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Die Stimme · 1933-01-12 · Heft 262 (12.1.1933) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 262 (12.1.1933)
Date
1933-01-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 262 — 12. Jänner 1933 menltt angestrebt werden muß und daß zutage getretene Mängel nicht länger bestehen bleiben dürfen. Daß der Pflege dir jüdischen Wissenschaft und der Erhaltung der ihrer Verbreitung dienenden Stätten inr Wirkungsbereich einer jüdischen Gemeinde eine bevorzugte Stellung einzuräumen ist. bedarf wohl kaum der besonderen Hervorhebung. Durch das Gesetz vom 21. März 1890, das die Grundlage unserer Gemeindeverfassung bildet, ist die Einheit unserer Gemeinde gesetzlich festgelegt. Eine stärkere Bürgschaft für die Einheit unserer Gemeinde haben wir seit jeher darin erblickt, daß in ihrer Führung und Verwaltung keine der bestehenden positiven Richtungen im Judentum eine Zurückaettung oder Benachteiligung erfahren darf. An diesen Grundsätzen soll auch in der Zukunft unverbfflch'ich festgehalten werden. Die rituellen Einrichtungen und Anstalten der Gemeinde sollen weiterhin so geführt werden, daß sie von jedermann, auch dem strenggläubigen Teile der jüdischen Bevölkerung, ohne jeden religiösen Gewissenszweifel in Anspruch genommen werden können. Al'e Tempel und Bethausvereine sowie die sonstigen religiösen Zwecken dienenden Vereinigungen werden unterschiedslos in gleicher Weise die Förderung durch unsere Gemeinde erwarten dürfen. Der auf allen Gebieten der Getneindetätigkeit zu beachtende Grundsatz der gerechten und angemessenen Berücksichtigung und Unterstützung der in der Wiener jüdischen Bevölkerung vorhandenen, jüdischen Zwecken und Zielen zugewendeten Bestrebungen wird es unserer Gemeinde auch zur Pflicht machen, das Aufbauwerk in Palästina, die schöpferischen, von aller Welt bewunderten Leistungen jüdischer Arbeit und jüdischen Geistes in Erez Israel in einer dem Bange und der Bedeutung unseres Gemeinwesens entsprechenden Weise zu ermutigen und zu unterstützen, insbesondere wie bisher jenen jüdischen Menschen, die in sich den Beruf fühlen, als Pioniere der Arbeit an dem Aufbau des Landes unserer Väter teilzunehmen, bei ihrer Vorbereitung für ihren neuen Lebensberuf behilflich m sein. Meine sehr geehrten Herren! Bei Antritt unserer Tätigkeit finden wir auf a'len Gebieten der Gemeindeverwaltung eine Reihe von Anregungen und Projekten vor, die von unseren Vorgängern initiiert wurden und von uns der Vollendung zuzuführen sind. So, um nur einige Beispiele heraustugreifen, den Plan für die Erweiterung unserer Versorgungsanstalt, das Projekt für die Errichtung eines jüdischen Studentenheimes, die Vorarbeiten für die Schaffung einer das Dienstverhältnis unserer Angestelltenschaft regelnden Dienstordnung. Eine reiche Fülle von Arbeit erwartet Siel Die Jüdische Bevölkerung wird mit Aufmerksamkeit unsere Tätigkeit verfolgen. Sie wünscht, daß unsere Gemeinde ihr in ihrem Existenzkämpfe einen festen Rückhalt bietet, sie gewärtigt von uns den Schutz ihrer, ständigen Angriffen ausgesetzten bürgerlichen und politischen Rechte. Sie ist berechtigt, von uns zu verlangen, daß wir unsere Gemeinde in ihrem' Ansehen erhalten und daß wir sie zum wahrhaften Mittelpunkt des Wiener jüdischen Lebens gestalten. Lassen Sie uns über a’le Partei unterschiede hinweg dem gemeinsamen Ziele, dem Wohle unserer Gemeinde und unlerer jüdischen Mitbürger dienen. (Lebhafter Beifall.) * Gemäß den Bestimmungen des § 100 des Kulutsgemeindestatuts erfolgte nunmehr mit StimmeneinhelVgkeit die Wahl der Herren Reg -Rat Dr. Paul Abel, Dr. Josef B o n d i, Dr. Siegfried Kantor, Dr. Wilhelm Knöpfmacher, Dr. Isidor M a r g u 1 i e s und Dr. Moriz Ludwig Weiß zu ständigen Obmännern für die Schiedsgerichte der Kultusgemeinde. Die Wahl der Mitglieder für die einzelnen vom Kultusvorstande zu bildenden Kommissionen wird in der nächsten Plenarsitzung vorgenommen werden. Es gelangt sodann folgender, von sämtlichen Mitgliedern der «Zionistischen Liste» und der «Sozialistischen Liste» («Poale Zion - «Hitachduth» — «Verband sozialistischer Juden») gefertigter Dringlichkeitsantrag der Kultusvorsteher Dr. Jakob Ehrlich, Dr. Rudolf Glanz und Genossen zur Verlesung: «Die Unterzeichneten stellen den Dringlichkeitsantrag: der Kultusvorstand wolle beschließen, die bestehende Wahlordnung dahin abzuändem: a) daß das aktive Wahlrecht allen eigenberechtigten Angehörigen der israelitischen Kultusgemeinde in Wien Phne Unterschied des Geschlechtes und ohne Rücksicht auf die Steuerleistung einzuräumen ist, b) daß die Wählbarkeit auch auf Personen weiblichen Geschlechtes ausgedehnt wird, c) daß die in der geltenden Wahlordnung hinsichtlich der Wahlberechtigung und der Wählbarkeit normierten Ausnahmen, soweit sie nicht in den staatlichen Gesetzen begründet sind, aufzuheben sind. Die einzusetzende Statutenkommission ist vom Plenum .zu beauftragen, eine den vorstehenden Grundsätzen entsprechende Vorlage ehestens dem Vertreterkollegium vorzulegen. ln formeller Beziehung beantragen die Antragsteller, diesen Dringlichkeitsantrag gemäß § 18 der Geschäftsordnung zu behandeln.» Der Präsident gab bekannt, daß er den Gegenstand auf die Tagesordnung der nächsten Plenarsitzung setzen werde. Ueber Antrag des Kultusvorstehers Dr. Glanz und Genossen. den Dichter Chaim Nachman Bialik anläßlich seines 60. Geburtstages gebührend zu ehren, gab der Präsident bekannt, daß eine Beglückwünschung des Dichters durch das Präsidium vorgenommen und in der nächsten Sitzung wegen einer besonderen Ehrung Antrag gestellt werden wird. Hierauf wird die Sitzung geschlossen. Die Persönlichkeit des neuen Präsidenten Dr. Desider Friedmann wurde im Jahre 1880 in Boskowitz (Mähren) als Sohn eines angesehenen jüdischen Kaufmannes, der durch Jahre das Amt eines Kultusvorstehers dieser alten Gemeinde innehatte, geboren und genoß eine gute jüdische Erziehung. Er besuchte das Gymnasium in Brünn, wo er unter Leitung hervorragender Lehrer sein jüdisches Wissen erweiterte. Nach Absolvierung der Wiener Universität und des Gerichtsjahres war er als Anwärter in der Kanzlei des berühmten Verteidigers Dr. Viktor Rosenfeld tätig. Dr. Friedmann gehörte vom Beginn seiner Studentenzeit der zionistischen Bewegung an. Ef war Präsident des Verbandes der mährischen jüdischnationalen Verbindungen und Mitglied der Wiener zionistischen Verbindung «Libanonia». In der Wiener zionistischen Bewegung steht er seit vielen Jahren in den vordersten Reihen, war wiederholt Präsident des zionistischen Landeskomitees für Oesterreich, Delegierter bei den Ein ausgezeichnetes Wort: Orangen-Zionismus. Es wurde in Palästina geschaffen und bedeutet soviel wie Konjunktur-Zionismus. Bedeutet doch der Zionismus heute für große Massen in der Sintflut trostloser Depression die glückliche Insel, auf die sich alle wirtschaftlich Bedrohten und Gestrandeten retten wollen. Zionistische und nichtzionistische Zeitungen posaunen es in alle Wett: Palästina braucht Arbeitskräfte, es gibt dort keine Arbeitslosigkeit und Orangengärten verzinsen sich wunderbar. Gäbe es keine Normierung der Einwanderung, gäbe es keine Devisengesetzgebung, wäre das Judentum nicht so verarmt, wir wären Zeugen einer Massenwanderung, wie sie seinerzeit zu den Goldfeldern Klondykes und den Diamantenfeldern bi Südafrika clnsetzte. Obwohl aber Geldmangel und Zertifikatsystem die Einwanderung drosseln, erleben wir in diesen Tagen ein einzigartiges Schauspiel. Die zionistischen Organisationen in dön einzelnen Ländern müssen verzweifelte Anstrengungen machen, um für nur 4500 Chaluzim das Reisegeld aufzubringen. Tausende Chaluzim gehen ln gedrückter Stimmung herum, weil sie kein Zertifikat erhielten. Darüber hinaus aber belagern viele tausende jüdische Arbeitslose die Paiästina-Aemter. Das sind Menschen, die bisher vom Zionismus nichts wußten oder nichts wissen wollten. Auch das Palästina-Amt ln Wien wird täglich von diesen Jammergestalten überlaufen. Hunger und Not bringt sie zu uns, wie zu einem beliebigen Arbeitsnachweis. Neben Juden kommen auch Christen und bitten um Einwanderungszertifikate. Das ist eine Seite der Medaille. Und die andere Seite — das sind die Kapitalisten, soweit man eben noch von jüdischen Kapitalisten sprechen kann. Das sind Menschen, die einmal reich waren. Damals war Zionismus für sie, die praktischen Wirtschaftler, eine utopische Angelegenheit von Schwärmern und Narren. Von Ihrem Ueberfluß war kein Groschen für Palästina zu haben, sie verspielten lieber Ihr Geld an der Börse. Heute stürzen sie sich mit den Resten ihres Vermögens auf Palästina. Sie spekulieren mit Grundstücken und Orangengärten. Das ist für diese Menschen — die Ausnahmen bestätigen die Regel — ein Geschäft, wie ihre Börsengeschäfte in der Inflationszeit. Das sind zwei Gruppen Orangen-Zionisten: Hungrige Proletarier und profithungrige Kapitalisten. Die Not treibt sie zu uns. Sie hat zuwege gebracht, was mehr als dreißig Jahre zionistischer Aufklärungsarbeit nicht vermochte. Wenn wir auch sicher sind, daß Erez Israel für viele dieser Menschen der Schmelztiegel sein wird, ln dem sie geläutert und wertvolle Mitglieder des Jischuw werden können, so müssen wir doch besorgt in die Zukunft blicken. Da kommen Menschen ins Land, getrieben von Hunger und Not, ohne zionistische Erziehung, ohne hebräische Kenntnisse, ohne Hachscharah, weil sie in Palästina ihr Eldorado gefunden zu haben glauben. Werden sie jene kaltblütige Entschlossenheit, jene Zähigkeit gegenüber Enttäuschungen und Entbehrungen aufbringen, in denen sich der Geist unserer Chaluzim manifestiert? Es gibt keine ewige Konjunktur, und jedes Kolonisationstand hat seine Rückwanderung. Wir werden gescheiterten Bodenspekulanten keine Träne nachweinen. Wir müssen aber alle Anstrengungen machen, um den vermögenslosen Einwanderern Existenzmöglichkeiten zu verschaffen und sie zum Zionismus zu erziehen, ln diesen Tagen müssen wir es schmerzlich empfinden, daß wir noch nicht so weit sind, daß die Jewish Agency allein Einwanderung und Bodenkauf kontrolliert. Wir wissen: Wird die Konjunktur in Palästina einmal einer Depression Platz machen, dann wird wieder der Weizen unserer antizionistischen Neunmalwelsen blühen. Sie werden in alle Welt hinausschreien: «Wir haben es vorausgesagt. Palästina kann keine glückliche Insel sein, wenn die ganze Welt wirtschaftlich am Boden liegt.» Wir wissen, daß diese Argumentation falsch ist. Palästina kann — bis zu einem gewissen Grade — die glückliche Insel sein; denn nach Palästina fließt ein Strom von Menschen, Geld und Begeisterung, Palästina hat Raum genug und es hat ein ungeheures, nicht exploitiertes Hinterland. Der ganze nahe und mittlere Orient wird einmal zu dieser wirtschaftlichen Einflußsphäre gehören. Aber Palästina zionistischen Kongressen und Mitglied des Kongreßgerkhtes der zionistischen Weltorganisation. In der Gründungsversammlung des Cnuncils der Jewish Agency wurde er zum Mitglied gewählt. Dr. Friedmann ist seit 12 Jahren ununterbrochen Kultusvorsteher und bekleidete in der schweren Zeitperiode 1920 bis 1924 das Amt eines geschäftsführenden Vizepräsidenten. Auch als Rechtsanwalt genießt Dr. Frledmann große Wertschätzung; er ist seit Jahren Mitglied des DiszlplinaffateS der Wiener Rechtsanwaltskammer. bletbt für uns Zionisten das Land der Zukunft, das Land, ln dem die Judenfrage gelöst werden wird, ohne Rücksicht auf gelegentliche Konjunktur oder Depression. Heute, In der Zelt der Konjunktur, sind wir Zionisten besorgt, weil Menschen ohne zionistische Schulung und krasse Materialisten ins Land kommen. Man wird vielleicht sagen: «Erst habt ihr die Kapitalisten eingeladen, nach Palästina zu kommen und jetzt kämpft ihr gegen sie?» Nichts liegt uns ferner. Wir verlangen nur, daß die Bodenspekulation unmöglich gemacht wird. Alle sind uns willkommen, die ihren Boden selbst bebauen oder zumindest durdh jüdische Arbeiter bebauen lassen. Solche Orangen-Zionisten sehen wir gerne. Wir verzichten aber auf Jene Orangen-Zlonleten, die als eine Art jüdischer Effendis ihren Boden von den billigeren arabischen Fellachen bebauen lassen. Die Araber profitieren auch so genug an uns und wir gönnen es ihnen. Wir bauen aber das jüdische und nicht das arabische Nationalheim. Hundertprozentige jüdische Arbeit auf jüdischem Boden ist sittliche Pflicht und das Fundament für den Aufbau des jüdischen Helms. Das wird hoffentlich der Jischuw den profithungrigen Orangen-Zionisten beibringen. Es gibt aber auch in der Galuth Orangen-Zionisten. Sie besitzen zwar keine Orangengärten in Erez, aber die Orangen geben ihnen neue Argumente für politische Diskussionen und Leitartikel. Das sind di* Menschen, die immer alles vorhergesagt haben und das Prinzip verfolgen: «Mund auf, Tasche zu!» Geht es im Zionismus schlecht, ist die Exekutive schuld. Geht es gut, ist die Exekutive schuld, weil es uns nicht noch besser geht. Diese Orangen-Zionistenschreien jetzt: «Hätte die Exekutive andere Sorgen gehabt, als die Arbeitersiedlungen aufzupäppeln, hätte sie lieber Privatinitiative und Mittelstandskolonisation gefördert, wir wären heute weiter. Einige hundert Kapitalisten leisten in einem Jahre mehr als der Keren Hajessod in zehn Jahren.» Es ist schwer, Menschen zu predigen, die nicht hören und nicht sehen wollen, und nebenbei gesagt, immer nach neuen Argumenten suchen, um sich von Zahlungen an die Fonds zu drücken. Erschöpft sich denn die Leistung des Keren Hajessod in der Zahl der. von ihm angesiedelten Chaluzim? Der Keren Hajessod hat doch unheuere Kapitalien für öffentliche Arbeiten und Bauten Investiert Jeder einsichtige Mensch muß auch zugeben, daß die Emeksiedlungen das Rückgrat Erez Israels sind. Ohne jüdische Arbeiterschaft gäbe es keinen jüdischen Jischuw. Die Ansiedlung der jüdischen Arbeiter bildete doch die Voraussetzung für eine Mittelstandseinwanderung. Es ist zu bezweifeln, ob sich «Kapitalisten» im damals malariaverseuchten Emek angesiedelt hätten. Gewisse Redner malen uns immer das Gespenst des «arabischen. Ghetto» an die Wand. Wäre nicht zuerst die jüdische Arbeiterschaft angesiedelt worden, wie hätten heute in Palästina bestenfalls vereinzelte jüdische Grundbesitzer, aber keinen jüdischen Jischuw, auf den heute das Judentum mit Stolz blickt. Soll der Jischuw gesund bleiben, dann muß die Einwanderung der Arbeitera dann muß der Keren Hajessod und Keren Kajemeth gefördert werden, sonst wird die Berufsschichtung ungesund. Zionistisches Verantwortungsbewußtsein muß am Werke sein, um zwischen Mittelstand und Arbeiterschaft harmonische Zusammenarbeit herbeizuführen. Darüber soll ein anderes Mal geschrieben werden. Heute soll nur soviel gesagt werden: Orangen-Zionismus als Gegengewicht gegen die Arbeiterschaft ist eine ungeheure Gefahr, größer als alle Weißbücher. So verkörpert sich in der Palästina-Orange ein großes Politikum, sie Ist das Sinnbild unseres politischen Treibens. Erdverbundene Menschen mühen sich um sie im Schweiße ihres Angesichtes, profithungrige Menschen langen nach Ihr, verzweifelte und hungrige Menschen ln der Oaluth sehnen sich nach ihr, sie soll ihnen das tägliche Brot verschaffen, Politiker um jeden Preis reden über sie und machen sie, wie alles, zum Zankapfel zwischen den Parteien: — Orangen-Zionismus! Dr. Oskar Grünbaum. Orangen-Zionismus Wut hat ein Zionist ln dlsssm Monst in tun* Für die Komplettierung des „Gfeales Waldes“ unuiderMen zu werben!

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