzweck? Worin beruht der wahre Sinn des Judentums und seine weltgeschichtliche Bedeutung? Ist die Errettung der jüdischen Eigenart nur ein Zufallsspiel blinder Schicksalsfügung, oder ist es der Ausfluß einer inneren Notwendigkeit? Welche Richtlinien überlieferte: uns die Vergangenheit und welche Schlüsse sollen daraus für die Zukunft abgeleitet werden? Mit der Gewalt durchgreifender Analyse und mit dem Rüstzeug der modernen Wissenschaft ausgestattet, tritt Achad Haam an alle diese Fragen heran. Es stellt die Fragen der Philosoph und es antwortet der Sozialpolitiker. In allen Problemen des Lebens erblickt er das Walten eherner Konsequenz. Von der fernsten Vergangenheit führt trotz aller scheinbaren Wandlungen eine festgefügte Brücke bis zur Gegenwart. Der Bekenner des modernen Evolutionismus sieht — bei steter Einheitlichkeit des Alls — das ständige Fließen und den Drang zur Weiterentwicklung aller Kreatur. Von dem selbständigen Judentum, das auf staatlicher Basis die Grundlage eines einheitlichen Organismus schuf, bis zum heutigen Helotenvolke liegt ein Weg ungeheurer Kraftentfaltung und fortwährender organischer Entwicklung. Da sich jedoch diese nicht normalerweise gestaltete, weist sie eine Unzahl Sprünge und Widersprüche auf und läßt sich kaum nach durchschnittlichen Thesen der Völkerpsychologie werten. Das prophetische wie das tanaitische Judentum, die talmudisch-scholastische wie die haskalische Epoche sind nur konsequente und folgerichtige Emanationen einer konstanten ethischen Kraft, die im Judentum bewußt oder unbewußt durch Generationen fortgepflanzt wird. Das Judentum! Hajahaduth! Dieser Begriff erwächst bei Achad Haam geradezu zur Bedeutung eines kategorischen Imperativs. Das Judentum ist es, das den Volkskörper geschaffen und ihn durch Jahrhunderte beseelt hat. Das Judentum war es, das in uns den Drang immerwährender Entwicklung aufrecht erhielt und den Trieb zur Selbsterhaltung über das schwere und schauerliche Martyrium eines anormalen Daseins hinüberrettete. «Hajahaduth B’sakanah! Das Judentum in Gefahr! Dieses zündende Schlagwort schleuderte Achad Haam gleich in seinem ersten Aufsatz «Lo se haderech» («Nicht dies ist der Weg») in die jüdischen Volksmassen hinein, und dieser beinahe seit drei Jahrzehnten itn tausend Variationen wiederholte Schrei eines Sozialpolitikers erstarrte bereits zum Dogma eines Doktrinärs. Das Judentum ist in Gefahr! Nicht die Juden sind’s, die im Elend ersticken, sondern bloß das Judentum; nicht Millionen sind’s, die einer kulturellen Wiederbelebung bedürfen, sondern das Judentum. Vor den Juden *) Ein Fragment aus einer größeren Abhandlung. (Anm. der Verf.) gangenheit, huldigt in Wehmut und Bewunderung den unsterblichen Propheten, Lehrern und Meistern unserer heiligen Traditionen; anerkennt und liebt die Hoheit und Weisheit unserer Lehre. Er reiht sich aber voll Würde und Verantwortungsgefühl ihnen an. Nicht ist sein Werk Literatur und Wissenschaft, sondern Leib und Leben. Schöpferische Kraft ist seines Lebens Zeichen. Jüdisch ist der Pulsschlag seines gütigen Herzens, jüdisch die Denkarbeit seiner Seele, jüdisch die Welt seiner Gefühle. Im vielstimmigen jüdischen Chor der Gegenwart, der nicht frei von Disharmonien ist, klingt Bialiks wahrhaftige Jakobsstimme hoch und rein. Drücken ihn auch die schweren Sorgen um Leben und Schicksal des jüdischen Volkes in aller Welt und im Lande der Väter, erfaßt und kennt er auch die eisernen Forderungen des Tages, der Wirtschaft und der Politik, so treibt er doch in reinstem Sinne Politik des Geistes und vergißt nie und nirgendwo ob des täglichen, durchaus nötigen und nicht selten fehlenden Brotes für sein Volk, der Rettung der Seele, der Wiedererschaffung des jüdischen Menschen. Huldigend binde ich dieses schwache Blatt in Bialiks Ruhmeskranz. trete das Judentum auf den ersten Plan, vor dem Judenelend das Elend des Judentums, vor der Erlösung der Juden gehe die Errettung des Judentums voran. Die Geschlechter der Juden kommen und gehen nach den natürlichen Gesetzen des Fortpflanzungstriebes, doch gilt es, den von den Propheten überlieferten Geist, der den Gesamtorganismus belebt, als die Grundlage unserer Eigenart zu stärken und zu erhalten. Auf diesem Wege gelangt er zur Grundthese: der Schaffung einer Zufluchts- und Heimstätte für das gefährdete Judentum. Ein geistiges Zentrum, «Merkaz Laruach», aus dem. alle Volksenergien ausgehen und? die Lebensquellen münden, wird zum einzigen Ausweg erhoben aus der Gefahr, die dem Judentum droht. Für diese These eines geistigen Zentrums fand Achad Haam Worte haarscharfer Logik und suggestiver Ueberzeugungsmacht. Eine Bilanz aller geistigen Werte am Scheidewege vermaß sich Achad Haam zu geben, doch seine glückverheißende Synthese verwandelte sich allzu rasch in das Dogma eines Predigers. Und wie er, mitunter allen Wirklichkeitssinnes bar, seine Gedanken halsstarrig verkündet, wie er in wissenschaftlichen Abhandlungen Töne niederschmetternden Zornes bis zum Pathos zu steigern versteht, wie er in klarer, eindringlicher Sprache mit suggestiver Gewalt einzuwirken vermag — da eröffnet sich unwillkürlich seine wahre Seele: die Seele eines nach Erlösung lechzenden Schwärmers, der unter der Hülle eines Philosophen sich verbirgt. In diesem Pathos eines Moralpredigers, dessen Ursprung ein tiefer, sittlicher Ernst bildet, in diesem einseitigen Hervorkehren geistiger Werte, dieser elementaren Kraft, in welcher ein Echo Millionen ringender Geister widerhallt, gemahnt eben der schwärmende Philosoph an den philosophierenden Dichter Chaim Nachman Bialik. Ein Hauch tiefer Schwermut liegt über allen Dichtungen Bialiks. Was jahrhundertelang in den Seelen eines ganzen Volkes dumpf brütete und seine Lebenskräfte allmählich verzehrte, das lodert in einem Dichter zum flammenden Pathos monumentaler Werke auf. Eine Dichterseele wird zum Mikrokosmos des Judenschicksals. Die Lehre, die ein Jahrtausend stolzer Abgeschlossenheit geschaffen, ward uns zum Heile und errettete uns vom unentrinnbaren Verschwinden im Völkermeer, aber sie entriß uns zugleich dem realen Leben. Die übergroße Macht religiöser Tradition half uns über die Zerstreuung hinweg und linderte die unermeßlichen Leiden der Diaspora, aber sie entfachte zugleich ein ganz einseitiges Geistesleben und erstickte in uns gewaltsam den Sinn für jede Realität. Eine Art Starrkrampf schnürte die Volksseele zusammen. Dogmen wurden zum Lebensinhalt ganzer Generationen und pilpulistische Spitzfindigkeit ertötete mit der Zeit jeden schöpferischen Drang. Wenn wir auch unsere völkische Eigenart erretteten, so blieb uns doch nur ein Schein des Lebens zurück, und zäh müssen wir uns an die Vergangenheit klammern, da wir jeden Zusammenhang mit der Gegenwart verloren. Bialik uml Achad Haam*) Zionisten! Leset und verbreitet ..Die Stimme“!

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